Johann Sebastian Bachs »Magnificat«
Musikalische Bereicherung für die Weihnachtszeit

Von: Sönke Remmert
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Das biblische Magnificat (Lk. 1,46-55) ist einer der bekanntesten liturgischen Texte. Es handelt sich um den Lobgesang der Maria, nachdem ihr die Geburt eines Sohnes verkündet wurde. Auch seine musikalische Wirkungsgeschichte ist enorm. Sie reicht in alle musikalischen Epochen und Stilrichtungen. Sönke Remmert stellt hier das »Magnificat« von Johann Sebastian Bach näher vor.


Eine zentrale Bedeutung hat der Text des biblischen Magnificat in römisch-katholischen Vesper-Vertonungen, etwa in Claudio Monteverdis berühmter Marienvesper von 1613 oder in den Vesper-Vertonungen Mozarts KV 321 und 339. Weitere Vertonungen dieses Textes gibt es in unterschiedlichsten Epochen und Stilrichtungen. Sie reichen von der Gregorianik des Mittelalters über Johann Sebastian Bach und dessen Zeitgenossen wie Vivaldi oder Zelenka bis hin zu Kompositionen des 20. Jh., etwa von Ralph Vaughan Williams. Und auch Johann Sebastian Bachs »Magnificat« bildete für seinen eigenen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach das Vorbild für eine höchst interessante Vertonung des gleichen Textes.


Ein weihnachtliches Werk?

Johann Sebastian Bach komponierte sein »Magnificat« (BWV 243 und BWV 243a) ursprünglich für den Vespergottesdienst am 24.12.1723 in seinem ersten Amtsjahr als Leipziger Thomaskantor. So holte er gewissermaßen den Lobpreis der Maria, der in der römisch-katholischen Kirche im ganzen Jahr gesungen wurde, in seinen ursprünglichen weihnachtlichen Textzusammenhang zurück. Auffällig ist die Fünfstimmigkeit des Chores, der eine besondere Festlichkeit beschwört.

Das »Magnificat« entstand in seiner ersten Version (Es-Dur, BWV 243a) wenige Monate vor der Johannespassion. 1728, sinnigerweise in der Entstehungszeit seiner zweiten bekannten Passion, der Matthäuspassion, arbeitete Bach das »Magnificat« in seine heute zumeist aufgeführte Version BWV 243 um und transponierte es in die insbesondere für die damaligen Trompeten und Pauken gebräuchlichere Tonart D-Dur. Diese Umarbeitung ist neben der h-Moll-Messe die bekannteste lateinischsprachige Kirchenkomposition Bachs. In der späteren Version ersetzte er zudem die Blockflöten durch Traversflöten (Querflöten).

Der größte Unterschied zwischen der ursprünglichen Es-Dur- und der gebräuchlicheren D-Dur-Version sind jedoch vier ausgesprochen weihnachtliche Einlagesätze, die Bach 1723 komponierte und in der Umarbeitung tilgte. Bach entschloss sich offenbar, das »Magnificat« nicht nur auf die Weihnachtszeit zu beschränken, sondern es für unterschiedliche Feste im ganzen Jahr aufführbar zu machen, da es ohne seinen biblischen Kontext ein allgemeiner Lobgesang ist und traditionell auch als solcher behandelt wurde.

Vielleicht wollte Bach auch in direkte Konkurrenz zu seinen Zeitgenossen treten, die teilweise ähnlich dimensionierte »Magnificat«-Vertonungen vorlegten – z.B. zu Antonio Vivaldi, von dem er einige Violinkonzerte für Tasteninstrumente seiner Zeit bearbeitete. Dabei zeigt gerade der Vergleich von Bachs Meisterwerk mit Vivaldis düsterer »Magnificat«-Vertonung RV 611, was für eine positive, jubilierende Musik der angeblich so ernste und strenge Thomaskantor komponieren konnte.

Angesichts seines Kontextes ist der Lobgesang der Maria aber für die Weihnachtszeit besonders geeignet. Im diesem Zusammenhang ist es lohnend, sich auch der ursprünglichen Es-Dur-Version zuzuwenden, da die weihnachtlichen Einlagesätze nicht nur voll gültige Bach-Kompositionen sind, sondern auch tonartlich und motivisch mit dem Gesamtwerk verknüpft. So kann das »Magnificat« eine wertvolle und bereichernde Ergänzung zu Bachs höchst populärem Weihnachtsoratorium werden.


Ein Lobpreis in höchsten Tönen

Das »Magnificat« wirkt besonders komprimiert, da es im Gegensatz zu den Kantaten und Oratorien auf Da Capo-Arien verzichtet. Die einzelnen Sätze des etwa halbstündigen Werks sind recht knapp geformt.

