Christliche Identität in Zeiten des Populismus
»Unter der Fahne des Christentums«

Von: Wolfgang Schmidt
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Wolfgang Schmidt beobachtet einen Strudel des Negativen, in den die politische und gesellschaftliche Stimmung geraten ist, und fragt sich, wie man dem wieder entkommen kann. Keine Lösung ist es dabei für ihn, zu einer einseitigen Kapitalismus- und Globalisierungskritik anzusetzen. Wer individuelle und demokratische Freiheiten schätzt, muss auch deren historische Kehrseite, eine liberale Wirtschaftsordnung, akzeptieren. Dennoch gilt es, sich die Bilanzen der Gewinner und Verlierer des Modernisierungsschubs genau anzusehen.


Moderne Welt im Strudel des Negativen

Ein negativer Befund bestimmt aktuell die Situationsanalyse. In den seriösen Medien beklagt man das Aufkommen populistischer Bewegungen und erkennt in ihrem Erstarken eine Gefährdung der Demokratie. Tabus sind gebrochen und Regeln verletzt. Trump in den USA, AfD in Deutschland, Rechtsnationalisten in Osteuropa: sie rütteln an den Fundamenten der westlichen Welt. Auf der anderen Seite wird in denselben Medien eben diese westliche Welt einer permanenten Kritik unterzogen. Aktuelle Entwicklungen werden im Globalisierungsprozess oftmals als Rückschlag des Kolonialismus gedeutet. Dann heißt es, der Pendelschlag der Migration würde nun mit voller Wucht auf den Ausgangspunkt treffen. Wo man die Lebensorte des sozialen wie des natürlichen Lebens in Gefahr sieht, wird schnell das Schlagwort Kapitalismus verwendet.

Das Negative bezieht sich also nicht nur auf den Angriff, der der westlichen Lebensweise widerfährt. Die eigentliche Dimension des Negativen ergibt sich daraus, dass unter diesen Vorzeichen einer pauschalen Ablehnung dessen, was man als Kapitalismus und Globalisierung versteht, dem Angriff nichts Positives entgegengehalten werden kann. Es wäre aber gerade wichtig zu erkennen, dass auch die Demokratie westlicher Prägung und in ihr die hohe Stellung der individuellen Freiheit, verbunden mit der sie schützenden Rechtssicherheit (unter anderem durch die Gewaltenteilung) nichts anders als eine Spielart dessen ist, was sich vor etwas 500 Jahren in der Epoche der Renaissance und des Humanismus in Europa ereignet hat und unter anderem eben auch einen freien Handel und eine ambitionierte Art des Wirtschaftens in Gang bringen konnte. Das Ereignis bestand jedoch nicht allein darin, Kräfte des Wirtschaftslebens freizusetzen und die Spielräume des Handels finanziell und geographisch zu erweitern: auch auf geistigem Gebiet ist es im Schwung dieser Bewegung möglich geworden, auf ganz neue Ressourcen zurückzugreifen.


»Kredit« auf Zukunft

Dass es wenig überzeugend ist, auf der einen Seite die westliche Demokratie hoch halten zu wollen und auf der anderen Seite die im ausgehenden Mittelalter einsetzende Veränderung der Welt, zu der auch das frühkapitalistische Handeln gehört, zu verneinen, soll hier verdeutlicht werden. Man erinnere sich: Im europäischen Aufbruch sind vor gut 500 Jahren Kräfte zur Entfaltung gekommen, die ihre Dynamik daraus bezogen haben, dass man im Vorgriff auf eine bessere Zukunft es sich leistete, sich mit einem wie auch immer gearteten Vorschuss auszustatten. Dieser Vorschuss war der »Kredit«, über den man verfügte, weil er einem gewährt wurde von Kreditgebern, die daran glaubten, dass man durch seine Projekte und sein Handeln eine bessere Situation herbeiführen kann oder sonst auf eine Weise von einer besseren Situation in der Zukunft profitiert. Dieser Vorgang bildet so etwas wie die Herzkammer jener Ereignisse, unter denen sich die Welt dramatisch wandelte. Das »Kapital« war der ausbezahlte »Kredit« auf Grund berechtigter und beglaubigter Hoffnungen. Die Performer ihrer Zeit sahen sich damit reichlich ausgestattet.

