Überlegungen zu einem landeskirchlichen Projekt
»… um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019«

Von: Eberhard Blanke / Frank Uhlhorn
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Die Evang.-luth. Landeskirche Hannovers führt derzeit das Projekt »…um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019« durch. Zu seinen ausdrücklichen Merkmalen gehört es dabei, gerade kein Projekt im herkömmlichen Sinne sein zu wollen. Dies bietet Eberhard Blanke und Frank Uhlhorn Gelegenheit, über den Sinn, die Struktur und die Ziele kirchlicher Projekte und Kampagnen nachzudenken.


1. Hinführung

Die Evang.-luth. Landeskirche Hannovers führt derzeit das Projekt »… um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019« durch.1 Nach einer langen Phase kirchlicher Projektarbeit, die sich an den bekannten PR- und Steuerungskriterien wie Zwecken und Zielen orientiert hat, sticht dieses Projekt dadurch hervor, dass es ausdrücklich beabsichtigt, kein Projekt im herkömmlichen Sinne zu sein.2 Das führt zu einer landläufigen und erwartbaren Kritik, es bliebe unklar, was genau mit diesem Unterfangen für die Kirche erreicht werden solle. In der Tat ist schon die Selbstbeschreibung des Projekts, kein Projekt zu sein, für manche ein ärgerlicher Widerspruch. Jedoch könnte eine systemtheoretische Relecture diesen Widerspruch als zu entfaltendes Paradox auffassen, ihn geradezu als das Alleinstellungsmerkmal des Projekts begreifen und im gesamten Unterfangen einen mutigen Schritt über die bisherige kirchliche Projektpolitik hinaus sehen. In dieser Perspektive halten wir die »Freiräume« für besonders beachtenswert und dazu tauglich, auch andere Landeskirchen oder kirchliche Einrichtungen zu einer veränderten Projektpraxis anzuregen und die Frage der Steuerung in der Kirche unter neuen Vorzeichen zu reflektieren. Unsere Leitfrage lautet: Wie ist der performative Selbstwiderspruch eines Projekts, kein Projekt zu sein, zu operationalisieren und wie kann er dazu beitragen, eine neue Generation kirchlicher Initiativen, Projekte oder Kampagnen zu befördern?


2. Kurze Genese des Projekts

Das Projekt »Freiräume« bezieht sich in seiner besonderen thematischen und organisatorischen Ausrichtung unter anderem auf zwei vorangegangene Modellprojekte: zum einen auf das Sabbatjahr der Kirchengemeinde St. Marien in Waren/Müritz im Kirchenjahr 2013/20143 und zum anderen auf das Zukunftsgespräch 2015/2016 des Bistums Osnabrück unter dem Titel »Damit sie zu Atem kommen« (Ex. 23,12)4. Innerhalb der hannoverschen Landeskirche kam die Idee eines landeskirchenweiten Sabbatjahres erstmals 2016 ins Gespräch. Auf der Tagung der Landessynode im Mai 2017 gab dann vor allem der Bericht des Landesbischofs Ralf Meister den entscheidenden Impuls, aus dem schließlich durch Beschluss der Synode im Herbst 2017 das Projekt »Freiräume« entstanden ist. Als Trägergremium fungiert eine Steuerungsgruppe aus Vertretern kirchenleitender Organe. Die mehr als 50 Superintendenten sind informationshalber eingebunden. Die organisatorische Verankerung ist durch eine Personalstelle gegeben, die für den Zeitraum von September 2017 bis ­August 2020 eingerichtet ist.


3. Analyse des Projekts »Freiräume 2019«

3.1 Projekt-Paradoxie

Mit Projekten sollen für die Kirche Ziele erreicht werden, die die Organisation mit ihren eher starren, bestehenden Strukturen nicht realisieren kann. Dieses Verständnis prägt seit einigen Jahrzehnten die Theorie- und Methodendiskussion über den Sinn von Projekten oder Kampagnen. Für den kirchlichen Bereich liegt eine umfangreiche, sowohl diachron als auch synchron angelegte Studie dazu vor.5 Die unvermeidliche Zielorientierung resultiert aus dem Selbstanspruch eines Projekts, in der zeitlichen Dimension ein Vorher und Nachher, in der sachlichen Dimension ein Dies und Das sowie in der sozialen Dimension ein Ego und Alter unterscheiden zu können.

