Modernes Weltbild und Theologie
Mit dem Glauben ernst machen

Von: Ulrich Finckh
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Während die Theologen sich traditionell mit theologischen Themen auf Grundlage der Bibel beschäftigen, also mit Exegese, Kirchengeschichte und Dogmatik, hat die Zeitschrift »Zeitzeichen« das Thema aufgegriffen, das m.E. besonders großen Einfluss auf die Abwendung vieler von unserer Kirche hat. Dort hat der emeritierte Praktische Theologe Professor Matthias Schleiff in den Heften 11/2017 bis 3/2018 die Frage behandelt, wie die Theologie auf die Herausforderungen der modernen Naturwissenschaften und ihr Weltbild reagieren soll. Besonders anknüpfend an Freuds drei Kränkungen der Menschheit, also die Probleme, die die kopernikanische Wende der Astronomie, die Evolutionslehre Darwins und die psychoanalytische Entdeckung der Triebhaftigkeit des Menschen gebracht haben, fragt er nach den nunmehr notwendigen Antworten und versucht gleich eine eigene. Die ist trotz der guten Erklärung des modernen Weltbildes und der ernsthaften Hinweise auf die Bedeutung biblischer Denkweisen für unseren Umgang mit der Welt allerdings letztlich konventionell, weil sie ein Gottesbild voraussetzt, das von allem nicht berührt wird. Wenn man die Bibel ernst nimmt, spricht sie aber von einem Wandel Gottes, der vom Stammesgott der Midianiter durch Mose zum Stammesgott der Israeliten (»Ich bin der Herr, dein Gott«) und erst bei den Propheten zum Herrn über alle Welt wird.


Ein sich wandelnder Gott

Der Ägyptologe Jan Assmann verweist auf die mit der Jugend Moses in Ägypten auch in der Bibel angedeuteten ägyptischen Wurzeln des Monotheismus. Die allgemeine religionsgeschichtliche Forschung geht sowieso davon aus, dass die Menschheit von früherem aus Ängsten entstandenem Geisterglauben und Versuchen, auf die vermuteten Mächte einzuwirken, über zunehmende Abstraktion zu Gottheiten für bestimmte Lebensbereiche und erst spät zum Monotheismus gekommen ist, der die den Göttern unterstellten Eigenbereiche auflöste zugunsten einer in allen Lebensbereichen geltenden ethischen Verantwortung. Wie schwierig dieser letzte Fortschritt war, sieht man bei den bis heute wirkenden Götterbereichen, modern gesprochen Eigengesetzlichkeiten, in Wirtschaft und erst recht Militär mit der Bereitschaft, im Krieg mit Mord und Totschlag über andere herzufallen. Gewisse Ansätze zu derartigen Eigengesetzlichkeiten gibt es allerdings in fast allen Lebensbereichen. Nüchtern betrachtet muss man also sagen, dass die Menschen das Denken über Gottheiten verändert und ihr Leben Schritt für Schritt unter sinnvolle Regeln gestellt haben. Dabei wandelten sich die Vorstellungen von Gott und, wie Kurt Flasch in seinem Buch »Der Teufel und seine Engel« gezeigt hat, auch die vom Teufel. Am stärksten war dieser Wandel im Laufe der Neuzeit. Die Frage, die Schleiff behandelt, ist also mehr als berechtigt, aber noch radikaler zu beantworten, als er es tut. Ich möchte dazu einige Gedanken beitragen.


Welt ohne Himmel und Hölle – 500 Jahre Neuzeit haben Konsequenzen

2017 wurden 500 Jahre Reformation gefeiert, als ob das der wichtigste Schritt vom Mittelalter zur Moderne gewesen wäre. Wichtig war das Zusammentreffen vieler neuer Erkenntnisse. Kopernikus hatte gezeigt, dass die Erde um die Sonne kreist. Kolumbus hatte Land an der Westseite des Atlantiks gefunden. Vasco da Gama hatte Afrika umfahren, wenig später die Expedition von Magellan die Erde umrundet. Wissenschaft und Kunst der Griechen wurden dank Ausgrabungen, Archivfunden und nicht zuletzt arabischen Überlieferungen wieder entdeckt oder neu belebt, also die Mathematik eines Euklid, die Naturwissenschaft des Aristoteles und die Technik des Archimedes, um nur Beispiele zu nennen für das Wissen der Alten, das nun besser und umfassender bekannt wurde. Es gab diese Renaissance und zugleich die neuen Entdeckungen. Alles konnte schnell verbreitet werden, weil Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern revolutioniert hatte. Nun konnte man Bibeln und wissenschaftliche Schriften, antike Quellen und Flugblätter in Mengen herstellen, also leichter und billiger bekommen.

