24. Dezember 2018, 1. Timotheus 3,16
Christnacht

Von: Dörte Kraft
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wie einzigartig ist das Geheimnis …

Christnacht

Das Krippenspiel vorbei, der Gottesdienst mit Posaunenchor ebenfalls; die Geschenke sind ausgepackt, das Essen gegessen, die Kerzen am Baum heruntergebrannt. Die Anspannung der Vorbereitungen ist gewichen und wer jetzt nicht ins Bett sinkt, sondern in die Kirche kommt, sucht wohl hier die Ruhe nach dem Sturm. Eine Stunde, die Raum öffnet zur Besinnung auf das Eigentliche von Weihnachten und zur Begegnung mit dem Geheimnis dieser besonderen Nacht.

Dazu passt sehr gut der Predigttext, der nur einen Vers umfasst – und einen besonders zu Herzen gehenden. Nicht noch einmal die Weihnachtsgeschichte, auch nicht der anspruchsvolle Johannesprolog, sondern ein Hymnus, ein altes Lobpreis-Gebet, das das Geheimnis des menschgewordenen Christus besingt.


Text

Dieser Vers ist die Mitte und ein Höhepunkt im 1. Tim. und an anderer Stelle wäre es sicher reizvoll, der Verbindung mit den zahlreichen konkreten Anweisungen in diesem Pastoralbrief nachzuspüren. Aber m.E. darf dieser Hymnus in der Christnacht für sich stehen. Wie der Briefverfasser diesen Text vorgefunden und in seinen Zusammenhang eingefügt hat, so kann er jetzt auch aufgenommen und in die Anbetung in der Christnacht eingefügt werden.

Es ist ein knapp formulierter Text, drei Doppelzeilen, die vielleicht für heutige Ohren eher nach dogmatischen Grundaussagen denn nach Mysterion1 klingen. Es wäre m.E. zu erwägen, diesen Vers nach einer modernen Übertragung zu lesen, die das Staunen und die Freude für uns heutige Menschen spürbarer macht (mir gefällt hier besonders die Neue Genfer Übersetzung2).

Sechs Aussagen sind es, die der Hymnus umfasst, dreimal Himmel und Erde einander gegenübergestellt in unauflöslicher Zusammengehörigkeit, die Aussagen insgesamt kunstvoll chiastisch verschränkt: ab - ba - ab. Und wer die ersten beiden Sätze, den ersten Vers des Hymnus, verstanden hat, kann in die folgenden einstimmen. Sie beinhalten die Wahrheit, die Grundlage der Gemeinde, und das Geheimnis, das Gegenstand der Anbetung ist.


Das Geheimnis ist offenbart

Hört Geheimnis, wenn es offenbart ist, auf, Geheimnis zu sein? Nein. Je mehr ich von ihm verstehe, desto größer wird es. Ich bin eingeladen, seine Größe und Tiefe zu bestaunen3. Oder wie Romano Guardini einmal gesagt haben soll: das Geheimnis wird bewohnbar. Das Geschehen von Krippe und Kreuz ist nie abschließend erklärt. Ebenso wenig ist seine Aneignung je vollendet ist. Es wird Lebensraum und bleibt doch Gegenüber. Vertraut und herausfordernd. Bergend und immer neu in die Anforderungen der Welt stellend. Das Geheimnis will angebetet und »im Herzen bewegt« sein, dann wird es sich Raum machen. Und so ist es auch im Hymnus: er erklärt nicht, begründet nicht. Er nennt und preist das Geheimnis.

Für die inhaltliche Aufschließung der einzelnen Aussagen sei hier auf J. Roloff verwiesen4, wiewohl die Einzelerklärungen in der Christnacht vielleicht nicht Inhalt einer Predigt sein müssen. Egal, wie oft man dies beschreibt, erklärt, in eine Reihenfolge oder eine logische Folge zu bringen versucht – Rechnung tragen wir ihm nur in der Anbetung. Und dazu soll in der Christnacht Raum sein.

