Von der Bedeutsamkeit eines vertieften Lebens mit dem Schöpfer für den Pfarrberuf
Mehr Schöpfer wagen

Von: Klaus-Peter Lüdke
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Im zweiten Markusschluss (16,15) gibt Jesus den Jüngerinnen und Jüngern einen vertieften Predigtauftrag: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur – im griechischen Wortlaut sogar: predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung. Hat demnach mein Verkündigungsauftrag im Pfarramt etwas mit der Schöpfung zu tun? Schon die prophetische Verkündigung des ersttestamentlichen Evangeliums rückte die Schöpfung wieder zurecht, ließ Wüsten ergrünen und Lebensräume entstehen, wo sie für immer verloren gegangen zu sein schienen (Jes. 55,10-13). Insofern lässt sich das Evangelium für die ganze Schöpfung nicht als sekundär wegkürzen, zumal auch Paulus Empfänger*innen des Evangeliums in Christus eine neue Schöpfungswirklichkeit zuschreibt (2. Kor. 5,17).


Evangelium für die ganze Schöpfung

So wird das Predigtamt nicht nur von dem ins Sein setzenden Schöpferwort inspiriert, sondern durch das schöpferische Evangelium dazu befähigt, an der Seite des Auferstandenen die gefallene Schöpfung wiederaufzurichten und nachhaltig zu erneuern. Dabei ist das Evangelium für die ganze Schöpfung nichts, das im Verkündigungsamt nur durchgereicht werden sollte, sondern zuallererst Erneuerung und Neuschöpfung für erschöpfte Verkündiger*innen. Der erste Psalm preist den Menschen mit seinem Ohr am schöpferischen Wort Gottes selig, da ihm in Gottes Liebe und Güte gegründet wie einem Baum schattenspendende Blätter und Früchte wachsen. Seine Arme wie Äste anbetend dem Schöpfer zugewandt ist er Empfänger der Gaben und des erst dann weiterzureichenden Evangeliums. So sind wir Pfarrer*innen gerufen uns vom Schöpfer und seiner Schöpfung beschenken zu lassen, ehe wir uns zum Fürsprecher der Neuen Schöpfung machen.

Das Evangelium für die ganze Schöpfung erweitert den Adressatenkreis unserer Predigt über die Gottesdienstgemeinde im Kirchenraum hinaus. Sie drängt nach draußen in alle Welt. Der Gottesdienst im Grünen, die Morgenandacht am Waldrand, die Predigt im Friedwald bilden den Entfaltungsraum des Evangeliums beileibe noch nicht in seiner Fülle ab. Es wird auch den Kirchvorplatz,
-turm und -garten in einen Lebensraum verwandeln. Und sofern es Menschen in Christus in die erneuerte Schöpfung stellt, wird dieses Evangelium nicht nur die in die Bürger*innengemeinde ausstrahlende Christ*­in­nen­ge­meinde konstituieren, sondern eine Kirche, die von der ganzen Schöpfung wohltuend wahrgenommen wird.


Orte und Zeiten der Rekreation

War der Paradiesgarten mustergebendes Zentrum der ersten Schöpfung, ist den Verkündiger*innen des Evangeliums für die ganze Schöpfung ihr Lebensraum und Garten zur Rekreation anvertraut. Am hohen Anspruch des Pfarrhauses als reformatorisch verdichtetem Kulturraum sind in der Vergangenheit nicht wenige Pfarrkinder und deren Eltern verkümmert. Pfarrhaus und Pfarrgarten sind hingegen erster Zuspruchsort, an dem Neue Schöpfung Wirklichkeit werden darf, ein Paradiesgarten schöpferischer Ruhe und empfangenden Segens für die ganze Schöpfung.

Zum Pfarramt gehört darum auch Zeit zur rekreativen Tätigkeit, bei der himmelhohe Ansprüche geerdet werden können. Das Pfarrhaus ist als Ort zu bauen und zu bewahren, der zum Verweilen der Pfarrfamilie, ihrer Mitgeschöpfe und deren Gäste einlädt, in der Gebäudehülle wie im grünen Garten. Der Schöpfer hat sich dazu ein Siebtel seiner Tage Zeit genommen, ohne sich dumme Kommentare seiner Geschöpfe über sein Nichtstun anhören zu müssen.

Das Verkündigungsamt für die ganze Schöpfung darf mit Gottes schöpferischem Geist rechnen, der in Gestalt einer Taube nicht nur den Schöpfersohn Jesus bejaht, sondern damit auch die nichtmenschlichen Geschöpfe adelt. Jesus sucht in der Eröffnung des Mk. nach seiner Taufe die Gemeinschaft mit den wilden Tieren in der Wüste, um anzuzeigen, dass sein Evangelium der ganzen Schöpfung gilt, die gesamte Schöpfung freisetzt und erneuert. Wer in seiner Kraft beginnt, mehr Schöpfung zu wagen, wird nicht umhinkommen, auch wieder mehr Schöpfer zu glauben, zu hoffen und zu lieben und umgekehrt.


Klaus-Peter Lüdke

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Klaus-Peter Lüdke, Jahrgang 1968, evangelischer Diplom-Theologe, stellenteilender Pfarrer im Nordschwarzwald, Mitglied im Umweltrat der Württ. Landeskirche.
In seinem Inspirationsbuch Mehr Schöpfer wagen. Ökologische Spiritualität für jeden Tag (Manuela Kinzel Verlag 2018) führt er die Schöpfung und den biblischen Schöpferglauben als Lebensquellen zu einer kraftvollen ökologischen Spiritualität zusammen. Lebendige Impulse und Gebete werben für einen schöpfungsbezogenen Glauben und eignen sich für die tägliche Andacht aber auch als Fundgrube für die Gottesdienstgestaltung, Gemeinde-, Hauskreis-, Jugendarbeit sowie für den Unterricht.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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