Mit so einem »kapitalen« Hebel zu arbeiten, bedeutete dann aber auch Wagnisse in Kauf zu nehmen und den Umgang mit Risiken einzuüben. Ob man nicht überzogen hat bei dieser Art die Welt zu gestalten, ist eine Frage, die man sich unter ökologischen, sozialen aber auch ideellen und psychischen ­Aspekten stellen muss. Dabei gilt es gerade heute, wo die Auswüchse dieser verwegenen Art, die Welt zu gestalten, offen zu Tage treten, eine ehrliche Bilanz zu ziehen. Denn es ist offensichtlich, dass an vielen Stellen Raubbau betrieben wurde, Schäden verursacht sind und faule »Kredite« im Portfolio lagern. Deshalb ist es berechtigt, wenn man sich fragt, ob die Bilanz nicht negativ ausfallen kann und insbesondere für die Bereiche des Wirtschaftens und des Handelns, die man allgemein unter dem Begriff des Kapitalismus fasst, die Risiken am Ende ungedeckt sein könnten.

Von daher ist es nachvollziehbar, dass der Leitbegriff dieser Operation, sich in der Welt zu gebärden, negativ besetzt ist. Die negative Konnotation des Leitbegriffs Kapitalismus kann jedoch dazu führen, die inneren Vorgänge darin zu verkennen. Dann übersieht man die innovative Kraft, die sich aus der Zeit des Frühkapitalismus heraus entfaltete. Man weiß nichts mehr davon, dass es keine Kreativität gibt, ohne ein Wagnis einzugehen, und echte Freiheit sogar nach der Möglichkeit eines Scheiterns verlangt. Gegenwärtig kann es jedoch vor allem verhängnisvoll sein zu übersehen, dass das Wirtschaftliche mit dem Kulturell-Geistigen in einem notwendigen Zusammenhang steht und das eine nicht getrennt vom anderen betrachtet werden kann. Wer die freie Entfaltung der Individualität proklamiert, kann auf wirtschaftlichem Gebiet die Freiheit nicht völlig einschränken – und umgekehrt. Dies bedeutet zum Beispiel, dass man sich im Westen von einer Art des Kapitalismus, wie er in China betrieben wird, grundsätzlich unterscheidet. Der Wettstreit dieser beiden unterschiedlichen Modelle kann für die westliche Welt dann gut ausgehen, wenn sie sich auf ihre Grundlagen besinnt und dabei gerade den universellen Charakter der Freiheit zum Zug bringt.


»Kapitale« Hebel zur Umsetzung zukunftsweisender Projekte – auch auf geistigem Gebiet

Vor 500 Jahren scheuten die Kaufleute das Risiko ebenso wenig wie die Künstler und die Wissenschaftler. Sogar die Philosophen ließen sich anstecken und entwarfen Weltanschauungen, die nicht gedeckt waren durch die herrschenden Welterklärungsinstanzen ihrer Zeit. Vor Kirche und Kaiser musste sich ein Denker wie Baruch Spinoza im liberalen Holland verborgen halten. Auch wenn seine Bücher nicht besprochen werden durften: Der innovative Impuls war in der Welt und wurde zu einem bedeutenden Teil der großen Aufbruchs- und Goldgräberstimmung. Goethe und Schleiermacher ließen sich von seinen Gedanken inspirieren. Schon weit vorher wollte sogar im Bereich der Religion einer zur Goldader des Glaubens vordringen, um die Rechtfertigung des Menschen als gute Nachricht des Evangeliums endlich wieder zum Glänzen zu bringen. Dabei hat er im Vorgriff auf eine bessere Welt von etwas Gebrauch gemacht, was erst später im vollen Umfang gewährleistet sein konnte und dann als Gewinn die Gesellschaft enorm bereicherte. Dies war die herausgehobene Stellung des Individuums in seiner persönlichen Urteilskraft.

