27. Januar 2019, 2. Mose 3,1-8a(8b.9)10(11-12)13-14(15)
Letzter Sonntag nach Epiphanias

Von: Titus Reinmuth
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Brennend interessiert am Schicksal des Menschen

»Finde den Dornbusch«

»Finde den Dornbusch« heißt die Übung. Alle Seminarteilnehmer sollen rausgehen und einen besonderen Ort finden, der zu ihnen spricht. Einen spirituellen Ort. Ich laufe Richtung Wald, verlasse den Wanderweg und gehe zwischen den hohen Kiefernbäumen entlang. Der Boden ist weich und federt. Plötzlich finde ich den »Dornbusch«: eine Gruppe von fünf Bäumen. Sie bilden einen Kreis. Ich sehe hinauf und fühle mich wie in einer Kathedrale. Immer wieder blinzelt die Sonne zwischen den Baumwipfeln hindurch. Dann schaue ich nach unten und sehe die flachen Wurzeln, die sich in den Boden krallen. Diese fünf stehen hier schon sehr lange. Ich stelle mir vor, wie ihre Wurzeln unter der Erde miteinander verbunden sind. Sie wirft so schnell nichts um.


Orte, an denen Gott spricht

Die Übung hat einen zweiten Teil: Finde ein Bibelwort, das an diesem Ort spricht. »Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Fels, meine Hilfe, mein Schutz, dass ich gewiss nicht wanken werde« – Ps. 62,2f fällt mir ein. Andere mögen ihren Ort anderswo finden, auf der Blumenwiese, an einem bestimmten Platz am Meer, in der vertrauten Kirche zuhause. Es gibt solche Orte. Davon würde ich erzählen und dazu auffordern, in Gedanken oder tatsächlich nach dem Gottesdienst im Laufe des Tages einen solchen Ort zu finden.

Ex. 3 erzählt davon und reflektiert eine solche religiöse Erfahrung. Mose kommt an einen besonderen Ort, an dem Gott spricht. Freilich, nicht von jeder Erfahrung wird man sagen können, dass sie etwas mit dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs zu tun hat. Die Verbindung mit dem Wort Gottes ist entscheidend, sonst wäre auch jede Taufe nicht mehr als ein Ritual, bei dem Wasser fließt.

Für Ex. 3 heißt das: Entscheidend ist, wie Gott sich hier vorstellt. Mose begegnet in der Erzählung zunächst als Hirte. Er sorgt für die Schafe, sucht nach geeigneten Plätzen – und findet dann einen besonderen Ort: einen Busch, der brennt, aber nicht verzehrt wird. Mose nähert sich und hört, dass Gott ihn ruft. Er soll seine Schuhe ausziehen, »denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land.« Ohne Schuhe, ohne Maske, ohne Deckung. Ängstlich, empfindsam, tastend nähert sich Mose. Gott stellt sich vor. Gott sieht, hört, leidet mit, steigt herab, nimmt teil (V. 7f). Gott ist nicht hoch erhaben, sondern mitten drin. Er ist sozusagen brennend interessiert am Schicksal der Menschen. Er hat das Elend seines Volkes in Ägypten gesehen und will es befreien. Dieser Gott steht auf der Seite der Unterdrückten.


Der Name Gottes

Jetzt wird Mose berufen. Wie man es von Propheten kennt: mit Auftrag, Widerspruch, Beistandszusage. Der »Ich werde sein, der ich sein werde« will sein Volk befreien und beauftragt Mose. Alle Versuche, den Gottesnamen zu übersetzen, bleiben Annäherungen. Der »Ich bin, der ich für dich da sein werde« zeigt in seinem Namen sein unbedingtes Inter-esse an Mose, den er beauftragt, und an den Menschen, die er befreien will. »Gott hilft«, »Gott rettet« – der Name ist Programm: Der zu Mose spricht, ist derselbe, der Jesus von Nazareth sendet, den Armen frohe Botschaft zu verkünden und die Gefangenen zu befreien (Lk. 4,16ff). Dazu passt m.E. besser, im Gottesdienst Ps. 146 zu beten, als mit Ps. 97 Gott als König anzurufen, auch wenn es von diesem König heißt: »Gerechtigkeit und Recht sind seines Thrones Stütze« (Ps. 97,2).

Befreiung aus der Unterdrückung: Mose hat das nicht allein geschafft, Gott hat das nicht allein geschafft. Dazu braucht es Menschen, die hinsehen und hinhören, die sich bewegen lassen von fremdem Leid, die für andere da sind. Und wer anderen sagt »Ich bin für dich da«, braucht wiederum Orte, an denen er oder sie selbst Kraft schöpft, Gottes Wort hört und Gottes Nähe spürt. Mose hat einen Auftrag, die Jünger gehen nach der Verklärung Jesu zurück in ihren Alltag (Mt. 17). Spiritualität und Engagement, Zwiesprache mit Gott und Einsatz für andere finden so zusammen.


Titus Reinmuth

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 12/2018

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