Der Eingangssatz des »Magnificat« ist ein freudig-festliches Stück in der Grundtonart Es- bzw. D-Dur im vollen Glanz der Trompeten und Pauken und mit fünfstimmigem Chor. Wie etwa zu Beginn des »Gloria« der h-Moll-Messe dominieren helle und hohe Klänge. Im Zentrum steht der Lobpreis: Das Wort »Magnificat« wird buchstäblich in höchsten Tönen vielstimmig ständig wiederholt. Angesichts des relativ geringen Tonumfangs der ventillosen Naturtrompeten der damaligen Zeit basiert die Melodik dieser Instrumente auf auf- und absteigenden Dreiklängen, aus denen Bach jedoch gewissermaßen ein Grundmotiv des ganzen Werks macht, was die zyklische Einheit betont.

Die folgende Sopran-Arie »Et exultavit« knüpft an den Eingangsatz an. Wie dieser steht er in der Haupttonart und wird von einem aufsteigenden Dreiklangmotiv beherrscht. Den Dreivierteltakt des ersten Satzes steigert diese freudige Arie zum Dreiachteltakt. Man könnte an einen fröhlichen Tanz denken – an eine Gigue etwa, wie sie in Suiten der damaligen Zeit gebräuchlich war. Man denke etwa an den Schlusssatz der D-Dur-Orchestersuite BWV 1068.


Lutherische Note

In der Es-Dur-Version von 1723 folgt nun der erste weihnachtliche Einlagesatz: »Vom Himmel hoch«. Dieser Choralsatz über Martin Luthers populärstes Weihnachtslied gibt einem lateinischsprachigen Gesamtwerk über einen vor allem in der römisch-katholischen Kirche gebräuchlichen liturgischen Text eine evangelische, im wahrsten Sinne lutherische Note. Die motivische Klammer zu den ersten beiden Sätzen bildet der scheinbare Dreiertakt zu Beginn der Choralmelodie. Man spürt: Bach hat diesen polyphonen Chorsatz absolut mit Blick auf das Gesamtwerk gestaltet. Gäbe es nicht diesen Zwischensatz, hätte Bach wohl schwerlich zwei Sopran-Arien hintereinander gesetzt, so wie sie nun in der D-Dur-Version stehen, in der die weihnachtlichen Einlagesätze ja getilgt wurden.

Die nun folgende Sopran-Arie »Qui respexit humilitatem ancillae« steht als erster Satz des Bachschen »Magnificat« in einer Moll-Tonart. Die melancholische Stimmung mit der Oboenmelodie erinnert an Bachs Passionen. Dies hängt gewiss mit der Niedrigkeit der Magd Maria zusammen, die hier im Mittelpunkt steht. Die Arie geht über in den schmetternden, jedoch im Moll-Geschlecht verbleibenden kurzen Chorsatz »Omnes generationes«. Bach wollte der Aussage, dass alle menschlichen Generationen Gott rühmen, offensichtlich eine besondere Dramatik verleihen.


Starke Kontraste

Die folgende Bass-Arie »Qui fecit mihi magna« in A- bzw. B-Dur bildet einen starken Kontrast zur vorigen verhaltenen Sopran-Arie in Moll. Der Rhythmus ist tänzerisch und erinnert an eine Gavotte, wie wir sie in vielen Suiten der damaligen Zeit finden. Bach möchte die Erhöhung des Menschen (konkret: der Magd Maria) durch Gott darstellen. So können wir spüren: Für die vorige Arie hatte der Thomaskantor bewusst die Moll-Tonart gewählt, um die Niedrigkeit in den Vordergrund zu bringen. Ein wenig erinnert die Bass-Arie an das »Großer Herr, o starker König« aus dem berühmten Weihnachtsoratorium.

Die ursprüngliche Es-Dur-Version wartet nun mit dem zweiten weihnachtlichen Einlagesatz auf, der wie der erste in deutscher Sprache gehalten ist. »Freut euch und jubiliert« knüpft mit seiner Dreiklangmelodik deutlich an den zweiten Satz »Et exultavit« an. Bach hat diese Weihnachtssätze absolut in die zyklische Form des »Magnificat« integriert.

Das folgende Duett »Et misericordia« steht in Moll. Bach wählte hier das düstere Tongeschlecht, um Barmherzigkeit und Mitleid darzustellen. In seinem langsamen Dreierrhythmus erinnert dieses Duett bereits an den berühmten Eröffnungschor der Matthäuspassion.

Hierzu bildet der folgende wiederum schmetternde Chorsatz »Fecit potentiam« in der Haupttonart erneut einen starken Kontrast. Wieder geht es um die Erhöhung des Menschen – darum, dass Gott dem Menschen Macht verleiht. Der punktierte Rhythmus erinnert an die französische Ouvertüre, zu deren Klängen im Frankreich des Sonnenkönigs Ludwig XIV der Herrscher selbst die Bühne betrat.



