Lust und Zwang als Grundtöne der Weiterentwicklung des Pfarrberufes
»Wenn wir mehr könnten, was wir sollten, und das auch noch wollten«

Von: Juliane Kleemann
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Die normative Kraft des Faktischen kann den kirchlichen und pfarrberuflichen Alltag lähmen bis zur Erstarrung – das ist die Dystopie, die Juliane Kleemann in einem Beispielszenario provokativ beschreibt. In einem solchen Nährboden gedeihen Frust, Ohnmachtsgefühle und Zwang. Ändern lässt sich das in ihren Augen nur, wenn steinhart gewordene Strukturen aufgebrochen und zerbröselt werden und eine Kreativität einzieht, die viel riskiert und wenig auf Bestandssicherung setzt. Dabei spielen vor allem Teamfähigkeit und Kooperation über Berufs- und Kompetenzgrenzen hinweg eine entscheidende Rolle.*


Ohnmachtsgefühle angesichts des Wandels von Religiosität und Kirchlichkeit

Paul Richter ist Pfarrer in einer mittelgroßen Stadt irgendwo in Deutschland. Er ist bekannt in dem 10.000 Einwohner zählenden Ort, von denen – noch – die meisten zu einer der beiden sog. großen Kirchen gehören. Sie sind angekommen, er und seine Frau und die drei Kinder. Sie haben ihre Wurzeln geschlagen. Die Kinder haben Freunde gefunden, Diana Richter hat ihre eigene Arbeit in einer Apotheke. Von außen betrachtet ein ganz normales Pfarrerleben, so wie man sich das vorstellt. So, wie Paul Richter es erhofft hat und gelernt, im eigenen Elternhaus, das auch ein Pfarrhaus war, und dann im Vikariat.

Und doch ist eine Veränderung im Gang, erst noch fast unbemerkt, mittlerweile aber spürbar und sichtbar: Längst werden nicht mehr alle Kinder, die im Ort geboren werden, auch getauft. Schon längst werden nicht mehr alle, die sterben und Mitglieder einer Kirchengemeinde waren, auch mit dem Segen Gottes bestattet. Die Hinterbliebenen interessiert entweder nicht, dass es da eine Bindung zu Gott gab, oder es ist ihnen egal oder sie wissen es schlicht nicht, haben es einfach nicht bemerkt. Der Glaubende hat seinen Glauben nicht so gezeigt, dass die Familie davon etwas mitbekam.

Auch gesellschaftlich ändert sich was. Die Diskussion um die Sinnhaftigkeit von Religionsunterricht wird stärker, die Frage, warum der Staat kirchliche Einrichtungen finanziell unterstützt, wird lauter. Und was die Kirche überhaupt für eine Daseinsberechtigung hat im 21. Jh., wird auch immer wieder neu als provokante Frage in Raum gestellt. Jahrzehntelang erlebte Selbstverständlichkeiten werden infrage gestellt. Und das merkt Paul Richter in seiner Arbeit sehr deutlich. Der sog. normale Sonntagsgottesdienst wird sukzessive zu einem zweiten Seniorenkreis. Vom Gottesdienst als Zentrum des Gemeindelebens ist schon länger nichts mehr zu spüren.

Neben ihm gibt es in der Gemeinde noch andere hauptamtlich Mitstreitende. Da ist der Kantor Felix Großmann. Er kann sich über Mangel an Menschen in seinen Gruppen nicht beschweren. Er leitet einen Erwachsenenchor, in dem alle Stimmen stattlich besetzt sind, der Oratorien aufführen kann, der auch in Gottesdiensten singt, auch wenn nicht alle Chormitglieder auch Glieder der Gemeinde sind. Schaut man sich die Bindung der Chorsänger an, dann könnte man sagen: ein ökumenischer Chor mit konfessionsloser Fraktion.

Daneben gibt es einen Kinderchor und einen Jugendchor. Auch hier ein ähnliches Bild, auch hier sind es gemischte Chöre von Getauften und Ungetauften. Für Felix Großmann ist das kein Thema, singen doch alle die gleichen Texte und haben Freude an dem, was sie tun. Mangel an Interesse oder neuen Chorsängern ist nicht sein Thema.

