Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Es war eine riesige Demonstration am 13. Oktober 2018. Die sie angemeldet hatten, rechneten mit 40.000 Teilnehmenden. Es kamen schließlich ca. 225.000! Eine so große Menge hatte es schon lange nicht mehr gegeben. Als die ersten den Platz der Abschlusskundgebung an der Siegessäule erreichten, waren die letzten noch am Brandenburger Tor – mehr als 2 km hinter ihnen.

Das Motto mit dem Hashtag »#unteilbar« – »Für Solidarität und gegen Ausgrenzung« war geeignet, sehr unterschiedliche Gruppierungen zu vereinen: Innerhalb des Zuges gab es über 50 thematische Blöcke, darunter der Zirkus Cabuwazi, Aktion Sühnezeichen, Amnesty International, attac, Brot für die Welt, die Taxi-Innung, gewerkschaftliche Gruppierungen, u.v.m. Über 600 Vereine, Initiativen und Personen, so z.B. der Berliner Tatort-Star Mark Waschke oder die Band »Die Ärzte«, hatten den Aufruf unterzeichnet. Dass der Anmelder ein der linken Szene zugehöriger Rechtsanwalt war, störte die Demonstranten nicht, falls sie es überhaupt wussten. Nur die Berliner CDU und die von Sarah Wagenknecht initiierte Bewegung »Aufstehen« unterschrieben den Aufruf nicht, letztere weil er offene Grenzen forderte. Tatsächlich wendete der Aufruf sich lediglich gegen die Abschottung Europas: »Solidarität kennt keine Grenzen«.

Bei der Pressekonferenz am 9. Oktober sagte die Pressesprecherin Anna Spangenberg: »Wir rechnen mit mindestens 40.000 Teilnehmenden«. In der Gesellschaft würden immer mehr Gegensätze auftreten, erklärte Naika Foroutan, die an der Humboldt-Universität als Integrations- und Gesellschaftsforscherin lehrt: zwischen Oben und Unten, Ossis und Wessis, Frauen und Männern. »Diese Bipolarität spaltet die Gesellschaft«, sagte sie. Dabei würden Freiheit und Gleichberechtigung das Grundgesetz durchdringen, doch in der deutschen Gesellschaft stimmten Norm und Realität in zunehmenden Maße nicht mehr überein. »Wir erleben eine kollektive Normabsenkung – und dagegen möchten wir aufstehen« erklärte sie mit Blick auf die AfD-Wahlerfolge und die populistischen Tendenzen europaweit.

Eine Demonstration will ja etwas aufzeigen. Sie zeigt auf Missstände, auf Übeltäter, sie zeigt selten, was zu tun wäre. Aber sie macht deutlich, in welche Richtung sich die Gesellschaft bewegen soll. Die Demonstration am Samstag zeigte, dass die deutsche Gesellschaft, die gerade dabei ist, sich neu zurecht zu ruckeln, sich dagegen wehrt, auseinandergerissen zu werden.

Als die Pressesprecherin Anna Spangenberg zum Abschluss jubelte: »Es ist ein ganz wunderbarer Herbst der Solidarität, der hier in Berlin auf die Straße gebracht wurde«, klatschte die Menge begeistert – und noch mehr Beifall brandete auf, als sie fortsetze: »Und das wird nicht aufhören!«

Die selbst angefertigten und mitgetragenen Sprüche zeigten die Richtung:
– »Wir brauchen Liebe«, stand auf dem Bauch der schwangeren Handelsvertreterin
– Eine Japanerin hatte das Bild gemalt: Lauter bunte Fische und einer trug einen braunen im Maul
– »Herz statt Hetze«
– »Seebrücke statt Seehofer«
– »Die Welt ist bunt, aber nur die Sch… ist braun«
– »Wer frustriert ist, hat noch lange nicht das Recht, sich vor anderen auszukotzen«
– »Keine Ankerzentren, ich will Nachbarn«, trug eine 31-jährige Helferin aus einer Flüchtlingsunterkunft
– »Weniger über Diesel, mehr über Pflege diskutieren«
– »Bunt statt Graubrot«, zeigte ein Marketingleiter.

Es war ein wunderschöner Herbsttag bei 25 Grad! Mal sehen, was noch wird …


Siegfried Sunnus



 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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