Ansätze zu einer gendergerechten Homiletik
Wenn Frauen predigen

Von: Susanne B. Wolf
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Seit 50 Jahren predigen Prädikantinnen in Württemberg und weitere Jubiläen dieser Art in der EKD werden folgen. Frauen sind auf den Kanzeln sicht- und hörbar geworden. Zum Segen der Gemeinde. Umso erstaunlicher, dass die Kategorie Gender in der homiletischen Debatte kaum Einzug gehalten hat. Frauen mit ihren spezifischen Erfahrungen als Predigerinnen oder Gottesdienstbesucherinnen bleiben weithin unberücksichtigt. Susanne B. Wolf befragt exemplarisch drei Ansätze der homiletischen Debatte unter dem Gender-Aspekt.*


Wenn Predigt glückt, dann fühlen sich die Hörer*innen gemeint, dann verschreibt sich die Verheißung des Wortes Gottes mit ihrem Leben.1 Dann verweben sich die Geschichten tröstend und ermahnend mit unserer Gegenwart. Wenn Predigt glückt. Ein Jahr nach dem Reformationsjubiläum scheint es unnötig zu betonen, dass dies nicht ausschließlich von uns abhängt, weder vom Inhalt der Worte, noch von der Vortragsweise. Die heilige Geistkraft tut das Ihrige.

Seit 50 Jahren predigen Prädikantinnen in Württemberg und weitere Jubiläen dieser Art in der EKD werden folgen. Die Frauen geben in diesem Dienst das frohmachende Evangelium weiter, verbinden es mit ihrer Lebenswirklichkeit und der der Menschen in den Gemeinden. Als Frauen sind sie auf den Kanzeln sicht- und hörbar geworden. Zum Segen der Gemeinde. Gott sei Dank!

Umso erstaunlicher scheint es, dass die Kategorie Gender in der homiletischen Debatte lange Zeit lediglich durch die inklusive Sprache Einzug gehalten hat. Die Kategorie des Geschlechts war in den Ansätzen inhaltlich nicht bedacht. Frauen mit ihren spezifischen Erfahrungen als Predigerinnen oder Gottesdienstbesucherinnen blieben unberücksichtigt und wurden nicht verhandelt. Es klafft eine Lücke zwischen Homiletik und Gender2. Überbrückt wird sie von wenigen feministisch-homiletischen Glücksfällen.3 Exemplarisch befrage ich drei Ansätze der homiletischen Debatte unter dem Gender-Aspekt. Linien in der Komplexität werden deutlich, sicherlich aber kommen nicht alle Nuancen der Ansätze zu ihrem Recht.


I. Homiletik und Gender

1. Der rhetorische Ansatz

Ausgehend von der Sprachgebundenheit der menschlichen Existenz, steht die Homiletik in diesem Konzept ganz unter der Ägide der Rhetorik. Federführend ist nach wie vor Gert Otto, der die Predigt zuallererst als eine »rhetorische Aufgabe« betrachtet. Seine These, predigen heiße zuallererst »kompetent und verantwortungsvoll mit Sprache umgehen«4 spricht das Urthema der Feministischen Theorie und Theologie an, durch das mancher thematische Stein in der Feministischen Forschung ins Rollen gekommen ist. Die feministische Sprachanalyse und ihre Forderungen für den Bereich der Homiletik ließen sich in den rhetorischen Ansatz einordnen.5 Auch das postulierte Angewiesensein der Predigt auf den medialen Sprachgebrauch öffnet das Konzept für feministische Vorstellungen. Ermöglicht doch die mediale Sprache Ausdruck der Fülle und Vieldimensionalität des Lebens, wodurch auch die Kategorie des Geschlechts inbegriffen wäre. Zudem geht Otto von einer politischen Dimension der Predigt aus, in welche sich das feministische Streben nach Veränderung und Befreiung aus stereotypem Denken, der applikative Charakter feministischer Predigt, wieder-finden könnte.