Das Projekt »Freiräume« weicht von dieser etablierten Sicht auf ein Projekt- und Kampagnenmanagement ab und setzt an dessen Stelle das Paradox eines Projekts, das kein Projekt sein soll, das also insbesondere nicht anhand von bestimmten Zielen beschrieben werden soll, die in der zeitlichen, sachlichen und sozialen Dimension Veränderungen punktieren.

Diese Paradoxie müsste nach einer psychosozialen Systemforschung die Kommunikation in eine Sinnlosigkeit treiben.6 Wenn etwa einem Kind gesagt wird, es möge sich eine Mütze aufsetzen, aber nicht zu warm anziehen, dann gerät es in eine nicht-operationalisierbare Paradoxie bzw. in einen »double bind«.

Nun bietet die Systemtheorie nach Niklas Luhmanns einen erfolgsversprechenden Ansatz, um nicht in einer kommunikativen Blockade stecken zu bleiben. Eine Entparadoxierung bzw. Entfaltung der vorliegenden Paradoxie geschieht dann, wenn die Kommunikation mit einer anderen als der in sich widersprüchlichen Unterscheidung fortgesetzt wird.7

In Falle des Projekts »Freiräume« ist zu beobachten, dass an die Stelle des Widerspruchs von Projekt vs. kein Projekt die Unterscheidung von top-down vs. bottom-up tritt, denn laut Ausschreibung soll das Projekt nicht von oben nach unten durchgesetzt werden, sondern sich von unten her aufbauen. Oben und unten stehen hierbei für die organisationsinterne Schichtung bzw. Hierarchie von Stellen. Allerdings ist zu beachten, dass dadurch eine weitere Paradoxie eröffnet wird, denn tatsächlich wird das Projekt ja von einer übergeordneten, zentralen Stabsstelle aus betreut. Die Selbstbeschreibung widerspricht sich mithin darin, dass ein Projekt für unten von oben her initiiert wird. Denn auch das Projekt »Freiräume« kommt nicht darum herum, Kommunikationsimpulse von »oben« her zu initiieren. Es liegen in diesem Sinn vor: eine Internetpräsenz, eine Präsentation für Gremien oder Einzelpersonen sowie eine (Stabs-) Stelle mit personeller und finanzieller Ausstattung.8 Im Projektzeitraum sind zudem weitere Veröffentlichungen geplant, u.a. ein individuell verwendbares Begleitbuch sowie eine Handreichung mit methodischen Tipps und Hinweisen. Aktuell wird zudem eine lockere Liste mit Erläuterungen sowie Narrationen derjenigen lokalen Projekte angelegt, die sich dem übergeordneten Projekt »Freiräume« selbst zuordnen.

Wenn man nun diese Materialangebote nicht als hierarchisch autorisierte Vorgaben ansieht, sondern als Versuch, einen Prozess in Gang zu setzen, der sich selbst steuert, wäre die oben ausgeführte Paradoxie »entfaltet«. Zudem könnten alle Maßnahmen so konzipiert und daraufhin beobachtet werden, ob es ihnen gelingt, das Projekt als Prozess zu generieren, der sich selbst steuert.

Dies scheint auch auf die »Freiräume« zuzutreffen, insofern das Projekt in der Selbstbeschreibung als »Prozess« beschrieben wird, mit einem Begriff also, der das geschehen lässt, was geschieht, damit es geschehen kann. Eine Steuerung wäre dann ausschließlich als Prozess-Steuerung bzw. als Selbststeuerung des Prozesses zu konzipieren. M.a.W.: Das Projekt »Freiräume« könnte zunächst und zumindest dafür sorgen, eine prozessförmige Akzeptanz für sich als Projekt zu erzielen.9 Folgt man dieser ersten Analyse, dann wäre der sich selbst steuernde Prozess »Freiräume« auf seine Effekte und Wirkungen hin zu beobachten, die er hervorruft, sobald er in die Kommunikation und damit in den Beobachtungsradar anderer eingetreten ist. Dies bedeutet zunächst, dass das Projekt sich selbstverständlich nicht auf das Kalenderjahr 2019 eingrenzen lässt, sondern bereits jetzt und auch nach 2019 Effekte im Sinne von Anschlusskommunikationen in Gang zu setzen vermag.