Noch kann sich die Gemeinde auch eine Gemeindepädagogin leisten. Johanna Schneider hält wacker die Fahne gemeindlicher Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hoch, auch wenn sie sich für diese Arbeit langsam zu alt fühlt. Sie würde lieber mehr in die Arbeit mit Menschen »Ü50« und »Ü60« einsteigen. Aber das erscheint als völlig unrealistischer Wunsch, denn das ist genau die Altersgruppe, in der sich Pfarrer Paul Richter am wohlsten fühlt.

Es ist schon länger her, dass die Drei einmal gemeinsam über ihre Vorstellungen einer lebendigen Gemeindearbeit gesprochen haben. Sie hangeln sich von Dienstberatung zu Dienstberatung, legen ihre Kalender nebeneinander, verabreden Zuständigkeiten. Zu einem Glas Wein oder einem Bier haben sie sich noch nie verabredet.

Und in den Kirchenvorstandssitzungen geht es auch weniger um die Frage, wie die Gemeinde weiterentwickelt werden kann, als vielmehr um die drückenden Fragen von Bau, Immobilien, Kindergarten und, ja, demnächst auch wieder um die Frage, wer sich bei der nächsten Kirchenvorstandswahl als Kandidat und Kandidatin zur Verfügung stellt. Es scheint, als haben sich alle eingerichtet, im Trott des Alltags. Jeder macht seins, das geht ja auch ganz gut. Und bei sich selbst weiß Mann und Frau wenigstens, woran man ist. Wenn da nicht diese Veränderung wär, die letztlich doch von allen im Haupt- wie im Ehrenamt Engagierten wahrgenommen wird.

Veränderung – damit haben sie alle als Akteure in der Organisation Kirche wenig Erfahrung. Auch haben sie kein Handwerkszeug dafür gelernt. Und: Viele nehmen sich eher als Objekte denn als Subjekte der Veränderungsprozesse wahr, nicht als Gestalter, eher als Verwalter und Reakteure. Aber nicht als Akteure. Wo auch hätten sie das lernen oder trainieren können?

Paul Richter sagt: »Die Frage ›Wie entwickelt man mit der Gemeinde eine Vision und wie entwickelt man sich selbst in seinem Beruf?‹ habe ich in der Ausbildung nicht bedacht. Die stand nicht auf der Agenda im Vikariat und in der Fortbildung in den ersten Amtsjahren. Auch nicht: Wie können wir als Gemeinde und ich als Pfarrer einen Veränderungsprozess gestalten?«

Ihm, dem Pfarrer, so erlebt er das, wird am ehesten zugebilligt, aber auch zugeschrieben, dass er qua Profession als Geistlicher vorangeht, einen Weg zeigt, Ideen hat. Gelernt hat er, so sagt er selbst, natürlich Gottesdienste zu feiern und Kasualien zu halten, wie er mit der Presse zusammenarbeiten kann und was Arbeit in einem Kirchenvorstand ist. Aber wie man gemeinsam mit anderen in der Gemeinde, mit den Kolleg*innen im Hauptamt wie mit den Ehrenamtlichen im Kirchenvorstand und in den Gruppen und Kreisen, eine gemeindliche Vision entdeckt, ja überhaupt die Sehnsucht danach weckt, das hat er nicht gelernt.

Die Leitfrage »Wie kommen wir in der Gemeinde dahin, dass wir unsere Arbeit als ein gemeinsames Tun im Weinberg des Herrn betrachten, als ein Teamspiel?« kommt im Alltagstrott wenn überhaupt dann mehr als Sahnehäubchen denn als Fundament vor. Paul Richter: »Ich bin vor allem dazu ausgebildet, die pfarramtliche Grundversorgung zu gewährleisten. Ich habe gelernt, dass Pfarramt etwas mit Bestandswahrung zu tun hat, mit Pflege der Struktur und mit der Bindung daran. Ich habe nicht gelernt zu gestalten und etwas zu wagen. Aber genau das brauche ich jetzt, auch mit Blick auf die Erwartungen aus der Gemeinde. Ich brauche den Mut, mich gegen die Erwartungen zu stellen, es möge doch alles so bleiben wie es war. Weil doch Kirche mehr und anderes ist als Traditionswahrung. Es geht doch um das lebendige Evangelium, um Überraschung mit Gott, um Neugierde. Und die Alten sagen: Mach du erst mal deinen Job und deine Träume heb dir für später auf.«

