17. Februar 2019, Prediger 7,15-18
Septuagesimae (3. Sonntag vor der Passionszeit)

Von: Peter Haigis
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Wege aus einem Dilemma

Der gute Mensch von Sezuan

Kann man gleichzeitig gut sein und gut leben? Bertolt Brecht hat seine Theater-Parabel »Der gute Mensch von Sezuan« dieser Frage gewidmet. Augenscheinlich geht nämlich beides nicht zusammen – nicht in einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, in der der Eigennutz höher bewertet wird als das Gemeinwohl, nicht in dieser Welt, nicht mit diesem Menschen. Entweder man lebt gut, dann ist man in sozialer Hinsicht ein Schwein – oder man handelt gut und wird ausgebeutet, ja letztlich zerstört.

Brecht nimmt sich in seinem Lehrstück weidlich Zeit, das Drama zwischen Gut Sein/Handeln und Gut Leben zu entfalten – und natürlich geht die Geschichte schlecht aus, denn sonst hätten die Zuschauer nichts zu denken und nichts zu verändern, wenn sie das Theater verlassen.

Allerdings bedient sich Brecht eines dramaturgischen Kniffs, eines Tricks, um das Problem zu »lösen« bzw. – je nach Perspektive – auf die Spitze zu treiben: es ist das alte Good-Boy-/Bad-Boy-Prinzip. Es treten zwei unterschiedlich gezeichnete Charaktere auf, hinter denen ein und dieselbe Instanz steht. Im Falle des »guten Menschen von Sezuan« besteht die Pointe darin, dass die gutmütige Shen Te und der strenge Shui Ta ein und dieselbe Person sind. Sie werden nicht nur von einer Darstellerin gespielt, sondern sind identisch. Erst am Schluss des Stücks wird das Geheimnis gelüftet und es zeigt sich, dass Shen Te sich immer wieder in »ihren Vetter«, den strengen Shui Ta, verwandeln musste, um überhaupt überleben zu können. Gut Sein und Gut Leben passt eben nicht zusammen!


Der weise Mensch von Jerusalem

Die neue Perikopenordnung beschert uns neue biblische Predigttexte, auch solche, die bislang eher ein Schattendasein geführt haben, z.B. Pred. 7,15-18. Bislang war das Buch Kohelet nur einmal in den sechs Jahren der Perikopenfolgen vertreten – mit dem berühmten Gesang über die Zeit (Pred. 3). Jetzt also eine weitere Perle: Überschrieben ist der Abschnitt, dem die vier Predigtverse entnommen sind, in der Lutherbibel mit dem Titel »Von der wahren Weisheit«.

Das Buch Kohelet wird dem Sohn Davids, dem König in Jerusalem, i.e. Salomo, zugeschrieben (vgl. Pred. 1,1). Dass der es nicht geschrieben hat, liegt forschungsgeschichtlich auf der Hand. Wer sich aber ansonsten dahinter verbergen könnte, bleibt im Dunkeln. Belassen wir es also beim »weisen Menschen von Jerusalem«, um die Rolle in Anspielung an Brechts Stück zu besetzen. Immerhin – es könnte auch eine Frau gewesen sein … Die Weisheit jedenfalls ist – nicht nur biblisch gesehen – weiblich.

Die Weisheit des Predigers/der Predigerin lässt sich – ähnlich wie bei Brecht – aus einem Dilemma heraus konstruieren: Es gibt Gerechte, die gehen in (und vielleicht auch an) ihrer Gerechtigkeit zugrunde, und es gibt Gottlose, die leben in ihrer Bosheit (und sie leben offenbar gut) (V. 15). Es ist der alte »Tun-Ergehens-Zusammenhang«, der hier – wie an anderen Stellen in den Spätschriften des AT – kritisch reflektiert wird. Die Erfahrung zeigt: Der Konnex geht nicht auf, nicht in dieser Welt, nicht mit diesem Menschen.

Aus dem Dilemma ergibt sich für den Prediger/die Predigerin der Rat: »Sei nicht zu gerecht und nicht zu gottlos« (V. 16f). Ein Mittelweg also, doch der ist nicht immer der Königsweg, sondern manchmal eben auch das Triviale.


Weisheit von oben

Man kann mit Gegensätzen und Spannungen unterschiedlich umgehen: Man kann z.B. das Dritte in der Mitte suchen, also das Triviale (so scheint es zunächst bei Koh.). Man kann aber auch auf Distanz gehen – so weit, bis die Gegensätze ineinander zusammenfallen. Und das scheint ebenfalls bei Koh. der Fall zu sein: Nicht nur an dieser Stelle hat man bei der Lektüre den Eindruck, es mit einem ganz und gar unberührten und auch unberührbaren Beobachter aus großer Höhe zu tun zu haben.

Bei den drei Göttern, die Brecht in seinem Stück aufbietet, ist das übrigens nicht anders: Am Ende des Dramas, als die Spannung unerträglich geworden ist, entschwinden sie auf einer rosa (!) Wolke. Damit hat der Deus ex machina endgültig abgedankt, denn natürlich ist Brechts Finale ironisch: Für die Menschen und ihre Konflikte ist aus der Distanz gar nichts gewonnen. Wie aber dann?


Gottesfurcht

Brecht liest Widersprüche selbstverständlich dialektisch und reicht die von ihm dargebotene Spannung zwischen These und Antithese einfach ans Publikum weiter: Macht ihr einen Sinn daraus! Das geht freilich für Prediger und Predigerinnen – und da meine ich nun nicht »Kohelet«, sondern diejenigen, die an diesem Sonntag auf der Kanzel stehen – nicht. Welcher Sinn kann da gefunden werden? Unterstützung kommt aus Koh. selbst: »Wer Gott fürchtet, der entgeht allem« (V. 18), oder anders: »Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis« resp. »Weisheit« (Spr. 1,7).

Ich verstehe »Furcht« hier (und anderswo) im Sinne von »Ehrfurcht«, »Respekt«, »Verantwortungsbewusstsein«: Mit Blick auf Gott, re-spective nämlich, in der Verantwortung vor ihm und in der Antwort ihm gegenüber sollen wir als Christen ethische Dilemma-Situationen abwägen und: Gerechtigkeit üben, ggfs. Nachteile in Kauf nehmen, unsere Vernunft bemühen, der eigenen Endlichkeit innewerden und Wohlergehen dankbar genießen.


Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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