Warum das Faultier an Gott erinnert

Von: Peter Haigis
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»Müßiggang ist aller Laster Anfang«, meint der Volksmund. Mag sein. Schon die Bibel hat in ihrem Spruchwortschatz die Einsicht parat, dass sich der Faule in seinem Bett dreht wie die Tür in der Angel. Bekanntlich hat jedoch alles zwei Seiten – mindestens. Und so könnte es sein, dass manches, was als »Faulheit« (ab)qualifiziert wird, in Wirklichkeit nur die Kehrseite eines übertriebenen Arbeitseifers, um nicht zu sagen: »workohlischen« Programms ist, dem nichts schauderhafter ist als der Mangel an Betriebsamkeit – horror vacui sozusagen im Blick auf nicht ökonomisierte Zeiteinheiten.

Gerade in diesen adventlichen Tagen wünschen sich die Menschen oftmals mehr Zeit und empfinden, sie hätten davon zu wenig. Zu Unrecht: auch Dezembertage haben 24 Stunden, wenngleich weniger Stunden im Tageslicht, was freilich schon von Natur aus zur Verlangsamung der Betriebsgeschwindigkeit führen könnte.

Zurück zur Untugend der Faulheit, bisweilen unter die »acedia« (»Trägheit«) als eine der sieben Todsünden subsummiert, und zu den damit verbundenen Vorurteilen: das Faultier beispielsweise. Zugegeben, es benötigt sehr viel Schlaf, doch Schlafen ist ja auch gesund, und wer schläft, sündigt bekanntlich nicht. Und nur weil es sich im Zeitlupentempo bewegt und damit zum Wappentier all jener Ritter werden könnte, die in unseren Tagen gegen Stress und Hektik zu Felde ziehen, muss es noch nicht »faul« sein.

Ganz im Gegenteil: »Das Faultier ist ein perfektes Beispiel für das Wunder des Lebens. Es erinnert mich an Gott«, schreibt Yann Martel in seinem vor Jahren erschienenen Buch »Schiffbruch mit Tiger«. Und das meint er ganz ernst. Martels Roman, der zum Bestseller geworden ist und damals wochenlang Platz eins der Literatur-Hitlisten hielt, enthält einige wahrhaft wunderbare Betrachtungen über Zoologie und Religion. Die über das Faultier und Gott gehört dazu.

Hauptperson der Erzählung ist Pi Patel, der Sohn eines indischen Zoobesitzers. Das Aufwachsen im väterlichen Tierpark weckt schon in der Kindheit sein Interesse an der Welt der Tiere. Und die Begegnungen mit Hindus und Muslimen, Christen und Atheisten im multireligiösen Indien lassen ihn zu einem Gläubigen jenseits der üblichen Grenzziehungen zwischen den Religionen werden. Was Pi Patel im Blick auf die Tiere verteidigt – dass nämlich Gehege im Zoo sinnvoll sind und keineswegs die armen Viecher ihrer Freiheit berauben –, das leugnet er strikt im Blick auf die Menschen und ihre religiösen Überzeugungen: Wenn es um den Glauben an Gott geht, sind Pi die fein säuberlich umzäunten Gehege der Religionsprofis – ob Priester, Rabbis, Imame, Pfarrer oder Missionare – verdächtig.

Doch nun, was hat es mit dem Faultier und Gott auf sich: Zunächst einmal ist dieses natürlich auch ein Geschöpf Gottes und hat seinen Platz in der Arche. Ein Wunder des Lebens ist es überdies, weil es so gut wie nichts tut und doch überlebt inmitten einer Welt, in der es nur ums Fressen und Gefressen-Werden geht. Allein schon damit stellt es ein Argument dar gegen die landläufige Atheistenpose, eine Natur, in der nur das Recht des Stärkeren gilt, könne nicht das Werk eines gütigen und barmherzigen Schöpfers sein. Wohlgemerkt: Das Faultier überlebt nicht trotz seiner Trägheit, sondern wegen ihr. Seine Langsamkeit und Schläfrigkeit macht es zu einem gemächlichen Zeitgenossen, und das wiederum ist die ideale Tarnung, um es vor allen möglichen natürlichen Feinden zu schützen.

Andererseits benötigt das Faultier selbst nicht viel. Es ist ausgesprochen genügsam. Deshalb erinnert es Pi Patel an einen tief in seine Meditation versunkenen Yogi oder einen ganz dem Gebet ergebenen Einsiedler. Allein dass es so etwas im Tierreich überhaupt gibt – diese untätige Hingabe ans Dasein – ist schon eine Erinnerung an Gott, meint jedenfalls Pi Patel. Und ich finde, er liegt damit keineswegs falsch.

Ein gesegnetes Christfest wünscht Ihnen Ihr

Peter Haigis.

PS: Im ersten Quartal 2018 führte der Verband evangelischer Pfarrerinnen und Pfarrer in Deutschland e.V. eine repräsentative Befragung zur Akzeptanz seiner Angebote durch, deren Ergebnisse jetzt vorliegen und auf pfarrverband.de (unter »Meldungen«) nachgelesen werden können. Dort findet sich auch der komplette Datenreport im pdf-Download-Format. Eine Zusammenfassung, insbesondere im Blick auf das »Deutsche Pfarrerblatt«, folgt im Januarheft 2019.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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