3.2 Redundanz und Varietät

Als Unterscheidung, die unsere weiteren Beobachtungen leiten sollen, setzen wir die Differenz von Redundanz und Varietät ein. Dabei tritt die Seite der Varietät in den Vordergrund. Das Projekt »Freiräume« ermutigt dazu, bisherige Gleichförmigkeiten aufzubrechen und zu variieren. Denn das, was sowieso geschieht, geschieht routiniert und damit redundant. Redundanzen und Wiederholungen aber bilden Strukturen aus, die in aller Regel Varietäten eher aussondern und dadurch die Routinen verstärken. Das Projekt »Freiräume« verschiebt folglich den virtuellen Regler zwischen den beiden Polen Redundanz und Varietät in Richtung Varietät: Es wird Varietät (z.B. weniger Agende I, dafür eigene Agenden10) erlaubt, angeregt und erwartet.

Anhand der Unterscheidung von Redundanz und Varietät lässt sich leicht zeigen, welche Form der Innovation das Projekt »Freiräume« vornimmt, denn es kehrt die Unterscheidung von Redundanz/Varietät, bei der üblicherweise auf der Seite der Redundanz angeknüpft wird, zur Unterscheidung in der Form von Varietät/Redundanz um, bei der nun auf der Seite Varietät anzuschließen ist.

Mit der Betonung von Varietät vs. Redundanz stellt das Projekt in der zeitlichen Dimension von Vergangenheit auf Zukunft um: »Als Vergangenheit wird, da hier nichts mehr zu ändern ist, Redundanz in die Zeit eingeführt; als Zukunft dagegen Varietät.«11

Damit nimmt das Projekt, das in seiner Problembeschreibung gegen die Beschleunigung der Zeit und die damit verbundene Zeitverknappung argumentiert, zwei auseinander strebende Linien auf. Zum einen wird die immer schneller werdende Zeit dadurch verlangsamt, dass ein zukünftiger und damit unendlicher Zeithorizont eröffnet wird. Zum anderen wird genau dadurch die Problemanalyse konterkariert, da die Zeit durch die Verlagerung in die Zukunft ­zugleich knapp wird, denn die Zukunft hat immer schon begonnen.


3.3 Selektion/Variation und Retention

Die bisherigen Überlegungen können mit einer weiteren Unterscheidung noch einmal anders und weitreichender wieder-beschrieben werden. Es ist die aus der Evolutionstheorie stammende, dreiteilige Unterscheidung von Selektion/Variation und Retention. Auch für psychische und soziale Systeme, und dabei insbesondere für Organisationen, lässt sich dieser Dreischritt gewinnbringend nutzen.

Unsere These lautet, dass das Projekt »Freiräume« die soeben beschriebene Varietät anhand des Schemas von Selektion/Variation und Retention nutzen könnte. Denn vermutlich nur durch evolutionäre Entwicklungen kann es geschehen, dass Varietäten, die in die Kommunikation einer Organisation eingeführt werden, auf Dauer eingerichtet werden. Die »Freiräume« könnten dafür einen Ansatzpunkt bieten, indem sie kommunikative Zufälle prämieren. Diese könnten – je nachdem, wie die Sache weiterläuft – in die weitere Kommunikation aufgenommen und dadurch bewahrt werden. Damit nimmt das Projekt erstmalig einen Schwenk in Richtung einer methodischen Einbeziehung einer Evolutionstheorie für Organisationen vor, die danach Ausschau hält, welche Zufallsabweichungen selektiert und retendiert werden (können). Selbstverständlich hat diese Art der evolutionären Entwicklung von Organisationen immer schon stattgefunden. Aber nun kommt hinzu, dass sich die Organisation selbst daraufhin beobachtet und, um dies tun zu können, bereits vorab den Blick darauf lenkt, wie evolutionäre Zufallsanstöße erfolgen könnten. Das hat es in dieser expliziten Weise bisher nicht gegeben.