Die Einfachheit der schweigenden Christnacht klingt in einem kleinen Text von Klaus Hemmerle5:

Schweigend da

Gottes Kommen in der Weihnacht
war nicht »effektiv«.
Und die Zeiteinteilung des Lebens Jesu
war nicht »rationell«.
Die meiste Zeit seines Lebens hier auf unserer Erde
war sozusagen eine Verlängerung
seiner weihnachtlichen Ohnmacht und Armut.
Ein Dasein ohne Nutz- und Wirkwert.
Und doch ist gerade dies Offenbarung:
Gott ist einfach da,
da wo wir sind und wie wir sind.

Wir sollten also vor der Krippe stehen bleiben
und ihn anschauen, wie er nichts sagt und nichts tut, sondern einfach da ist.

Dieses Schweigen ist Wort, Wort an uns.
Ja, es ist Umsturz, Umkehrung unserer Maßstäbe …
Er ist einfach da – das ist alles, was er tut und kann.
Aber indem er da ist, ohnmächtig und ­strahlend,
ist eben Gott selber da.
Gott ist da für uns.

Und was sagt dieses Dasein Gottes
im Kind von Bethlehem?

Es sagt mir, es sagt dir,

es sagt jedem Menschen:

Gut, dass du da bist!


Lieder

EG 37 »Ich steh an deiner Krippen hier« (bes. Str. 4)
EG 32 »Zu Bethlehem geboren«


Anmerkungen:

1 Mystèrion ist nach Roloff als Deutungsschlüssel für den gesamten Hymnus zu sehen, cf. J. Roloff, Der 1. Brief an Timotheus (EKK), 1988, 191.

2 Neue Genfer Übersetzung, Lausanne 2011.

3 Vgl. Rolf-Dieter Seemann in: Der andere Advent, 20.12.2005.

4 A.a.O., 201ff.

5 Klaus Hemmerle, Zur Krippe durch die Hintertür, Verlag Neue Stadt 2017, 16f. Ein Buch, das auch Fotos von Werken von Roberto Cipollone enthält: ungewöhnliche, berührende Krippendarstellungen aus Weggeworfenem – auch ein solches Bild kann Gegenstand der Christnacht-Meditation sein!


Dörte Kraft

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

20.11.2018
Ein Kommentar von Volker Mahnkopp


Liebe Frau Kraft, die Chiasmen überzeugen zwar als rhetorische Stilmittel, nicht aber in ihrer inhaltlichen Entsprechung. Die Zuweisung a = Erde, b = Himmel klingt plausibel - doch was soll das für ein Himmlisches sein "gerechtigfertigt Im Geist" und wo bitte ist dieser "Der" "den Engeln erschienen"? Gerade die letzte Wendung ist im NT singulär; die mögliche Verbindung zu Lk 2 wirkte künstlich. Die sechs Verse lassen sich im Tun-Ergehen-Zusammenhang auch so ordnen: (A 1-3) Der Gerechte (B 4-6) die seinem Handeln entsprechende/nachfolgende Gerechtigkeit: (A) Erschienen, gerechtfertigt, gesehen (das wäre dann eine Auferstehungsmetapher), (B) verkündet, geglaubt, aufgenommen (forensisch, vgl. Dt. 24, 13c). In dieser Aufteilung ist die Reihe vollständig; offen wäre sie als rhetorische ab ba ab-Figur: denn diese ließe sich wie eine Laudatio fortsetzen. Und die drei Glieder in A und B würden sich sogar entsprechen: erschienen - verkündet, gerechtfertigt - geglaubt, gesehen - aufgenommen. Die Aufteilung in A (1-3) und B (1-3) passte zum Begriff der Gerechtigkeit der jüdischen Missionspredigt gemäß Jes 42, 1. Jene, also Ihre, eher zu gnostischen Interpretationen. Die Konsequenz der A/B-Ordnung: Verkündigen und Glauben bedeutete öffentliche Würdigung des Gerechten und verwiese auf das "ihm" gebührende Ziel: aufgenommen werden in die doxa tou theou. Mit allen guten Wünmschen Pfr. Volker Mahnkopp

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