Dabei zeigte sich auch, wie berechtigt die Kritik der Reformatoren an vielen Überlieferungen war. Der teure Prunk der Kirchenfürsten passte nicht zu den Evangelien und der Kelch beim Abendmahl nur für den Priester nicht zu Jesu Aufforderung: »Trinket alle daraus«. Die Entdeckungen zeigten zur gleichen Zeit eine Welt, die mit den biblischen Vorstellungen nicht übereinstimmte. Es gab keine in der Tiefe festgegründete Erdscheibe mehr, über der eine Art Riesenkäseglocke den Himmelsozean fern hielt, keine Himmelsgewölbe, an denen Sonne, Mond und Sterne angeheftet waren. Es gab keinen Platz mehr für den Himmel darüber und auch keinen für die Höllenfeuer darunter.


Der Kampf um die neuen Erkenntnisse

Während Reformatoren den Laienkelch und Kirchenreformen forderten, begannen Wissenschaftler das alte Weltbild mit Hilfe der neuen Erkenntnisse zu ersetzen. Die bisher fast allmächtige Kirche Roms wehrte sich mit Inquisition wie gegen Galilei und dank kaiserlicher Hilfe mit kriegerischer Gewalt, die schließlich im 30jährigen Krieg vor allem die deutschen Lande schrecklich verwüstete. Aber Teile der reformatorischen Bewegungen blieben, und die Entwicklung der Wissenschaft konnte nicht aufgehalten werden. Schulen und Hochschulen veränderten das Denken vor allem in den von der Reformation beeinflussten Teilen Europas. Mit den von Lessing veröffentlichten Überlegungen des Rektors Reimarus der berühmten Hamburger Gelehrtenschule Johanneum griff die kritische Wissenschaft auch nach der Bibel, und das ging immer weiter.

Heute ist es wissenschaftlich nicht mehr zu bestreiten, dass die biblischen Berichte von einem Weltbild ausgehen, das für uns kaum noch zu verstehen und mit unserem Denken und Wissen in vielen Punkten nicht mehr zu vereinbaren ist. Die beiden am Anfang der Bibel stehenden, sich zudem widersprechenden Schöpfungsgeschichten sind Märchen, die allenfalls noch im Nachdenken über die Stellung und Aufgaben des Menschen interessant sind. Die Berichte über Himmelfahrten, Wunder und göttliches Eingreifen führen nur noch zu Kopfschütteln. Gott ist zur Chiffre für das Gute geworden, der Teufel zur Chiffre für das Böse, aber Wirklichkeiten, Personen oder Mächte sind sie in der Moderne nicht mehr.

In einem Universum mit dem Blick bis zu Galaxien, die 13 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind, ist für viele biblische Vorstellungen kein Platz mehr, auch keiner mehr für die Vorstellungen anderer Religionen. Hatte Kopernikus die Erde zum einfachen Planeten, der um die Sonne kreist, gemacht, so ist inzwischen selbst unsere Sonne nur noch ein relativ unbedeutender Stern am Rande einer von Milliarden Galaxien in einem unfassbar großen Universum.

Der Mensch als besondere Schöpfung Gottes ist, wie Schleiff schön erklärt, zu einem zufälligen Winzling in einem Eckchen dieses riesigen Universums geworden. Wie sollen wir da vermitteln, dass der Mensch als Gottes Ebenbild geschaffen wurde, wenn die Erben Darwins uns aufzeigen, dass die Menschen nur eine Gruppe der Primaten bilden, die nicht mehr durch die Bäume hangeln, sondern stets auf ihren Beinen laufen, vom Fell nur noch Reste haben, aber das größte Gehirn und die geschicktesten Hände der Primaten aufweisen? Und wie sollen wir von Himmelfahrten sprechen, wenn man selbst mit Lichtgeschwindigkeit die Grenzen unseres Universums nur in Milliarden Jahren erreichen kann? Festhalten am traditionellen Gottesglauben der biblischen Texte muss als Selbsttäuschung und Überheblichkeit erscheinen. Der zunehmende Atheismus ist kein Wunder.


