Von der (un)möglichen Möglichkeit, Gott zu erkennen
»Ich bin, der ich bin«

Von: Jürgen Grimm
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Mehr denn je beschleicht heutige Zeitgenossen der Verdacht, Religion sei das Produkt menschlicher Fantasie und schaffe tendenziell Ausgrenzung, Feindschaft und Kriege. Dem ist kaum zu widersprechen. Spätestens seit Feuerbach und Freud wissen wir um den Projektionsverdacht jeglicher Religion. Und bis heute wurden und werden offen oder verdeckt Religionskriege geführt. Dennoch ist festzuhalten: Auch wenn Religionen Projektionen produzieren, so steht am Anfang in der Regel eine Transzendenzerfahrung, genauer eine Erfahrung, die im weitesten Sinne mit Göttlichem in Verbindung gebracht wird, z.B. Visionen und Auditionen, man denke u.a. an die Dornbuscherfahrung eines Mose (Ex. 3).

Projektionen sind immer anthropomorph. Sie reden menschlich von Gott und damit uneigentlich. Aber: Wenn Menschen quer durch die Geschichte Gottesvorstellungen entwickeln, muss der Zielpunkt noch lange nicht unwahr sein. Will heißen: Projektionen schließen die Existenz Gottes nicht aus. Dennoch: Nicht der Projektionsverdacht ist das Anliegen meiner Überlegungen, sondern die dahinter liegende Fragestellung: Vorausgesetzt, Gott existiert, kann er sich dem Menschen überhaupt mitteilen? Diese Frage steht in unmittelbarer Verbindung zur zweiten Frage: Ist der Mensch überhaupt in der Lage, Gott wahrzunehmen?


Kann Gott sich dem Menschen überhaupt mitteilen?

Empirisch betrachtet ist die Existenz Gottes nicht nachweisbar. Was nicht bedeutet, dass er nicht existiert. Im Gegenteil: Die Erschaffung von Materie in Raum und Zeit setzt eine höhere trans-personale Intelligenz voraus, eine Metaebene jenseits des menschlich empirisch Fassbaren in einem n-dimensionalen Raum.

Im Blick auf die Mitteilungsfähigkeit Gottes könnte dies bedeuten: Entweder eine Kommunikation mit Gott ist aufgrund der Metaebene nicht möglich, da das Endliche das Unendliche nicht fassen kann (finitum non capax infiniti). Oder: Die Metaebene kann mit den Menschen sehr wohl kommunizieren (z.B. im Sinne der altkirchlichen Christologie, wo nach der Zwei-Naturen-Lehre Christus als Sohn Gottes dem Endlichen das Unendliche offenbart). Dann stellt sich allerdings die Frage: Warum zeigt sich Gott derart unterschiedlich quer durch die Menschheitsgeschichte? Denn das, was Religionen über Gott aussagen, ist nicht kompatibel.

Zugespitzt formuliert: Ohne die Souveränität Gottes infrage stellen zu wollen, welchen Sinn soll es machen, dass Gott sich globalgeschichtlich so different »zeigt«, und das auch noch derart, dass konkurrierende Absolutheitsansprüche aufgebaut werden, bei denen erwartet wird, dass Heil oder Unheil sich an der Zustimmung oder Weigerung zum jeweiligen Gottesglauben entscheiden.


Die Uneindeutigkeit Gottes

Spätestens hier wird deutlich: Entweder Gott gelingt eine eindeutige Offenbarung nicht. Oder wir sind erst im Laufe der Geschichte mit unseren intellektuellen Möglichkeiten in der Lage, immer mehr von Gott zu verstehen. Bis dahin, dass das Christentum sich als die universelle und endgültige Gottesoffenbarung verstehen will. Wohl auch deshalb, weil die christliche Religion dem modernen Menschen am meisten aufgeklärt und human erscheint.

Jesus von Nazareth hatte sicher ein ausgeprägtes Gottesbewusstsein und klare Gottes- bzw. Reich-Gottes-Vorstellungen. Doch schon die Apostel und Evangelisten deuten und ergänzen seine Botschaft nach ihren theologischen Absichten. Auch hier wieder sehr viel menschliches Projizieren. Hinzu kommt dass der christliche Glaube immer auch seine jüdischen Wurzeln mit bedenkt und dabei sehr wohl selektiert (z.B. Aussagen bezüglich Heiliger Krieg, Polygamie, Reinheitsvorschriften, Speisevorschriften, [Sühn-]Opfervorstellungen etc.).

Bei aller Sympathie für die christliche Religion ist nach dem bereits Gesagten festzustellen, dass auch das christliche Gottesbild viele Fragen offen lässt. Ein Wort wie »Niemand kommt zum Vater denn durch mich (= Jesus)« (Joh. 14,6) hat im Laufe der Geschichte zu fatalen Absolutheitsansprüchen geführt, die einen Dialog mit anderen Religionen fast verunmöglichen. Dass andere Religionen ähnliche Absolutismen generierten, macht die Situation nicht einfacher. Wenn Gott letztlich ein Geheimnis bleibt, das wir nicht ergründen können, darf es »um Gottes willen« keine Glaubenskriege geben.