Die Lebendigkeit und Kreativität, die Felix Großmann als Kantor in der Musik und in der Chorarbeit findet, traut sich Paul Richter nicht zu. Denn er steht ja viel mehr für die Gemeinde in ihrer Struktur und traditionellen Verfasstheit. So erlebt er sich, so erlebt er die Erwartungen aus dem Kirchenvorstand. So erlebt er die Gespräche im Konvent. So deutet er all die Aussagen, die in seiner Profession die Schlüsselperson kirchlichen Lebens sehen. Und nun, da die Veränderungen mit jeder Post aus dem Landeskirchenamt und jeder Synodaltagung als Tagesordnungspunkt oder als Verordnung auf dem Schreibtisch landen, da steigt der Druck.

Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, Herr, dein Antlitz. (Ps. 27,8)


Unrealistische Wunschträume

»Schön wär’s schon«, murmelt Felix Großmann vor sich hin, »wenn wir mal miteinander nachdenken würden wie wir unsere Gemeinde, allem voran den Gottesdienst, aus dem Tal der Tränen herausführen und zu einem wirklichen und relevanten Erlebnis machen würden.« Wie so oft aber langweilt er sich auch heute auf seiner Orgelbank, wenn unter ihm der ganz normale Sonntagsgottesdienst stattfindet, den er musikalisch begleitet. Den Predigtstil von Paul Richter kennt er zur Genüge, er kennt seine Lieblingsthemen, weiß, was er erwarten kann und was nicht. Er hat sich schon längst damit abgefunden, dass seine Arbeit dann gern gesehen und bedankt wird, wenn der Chor singt. Aber dass er hier musikalisch Neues bietet, besondere Präludien und anderes mehr, das merkt kaum einer. Sie interessieren sich nicht für die Musik. Er hat den Eindruck, dass die, die kommen, einfach vergessen haben nicht mehr zu kommen. Weil das eben schon immer so war, machen sie’s einfach weiter. Und ehrlich, was sich da immer im Kindergottesdienst abspielt, scheint auch nicht der neueste Schrei zu sein. Johanna Schneider wirkt nicht nur müde, sie kann einen auch ermüden, denkt er so bei sich und weiß zugleich, dass das nicht sonderlich nett ist. Aber so ist nun mal die Wirklichkeit.

Gottesdienst am Bußtag. Paul Richter denkt: »Buße, das heißt umkehren, ein neuer Mensch werden, das Alte ablegen. Wie oft habe ich darüber schon gepredigt, hier in dieser Gemeinde. Ich habe mir Zeit für die Exegese genommen, mich mit der Begriffsgeschichte auseinandergesetzt und das Thema im Seniorenkreis und mit den Konfirmanden besprochen. Vermutlich hat das alles nix genützt. Was heißt schon neu? Und überhaupt macht das Neue, wenn überhaupt, der Mai und nicht der November. Wir müssten hier vieles anders machen, aber wann und wie darüber nachdenken und woher die Zeit nehmen und die Muse und die Ruhe. Apropos Ruhe – bei diesem ultramodernen Vorspiel von der Orgel kann man sich nicht besinnen.«

Richter driftet weiter mit seinen Gedanken davon: »Habe ich zu viel verlangt; waren sie zu groß meine Ansprüche auf Veränderung? Nicht gleich die ganze Gemeinde … nein, ein paar veränderte Mitarbeiter wären schon ein Anfang!« Er schloss für einen Moment die Augen und versuchte, sich seine, durch die heutige Bußtagspredigt veränderten, ganz neuen Mitstreiter vorzustellen.

Tagtraum oder Vision: Da trat er auch schon ein, Kirchenmusiker Großmann, der bisher seine musikalischen Vorlieben ohne Rücksicht auf seine, Richters, musikalischen Favoriten durchgedrückt hat. Immer diese Moderne; selten mal einen Bach oder Vivaldi. »Ab heute«, hört er den Organisten bußfertig und wie durch Watte sagen, »ab heute spiele ich nur noch Barock! Extra für sie Herr Pfarrer. Und weil ich weiß, wie schwer sie sich mit dem Aussuchen der sonntäglichen Lieder tun, werde ich ab heute diese Aufgabe ganz übernehmen.« Richter sah Großmann freudig erregt an. »Selbstverständlich«, fuhr der Kantor mit warmer Stimme fort, »begleite ich alle Choräle nun auch immer in dem Tempo, dass sie für angemessen halten!« Richter war sprachlos vor Glück. Sollte tatsächlich der ewige Streit um Tempo und Liedwahl beigelegt sein?