Mit seiner eigenen Fragestellung, unter Aufbietung seines unbestechlichen Gewissens und seines scharfen Verstandes, nahm dieser Performer des Glaubens das Risiko in Kauf, dass unter seinem Projekt das gesamte Gefüge der mittelalterlichen Welt erschüttert werden würde. Dies war ein Vorgriff auf eine Welt, die es nicht nur aushält, dass der Einzelne mit seiner persönlichen Urteilskraft ins Zentrum rückt, sondern eben diesen gebildeten und seine Existenz ernst nehmenden Menschen, gleich als Herzstück ihres Zusammenlebens fordert. Um diese Zukunft Wirklichkeit werden zu lassen, forderte Luther die damaligen Stadträte und die politisch Verantwortlichen dazu auf, Schulen einzurichten, um eben diese Urteilskraft schon bei den Jungen und Mädchen zu entwickeln und zu schärfen. Die Bildung war das Versprechen und der wirksame Kredit auf eine bessere Welt.

Während Luther in der Schule eine wegweisende Institution einforderte, hat er auch noch andere institutionelle Einrichtungen des modernen Lebens für notwendig erachtet, dass sich durch sie der Wille Gottes seinem »Regiment« entsprechend, Bahn brechen kann. Also hat er auch das staatliche Polizeiwesen oder die Gerichtsbarkeit als solche Instrumente thematisiert, mit deren Hilfe sich die Werte des Christentums als Ausdruck des göttlichen Willens vollziehen. Und weil er schon mal dabei war, hat er auch die Kirche als Institution in diesem modernen Sinn ganz neu verstanden und sie in ihrer Aufgabe, aber auch in ihren Grenzen klar definiert. Vor allem dem Einzelnen, aber auch der Gesellschaft gegenüber hatte sich die Kirche auf ihre Kernaufgabe zu konzentrieren. In diesem modernen Rahmen einer Gesellschaft, die durch die Leistung ihrer Institutionen für Werte steht, die nach christlicher Überzeugung dem Willen Gottes entsprechen, sollte am Ende auch die Kirche ­ihren Platz finden.


Das Eingehen christlicher Ansprüche in die Konstruktion einer institutionellen Gesellschaft

Indem die Förderung der menschlichen Persönlichkeit und die Wahrung ihrer Rechte auch in den Institutionen außerhalb der Kirche zum Zug kamen, wurde die Sache des Christentums zu einer größeren Angelegenheit, als dass sie fortan allein in kirchliche Verlautbarungen passen würde. Jetzt überragt das Christentum die kirchlichen Mauern und ging in die gesellschaftliche Konstruktion einer modern gestalteten Welt ein, in der die einzelnen Menschen als gestärkte und emanzipierte Individuen von höchster Bedeutung sind. Dies bedeutete einen enormen Vorgriff auf eine Zukunft, die zwar schon angebrochen sein konnte, aber dennoch in erheblichen Teilen unerreicht geblieben ist. Diese Wette auf die Zukunft zahlt sich nur aus, wenn die Institute des modernen Lebens noch mit entsprechend Kredit ausgestattet sind und ihrerseits durch Qualität überzeugen.

Vor diesem Hintergrund sollte man über die der modernen Welt zu Grunde liegenden Art, in kapitalistischer Manier Vorgriffe wirksam werden zu lassen und gewisse Risiken dabei in Kauf zu nehmen, anders urteilen. Dann ist es auch möglich, den doppelt negativen Effekt, angegriffen zu sein und nichts zur Verteidigung zu wissen, zu durchbrechen. Auf diesen Durchbruch kommt es an, weil noch etwas Weiteres hinzukommt, was dem Negativen aktuell eine ungeheure Dynamik verleiht.