2. Der semiotische Ansatz

Mit Hilfe einer hauptsächlich durch Umberto Eco vermittelten Semiotik wird hier ein Modell von Predigt als »offenes Kunstwerk«6 entworfen. Wilfried Engemann hat mit seiner Theorie vom »Manuskript« auf Seiten des Predigers und vom »Auredit« auf Seiten der Hörerin ein prägnantes semiotisches Konzept für die Verbindung von Produktion und Rezeption vorgebracht.7 Seine Prämisse, dass jede Kanzelrede ergänzungsbedürftig ist, kann aus Gender-Perspektive nur begrüßt werden. Hier wird ein homiletischer Raum eröffnet, der den Hörenden die Gelegenheit bietet, ihre Situation in das Predigtgeschehen einzubringen. Frauen sind herausgefordert sich mit ihren Erfahrungen, mit ihrem Kon-Text einzuschreiben in den Text der Predigenden und an diesem weiter zu texten. In den semiotischen Ansatz ließe sich damit eine wesentliche feministische Forderung einordnen. Nämlich die, dass Frauen zu »theological agents« werden, aktiv am Predigtgeschehen teilnehmen,8 indem sie ihre Lebenswirklichkeit mit eintragen. Explizit ist die Dimension des Geschlechts nicht im Blick, der Rezeptionsprozess wird daran nicht reflektiert.


3. Der inszenatorische Ansatz

Die ästhetische Dimension, welche von der Kunst der Predigt spricht ist hier prägend. Martin Nicol stellt unter Aufnahme nordamerikanischer Homiletiktheorien einen Ansatz von Predigt als performatives »Ereignis« vor.9 Dass der homiletische Weg nicht einer »vom Text zur Predigt« ist, sondern sich der Text im Ereignis der Predigt entdecken lässt, beinhaltet aus Gender-Perspektive vielversprechende Potentiale. Der große Plan der »structure«, das Drehbuch der Gesamtbewegung der einzelnen »moves«, müsste jedoch nach geschlechtsspezifischen Metaphern analysiert und gegebenenfalls ergänzt werden, hat doch beispielsweise der einseitige Gebrauch von Metaphern für die Gottesrede die überkommene Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verstärkt.10 Der Begriff der Inszenierung, statt des Begriffes der Auslegung, macht die Bedeutung der Personengebundenheit für ein Auslegungsverfahren deutlich. »Die Person auf der Kanzel verleiht dem Anliegen des Textes Körperlichkeit, Dringlichkeit und Anwesenheit und insofern auch Authentizität.«11 Es wäre ein spannendes Unternehmen den Aspekt der Authentizität aus Gender-Perspektive hier einzuordnen, der bislang in der homiletischen Literatur unter Absehung von der Geschlechterdifferenz verhandelt wird.


4. Ein erstes Fazit

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Kategorie Gender in drei wesentlichen homiletischen Ansätzen der zeitgenössischen Debatte nicht explizit verhandelt wird. Und das ist so erstaunlich, da die Konzepte als solche darauf angelegt sind, dass Frauen vorkommen müssten. Konnte doch aufgezeigt werden, dass sich die Gender-Perspektive anhand bestimmter Aspekte gewinnbringend in die Ansätze einordnen ließe.

Meine Beobachtung verdeutlicht, dass Frauen in der gegenwärtigen homiletischen Theorie implizit mitgemeint sind, ohne jedoch eigens erwähnt zu sein. Frauen wurden und werden verschwiegen. Frau könnte auch sagen: Homiletik und Gender – eine phänomenale Verschwiegenheit.

Die historischen Ausführungen von Evelina Volkmann in dieser Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts haben für die Prädikantinnen in Württemberg Ähnliches gezeigt. Sang- und klanglos wurden die ersten Lektorinnen zum Predigtdienst zugelassen. Dies schlug sich nicht in einer Diskussion nieder, lief eher so mit. In der historischen Untersuchung »Öffentliche Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung im Ehrenamt. Laienprediger, Prädikanten, Predigthelfer, Ältestenpfleger, Lektoren in den Gliedkirchen der EKD« von Harm Klueting werden die Frauen in Württemberg in einem kleinen Absatz erwähnt. Immerhin bezeichnet er die Öffnung der Laienpredigt für Frauen als »besonders augenfällig« und hebt die Landeskirche Württemberg hervor, die im EKD-Vergleich sehr früh war mit der Öffnung des Predigtdienstes für Frauen. Es ist also dringend an der Zeit zu reflektieren, was es bedeutet, als Frau zu predigen.



II. Frausein im Predigtdienst

1. Überkommene stereotype Rollenklischees

»Predigen Frauen anders als Männer?« – »Nicht alle Frauen, aber doch viele: Sie scheuen sich weniger, sehr konkret zu werden und sind in der Lage, Gedanken und Gefühle präzise und nachvollziehbar darzustellen.«12 In dieser kurzen Interviewpassage mit Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler deutet sich eine Tendenz an, die auch in diversen feministischen Überlegungen zur Predigt erkennbar ist. Ausgehend von der Unterschiedlichkeit der Geschlechter wird untersucht, was die Frau als Predigerin oder Hörerin besonders kennzeichnet. Und so wird der Weg einer detaillierten Analyse des »Weiblichen« im Zusammenhang mit Predigt beschritten. »Weiblichkeit« ist dann in den Versuchen durch einen Katalog hausfraulich-mütterlicher Tugenden beschrieben, die die herkömmlich »männliche« Predigtpraxis frauengerechter gestalten sollen.