Gottes geheimnisvolle Geistkraft

Wie aber sollen gläubige Menschen mit der Tatsache umgehen, dass es die eine und zugleich eindeutige Gottesoffenbarung nicht gibt? Ich bewege mich im Spekulativen, wenn ich behaupte, bei der Differenz der Religionen haben wir es nicht mit einem Präsenz-, sondern mit einem Kommunikationsproblem Gottes zu tun. Vermag der trans-personale wie trans-empirische Gott sich überhaupt verbal zu äußern (im Sinne von »Und Gott sprach …«)? Die Diversität der »Offenbarungen« spricht nach all dem Gesagten dagegen. Oder verfügt Gott über eine nicht messbare Einwirkungskraft, die die Religionen gerne Geist Gottes nennen? Es scheint, als müsse sich umgekehrt der Mensch Gott nähern, indem er ihm sozusagen »auf die Spur« kommt – durch diese Geistkraft Gottes, die im Innern eines Menschen und dann auch in bestimmten charismatischen Persönlichkeiten zum Tragen kommt. Mit Vorstellungen, die sich im Laufe der Geschichte u.U. evolutionär entwickeln können. Gott »auf die Spur« kommen – nach welchen Kriterien soll dies geschehen? Durch die Suche nach einem vernünftigen, komplexen, humanen Gottesbild?


Was ist ein plausibler Glaube?

Ich sehe momentan nur den Weg des Ergriffenwerdens, der Selbsterschließung und Selbstevidenz und der Lebensdienlichkeit dessen, was mir als Religion begegnet. Mir ist bewusst, dass dies ein höchst selektiver bzw. eklektischer Prozess ist, der aber selbst im NT positiv bewertet wird (1. Thess. 5,21: »Prüfet alles, das Gute behaltet«).

Ich persönlich finde diese innere Plausibiltät und Stimmigkeit in hohem Maße in der Botschaft Jesu. Sie gibt Menschen Sinn, Halt, Trost, Kraft, Orientierung, Widerständigkeit, Herrschaftskritik, Verantwortungsbewusstsein – ein Schatz, der sich in Kunst und Theologie, in gelebtem Glauben wie im öffentlichen Diskurs großartig äußert (besonders auch im Bereich des Ethischen). Auf alle Fälle eine Ressource für Lebensbewältigung!

Fundamentalisten tun so, als seien die Inhalte der Religionen gottgegeben und unterwürfig zu befolgen. Der moderne Mensch will nicht irgendetwas glauben, sondern etwas, das ihn überzeugt. Überzeugt wird er am ehesten durch Ehrlichkeit. Und Ehrlichkeit im Religiösen bedeutet, es gibt keine direkte Gotteserkenntnis, sondern immer nur Erfahrungen, die Menschen auf Transzendentes beziehen. Kritischen Zeitgenossen kann dadurch quasi in einer »zweiten Naivität« (Paul Ricœur) Zugang zu einem rational verantworteten Glauben ermöglicht werden. Wissend um die Herkunft der Rede von Gott, kann ich mich kritisch und zugleich vertrauensvoll auf die pro-me-Aussagen der religiösen Texte einlassen.


Eine projektionsfreie Gottesprädikation

Wer eine völlig projektionsfreie Gottesprädikation sucht, findet sie in Ex. 3,14. Sie wird einem Mann namens Mose zuteil. Ohne Zeugen. Jahrhunderte später aufgeschrieben. »Gott sprach zu Mose: ›Ich bin, der ich bin‹.« Oder anders übersetzt: »Ich bin, der ich (jeweils) sein werde.« Gott ist hier nicht festgelegt und nicht festlegbar. Hier wahrt Gott sein unaussprechliches Geheimnis. Seine Souveränität und seine souveräne Präsenz. Gott ist da. Wie auch immer. Das muss ge­nügen.

Fazit: Vorausgesetzt, es gibt Gott, dann hat dieser nicht für eine allen Menschen gleichermaßen zugängliche und eindeutige Offenbarung gesorgt. Die Vielfalt der Religionen könnte ein Indiz dafür sein, dass der qualitative Unterschied zwischen Gott und Mensch es Gott nicht ermöglicht, sich dem Menschen adäquat mitzuteilen. Was im Umkehrschluss bedeutet: Der Mensch hat keine hinreichende Möglichkeit, kein Wahrnehmungsorgan, Gott und Gottes Botschaft authentisch zu erfassen.

Was bleibt, ist zweierlei: Das ganze Vertrauen in ein transzendentes Geheimnis zu setzen, das für den Menschen »da« ist, im Sinne von Ex. 3,14: »Ich bin, der ich bin« bzw. »Ich bin der, als der ich mich jeweils erweisen werde«. Und das zweite: »Prüfet alles, das Gute behaltet.« Im Sinne von: Ich lasse mich von der Plausibilität und Selbstevidenz durch Texte oder mystische Erfahrungen eines göttlichen Geheimnisses ergreifen und setze dahinein mein Ur-Vertrauen. Dazu zählt als weiteres Kriterium die Lebensdienlichkeit. Und da ist die christliche Religion unschlagbar!


Jürgen Grimm

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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