Beobachten statt Glauben

Noch aufregender als die Frage des modernen Weltbildes ist allerdings die Vorgehensweise der modernen Naturwissenschaften. Schleiff setzt sich damit nur im Blick auf die unterschiedlichen Sichtweisen und Sprachen auseinander und weist auf Problembereiche hin. Ob der Zufall eine Chance für göttliches Eingreifen ist? So weist er apologetisch auf Probleme hin, die es bei Quantenphysik und Hirnforschung gibt. Alles bleibt für ihn dabei freilich unter der traditionellen Gottesvorstellung. Aber ist das haltbar?

Ich habe mit meinem Bruder, Physikordinarius in Erlangen, oft darüber gesprochen. Er warnte, die Theologen sollten nicht nach Lücken im modernen Weltbild suchen, um dort Platz für Gott zu finden. Es könnte sein, dass am Ende kein Platz mehr übrig bleibt. Weil er sich stets für Theologie interessiert hatte, war ihm der Gedanke der Entmythologisierung vertraut und eine Hilfe, in der Kirche zu bleiben. Von mit ihm befreundeten Kollegen hörte ich bei seiner Beerdigung zufällig, wie einer den anderen fragte: »Hättest du das für möglich gehalten, dass Eberhard noch in der Kirche war?« Das zeigt die Problematik, die Naturwissenschaftler heute mit Vorstellungen, wie sie Schleiff vertritt, haben.

Naturwissenschaft ist Beobachtung von Natur und/oder Experimenten und darauf gegründeten Hypothesen. Sind sie genug geprüft, werden feste Theorien daraus. Aber es braucht nur ein Beispiel, dass etwas nicht stimmt, dann ist die ganze Theorie hinfällig. Wendet man dieses Denken auf die Vorstellung von Gott als Weltenlenker an, ist jede Naturkatastrophe ein Grund, die Hypothese Gott aufzugeben, ganz gleich, ob es sich um Erdbeben oder Überschwemmungen, um Orkane oder schlimme Vulkanausbrüche, um Krieg oder Völkermord handelt. Es ist im Grunde die alte Theodizeefrage, die Schleiff abtut als unsinnige Kritik des Geschöpfes an seinem Schöpfer.

Wenn wir Gott im Credo als Allmächtigen bezeichnen, verführt das jedoch zu solchen Fragen und der Falsifizierung der Hypothese Gott. Dabei ist die Aussage »allmächtig« zunächst einfach die Absage an die vielen Gottheiten mit ihren je eigenen Bereichen und die vergöttlichten Kaiser. Maßgebend sind sie für Christen nicht mehr, sondern allein der biblische Gott. Aber für den ist eben kein Platz mehr in der modernen Welt, allenfalls noch bei denen, die die moderne Welt generell ablehnen. Diese Auseinandersetzung ist vor allem ein Thema in den wissenschaftlich und technisch geprägten Gesellschaften der Industrieländer und der Großstädte, während z.B. der Islam, der sich gegen deren soziale Folgen wendet, noch so tut, als sei das alles für ihn kein Problem. Das macht ihn für viele fremd und unheimlich. Seine Anhänger nur im Bereich der sozialen Probleme zu kritisieren, etwa beim Kopftuch der Frauen, geht an den größeren Problemen völlig vorbei, mit denen sich auch moderne Muslime bereits beschäftigen.


Was bleibt für die Religionen?

Über Jahrhunderte wurden die Menschen durch Worte und Taten der großen Religionsstifter in ihrem Denken und Tun beeinflusst. Das hat ethisch und gefühlsmäßig viel Gutes bewirkt und sollte nicht verloren gehen, nur weil unser Weltbild sich so radikal verändert hat. Was ist zu tun? Die übliche Kirchenfrömmigkeit und erst recht der Fundamentalismus der Pfingstler und Evangelikalen oder eines Benedikt XVI. helfen da nicht weiter, zumal man meist auf willkürlich ­gewählte frühere Zeiten und oft einfach auf Einzelpunkte zurückgreift. Wir müssen neu ansetzen. Ich kann als christ­licher Theologe nur für uns versuchen, eine Antwort zu ­finden.