Das Projekt »Freiräume« beschreibt diesen Sachverhalt u.a. mit den Worten »organisiertes Chaos«, wenn auch (noch) mit dem verhaltenen Zusatz, dass dieses organisierte Chaos »auszuhalten«12 sei. Ergänzend wäre zu sagen, dass es weniger um ein Aushalten als vielmehr um ein gezieltes Hervorrufen von kommunikativen und damit organisatorischen Zufällen geht. In diesen Bereich gehört auch der Impuls an die Teilnehmer des Projekts, »anderes an anderen Stellen anders zu machen«13. Statt auf eine Übernahme von Mustern wie etwa ein betriebswirtschaftliches Denken aus der McKinsey-Unternehmerschule setzt das Projekt »Freiräume« auf eine kirchenspezifische, selbstreferentielle und selbstorganisierte Imagination. Ein wahrer Ausbruch aus den Gattern des Üblichen, das – empirisch nachweisbar – für das soziale System einer Landeskirche bisher nicht besonders erfolgreich gewesen ist.

Aus diesen wenigen Andeutungen wird bereits deutlich, dass das Projekt »Freiräume« einen bisher unüblichen Weg der Gewährung evolutionärer Entwicklung von Kommunikation innerhalb der Kirche einschlägt. Dies mag gut und gerne als ein gewisser Quantensprung im Verständnis und in der Ausführung kommunikativer bzw. organisationsbezogener Projekte angesehen werden.


3.4 Projekt als Zufallsgenerator

Das Projekt »Freiräume« – das wird am Begriff des Zufalls und seines nicht steuerbaren Auftretens bzw. Eintreffens deutlich – zielt darauf, sich von »Neuem« selbst überraschen zu lassen. Dazu bedarf es einerseits eines »Zufallsgenerators«, wie man das Projekt »Freiräume« auch bezeichnen könnte, andererseits des Beobachtungsschemas neu/alt, mit dem man sich für das Eintreten von »Neuem« wappnen, aber es nicht selbst hervorbringen kann. Mit anderen Worten: »Gemeint ist allerdings, daß die Funktionen der Variation, der Selektion und der Restabilisierung durch das evoluierende System nicht koordiniert, nicht aufeinander abgestimmt werden können; denn das würde ja heißen, daß von vornherein nur so viel variiert wird, wie als Beitrag zur ›Systemerhaltung‹ selegiert werden kann. Verzicht auf diese Art zweckmäßiger Koordination besagt, daß es vom System aus gesehen Zufall ist, wenn Variationen zu positiven bzw. negativen Selektionen führen, und daß es weiterhin Zufall ist, ob und wie diese Selektionen, die sich eigener Kriterien bedienen, im System stabilisiert werden können. Mit ›Zufall‹ ist dann auch gesagt, daß das evoluierende System an diesen inneren Grenzen unkontrolliert umweltempfindlich ist. Hier können zufällig vorhandene, eventuell vorübergehende Umweltbedingungen einwirken, und auf diese Weise kann das System, ohne dies zu planen, Gelegenheiten nutzen, um Strukturänderungen kommunikativ plausibel durchführen zu können, die in anderen historischen Situationen unmöglich wären.«14

Wir haben es folglich mit einer Situation zu tun, in der sich eine Kirche auf die Zukunft, auf den Zufall, auf Variationen und damit auf Neues einlässt, das sie nicht zu kontrollieren in der Lage ist bzw. sein will. Erstmals in der Geschichte kirchlicher Projekte setzt sich diese Organisation der Selbstüberraschung durch nicht-kalkulierbare Informationsgewinnung aus.15

In diese Linie passt auch die Selbstbeschreibung der »Freiräume«, dass keine abschließende Evaluation des Projekts vorgesehen ist. Stattdessen hat die Evaluation sozusagen bereits mit dem Beginn des Projekts begonnen und wird auch nach Beendigung des gesetzten Zeitraumes nicht enden. M.a.W.: Das »tatsächliche« Ziel des Projekts könnte in einem durch das Projekt selbst angeregten und forcierten Selbstbeobachtungs- und Selbstbeschreibungsprozess gesehen werden.