In diesem Moment kam Johanna Schneider und setzte sich neben die beiden. Argwöhnisch sah Richter sie an: Wollte sie sich schon wieder beschweren, dass zu wenig Geld für die Arbeit mit Kindern im Haushalt vorgesehen war? Zuwenig Geld? Ha! Was wurde da wöchentlich an teurer Farbe und Kleber verkleckst und verkleckert. Was hatte er sich und mit ihm der gesamte Kirchenvorstand immer über ihre schlechte Planung geärgert. Wer nix beantragt, kriegt auch nix. Und Elternbesuche? Wahrscheinlich hatte sie nicht nur eine Kinderallergie? Ach … und diese Familiengottesdienste … na, ja! Ihre kreative Zeit war offensichtlich wirklich abgelaufen, so wie die Zeit der Flanellbilder auch schon länger vorbei ist. Oder gab es schon wieder Streit um die Gemeinderäume mit dem Kantor?

Nichts dergleichen! Heute war alles anders. Mit verständigen Blick und freundlicher Geste schob sie ihm einen farbigen Hefter über den Tisch: »Netzwerk Gemeindearbeit«, und im Untertitel: »Konzeptentwicklung der Arbeit mit Familien, Kindern und Jugendlichen« von Gemeindepädagogin Johanna Schneider. Schon im Umdrehen hauchte sie: »Kantor Großmann, der Jugendreferent und ich haben morgen unseren ersten Termin in der Teamsupervision. Wir hätten da noch einen Platz frei …«

»Herr Pfarrer … Hallo! Ist ihnen nicht gut?«, hörte Richter eine Stimme hinter sich raunen. Er schrak schweißnass aus seinen Gedanken hoch und schaute einen Moment lang irritiert ins Kirchenschiff. Wie lange war das Vorspiel eigentlich schon zu Ende? Oder kam jetzt bereits die Predigt? Dann raffte er den Talar und eilte zum Lesepult.

Laß mich mit Freuden / ohn alles Neiden / sehen den Segen, / den du wirst legen / in meines Bruders und Nähesten Haus. / Geiziges Brennen, / unchristliches Rennen / nach Gut mit Sünde, / das tilge geschwinde / von meinem Herzen / und wirf es hinaus.

(»Die güldne Sonne voll Freud und Wonne«, EG 449, 6)


Pfarrersein – Berufung fürs Leben oder Beruf zwischen allen Stühlen?

Die Veränderung ist der Normalfall und die daraus resultierende Beweglichkeit wird zu einer Grundanforderung an alle kirchlichen Berufe. Das alte »selig sind die Beene, die stehn vorm Altar alleene« mag im unmittelbaren Gottesdienst – vielleicht – noch eine hinreichende Haltung sein. In einer vielfältigen, einer pluralen Gesellschaft mit divergierenden Biographien, Diskontinuitäten im privaten wie beruflichen Bereich, mit Flexibilisierung der Arbeits- und damit der Lebenswelt kommen eher statisch agierende Organisationen ins Wanken. Ein Pfarrer/eine Pfarrerin kann nicht für alle und alles da sein. Und eine Gemeinde ebenso wenig.

In unserem Kontext stellt sich eine Frage besonders: Wie kann der Wandlungs-, der Veränderungsprozess als eine geistliche Herausforderung angenommen werden? Und: Wie können die Akteure im Ehren- wie im Hauptamt in den Gemeinden die stete Veränderung als einen immer währenden geistlichen Suchprozess verstehen? Wie entwickelt sich eine Haltung der gegenseitigen Achtung und Anerkennung der unterschiedlichen Gaben als gleichwertig? Auch zwischen Orten einer Region und damit zwischen Gemeinden?

