25. Dezember 2018, Johannes 1,1-5.9-14 (16-18)
Christfest I

Von: Annette Cornelia Müller
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»Eh’ ich durch deine Hand gemacht …«

Unterschiedliche Zugänge

Lese ich den Johannesprolog, bin ich ergriffen und berührt. Es sind für mich Worte, die einen Kosmos von Bezügen wachrufen. Ich spüre einen Anflug von Weihnachtsstimmung und beginne spontan, über das theologische Konzept der Schöpfungsmittlerschaft nachzudenken. Anders ergeht es ungeübten Bibellesenden. »Zu viel, zu kompakt, zu kompliziert, um beim Hören irgendetwas zu erfassen«, lautet der Kommentar eines Naturwissenschaftlers, dem ich den Text vorlese und den ich um Rückmeldung bitte. »Aber ich glaube, es hat irgendwas mit Schöpfung zu tun«, ergänzt er schließlich.


Entscheidungen sind nötig!

Ich behaupte, am ersten Weihnachtstag gehen geistlich Hungrige in den Gottesdienst. Es kommen Menschen, denen Gänsebraten nicht genug ist. Am ersten Weihnachtfeiertag müsste es darum um Wesentliches gehen. Der Johannesprolog enthält eine Fülle von Motiven. Deshalb muss jede Predigerin, jeder Prediger entscheiden, ob sie in einer Homilie den Reichtum des Textes in seiner Breite birgt oder durch Konzentration auf einen Aspekt dessen Tiefe auslotet.


Genialität des biologischen Informationstransfers

Mein Ansatz wird in diesem Jahr beim Anfang des Johannesprologs liegen: »Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist« (Joh. 1,3). Ich finde den Gedanken reizvoll, dass es so etwas gibt wie eine beseelende Präsenz des göttlichen Geistes in der Natur. Man kann sie erahnen, wenn man über den universellen genetischen Code nachdenkt. Dieser codiert mit dem gleichen »Alphabet« den Bauplan jedes einzelnen Individuums, jeder Bakterie, jedes Elefanten, jedes Baumes und jedes Menschen. In allen Lebewesen dieser Welt speichert dieser Code mit Hilfe von vier Aminosäuren die gesamte Erbinformation eines Lebewesens in Form einzelner Gene. Als Materialbasis der Gene ist die DNS für den Transfer der Erbinformation zuständig.

In theologischer Hinsicht finde ich dieses biologische Prinzip höchst erstaunlich. Dahinter erblicke ich einen genialen Erfindergeist, den göttlichen Logos, der sich in diesem universellen Code manifestiert. Durch ihn wird alles Leben dieser Welt jeden Tag neu erschaffen: »Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht.«


Der Logos wird Mensch

Dem Systematiker Ralf Frisch ist es ein Anliegen, Theologie und Naturwissenschaft ins Gespräch zu bringen. Mit Blick auf den Johannesprolog formuliert er: »Der kosmische Logos, also der Geist Gottes, der von Anfang an alles durchdringt, verwirklicht sich in einem Menschen, welcher exemplarisch das tiefste Geheimnis des Menschseins und des Geistes des Kosmos offenbart.«1

Mit Verweis auf Wilfried Härle halte ich es für wenig sinnvoll, in Joh. 1 Vernunft und Weisheit gegeneinander auszuspielen. »Gerade die Aussage, (in dem Mann) Jesus Christus sei die Weisheit Gottes (oder die Einheit von Sophia und Logos) Mensch geworden, könnte geeignet sein, problematische ›geschlechtliche‹ Missverständnisse christologischer Aussagen (…) zu durchbrechen.«2


Das Abstrakte erden

Das Konzept der Schöpfungsmittlerschaft lässt sich im Weihnachtsgottesdienst existenziell plausibilisieren, indem Paul Gerhardt gesungen wird: »Eh ich durch deine Hand gemacht, da hast du schon bei dir gedacht, wie du mein wolltest werden« (EG 37,2). Auf prosaische Weise bringt auch Martin Luther den Schöpfergott mit der Krippe in Berührung: »Ach, Herr, du Schöpfer aller Ding, wie bist du worden so gering, dass du da liegst auf dürrem Gras, davon ein Rind und Esel aß.« (EG 24,9)


Anmerkungen:

1 Ralf Frisch: Was können wir glauben? Eine Erinnerung an Gott und den Menschen, Stuttgart 2017, 62.

2 Vgl. den Abschnitt »Die Präexistenz des Gottessohnes«, in: Wilfried Härle, Dogmatik. Berlin/New York 1995, 354-356.


Annette Cornelia Müller

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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