Wichtig scheint mir die These von Dietrich Bonhoeffer, dass es im christlichen Glauben um die Nachfolge Jesu geht. Dessen Predigen und Wirken war bestimmt von Nächstenliebe, mitmenschlichem Verständnis füreinander, selbst für Feinde, Helfen, Bereitschaft zum Vergeben bei Fehlern, bestimmt von Freiheit und Gewaltlosigkeit. Dass das Frieden bedeutete und mit der Macht und militärischen Gewalt der damals Herrschenden, insbesondere der römischen Besatzungsmacht, kollidierte, ist kein Wunder. Dass Jesus trotzdem recht hatte und mitmenschliche Liebe stärker ist als Gewalt, ist die Botschaft der Auferstehung. Seine Anhänger sahen ihn nach der ersten Erschütterung wieder vor sich, führten sein Werk fort und waren am Ende stärker als der Kaiser und alle Götter und Gottessöhne der hellenistisch-römischen Welt. Gottessohn war damals eine gängige Bezeichnung wie bei uns Star oder Held, fast inflationär angewandt auf Heroen, Städtegründer – seit Alexander dem Großen zunehmend auch auf Kaiser.

Die kritische Exegese hat inzwischen gezeigt, dass die sich in den Einzelheiten widersprechenden biblischen Geburtsgeschichten nichts mit der Wirklichkeit des Lebens Jesu zu tun haben. Er heißt nicht zufällig immer »Jesus aus Nazareth«. In Mk. wird er sogar geradezu als Gottes Adoptivsohn geschildert, dazu ernannt bei der Taufe durch Johannes. Deshalb meint die Schilderung Jesu als Sohn Gottes nicht Gottes Menschwerdung, sondern ist die Kampfansage an die vergöttlichten Kaiser und alle damals in den Himmel gehobenen Heroen. Die Besonderheit Jesu wird betont, indem er der einzige Gottessohn genannt und allen anderen Mächten und Gewalten damit ihre Geltung genommen wird. Er allein ist der, dem wir nachfolgen sollen und als Christen wollen.


Nachfolge Jesu

Ist diese Übersetzung in Nachfolge Auflösung der Religion in Ethik? Moderner Unglaube? Oder vielmehr die Übertragung der Trias Glaube, Hoffnung, Liebe in unsere Welt? Jesus hat sich nur nach dem späten vierten Evangelium als Gottes Sohn bezeichnet, zum Gebet schlägt er vor, Gott als unseren Vater anzusprechen. Wir sollten seine Bescheidenheit ernst nehmen und seine Nachfolge ebenso. Es ist kein Zufall, dass bekannte nachdenkliche Christenmenschen wie Martin Niemöller oder Heiner Geißler ihr Christsein unter die Frage gestellt haben »Was würde Jesus dazu sagen?« Die darin liegende Antwort »Nachfolgen« dürfte die beste Übersetzung der alten Geschichten sein. Es ist zugleich die Fortsetzung des christlichen Kampfes gegen die Eigengesetzlichkeiten, die die Antike bestimmten Gottheiten zuordnete, und die heute fröhliche Urständ feiern, wenn Politiker oder Wirtschaftsbosse sich über »Gutmenschen« lustig machen und die Kirche mahnen, sich lieber um den Himmel zu kümmern, den sie natürlich nur noch als Fantasieprodukt sehen, als um ihr oft für die Zukunft der Menschheit gefährliches Handeln, in dem die heidnischen Götter mit ihren je eigenen Gesetzlichkeiten an die Stelle der Verantwortung im Sinne Jesu treten.