So wie es die alte Erzählung von den sieben Blinden sagt, die einen Elefanten beschreiben und verstehen müssen, dass ihre eigene Sicht eben nur eine zutreffende Aussage über das Wesen des ganzen Tieres ist. Jeder fühlt jeweils einen wesentlichen Teil, wesentlich und damit charakteristisch, aber für sich genommen eben nicht der ganze Elefant: die einen fühlen die Ohren, andere den Rüssel, andere die Füße – alles ist Elefant, aber eben nur ein Aspekt davon. Aus dem Ganzen wird der Elefant. Das Gesamte der Gemeinden, die Gemeinschaft der Gemeinden und die Gemeinschaft der Berufe, der Berufenen sind die ganze Kirche.

Wie können Paul Richter, Felix Großmann, Johanna Schneider und all die anderen annehmen, dass ihre Arbeit, ihr Engagement ein immerwährender geistlicher Prozess ist mit dem einen Ziel: das Wirken und den Willen Gottes im eigenen Tun und Leben zu suchen, vieles davon ins Licht zu stellen, für andere erfahrbar zu machen. Wie können sie miteinander und jeder für sich dies tun? Wie können sie dies jeweils auch als ihre eigene geistliche Reise verstehen, sich neugierig halten und empfangsbereit? Und wie können sie dies gemeinsam mit den Menschen tun, für die sie im Dienst sind? Wie werden sie ein Team, gemeinsam mit den ehrenamtlich Verantwortlichen in den Kirchenvorständen, und empfinden und gestalten sich als einen Teil der ganzen Kirche? Und darin wissend, dass all das nie allein die ganze Kirche ist.

Der Transformationsprozess der Kirche ist ein ganzheitlicher – inhaltlich, berufsbildlich und strukturell. Das merken gerade die jungen Kolleg*innen und sagen: »Was in der Aus- und Fortbildung nicht vorkam, war der Aspekt von Kirche neu denken, Innovationskonzepte, Aufbruch von Strukturen. Wir werden nach wie vor alle auf das ›Normalprogramm‹ hin ausgebildet, ohne auch nur mal andere Ideen wie FreshX zu erwähnen, nicht mal als Beispiel. Und wenn wir dann sagen: Lasst uns doch, weil gerade der Willow-Creek-Kongress in der Nähe tagt, da mal hinfahren und lauschen, dann geht das nicht, weil das ja nicht unser Kirchenbild ist. Aber wie sollen wir dann lebendig Kirche gestalten, wenn wir dazu verdammt sind, den Besitz zu verwalten.«


Skizzen eines mutigen Aufbruchs ins Ungewisse

»Wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden« – das ist für viele Kolleg*innen eine alltägliche Erfahrung: sie erleben, wie Kirche ihre Relevanz verliert und darin ihr eigenes Tun. Sie mühen sich ab mit den alltäglichen Herausforderungen und sehen manches, was stirbt oder schon tot ist, können es aber nicht beerdigen, weil die Trauer das nicht zulässt oder der Tod nicht akzeptiert werden kann. Sie mühen sich mit manchem Phantomschmerz und sollen trotzdem lebendige Kirche sein und gestalten und vorangehen. Wie aber, wenn genau diese Aufgabe nicht trainiert, nicht eingeübt ist. Hier kann die Organisation Kirche einiges tun. Sie kann Ermutigerin sein: »Ihr seid die, die Kirche neu gestalten müssen und werden. Wir wissen, dass ihr viel mit Strukturveränderung zu tun haben werdet, aber wir wollen, dass ihr Neues wagt.« Und weil das eben nicht allein eine pastorale Aufgabe, sondern eine gesamtkirchliche ist, kann das auch nur gemeinsam gedacht, geplant, durchgeführt, erlebt, evaluiert und nachgesteuert werden.

Daher: Wo und wodurch inhaltlich qualifiziert begegnen sich die Berufsgruppen bereits vor dem Zusammentreffen in der beruflichen Praxis? Je selbstverständlicher das in der Frühphase der beruflichen Prägung geschieht, desto besser für das spätere Arbeiten. Hier eröffnet sich die Tür zur künftigen Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Gegenseitige Befindlichkeiten können so rechtzeitig erkannt, Vorurteile benannt und konstruktiv bearbeitet werden. Das dient dem einen Ziel: Teamgeist zu fördern, nicht als Selbstzweck, sondern damit der Auftrag bestmöglich umgesetzt werden kann.

