26. Dezember 2018, Römer 1,1-7
Christfest II

Von: Thomas Koser-Fischer
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Den Stall ausmisten

I

Die V. 1-7 des Römerbriefs gleichen einer Ouvertüre, in der Hauptmotive des Werkes bereits anklingen (Evangelium von Jesus Christus, Berufung aller Völker zum Glaubensgehorsam durch Gnade). Mit Weihnachten assoziieren lässt sich die vermutlich bereits überlieferte und von Paulus übernommene Formel (V. 3f) von der zweifachen »Natur« Jesu Christi κατα σαρκα und κατα πνευµα (adoptianisch, gegen Phil. 2,6f). Der deutliche Akzent auf der davidischen Abstammung (vgl. 9,5) intoniert ein durchgängiges Thema des Röm.: die Juden zuerst, dann auch die Griechen (1,16; 2,9f). Weihnachtlich klingt außerdem die Anrede »an alle Geliebten Gottes« und nicht zuletzt der bei Paulus übliche Friedensgruß (V. 7; vgl Lk. 2,14).

Bemerkenswert ist die Überschrift: Paulus, Sklave (δÔυλÔς – als Briefüberschrift bei Paulus nur noch Phil.) Christi Jesu, ausgesondert (αφωρισµενÔς – in Röm. nur hier!) zum Apostel. Gottesknecht ist Ehrentitel des Propheten oder auch des ganzen Gottesvolkes. Die mit der Berufung verbundene Aussonderung (vgl. Gal. 1,15 in Anspielung auf Jer. 1,5; bezogen auf das Gottesvolk insgesamt z.B. Lev. 20,26) bedeutet Gabe und Aufgabe, Auszeichnung und Last zugleich. Ziel der Aussonderung zum Sklaven Jesu Christi und der daraus resultierenden Weigerung, sich von anderen Mächten versklaven zu lassen, ist die Freiheit aller Kinder (υîÔι) Gottes (8,21). Aber zunächst führt der herausgehobene Auftrag zu Anfeindungen und Leiden (z.B. 8,36). Das gilt für den Apostel, aber infolge des Glaubensgehorsams auch für alle berufenen (κλητÔις) Heiligen (V. 7), die zur εκκλησια herausgerufen sind. Und es gilt vor allem und zuerst für den gesondert Gesetzten (ïρισθεντÔς) als Sohn Gottes (V. 1; vgl. auch z.B. die Ouvertüren wenigstens zweier Evangelien Lk. 2,7; Joh. 1,11). Seinem Abbild zu gleichen hat Gott die von ihm Erwählten vor-gesondert (πρÔωρισεν; 8,29), so dass sie schließlich selbst υîÔι θεÔυ genannt werden (8,14).


II

In einem tiefgreifenden Wandlungsprozess ist aus dem Spaltpilz Paulus, der die Gruppe der Anhänger des Messias Jesus als Teil des ausgesonderten Gottesvolkes seinerseits ausgesondert hat, eine führende Integrationsfigur geworden. Er weiß sich dazu berufen, alle Völker zum Glaubensgehorsam der Ausgesonderten herauszurufen. Mit der zunächst jüdisch dominierten εκκλησια geht er den weiten Weg von der Akzeptanz proselytischer Mitläufer bis zur vollkommenen Inklusion und der damit verbundenen Bereitschaft zur Infragestellung und Veränderung des eigenen Selbstverständnisses.

Zur Zeit der Abfassung des Röm. sind die Mehrheitsverhältnisse bereits am Kippen. Die bisher nur Geduldeten überheben sich gegenüber ihrer Wurzel (11,18). Paulus erinnert die Ausgesonderten daran, dass sie unterschiedslos von der Gnade leben (3,22ff), die über alle Grenzen – auch die der Abstammung nach dem Fleisch – erhaben ist. Überheblichkeiten und Eifersüchteleien sind fehl am Platz, wo es darum geht, sich zum Dienst am Frieden Gottes aussondern zu lassen – zumal die römische Umwelt in dieser Hinsicht keinen Unterschied macht zwischen Juden und Nichtjuden. Im Zweifel werden sie alle – als Ausgesonderte, Berufene, freie Sklaven – unterschiedslos verfolgt – die Juden zuerst, dann auch die Griechen.


III

Die Frage stellt sich, wie wir uns heute von Jesus Christus zum Dienst am Frieden aussondern lassen. Wie können wir unseren »Stall« ausmisten von Überheblichkeiten und Eifersüchteleien und ihn öffnen für andere Ausgesonderte, die sich ebenfalls weigern, anderen Mächten zu dienen bzw. die von solchen Mächten ausgebeutet werden (wie etwa die nomadisierenden Hirten Lk. 2), oder auch für Fremde, die auf der Suche sind (wie die heidnischen Magier Mt. 2)? Können wir uns die »weihnachtliche« Anrede im Röm. als Geliebte Gottes so zu Herzen nehmen, dass darüber selbst unsere Sorge um Identitätsverlust verblasst, weil wir – wie alle Menschen – von der Gnade leben?


Lieder und Lesungen

EG 27 »Lobt Gott, ihr Christen alle gleich«
EG 30 »Es ist ein Ros entsprungen«
EG 42 »Dies ist der Tag, den Gott gemacht«
EG 50 »Du Kind, zu dieser heilgen Zeit«
EG 657 (Württ.) »Damit aus Fremden Freunde werden …«
Jes. 42,1-9 bzw. Jer. 1,4-10

Thomas Koser-Fischer

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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