Ein veritabler Musikdramatiker

An dem folgenden weihnachtlichen Einlagesatz kann man besonders beobachten, wie Bach diese Sätze auf die zyklische Gesamtform hin konzipierte: Dieses polyphone »Gloria in excelsis Deo« ist einerseits der aus der Messe bekannte »Gloria«-Text, entstammt andererseits dem Engelschor aus der Weihnachtsgeschichte. Musikalisch wirkt er nach dem eher majestätisch-langsamen »Fecit potentiam« wie der traditionelle schnelle zweite Teil der französischen Ouvertüre. Wie im textgleichen Abschnitt der h-Moll-Messe wird das »Gloria in excelsis Deo« in munteren Läufen komponiert, während das »et in terra pax« als Symbolik des Friedens mit ruhigen Akkorden dargestellt wird.

Die folgende Tenor-Arie »Deposuit potentes« schildert, wie die Mächtigen vom Thron gestoßen werden. Daran, wie Bach hier eine dramatische Moll-Stimmung einsetzt, kann man nachempfinden, dass der Thomaskantor gerne auch Opern komponiert hätte und ein veritabler Musikdramatiker gewesen ­wäre.

Die folgende Alt-Arie »Exurientes implevit« bildet in ihrer pastoralen, durch den Klang von Flöten geprägten Dur-Stimmung, zum vorhergehenden Satz erneut einen großen Kontrast. Dass die Mächtigen leer ausgehen, symbolisiert Bach durch den terzlosen, in der harmonischen Symbolik leeren Schlussklang am Ende des Satzes.


Zyklische Form

In der Es-Dur-Version von 1723 schließt sich nun der letzte der vier weihnachtlichen Einlagesätze an: »Virga Jesse floruit« – ein lateinischsprachiger Hymnus auf den Fleisch und Mensch gewordenen Jesus. Mit seiner Dreiklangmelodik unterstreicht er erneut die zyklische Geschlossenheit des Gesamtwerks.

Die folgende Terzett-Arie »Suscepit Israel puerum« erinnert in ihrer Moll-Tonart erneut an die Erniedrigung Gottes bzw. Christi. Wieder möchte man an die berühmten Passionen des Thomaskantors Bach denken.

Der vorletzte Chor des Werkes »Sicut locutus est« beschwört die Weissagungen des AT und kehrt zur Haupttonart des Werkes zurück. Das »Gloria Patri« schließlich greift die Musik des Eingangssatzes wieder auf und rundet somit die zyklische Form von Johann Sebastian Bachs »Magnificat« ab.

Bachs »Magnificat« ist neben der h-Moll-Messe das berühmteste Werk des Thomaskantors in lateinischer Sprache. Seine Sätze kontrastieren häufig miteinander. Dies verleiht dem »Magnificat« einen besonderen Abwechslungsreichtum. Herausragend an diesem Werk ist seine Komprimiertheit – die Knappheit der einzelnen Sätze. Im Gegensatz zu vielen Kantaten, aber auch zu den Oratorien, verzichtet es, wie gesagt, auf Da Capo-Arien – auf eine Form also, die in der barocken Oper, vor allem bei weniger geschickten Interpreten, oftmals etwas ermüdend wirkt.

Wir können spüren, dass Bach die vier weihnachtlichen Einlagesätze voll und ganz in die Großform des »Magnificat« integriert hat: melodisch, rhythmisch, harmonisch. So ist es mit Blick auf andere Feste verständlich, dass sich gemeinhin die spätere D-Dur-Version durchsetzte. Dementsprechend bietet die Weihnachtszeit aber eine gute Gelegenheit, sich auch einmal der ursprünglichen Es-Dur-Version des »Magnificat« zuzuwenden. Hier liegt ein bekanntes Werk vor, das in seiner D-Dur-Version zu Ostern, Pfingsten, aber auch etwa zu Kirchenjubiläen u.ä. aufgeführt werden kann. Die Es-Dur-Version hat jedoch einen ganz speziell weihnachtlichen Zauber, der den Gesamtzyklus nicht stört, sondern bereichert. Für den konzertanten, aber auch den gottesdienstlichen Gebrauch in der Weihnachtszeit ist diese Version ganz bestimmt eine Entdeckung.

 

Über die Autorin / den Autor:

Sönke Remmert, Jahrgang 1963, Studium der Evang. Theologie in Marburg, Mitarbeiter in der Bibliothek der Evang. Hochschule für Kirchenmusik Bayreuth und im Evang. Dekanat Bayreuth; zahlreiche Konzertkritiken.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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