Nimmt man die angesprochene Problematik ernst, wird Bultmanns Forderung einer existentialen Interpretation der Bibel zu einer dringenden Aufgabe und eine Bereinigung der Gesangbücher nicht nur von ihrem monarchistischen Stil sondern auch von den weltanschaulich überholten Aussagen über Gottes Handeln ebenso. Wir sollten versuchen, uns in der modernen Welt ehrlich zu machen, und müssen diskutieren, wie das zu bewerkstelligen ist. Sich dem zu verweigern, ist nicht mehr zu verantworten.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Ulrich Finckh, Gemeinde- und Jugendpfarrer in der EKHN, 1962-70 Studentenpfarrer in Hamburg für die späteren Fachhochschulen, 1970-91 Gemeindepfarrer in Bremen, bis 2003 Delegierter der Evang. Arbeitsgemeinschaft zur Betreuung der Kriegsdienstverweigerer und Vorsitzender der Zentralstelle KDV, Mitbegründer des Sozialen Friedensdienstes Bremen und der Gustav Heinemann-Initiative; Publikationen: »Vom heiligen Krieg zur Feindesliebe Jesu – Beiträge zu Rechtsstaat und Friedensethik«, »Gottes Adoptivsohn – Theologische Skizzen für kritische Leser«, »Pimpf, Pfarrer, Pazifist. Ein kritischer Rückblick«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

3 Kommentare zu diesem Artikel

24.02.2019
Ein Kommentar von norwin magdanz, Pfr.i.R.


weitere kleine Anmerkung zu „Mit dem Glauben ernst machen“ - Modernes Weltbild und Theologie, von Ulrich Finckh Bin immer noch enttäuscht über den mageren Austausch untereinander ... Sogenannte „konservative“ Christen gehen Gesprächen über ihren eigenen Tellerrand aus dem Weg. "Moderne" Christen möchten ihren Glauben in Einklang mit dem fortschreitenden Weltbild und in Einklang mit den eigenen Erfahrungen bringen. Gespräche, Austausch mit anderen, über ihre Fragen und Umgang mit dem christlichen Glauben, geschieht dies nicht immer weniger? (Das Interesse an Gesprächskreise in Gemeinden, Seminare erlahmt …). Oft höre ich: Die Bibel läßt sich halt so und so auslegen, aber meine hat die Bibel zur Grundlage… Theologen, Professoren scheuen sich nicht selten ihre eigene Meinung zu vertreten, zu zeigen, wo sie selbst stehen. Haben oder nehmen sie sich für diese Gespräche zu wenig Zeit? Aus diesen Beobachtungen ließe sich schlussfolgern, dass dem christlichen Glauben keine ernstliche Bedeutung zuerkannt ist, eine weitreichendere Klärung nicht von Nöten sei. Wobei ich für mich selbst doch genau weiß, was ich glaube, was für mich tragend ist und was für mich nicht mehr relevant ist, ja, was mit meinen Glauben unvereinbar ist. Mein persönlicher Glaube, ist doch in unserer Gesellschaft, der Verfasstheit und Präsenz der Kirche keine Privatsache. Sie betrifft verantwortlich immer noch unsere gesamte kirchliche Arbeit. Zu diesen Wahrnehmungen gesellt sich die Beobachtung: in unseren Gemeinden finden immer noch alle Ansichten über den Glauben ihren Platz, obwohl die Gemeinden je auch ihre eigene Prägung haben. Wünsche mir über den Glauben einen offenen Austausch statt unterirdische Kämpfchen, bei denen, wenn es öffentlich wird, oft nur einer gewinnen kann. Wobei dann nicht die Argumente das Zünglein an der Waage ist. Schlimm, schmerzlich, wenn ein Teil der Gemeinde hier Spaß findet und dazu ihren Einfluss ausspielt. Dann hat ihr "Hirte" oft nichts zu lachen. Mehr und mehr erlebe ich, wohl meinem Alter geschuldet, eine sogenannte ‚Weisheit des Alters‘. Ist mir in den letzten 10 Jahren, immer wieder ermuntert zugesprochen worden: "Du mußt daß alles nicht so ernst nehmen - ist zudem doch ein Vorrecht des Alters". Das hat was und auch nicht! Ich plädiere, ja erwarte eigentlich immer noch von uns Christen, daß wir anstehende Fragen, bestehende Probleme in einer ‚Streitkultur‘ artikulieren können. Das ist aber nicht immer mit Sanfthandschuhen zu händeln. Auch das sehe und lerne ich bei diesem Jesus von Nazareth. Natürlich kann ich nachvollziehen, die Kaste der Priester empfand, was Jesus sagte und tat, als eine Einmischung, als Beleidigung und nachempfindend, schmerzhaft. Wie zurzeit Jesu, so gibt es auch heute vieles, was wir Denken und Tun, gerade auch aus der Sicht der vergangenen Weltbilder, keinerlei Respekt verdient. Es sollte doch möglich sein, dass wir da alle, aus allen Lagern, von rechts bis links, konservativ bis liberal, einander helfen, suchend klären, was es heute heißt mit Jesus Glauben, ihm nachfolgen, wenn wir das wollen, es uns anfaßt, „von ganzem Herzen von ganzer Seele und von ganzem Gemüte." (aus einer DinA4 Seite mit Bibeltexten, die meine Konfirmanden erhielten, auswendig lernten und über die wir 1 ½ Jahre immer wieder ins Gespräch kamen, insbesondere über den zweiten Teil: “Dies ist das höchste und größte Gebot. Das andere aber ist dem gleich:Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten“. (Herz = Wille / Gemüt = Verstand, Gedanken / Seele + Gemüte = „aus deiner ganzen Kraft“) Unsere Auffassungen von Gott und die Welt sind unterschiedlich. Meine Auffassungen werden von vielen anderen nicht gebilligt, sogar als Blödsinn, ja als lästerhaft, gottlos abgetan. In dieser Lage war auch Jesus von Nazareth … Ja, immer wieder schaue ich mit Erstaunen auf ihn, diesen Jesus von Nazareth, wie er mit der Frömmigkeit der damaligen Priesterschaft umgegangen ist: mit Respekt, den wie wir heute sagen, die „Menschenwürde“ gebietet. Damit akzeptierte er jedoch nicht ihre Überzeugungen und Handlungen. Jeden Tag, so hab ich den Eindruck, gab es diese „Streitgespräche“ Jesu mit den schriftgelehrten Priestern und Pharisäern, er suchte geradezu das Gespräch mit ihnen. Schließe mit einem Zitat von Dag Hammarskjöld: „Untrüglich ist unser Wissen, inwiefern Kommunikation das Sein (das Wesen) einbindet - „sein“ ein Akt ist und sich bildet strikt untrennbar von der Beziehung. Es gibt nicht „das sein“ (das Verbum) und dann die Beziehung. Jedes „ich“ ist, bildet und enthüllt sich nur im Akt des seins.“ – spricht für Nachfolge!
22.12.2018
Ein Kommentar von norwin magdanz