Der Missbrauch des Zukunftsversprechens durch die Modernitätsgewinner

Viele der Modernitätsgewinner profitieren vom globalen Strom von Waren und Dienstleistungen. Sie leihen sich billiges Geld, um ihre Vorhaben voranzubringen. Sie kennen ihre Rechte und Vorrechte und spielen diese gekonnt aus. Mit Medien können sie virtuos umgehen. Als »smart« würden sie sich gerne bezeichnen lassen. Jedoch nicht so gerne als Kapitalisten. In ihrer eigenen Haltung möchten sie vielmehr im linksliberalen Sinne als kapitalismuskritisch durchgehen. Kapitalisten sind demnach jene, die soziale Zusammengehörigkeit zerstören. Sie selbst schicken ihre Kinder jedoch nur wegen der besonderen pädagogischen Konzepte auf Privatschulen. Als Kapitalisten gelten jene, die auf Kosten von Umwelt und Natur leben. Sie selbst fliegen nach Asien wegen der ungeheuren Erfahrungen, die sie dort machen – und brauchen. Zu den Kapitalisten kann man solche zählen, die am Aktienmarkt spekulieren. Sie selbst halten Aktien nur, um das Erbe zu sichern.

Diese Beispiele sollen verdeutlichen, wie viele der Modernitätsgewinner auch dann noch die Moral auf ihrer Seite haben möchten, wenn sie ihren eigenen Maßstäben nicht gerecht werden. Dann ist es eben besonders smart, wenn sie es schaffen, vor sich selbst und anderen gerechtfertigt zu erscheinen. Und eben darin besteht das Manko der Modernitätsverlierer, dass sie selbst nicht smart sind und es nicht verstehen, ihren eigenen Egoismus auf diese Weise zu beschönigen. Also fallen sie darauf zurück, wenig bis gar nicht smart, sondern im Gegenteil sehr schroff ihren Unmut zu äußern. Sie wenden sich populistischen Parteien zu, die entweder wie in Amerika den Affront zum Prinzip erheben oder in Deutschland zum Ärger aller dadurch in die smarte Liga aufsteigen, weil einer wie Alexander Gauland es versteht, mit den Tabus zu spielen, ohne sie wirklich gebrochen haben zu wollen. Ob er und andere in der Partei freilich noch wissen, ob sie dabei nicht selbst zum Spiel werden, ist eine entscheidende Frage. Jedoch sollte man dabei die Situation ihrer Wählerschaft nicht verkennen. Deren Unbehagen bezieht sich auf den Missbrauch des Modernitätsversprechens durch jene, die als Gewinner von den modernen Entwicklungen profitieren und gleichzeitig vorgeben, damit eigentlich nichts zu tun haben zu wollen. Dieses Unbehagen steigert sich noch einmal durch einen weiteren Punkt.


Das bestrittene Recht, sich im Gegenüber zu linken Haltungen politisch zu positionieren

Dass bei den Modernitätsgewinnern in ihrer weltanschaulichen, aber auch ihrer moralischen Rechtfertigung etwas nicht stimmt, ist für diese im Grunde selbst spürbar und nur schwer zu verkraften. Da kommt es ihnen entgegen, wenn sich die Modernitätsverlierer entsprechend gebärden. Natürlich kann man ihnen dann mit einigem Recht vorwerfen, dass sie in ihrem Bedürfnis nach Sicherheit rückwärtsgewandt sind. Es kann ihnen dann unterstellt werden, dass ihr Verlangen nach festen Grenzen auf einer Unfähigkeit beruht, sich auf Neues einzulassen. Es ist demnach auch nicht verkehrt, ihr Betonen des Eigenen als Ausgrenzen des Anderen zu verstehen.

Auf der anderen Seite kann den Modernitätsgewinnern entgegnet werden, dass diese Anliegen nach Überschaubarkeit und Verlässlichkeit durchaus auch als legitime politische Standpunkte anerkannt werden sollten. Es gibt keine politische Pflicht, dem ideellen Gedanken einer prinzipiellen Einheit und Gleichheit den Vorzug geben. Es kann auch ein legitimer ideeller Gedanke sein, das Besondere zu pflegen und im Begrenzten eine Ressource zu sehen. Der Mensch sei zu einer beschränkten Lage geboren, heißt es in Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre«. Rüdiger Safranski zitiert den deutschen Dichter in seinem Buch über die Globalisierung (Wie viel Globalisierung verträgt der Mensch, 2. Aufl. 2006 im Fischer Taschenbuch Verlag, 77). Er plädiert darin für die bewusste Gestaltung des eigenen Lebenskreises und bezieht sich dabei auch auf Wilhelm von Humboldt (113). Voraussetzung ist dabei natürlich die sinnvolle Begrenzung des eigenen Lebenskreises und die Anerkennung basaler Rechte für die, die nicht im Bereich des Eigenen leben. Von dort aus gibt es aber einen legitimen Unterschied zwischen den Anrechten und Vorrechten derer, die sich etwas Eigenes erschaffen haben. Dabei denke man zum Beispiel an ein mühsam zusammengespartes Haus. Dort sind Gäste sicherlich willkommen, aber sie müssen sich entsprechend verhalten.