Insofern ein Blick in die Zukunft:

– Versäulte Ausbildungsgänge werden abgebaut sein.
– Fester Bestandteil sind gemeinsame, berufsübergreifende Aus- und Fortbildungsmodule, in denen die jeweiligen Qualitäten im Sinne von lernenden Gemeinschaften miteinander genutzt und weiterentwickelt werden.
– Vernetzung quer zu den Berufen ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden.
– Neiddebatten (als evangelische Form der Anerkennung) gehören der Vergangenheit an. Kooperatives Handeln und Denken ist »Teil der kirchlichen DNA« geworden.

Damit dieser Blick in die Zukunft Wirklichkeit wird, benötigen die Kolleg*innen Handwerkszeug für Teamentwicklung, für Teamleitung und für das Erarbeiten von Visionen. Sie benötigen in der »DNA ihrer Kirche« eine Atmosphäre der Neugierde und der Zu-Mutung, damit die Ideen und kreativen Energien nicht auf dem Altar der Ordnung geopfert werden. Eine Kirche des lebendigen Evangeliums kann sich nur so weiterentwickeln, kann nur so lebendig bleiben. Sonst wird sie wohl mehr einen musealen denn einen dynamischen Charakter pflegen. Die Zielfrage wird dabei zur Leitfrage aller Weiterentwicklung sowohl der Berufe als auch der Strukturen werden: Wozu brauchen wir in der Kirche welche Berufe und Berufungen mit welchen Qualitäten und welche Strukturen am besten?

Wenn die Antworten darauf etwas mit dem Stichwort »Lebendigkeit des Evangeliums« zu tun haben, wenn da in der eigenen Antwort irgendwo Mission auftaucht, wenn da irgendwo so etwas wie Evangelium als Lebensrelevanz auftaucht, dann ergeben sich daraus entsprechende Konsequenzen. Es wird dann vornehmlich darum gehen, den Dienst von Menschen im Auftrag des Evangeliums so zu qualifizieren, dass sie mit ihren Begabungen in den Bedingungen dieser Welt bestmögliche Botschafter Gottes sein können. Es wird weniger darum gehen, sich territorial und mental zu beschränken als vielmehr sich als Teil einer großen, weltweiten Bewegung zu sehen. Das geschieht dann innerevangelisch und ökumenisch geweitet.

Sollen die Kolleginnen und Kollegen in den kirchlichen Berufen und mit ihnen die anderen Akteure in den Gemeinden dies können und auch wirklich wollen, dann haben sich in der Fort- und vor ihr in der Ausbildung Prioritäten verschoben:

– Neben einem Verwaltungskurs wird ein Kurs in kreativer Mission obligatorisch.
– Die Frage »Wie arbeite ich so, wie ich bin, in einem Team mit anderen zusammen?« wird ein festes Aus- und Weiterbildungsmodul.
– Die Versäulung in der Berufsbildung wird aufgebrochen und kooperatives Arbeiten unter Achtung der unterschiedlichen Qualitäten wird zur Norm entwickelt.

Paul Richter, Felix Großmann, Johanna Schneider und all die anderen werden dann ihre Dienstberatungen und Kalenderkonferenzen als Aperitif ihrer gemeinsamen geistlichen Reise an je ihrem Ort mit je ihrer eigenen Ausrüstung handhaben und das Leben, sprich Gott, feiern.

Freuet euch im Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch! Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nah! Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden.
(Phil. 4,4-6)



Anmerkung:

* Impuls zur Fortbildungsreferentenkonferenz der EKD in Leipzig am 31. Januar/1. Februar 2018.



 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Juliane Kleemann, Jahrgang 1970, Theologiestudium in Halle/Saale und in Bochum, Gemeindepraxis in einer ostdeutschen Innenstadtgemeinde (Halle/Saale) 1997-1999 und auf dem säkularen Land (1999-2003), Ausbildung zur Gemeindeberaterin/Organisationsentwicklerin in der Hessen-Nassauischen Kirche, 2003-2009 Persönliche Referentin von Bischof Axel Noack, Magdeburg, seit Dezember 2009 Theologische Referentin im Zentrum für Mission in der Region (ZMiR).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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