www.forumreformation.de macht weiter bis 2030!
Am Anfang war 2017

Von: Siegfried Eckert
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Die Kraft der Reformation liegt in ihrem ewigen Protest gegen alles, was das Herz des Religiösen kleiner und enger macht.«
(Jörg Lauster)


Lust auf Reformation

Der langjährige Schattenmann der Reformationsbotschafterin Margot Käßmann, offenbarte mir in einem Wittenberger Pub im Februar 2018: »Für die nächsten zehn Jahre interessiert sich keiner mehr für das Thema Reformation.« Stimmt die Einschätzung von Uwe Birnstein? Oder drückt sich darin vielmehr der posttraumatische Erschöpfungsblues eines Überbeanspruchten aus? Meine Stimmungslage ist eine andere. Nach den enttäuschenden wie beglückenden Erfahrungen im Jubiläumsjahr 2017, geht es m.E. jetzt erst richtig los. Wenn nicht jetzt, wann dann? Die erstaunliche Resonanz in den Gemeinden, der Zivilgesellschaft, bei Kulturschaffenden und im politischen Raum, darf den Luther-Effekt nicht verpuffen lassen. Es lohnt sich nun auch nicht mehr, die Hand an den Pflug zu legen, um zurückzuschauen auf das, was alles schief gelaufen ist. Viel mehr Sinn macht es hingegen, an das Gute anzuknüpfen, neue Beteiligungsangebote zu machen und sachgemäß, reformatorisch weiterzuarbeiten.


Lebensgefühle und Katzensprung

Von Wittenberg fiel der Stein der Reformation ins Wasser und zieht seither Kreise. Dieser Umstand zog mich in den Bann und bewegte 2017 Hunderttausende an diesen Spiritus Loci. Ohne das junge Universitätsstädtchen am Rande des Reiches hätte Luthers Wirken keinen angemessenen Resonanzraum gefunden. Ohne Wittenberg keine Reformation. Hier spielten sich u.a. die drei Musketiere der Reformation kundig ihre Bälle zu: Melanchthon, Bugenhagen, Luther. Aus diesen geistigen und historischen Quellen lässt sich heute noch Kraft für die Zukunft gewinnen und Inspiration für unser reformatorisches Unterwegssein schöpfen.

Mich erstaunt, wie die Wirren in Luthers Zeiten, bei aller Unterschiedlichkeit, auch Parallelen zu unseren gesellschaftlichen Verwirrungen aufweisen. Was seit Gutenberg dem Buchdruck gelang, Botschaften in Windeseile massentauglich zu verbreiten, ermöglicht im globalen Kontext nun das weltweite Netz. Die Macht der Bilder, die Lukas Cranach zur Verbreitung seiner Anliegen in Szene setzte, ist mächtiger denn je. Die weltpolitische Lage der Renaissancezeit ist unserem globalisierten Lebensgefühl nicht unähnlich. Die von Kaiser Karl V. angeführte Staatenwelt, war inner- und außerhalb Europas an vielen Fronten gefordert, wie Merkel heute. Die Spielräume der kaiserlichen Politik erwiesen sich als begrenzt und von äußeren Faktoren abhängig. Mit der Eroberung Amerikas dominierte eine global agierende, lateineuropäische Kirche die kulturellen, rechtlichen, geistigen und religiösen Verhältnisse. Heute beeinflusst der neoreligiöse Kapitalismus mit seinen Heilsversprechen jeden Winkel der Welt. Mit Latein als Weltsprache verfügte Rom über eine Internationalität, die globale Kommunikation ermöglichte. Heute hilft Englisch weiter. Weil der Feind eint, wurde die abendländische Welt damals durch die Bedrohung einer feindselig empfundenen Religion zusammengehalten, die unter Führung des osmanischen Sultan Süleymann für eine apokalyptische Untergangsstimmung sorgte. Es scheint, als wären 500 Jahre nicht mehr als ein Katzensprung in der Geschichte.


Jetzt geht’s los

Der Thesenanschlag von 1517 gilt als Geburtstag der Reformation. Doch dies war nur der Anfang. Deshalb hängen unzählige 500-Jahrfeiern wie reife Äpfel am Baum der reformatorischen Erkenntnis. Mindestens bis 2030 ist Erntedankzeit. Nachdem eine mühsame Dekade lang mit öffentlichen Millionen, staatstragenden Inszenierungen und reichlich Sendezeit bei den Öffentlich-Rechtlichen gefeiert wurde, ist nun der Weg frei für den Blick aufs Wesentliche.