Doch nicht nur die Konservativen sollten sich für ihre Haltung rechtfertigen können: Ein grenzenloses Leben voller Inklusion muss am Ende auch für die Auswirkungen dieser Ideologie geradestehen. Etwa dann, wenn jeder denkt, er könne sich mit seiner Meinung gleichrangig neben den stellen, dessen Statement durch Fakten unterlegt und durch erworbene Kompetenz geschult ist. Auch ein pazifistisches Handeln in der Weltpolitik muss ehrlich bilanzieren, ob der Verzicht des Westens, gewisse Prinzipien auch mit Gewalt durchzusetzen, etwa in Syrien von Vorteil gewesen ist. Sogar die soziale Politik unter Präsident Clinton, die beinahe jedem zum Kauf eines Hauses verhelfen wollte, kann als Auslöser der Finanzkrise in Betracht kommen. Denn die entsprechenden Risiken waren in diesem Fall absehbar zu hoch.

Im politischen Spektrum darf jeder sich in seiner eigenen Haltung mit guten Gründen mehr links oder eben mehr im Gegenüber zu linken Standpunkten verorten. Das Gegenteil von links, also rechts, ist im Deutschen jedoch sofort mit einer bestimmten Farbe konnotiert. Alle Alarmglocken schrillen zurecht, wenn sich die AfD dem braunen Milieu nationalsozialistischer Umtriebe annähert. Das Schrillen hören aber womöglich jene nicht ungern, die überhören möchten, was sich bei ihnen selbst meldet vor dem Hintergrund, dass sie als Modernitätsgewinner zu selbstgewiss mit der gepachteten Moral auftreten. Dann suchen sie vielleicht ihr Heil darin, noch idealistischer zu sein und großzügiger die Grenzen öffnen zu wollen. Im Feiern von »Multi Kulti« kann leicht übersehen werden, dass vor allem die unter Stress gesetzt sind, die als gefühlte oder tatsächliche Modernitätsverlierer über wenig Ressourcen verfügen. Ihre Kinder müssen die Schulbänke mit den Migranten teilen. Sie sind in ihrem Alltag konfrontiert mit dem Normalfall, der sich vom überall hochgehaltenen und gefeierten Idealfall gelungener Integration unterscheidet. Das soziale Netz, auf das sie in besonderer Weise angewiesen sind, wird durch die Migration noch stärker strapaziert. Ihre Parteivertreter ­sehen sie aus den Diskussionsrunden und sogar aus den Fußballstadien und den Kirchen­tagen ausgeschlossen.


Die Kategorie des Opfers verschlimmert alles noch einmal

Mit dieser Art, mit dem hausgemachten Problem fertig werden zu wollen, verstärkt man das Negative und fordert es heraus. Zudem agiert man selbst negativ, indem man die Bußleistung für frühere Vergehen des Kolonialismus anderen aufbürdet. Die eigene Rechtfertigung scheint noch immer eines »Opfers« zu bedürfen. Deshalb ist folgerichtig, wenn die Kirche an dieser Stelle ins Spiel kommt. Sofern dort noch immer eine Opfertheologie vertreten wird, liegt der springende Punkt in der aktuellen Anwendung der Opfervorstellung darin, den Unterschied zwischen den heiligen Opfern und denen, die den Fluch tragen, präzise durchzuführen.