3.5 Strukturelle Veränderungen

Schließlich ist ein weiterer, entscheidender Aspekt des Projekts hervorzuheben, den wir unter dem Begriff der Struktur behandeln. Dies ist nötig, weil evolutionäre Entwicklungen, die als solche beobachtbar sind bzw. sein sollen, allein auf der strukturellen Ebene stattfinden können. Die Operationen eines sozialen Systems bleiben immer gleich: für soziale Systeme ist die Operationsweise Kommunikation16, für psychische Systeme Bewusstsein.17 Allein die Operationen können die Strukturen ändern. Das ist insofern paradox, insofern die Operationen die Strukturen ja selber ausgebildet haben, die sie nun verändern sollen. In anderen Worten und in Bezug auf Kirche: Die gleichen Operationen, aus deren rekursiver Vernetzung heraus sich die Strukturen des sozialen Systems Kirche ergeben, sollen dazu in der Lage sein, diese oft auch bewährten Strukturen zu ändern.

Genau an diesem Paradox arbeitet sich das Projekt »Freiräume« ab. Es muss die Strukturen der pastoralen, gemeindlichen oder allgemein kirchlichen Arbeit, die aus den bisherigen Kommunikationen resultieren, zu Grunde legen und nutzen, um mit ihren eigenen Kommunikationen daran anknüpfen zu können, damit sie schließlich geändert werden. Insofern greifen aber gutgemeinte Strukturänderungsimpulse wie »Freiräume von …« und/oder »Freiräume zu …«18, zu denen das Projekt ermuntert, mehr oder weniger ins Leere. Denn die Situation ist leider komplizierter. Daher ist auch für dieses Vorhaben die theoretische Einsicht zu wiederholen, die in ihren Konsequenzen das Projekt schärfen würde: Strukturänderungen können nur von den Operationen eines Systems und nicht von den Strukturen ausgehen. Dass es aber überhaupt zu Änderungen der Strukturen kommen soll, die ja auch erst dann wirksam werden können, wenn sie organisationsweit kommuniziert worden sind, ist unabdingbare Voraussetzung des Projekts »Freiräume«, da andernfalls alle Bemühungen umsonst wären.

Nun verhält es sich so, dass durch die Operationen der Organisation permanent Effekte und Wirkungen für die Organisation selbst entstehen. Die Frage lautet deswegen, anhand welcher Unterscheidungen die jeweilige Organisation ihre eigene Strukturentwicklung beobachtet. Die Antwort darauf würde den Mehrwert des Projekts »Freiräume« hinsichtlich des »Normalen« bzw. »Beständigen« erkennbar werden lassen. Können sachlich größere oder zeitlich schnellere (!) oder sozial weitreichendere Veränderungen beobachtet werden? Und können diese Veränderungen als gesteuert oder, paradox betrachtet, als gesteuert ungesteuert bzw. als ungesteuert gesteuert angesehen werden?

Wie auch immer: An dieser Stelle wird erkennbar, dass ein evolutionärer »structural drift«19 der Kirche schon begonnen haben könnte, denn die Kommunikationen zum Projekt »Freiräume« laufen bereits – und damit auch mögliche Strukturänderungen.20


4. ­Mehrwert des Projekts »Freiräume«

Wir fragen zunächst nach dem Mehrwert des Projekts »Freiräume« im Vergleich zu bisherigen Projekten und kommen auf drei Aspekte:

1. Die »Freiräume« können als eine Art »Projekt 2.0« gelten, insofern an die Stelle einer linearen Zielorientierung, durch die bisherige Projekte definiert waren, eine Freigabe von Zufällen tritt. Es ist nicht von vornherein ausgemacht, was aus dem Projekt wird. Das Projekt »zielt« damit zunächst auf evolutionäre Unsicherheit und daraus resultierende Selbstüberraschung. Allerdings kommt die Frage nach den Zielen über die Beobachtung von Effekten und Wirkungen unweigerlich durch die Hintertür wieder herein. Es gilt also, die Zufallsziele früher oder später in irgendeiner Weise zu strukturieren. Denn selbstverständlich kann, wie oben angedeutet, die Organisation Kirche nicht alle möglichen Zufälle in passende Formen ihrer Weiterexistenz umwidmen. Zur Strukturierung gehört aber insbesondere die Kommunikation des Erreichten und schließlich die Kommunikation von Entscheidungen darüber, was als Innovation für die Landeskirche identifiziert werden kann und in die Strukturen der Abläufe eingehen soll.

2. Dadurch ergeben sich neue Anforderungen an die Projektgestaltung. Die Art und Weise der Planung, Durchführung und Evaluation des Projekts kann weder top-down noch bottom-up geschehen, sondern in der Form rekursiver Schleifen. Die »Freiräume« werden zu einem sich selbst steuernden Projekt. Nichtsdestotrotz sind Eingriffe der Projektverantwortlichen notwendig, um überhaupt irgendeine Form von Ergebnissen beobachten und beschreiben zu können, denn ansonsten würde »gar nichts«21 passieren und das Projekt nicht einmal als Projekt beobachtbar werden. Die Frage für die Projektleitung lautet daher, wie sich aus den freigegebenen Zufallsanstößen die zu bewahrenden Wirkungen und Ergebnisse herausfiltern lassen. Die Idee eines sich selbst steuernden Projekts wäre dann erfüllt, wenn die Kriterien des Filters wiederum aus dem Projekt selbst stammen würden.

3. Aus dem evolutionär und rekursiv angelegten Projekt »Freiräume« können sich andere und neue Formen der religiösen Kommunikation ergeben, wie sie bislang nicht gesichtet wurden. Nimmt man die »Funktion der Religion«22 als gesellschaftsweiten Garanten für die Möglichkeiten von Sinnformen überhaupt ernst23, so könnte die religiöse Kommunikation (auch der Kirche) auf bislang nicht ausgetretenen Pfaden zu einer Regeneration religiöser Sinnofferten gelangen, zumal das Projekt in seiner Selbstbeschreibung ausdrücklich eine Hinwendung zum (sicherlich religiös gemeinten) »Wesentlichen« unterstreicht. Dazu gehören nach Auskunft der Geschäftsführerin u.a. Möglichkeiten einer »inneren Sammlung«, der »Unterbrechung« bisheriger Routinen sowie vor allem auch die interreligiöse Kommunikation. Die »Freiräume« sind demnach auch in dieser Hinsicht ein »work in progress«, insofern die religiösen Erträge sich erst durch das Projekt selbst ergeben und stabilisieren werden.


5. Mehrwert dieser Analyse

Zum Abschluss geben wir drei ergänzende Hinweise zum möglichen Mehrwert der hier vorgelegten Analyse und Wiederbeschreibung des Projekts »Freiräume«:

1. Dazu gehört an erster Stelle die Form der »Beobachtung zweiter Ordnung«24, die wir im Stile einer Wiederbeschreibung des Projekts angewandt haben. Eine Beobachtung zweiter Ordnung stellt nicht nur einfache Annahmen oder Tatsachen dar, sondern beobachtet die (Formen der) Unterscheidungen, innerhalb derer dies passiert. Der Mehrwert einer solchen Beobachtung zweiter Ordnung liegt darin, dass der Beobachter über mehr und andere Möglichkeiten der Beschreibung verfügt, also kurz gesagt: mehr sieht. Von dieser theoretischen Position aus lassen sich, wenn gewünscht, Rückschlüsse auf das Beobachtete ziehen, die wiederum der Praxis zugute kommen können. Insofern dies geschieht, können wir von einer »Kybernetik zweiter Ordnung«25 sprechen. Dies meint, dass die als Selbststeuerung geschilderte Steuerung des Projekts »Freiräume« als solche erkennbar wird und Anregungen zu anderen Formen der Selbststeuerung zu geben vermag.