Das Forum Reformation will deshalb an reformatorischen Orten, sich jährlich der Reformationsgeschichte gesellschaftsrelevant erinnern. Wie auf einer Perlenkette werden dazu bis 2030 die vor uns liegenden Anlässe als Spannungsbogen aufgefädelt. Premiere ist in Leipzig und die Erinnerung an 500 Jahre Leipziger Disputation, vom 5.-7.4.2019. Tagungsort wird die neue Universitätskirche sein. Ein spannungsreiches Programm aus Stadtführung, Fachvorträgen, zeitgenössischen Streitfällen, Gottesdienst und Kultur in der Moritzbastei werden für ein unvergessliches Wochenende sorgen u.a. mit Prof. Dr. Alexander Deeg, Prof. Dr. Cornelia Richter, Prof. Dr. Thomas Kaufmann, Eugen Drewermann, JAZZKANTINE, u.v.a.


Debattierender Stuhlkreis

Wie es um den Protestantismus bestellt ist, formuliert der Theologe Jörg Lauster in seinem 2017 veröffentlichten Reformationsbüchlein: »Tatsächlich wirkt die evangelische Kirche bisweilen wie ein ausschließlich mit sich selbst beschäftigter, seine Strukturen in ewigen Schleifen debattierender Stuhlkreis, der von Sorge um den eigenen Bestand und dem Ärger darüber angefressen und darum phantasielos geworden ist.« (Der ewige Protest. Reformation als Prinzip, München, 2017, 76) Der evangelische Auftrag wäre ein anderer: »Die Verarmung der theologischen Mitteilungsfähigkeit und das ausschließliche Kreisen um sich selbst waren für Luther die gravierendsten Fesseln der babylonischen Gefangenschaft der Kirche.« (ebd., 82)

Will unsere verfasste Kirche nicht unter den Trümmern ihres bröckelnden Kirchturmdenkens begraben werden, müsste ihr reformatorisches Anliegen eine glaubwürdigere und kraftvollere Umsetzung erfahren. Diese wiederum darf sich nicht im konfessionellen, landeskirchlichen Klein-Klein erschöpfen. »Der Sinn der Reformation kann nur in dem liegen, was mit ihr einen Anfang genommen hat. Es ist nicht Luthers Fähigkeit, eine Kirche zu gestalten, die über Jahrhunderte wirkt, sondern die Kraft seiner Ideale, wie eine Kirche auszusehen hätte.« (ebd., 60)


Reformieren, was deformiert ist

Wer sich auf den Weg macht, nicht alles beim Alten zu belassen, hat Auskunft zu geben über die Verwendung seiner Begriffe. Thomas Kaufmann stellt klar: »Der Begriff der Reformation ist schillernd und vielfältig.« (Kaufmann, Erlöste und Verdammte, 12) In seiner üblichen Verwendung bezeichne Reformation eine spezifische Epoche der Geschichte, die mit Luthers Ablasskritik einsetzte und an deren Ende die lateineuropäische Welt eine andere war: kirchlich, kulturell, territorial. Vor allem waren »von Rom unabhängige evangelische Gemeinden und Kirchentümer entstanden.« (ebd.)

500 Jahre später ist die Unabhängigkeit der Gemeinden gefährdet. Dazu hat die einseitige Umverteilung der Ressourcen von unten nach oben wie der organisatorische Ausbau übergeordneter Kirchenebenen zu Lasten der Gemeinden geführt. Die Bezeichnung kirchlicher und gesellschaftlicher Veränderungen als »Reformation« liegt weit vor Luther. Spätestens seit dem Konstanzer Konzil stand die causa reformationis auf der Agenda, ausgelöst durch den Reformdruck, der von Böhmen ausging durch Jan Hus und von den Katharern im Süden Frankreichs. In Konstanz ging es darum, »die kontinuierliche ›Pflege des Ackers des Herrn‹ zu gewährleisten und die ›Sträucher, die Dornen und das Unkraut der Häresien, der Irrtümer und Spaltungen‹ auszureißen, ›Ausschreitungen zu korrigieren‹ und, was ›deformiert ist, zu reformieren‹« (ebd., 12f).


Reformation in der Gemeinde

Die lateinische Christenheit verabredete sich nach Konstanz, Konzile einzuberufen, um Deformationen zu reformieren. Die Forderung einer »Reform an Haupt und Gliedern«, der protestantisch Ruf »ecclesia semper reformanda« ist keine evangelische Erfindung. Vielmehr gehört die Forderung nach Veränderung und Umkehr seit den Anfängen zur Geschichte des Christentums. Solche Reformationssehnsucht ging immer schon Hand in Hand mit dem Wunsch nach einem Zurück, einer Reformation, zu alter Glaubwürdigkeit, Einfachheit und Sachgemäßheit.