Letztere werden darin verflucht, dass sie als Opfer gebraucht werden, dabei jedoch als Täter des Bösen zu verstehen sein sollen. Die heiligen Opfer sind dagegen die, die unter die Räder des Bösen kommen: also die Entrechteten, die Ausgebeuteten, die Gewaltopfer. Idealerweise sucht man sich als gerechtfertigter Menschen auf deren Seite wiederzufinden. Dabei kann man sich unter Umständen auch selbst als Opfer der bösen Mächte begreifen. Die Konzerne, der Kapitalismus, die Amerikaner: Verschwörungstheorien sind dazu behilflich, sich selbst auf der Seite der Opfer zu wähnen. Die eigene Beteiligung an den Zuständen der Welt kann man auf diese Weise ausblenden, die Gewinne, die man selbst einfährt, marginalisieren. Dabei hat schon der einen Gewinn, der als Beamter oder als Dienstleister von der enormen Wertschöpfung innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsweise profitiert. Sie ist der Grund dafür, dass gute Löhne gezahlt werden. Die Art selbst zu profitieren, geschieht eben auf vielfältige Weise. Niemand möchte das Lohnniveau, den Standard des Gesundheitswesens oder die Stringenz in der Strafverfolgung missen. Die Leistungsfähigkeit der in den Institutionen bereitgestellten Kräfte wirkt derart überzeugend, dass Migranten davon angezogen sind. Die Einrichtung einer sozialen Marktwirtschaft kann auch als eine Institution verstanden werden. Doch auch die Rechtssicherheit, die Religionsfreiheit und die Chancengleichheit sind Leistungen, die hier ins Gewicht fallen.


Bloß keine smarte Kirche!

Nun wollen auch die Kirchen profitieren. Sie haben ja im Moment mehr als nur das Problem, dass niemand mehr etwas von ihrer Sühneopfertheologie wissen will. Unter ihren Skandalen und ihrer zunehmenden Bedeutungslosigkeit sind sie geneigt, von ihren eigenen Problemen abzulenken und dadurch wieder an Relevanz zu gewinnen, dass sie an der Stelle in gesellschaftlichen Diskurs einsteigen, wo die Modernitätsgewinner über die anderen urteilen, wo sich die moralisch Gerechtfertigten über die Schroffheit und die offensichtliche Verirrung der Verlierer empören. Sie stimmen ein in die oberflächliche Kapitalismuskritik und verkennen, inwiefern sie selbst nicht nur erhebliche Gewinne aus der Bewegung, die zur modernen Welt führte, gezogen haben, sondern auch an deren Entstehung beteiligt gewesen sind.

Ein erheblicher Gewinn für die Kirchen war sicher der, dass man schon mit Spinoza und Leibnitz auf eine Theologie verzichten konnte, die die Schuldproblematik an die erste Stelle rückte und entsprechend auf die Kategorie eines sühnenden Opfers angewiesen war. Endgültig hat es Schleiermacher für die Theologie auf den Punkt gebracht als er 1787 an seinem Vater schrieb: »Ich kann nicht glauben, daß der ewiger wahrer Gott war, der sich selbst nur den Menschensohn nannte, ich kann nicht glauben, dass sein Tod eine stellvertretende Versöhnung war, weil er es selbst nie ausdrücklich gesagt hat, und weil ich nicht glauben kann, daß sie nötig gewesen« (zitiert nach F.W. Kantzenbach, Rowohlts Monographien, 23).

Mit dieser Wende weg von Schuld und Sühne wurde der Blick frei für die emanzipativen Kräfte des Glaubens und die Rolle des Religiösen im Leben der Menschen. Auf dieses »Kapital« sollten die Kirchen setzen, statt darauf aus zu sein, die alte Sühnetheologie noch einmal zu revitalisieren. Dies geschieht nicht nur dort, wo die Evangelikalen an der Sühneopfertheologie als einem Dogma festhalten, sondern auch dort, wo man die Opfer der Welt stilisiert und dabei überall die Mächte des Bösen am Werk sieht.