auf die Schnelle, zum Kommentar. Er möchte aufzeigen wie wir/ich untereinander mit den unterschiedlichesten Menschen sprechen heute, vom Theologen bis hin zu Menschen, die sich noch in der Kirchengemeinde treffen oder auch mit sogenannten Religionlose, mit meinen Kindern und Freunden … . Sie sagen die vorgeschlagene "Nachfolge Jesu" von Finckh könne er nicht begründen. Sehe ich das genau andersherum? Die Christl.Kirchen sind leer, weil wir immer noch mit dogmatische Sätzen setzen etwas begründen oder meinen aufzeigen zu können, die mit unserer Wahrnehmung (Erfahrung) von Welt nicht übereingehen. Diese Sprache vermag nichts mehr zu transportieren (ähnlich, einer Fremdsprache), trägt keinen mich überwältigende Funken, kein Impuls Glauben zu wagen oder überhaupt zuverstehen um was da etwa geht (konnte sie noch nie!). Die Ethik, das Handeln Jesu (seine Haltung, seine Wesensart) ist mir bis heute "zugänglich", viele Menschen, in allen Jahrhunderten, sind seinem Beispiel gefolgt, haben seine Nachfolge unendlich wieder aufgenommen, wieder entdeckt. Hier war es ihnen vergönnt, Heil und Leben zu ansichtig zu werden, zu erfahren, zu glauben. Dafür brauchte es keine Begründung, aber vielleicht, das "fleischgewordene Wort" (Logos). Wenn wir darüber reden, uns verständigen so geht das nur in "irdenen Gefäßen", niemals wider Wissenschaften, Psychologie, Biologie, usw. / Unser Jüdisch-christlicher Glaube ist ‚einzig‘ in der Aussage: "Gott ist Liebe" und diese sei "in unseren Herzen ausgegossen", „das Reich Gottes ist/sei mitten unter uns, ja inwendig in uns"!. Vernunft und Liebe sind unbegrenzt, wie eine Öffnung hin zu dem was Christen mit "Gott" (Jahwe) "Vater" bezeichnen, eben im Wissen, daß "Gott" kein Name ist. "Ich bin der ich sein werde"!!, empfinde ich als unversichtbar, unaufgebbar, - und doch bin ich zu ‚ ‚IHM‘ gewendet, ausgerichtet, geworfen in Christus Jesus und wage die verrückte ntl. (auch im AT) Aussage: "Gott ist Liebe"!. Das ist ein "Weg, Wahrheit und Leben" (Nachfolge) - als nicht dechiffrierbare Chiffre, fordert meinen Glauben, eine Entscheidung (selbstbegründend!). Nun bin ich bereits seit meiner Kindheit und Jugend in Berührung mit Menschen in christl. Gemeinden (das sind dann 70 Jahre). Und irgendwie waren mir von Beginn an die dogmatischen Aussagen, wie Jesus Gottes-Sohn, Auferstehung, Himmelfahrt, …, ohne wesentliche Bedeutung. Aber noch 1980 wurde ich in der Gemeinde gefragt (getestet), ob ich an die „Auferstehung“ glaube, an „Vergebung“, „Erlösung“ und „ewiges Leben“. Die Gemeindeglieder in unseren Gemeinden, haben es nie gelernt, diese Benennungen, Zuschreibungen, jenseits einer Götterwelt (Götzenwelt), aufzubrechen … Es schmerzt mich heute (noch), wenn ich sehe, welche Türen dadurch unseren Kindern , der heutigen Generation, verriegelt bleiben. Die neue Zukunft des Christlichen zeigt sich hie und da im Raum sogenannter Atheisten. Breche hier einfach mal ab, in der Hoffnung meine Zielrichtung des angedeuteten, wird ein „ganz wenig“ deutich.
17.12.2018
Ein Kommentar von Gereon Vogel-Sedlmayr