Der Konziliarismus des 15. Jh. wurde leider aufs Abstellgleis der Geschichte gestellt, weil die Renaissance eines prachtvollen Papsttums seine Anliegen schwächte. Damit wurde für Luther sein Sola-Prinzip auch in der Frage von Kirchenreformen wirksam: Gott allein wird die Reformation seiner Kirche ins Werk setzen. Der Mensch, besonders die Stände, sollten dafür Gottes Werkzeuge sein. Dies formulierte Luther in seiner Programmschrift An den christlichen Adel deutscher Nation von des christlichen Standes Besserung (1520).

Für Luther war die Zeit überreif für vielgestaltige Reformationen. Eine einzigartige Konstellation in der Geschichte sorgte dafür, dass Luthers reformatorische Herzensanliegen die Welt veränderten. Es fing mit einer kirchenkritischen Frömmigkeits- und Bildungsbewegung an. Von der Universität kommend traf Luther mit profunder theologischer Kenntnis, die Herzen der Menschen, schaute dem Volk aufs Maul und redete ihm nicht nach dem Mund.

Heute sieht es anders aus: »Die ewigen, meist theologiefreien und von strategischen Überlegungen dominierten Strukturdebatten binden Ressourcen. Was hier an Energie investiert wird, fehlt notwendigerweise anderswo … Gegenwärtig geht es vor allem auf Kosten des inhaltlichen Tiefgangs und der theologischen Durchdringung des kirchlichen Auftrags. Die religiöse Gedankenverarmung ist eine offensichtliche Folge der kirchlichen Verlustangst.« (Lauster, 77)

Kirche hat nach protestantischer Überzeugung nicht Selbstzweck zu sein. In der Theorie heißt »evangelisch sein«, sich als Kirche von unten nach oben zu verstehen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieses Verständnis von den Füssen auf den Kopf gestellt. Die Notwendigkeit des landesherrlichen Kirchenregiments zur Absicherung der Reformation gehört zu ihren widersprüchlichsten Geburtsfehlern. Auf diesem selbstkritischen Hintergrund, will das Forum Reformation den Gemeinden ab 2020 in Wittenberg ein Begegnungs- und Ermutigungsangebot machen, um zeit- wie sachgemäß reformatorisch unterwegs zu sein. Dazu sollen Gemeinde-Base-Camps entwickelt werden, die offen sind für christliche, jüdische und muslimische Gemeinden, die veränderungsbereit und begegnungsoffen unterwegs sind.


Reformation in der Geschichte

Der Kirchenhistoriker Adolf von Harnack formulierte: »Was wir sind und haben – im höheren Sinn –, haben wir aus der Geschichte und an der Geschichte.« Beim Blick auf unsere Geschichte haben wir uns selbstkritisch den eigenen Licht- und Schattenseiten zu stellen. Stimmt Harnacks These, dann macht eine Erinnerung nur im Modus der Aufklärung Sinn, nicht in interessegeleiteter und konfessioneller Verengung. Daran krankten viele Lutherfeiern der letzten Jahrhunderte. Wer sich der selbstkritischen Sicht seiner Geschichte stellt, steht weniger in der Gefahr, bei den Herausforderungen der Zukunft mit blinden Flecken den Weg zu suchen.

Mit einem »aufgeklärten Luther« und einer kritisch reflektierten Reformationsgeschichte, lässt sich frischer Nektar für die Gegenwart gewinnen und Wege der Veränderung lassen sich frohgemut angehen. O-Ton Luther: »Wir sind immer auf dem Wege. Und müssen verlassen, was wir kennen und haben, und suchen, was wir noch nicht kennen und haben.« Der Kulturprotestant Jörg Lauster ergänzt: »Denn nur wer weiß, woher er kommt, weiß, wer er ist, und nur wer weiß, wer er ist, kann auch den Plan entwerfen, wohin er geht. Herkunftsfragen sind immer auch Gegenwarts- und Zukunftsfragen.« (Lauster, 64)