Statt diesen substantiellen Gewinn für sich zu realisieren, möchte man einen Gewinn daraus ziehen, dass man am Tempelberg die Kreuze smart in die Taschen zu stecken weiß. Das eigene Opfer, das man bringt, ist immer das edelste. Und man bekommt Beifall, weil man unterstellt, dass jene, die Kreuze im öffentlichen Raum aufhängen, damit bestimmt nur fremdenfeindliche Aspekte zum Ausdruck bringen möchten. Dass vielleicht auch Andersgläubige den unter dem christlichen Einfluss entstandenen Raum persönlicher geschützter Würde schätzen und in dem reduzierten Zeichen (also dem Kreuz ohne Korpus) eine positive Markierung dieses Raumes erkennen, scheint völlig ausgeschlossen.


Die Aufgabe, Identität zu stiften

Nicht nur die Kirche sägt an ihrem eigenen Ast, wenn sie sich auf solche Unterstellungen verlässt und sich mit den tatsächlichen oder auch nur gefühlten Modernitätsverlierern den hier beschriebenen Umgang leistet. Statt an der Erregungsspirale mitzudrehen, sollte man sich um ein vertieftes Verständnis der eigenen Kultur bemühen. Damit hätte man dann auch denen etwas zu bieten, die eben nach etwas Eigenem Ausschau halten. Es wäre ein Angebot, diese Gesellschaft nicht jedem ideellen oder religiösen Anspruch gegenüber für gleich-gültig zu erklären. Sondern darauf zurückzukommen, inwiefern bestimmte Werte sich hier manifestiert haben und zu einer eigenen Identität beitragen. Die Fahne des Christentums wäre demnach ein Fähnlein der Positionierung, ein Signal der Orientierung.

An dieser Fahne entlang könnte man dann immer noch die Auswüchse des Kapitalismus nach allen Seiten hin kritisieren und die Chancen und den Charme aller inkludierenden Projekte ermessen. Das wäre kein Widerspruch. Letztlich ist diese durch die Fahne des Christentums bezogene Positionierung ein Anspruch, dem man sich stellt: der Anspruch, dass die Chancen des Aufbruchs größer sind als die Risiken. Dass die Weltoffenheit mehr bringt, als sich im Inneren zu verschließen. Nur dass man diesen Anspruch nicht auf Kosten der Schwächsten einlösen darf. Damit hätte man ihn an entscheidender Stelle verraten und dem Negativen die Bahn geöffnet.

Die Kirchen sollten sich darauf besinnen, dass sie das Christentum nicht gepachtet haben. Wenn sie Moral predigen, sollten sie immer voraussetzen, dass es auch außerhalb ihrer Mauern Akteure gibt, die jenem Anspruch gerecht zu werden suchen, mit dem man den Werten einer besseren Welt nachgeht, um das Modernitätsversprechen zu erfüllen. Ja, es soll wirklich alles besser werden. Propheten und Unheilspropheten gibt es schon genug. Es braucht solche, die die Offenheit deshalb wagen, weil sie von einem inneren Halt wissen und damit auch jenen ein Angebot machen können, die eben nach so einem Halt suchen. Findet man für deren Situation Verständnis, wird man neben dem Zuspruch in ihre eigenen Ressourcen auch einmal etwas von einem Trost sagen können. Bei jeder Veränderung gibt es tatsächlich auch Verlierer. Dies anzuerkennen kann bedeuten, das Eigene in schmerzlichen Fällen einmal als etwas zu spüren, für das man sich auch im Verlust nicht zu schämen braucht. Auch so kann das Positive eine Stärkung erfahren. In diesem Auftrag ist einem jedoch mehr abverlangt, als Mauern hochzuziehen gegen solche, die Mauern hochziehen wollen.

Es ist die Aufgabe aller Institutionen und eben auch der Kirchen, Identität zu stiften. Damit wird es möglich, der negativen Dynamik zu entkommen, was in Zeiten des Populismus eine Menge bedeutet.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Wolfgang Schmidt, Jahrgang 1959, Studium in Wuppertal, Kiel und Tübingen, Pfarrer in Schwäbisch Gmünd seit 2010.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 1/2019

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