2. Die hier vorgestellte Analyse kann dazu beitragen, kommunikative Projekte wie die »Freiräume« im Sinne einer Selbststeuerung durch Selbstbeschreibung zu begreifen. Wenn wir dabei den Begriff der Selbstbeschreibung durch den Begriff der Semantik, und den Begriff der Selbststeuerung durch den Begriff der Struktur ersetzen, erhalten wir die Form evolutionärer Entwicklung sozialer Systeme überhaupt. Alles, was kommunikativ geschieht, geschieht anhand der wechselseitigen Kopplung von »Gesellschaftsstruktur und Semantik«26. Dies bedeutet, dass die evolutionäre Entwicklung der Gesellschaft – im Sinne aller füreinander erreichbaren Kommunikationen27 – sich umfänglich in einer Semantik beschreiben lässt, die von der Unterscheidung von Semantik und Struktur ausgeht. Für das Projekt »Freiräume« heißt dies, dass versuchsweise neue Selbstbeschreibungen zu Strukturänderungen führen (können), die sodann in erneuerte Beschreibungen einfließen (können), die als bewahrenswerter Sinn – und zwar insbesondere als religiös bewahrenswerter Sinn – weitergegeben werden (können).28

3. Drittens liegt ein Mehrwert unserer Wiederbeschreibung des Projekts »Freiräume« darin, erweiterte Antworten auf die Frage danach geben zu können, wohin die Kirche steuert. Die Antwortmöglichkeiten auf solche Zukunftsfragen lassen sich im Schema von Semantik und Struktur verorten. Auch wenn »die« Zukunft (unhintergehbar) unbekannt bleibt, bleibt es für alle sinnhafte Kommunikation einer Gesellschaft und damit auch ihrer religiösen Kommunikation ausgemacht, dass sie sich im Hin-und-Her von Semantik und Struktur bewegen wird. Mit der Einsicht in diesen Sachverhalt ist gewonnen, dass beide Seiten in den Blick kommen und Möglichkeiten vermehrt werden, weil beide Seiten für Anknüpfungen in Betracht kommen können. Die Einheit beider Seiten tritt als unbekannt bleibende Zukunft dann ein, wenn sie eintritt. Über sie ist also nicht zu verfügen. Diese Grenze zu erkennen und zu bewahren, ist ein Gebot der Theorie und der religiösen Bindung an das Unverfügbare. Innerhalb dieser Grenzen aber kann und muss das Projekt theoretisch und praktisch verantwortet werden.


Anmerkungen:

1 Siehe www.freiraeume2019.de (Aufruf am 16.05.2018).

2 Siehe ebd.

3 Vgl. www.nordkirche.de/nachrichten/nachrichten-detail/nachricht/wo-der-weg-hingeht-kannst-du-nicht-im-rennen-verabreden (Aufruf am 16.05.2018).

4 Siehe www.zu-atem-kommen.de (Aufruf am 16.05.2018).

5 Blanke, Eberhard (2010): Kommunikationskampagnen. Ansätze einer praktisch-theologischen Kampagnenkommunikation. Stuttgart.

6 Vgl. Watzlawick, Paul (1971): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Stuttgart, 176, 178, 184 u.ö.

7 Vgl. Luhmann, Niklas (2009): Die Gesellschaft der Gesellschaft. 2 Bde. Frankfurt/M., 57f.

8 Die unumgängliche Tatsache einer finanziellen Ausstattung eines Projekts wie »Freiräume« dokumentiert sich u.a. darin, dass im landeskirchlichen Haushaltsplan eine Haushaltsstelle existiert, die im Rahmen der auch in der Kirche eingeführten Doppik danach verlangt, eine Selbstbeschreibung zu erhalten.

9 Vgl. Luhmann, Niklas (2011): Organisation und Entscheidung. 3. Aufl. Wiesbaden, 330f.

10 Siehe beispielhaft die liturgischen Bausteine im Zusammenhang dieses Projektes, die vom Michaeliskloster Hildesheim angeboten werden: www.michaeliskloster.de/Taeserslider-Startseite/Zeit-fuer-Freiraeume-2019/Liturgische-Bausteine (Aufruf am 03.07.2018).