Reformation in der Gesellschaft

»Die Reformation ist nicht allein ein historisches Ereignis, die Reformation ist ein dem Christentum innenwohnendes Prinzip eines ewigen Protests, der im 16. Jahrhundert zu seiner sichtbarsten Gestalt gelangte.« (Lauster, 34) Ist dem so, heißt dies, sich nicht nur der eigenen Geschichte und seines Gemeindeverständnisses zu vergewissern, sondern zu fragen: Wie kann die dem Christentum innewohnende, weltgestaltende Schubkraft als sein ewiges Prinzip Anwendung finden in einer Welt, deren ungleichzeitige, unsoziale Zentrifugalkräfte ganze Gesellschaften zerreißen? Eine Selbstverständlichkeit sollte es dabei sein, dass solch protestantisches Prinzip weit über den Tellerrand der eigenen Konfession hinausgeht und neugierig die anderen Konfessionen und Religionen in den Blick nimmt. Solch eine Haltung »zeigt sich in der unermüdlichen Tapferkeit der Weltgestaltung, die im Vertrauen auf die eine der Welt eingelassenen Güte dem Absurden in der Welterfahrung widersteht. In dieser Tapferkeit und in dieser Überzeugung ist der Protestantismus als ewiger Protest eine Religion für freie Geister – und davon gibt es viele.« (Lauster, 138)

Im besten Falle will das Forum Reformation eine Sammlungsbewegung der freien Geister in allen Konfessionen, Religionen und Kulturen werden. Deshalb haben sich einige Unruhegeister nach 2017 zusammengetan, um das Thema Reformation in den Gemeinden praxisbezogen voranzutreiben, reformationsgeschichtliche Jubiläen bis 2030 gesellschaftsrelevant zu begehen und ab 2019 sich auf den Weg zur Gründung eines Weltreformationsforum Wittenberg zu begeben. Was Davos für die Wirtschaft geworden ist, kann Wittenberg für das Thema Reformation werden. Zur Premiere sind alle Freigeister vom 18.-22.8.2019 zu Begegnung, Feiern und Nachdenken am Urknallort der Reformation eingeladen. Wir wollen dort interkonfessionelle, interreligiöse und interkulturelle Perspektiven einnehmen und mit den Menschen vor Ort drei sachbezogene Feste feiern. Unser Tagungsmotto lautet: »Wofür lohnt es sich heute zu streiten?«


Forum Reformation

Bündeln wir die reformatorischen Kräfte, die in jeder Konfession, Religion und Kultur schlummern. Nutzen wir das Forum Reformation 500 Jahre später als ein neues Angebot, Reformation weiter zu denken, weiter zu machen und weiter zu führen. Alles möglichst in guter Nachbarschaft zu anderen Institutionen und Playern. Ist Gott »alles in allem«, erscheint die Zeit reif, die guten Geister fernab der alten Boxes zu versammeln, um sich für mehr Veränderung und Zusammenhalt einzusetzen und zu einem menschenwürdigen und gottgefälligen Leben zu ermutigen. Der Tintenfleck als unser Erkennungszeichen erinnert daran, dass wir nur gemeinsam Gutes ermöglichen und Ungutes begrenzen können. »Die Reformation ist kein Ereignis, sie ist eine Haltung. Protestantische Gesinnung engagiert sich mit Gewissenhaftigkeit und Sorgfalt für die Zukunft ihrer institutionellen Herkunft, sie ist darin jedoch frei von der kleingläubigen Sorge, dass alles so bleiben muss, wie es ist.« (Lauster, 138)

Ob sich für diese Art der Reformation nach 2017 jemand interessiert? Es wird sich zeigen müssen, wie die Dinge sich fügen. Aber es ist diesen Versuch wert und ich freue mich über jede und jeden, der sich unserem Projekt anschließen möchte. Jörg Lauster versprüht Zuversicht, wenn er schreibt: »Solange das Christentum sich die Mühe macht, seinen großen Antwortschatz, der unzählige wichtige abendländische Denktraditionen aufnimmt, auf die gegenwärtige Lebenserfahrung hin zu entfalten, wird es Gesprächsinteressierte finden und Menschen zum Nachdenken bewegen können.«


Siegfried Eckert


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Ja nicht ja
Eine Pfarrexistenz im kommunistischen Rumänien
Artikel lesen
Sexagesimae (2. Sonntag vor der Passionszeit)
24. Februar 2019, Apostelgeschichte 16,9-15
Artikel lesen
Estomihi (Sonntag vor der Passionszeit)
3. März 2019, Lukas 10,38-42
Artikel lesen
4. Sonntag vor der ­Passionszeit
10. Februar 2019, Mk. 4,35-41
Artikel lesen
»… um des Menschen willen – Zeit für Freiräume 2019«
Überlegungen zu einem landeskirchlichen Projekt
Artikel lesen
Was wird aus der Kirche?
Formen religiöser Vergemeinschaftung und die Rolle der Organisation
Artikel lesen
»Unter der Fahne des Christentums«
Christliche Identität in Zeiten des Populismus
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!