Ulrich Finckh fragt: Wie soll man angesichts der Erkenntnisse der modernen Naturwissenschaft "mit dem Glauben ernst machen"? Er schreibt dazu. "In einem Universum mit dem Blick bis zu Galaxien, die 13 Milliarden Lichtjahre von uns entfernt sind, ist für viele biblische Vorstellungen kein Platz mehr, auch keiner mehr für die Vorstellungen anderer Religionen." Als Rest bleibt Finckhs Einschätzung nach die Forderung nach Nachfolge Jesu - wie diese aber zu begründen ist, bleibt offen. Es ist wie häufiger in dieser Diskussion: Mit der Bereitschaft, andere "aus Ängsten entstandene" Religionen zugrunde zu kritisieren, werden zugleich auch die weltbildhaften Anteile der eigenen Religion platt gemacht. Meines Erachtens fehlt es an zweierlei: erstens der Wertschätzung des religiösen Erbes der Menschheit insgesamt und zweitens der Erkenntnis, dass kein Weltbild ohne spekulative Komponente auskommt. Im Gegensatz zu Finckh ist es wohl eher angebracht, in anderen Religionen nicht nur menschliche Ängste am Werk zu sehen, sondern durchaus auch Gottes "Logos"; und gegenüber der Wissenschaftsgläubigkeit darauf hinzuweisen, dass die großen existenziellen Fragen in der Naturwissenschaft lediglich am Rande vorkommen und beileibe nicht als geklärt zu betrachten sind. Theologisch ist es Zeit, auf Ansätze zurückzukommen, wie sie in der Prozesstheologie versucht worden sind. Der Philosoph Alfred North Whitehead, der die Prozesstheologie inspiriert hat, wurde kürzlich vom bekannten theoretischen Physiker Harald Lesch "mein persönlicher Lieblingsphilosoph" (In: Lesch, Harald/ Wilhelm Vossenkuhl (2015), Die großen Denker S. 592) genannt.

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