11 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1006.

12 So im Gespräch mit der Geschäftsführerin Dr. Karoline Läger-Reinbold, mit Verweis auf Erfahrungsberichte aus dem Bistum Osnabrück.

13 Dito.

14 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 501-502.

15 Vgl. dazu Uhlhorn, Frank (2015): Kirchliche Kommunikation kalkulieren. Systemtheoretische Perspektiven für die Lutherdekade 2017. Berlin, 371-375.

16 Insbesondere die Kommunikation von Entscheidungen. Vgl. Luhmann, Niklas (2000): Organisation und Entscheidung. Opladen, 63.

17 Vgl. exemplarisch Luhmann, Niklas (2007): Wie ist Bewußtsein an Kommunikation beteiligt? In: Niklas Luhmann und Oliver Jahraus (Hg.): Aufsätze und Reden. [Nachdr.] Stuttgart, 111-136.

18 So im Gespräch mit der Geschäftsführerin.

19 So der Begriff bei Luhmann, Niklas/Baecker, Dirk (2009): Einführung in die Systemtheorie. 5. Aufl. Heidelberg, 115f und 138.

20 Denn alle Strukturveränderungen beginnen stets mit der ersten Thematisierung eines Projekts, vgl. Blanke, Eberhard/Uhlhorn, Frank (2011): Wie ist Beratung möglich? Vom Dirigieren der Selbstbeobachtung. Heidelberg, 34.

21 Siehe Luhmann, Niklas/Baecker, Dirk: Einführung in die Systemtheorie, 73.

22 Luhmann, Niklas (1977): Funktion der Religion. Frankfurt/M.

23 Vgl. Blanke, Eberhard (2017): Wie ist religiöse Kommunikation möglich? Niklas Luhmann zum 90. Geburtstag. In: DPfBl, 12/2017, 694-698.

24 Vgl. exemplarisch Luhmann, Niklas (2007): Die Kunst der Gesellschaft. 1. Aufl. [Nachdr.] Frankfurt/M., 92-164.

25 Vgl. hierzu beispielhaft Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. 3. Aufl. Wiesbaden, 206ff.

26 Vgl. die vierbändige Reihe »Gesellschaftsstruktur und Semantik« von Niklas Luhmann, daraus insbesondere: Luhmann, Niklas (2004): Gesellschaftliche Struktur und semantische Tradition. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. 1. Aufl. [Nachdr.] Frankfurt/M., 9-71. Sowie zu unserer Thematik passend: Luhmann, Niklas (1993): Die Ausdifferenzierung der Religion. In: Niklas Luhmann (Hg.): Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft. Bd. 3. 1. Aufl. [Nachdr.] Frankfurt/M., 259-357.

27 Vgl. Luhmann, Niklas (2008): Interaktion, Organisation, Gesellschaft. In: Luhmann, Niklas/Horster, Detlef (Hg.): Die Moral der Gesellschaft. Frankfurt/M., 212.

28 Vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, 887: »Wir wollen, wenn immer es um solche bewahrenswerten Sinnvorgaben geht, von ›Semantik‹ sprechen.«

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Dr. Eberhard Blanke, Jahrgang 1961, Pastor und Kommunikationsmanager (GEP); Veröffentlichungen u.a.: Kommunikationskampagnen (2010); Systemtheoretische Beobachtungen der Theologie (2010); Systemtheoretische Einführung in die Theologie (2014); Eine Theorie der Public Relations (2014); Niklas Luhmann: »… stattdessen«. Eine biografische Einführung, 2. Aufl. (2017).

Pastor Dr. Frank Albrecht Uhlhorn, Jahrgang 1966, Pastor und Kommunikationsmanager (GEP); Veröffentlichungen: Ein neues Netz zum Menschenfischen (2000), in: Klie, Thomas (Hg.): Darstellung und Wahrnehmung. Kirchliche Kommunikation kalkulieren (2015); Geleitwort, in: Schreiter, Johannes: Mein Staunen. Natur und Kultur mit der Kamera gemalt (2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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