Eine erste feministische Predigttheorie mit dieser Bestrebung wurde von der Amerikanerin Christine M. Smith 1989 unter dem Titel »Weaving the Sermon. Preaching in a Feminist Perspective« (Die Predigt weben. Predigen aus feministischer Perspektive) vorgelegt.13 Sie beschreibt darin die Predigtkunst aus der handwerklichen Perspektive von Weberinnen. Die Predigt wird als »textum«, Flechtwerk, Gewobenes gesehen. Die Amtsautorität ist ein »Webstuhl« von »Gegenseitigkeit und Solidarität«. Das Frausein der webenden Predigerinnen wird aus der Perspektive der feministischen Psychologie beschrieben. Dabei unterscheidet Smith zwischen einer weiblichen Moral der Fürsorge und einer männlichen Moral der Gerechtigkeit. Frauen definieren ihre Identität über Beziehungen, Männer jedoch über Unterscheidung und Abgrenzungen.

Das eigentliche Problem dieser Predigttheorie liegt darin, dass sie Frauen nur unter denselben Stereotypen kennt, an denen wahres Frausein immer schon bemessen wurde. Die Gefahr dieser Denkweise ist deutlich, war doch gerade die Rede vom natürlichen »So-Sein« der Frau stets Argument für ihre gesellschaftliche Marginalisierung: weil die Frau emotionaler ist als der Mann, liegt ihr die Leitungsfunktion eher weniger.

Doch auch in der bundesdeutschen Debatte wird diese Tendenz aufgenommen. So identifiziert Ernst Rüdiger Kiesow in seinen Ausführungen »Die Frau als Predigerin«, die »weibliche« Stimme auf der Kanzel als die »mütterliche Stimme von der Kanzel« und erwägt einen engen generellen Zusammenhang zwischen »Religion und Mütterlichkeit«.14 »Die Pastorin mit eigener Familie … steht dem Alltagsproblem der mehrheitlich weiblichen Predigtgemeinde zumeist näher als der Pastor.«15 Hier werden eindeutige mütterliche Klischees über Frauenpredigten geprägt. Auch Birgit Klostermeier-Wulff gelangt in ihrer Untersuchung von 22 von Männern und 26 von Frauen entworfenen Predigten zu dem Ergebnis, dass beide Personengruppen die ihnen gesellschaftlich zugewiesenen stereotypen Klischees nahezu ungebrochen bedienen.16 Die Predigerinnen betonen eher ihre menschlich-emotionale Kompetenz, behandeln die Gemeinde in eher familiärer Weise, bevorzugen einen persönlichen Predigtstil und sprechen kaum über Abgrenzungen und Gottes Unterschieden-Sein. Die Männer zeigen keine Probleme mit der Leitungsfunktion, hingegen predigen sie eher distanziert und dogmatisch.

So begrüßenswert es ist, dass Frauen hier überhaupt im Zusammenhang mit Predigt thematisiert werden, so sehr scheinen sich doch alte Stereotypen über die unterschiedlichen Sozialcharaktere der Geschlechter zu wiederholen und nicht infrage gestellt zu werden. Die Eingrenzung von »weiblich« auf Stereotype aus dem Feld mütterlich-hausfräulicher Eigenschaften ist doch längst durch die gesellschaftliche Realität überholt. »Die Frau« unterscheidet sich nach Frauen verschiedener Generationen, Klassen, Rassen, sexueller Orientierung. Die Variation innerhalb eines Geschlechts erweist sich als groß und es ist längst nicht mehr von »Normalbiographien« auszugehen. Es gibt eben genügend Frauen wie Männer, deren Predigten nicht in das Raster dieser mehr oder weniger klassischen Rollenaufteilung passen.17

Von dem besonderen Predigtdienst der Frauen zu sprechen, birgt also diese Falle, festgelegt zu werden und damit wieder bestimmten Rollenerwartungen genügen zu müssen. Doch wie, wenn nicht als Frau-Sein, können wir dann von Predigerinnen sprechen?


2. Die Predigerin als handelnde Person

Die Theologin Wiebke Köhler geht einen anderen Weg. Sie untersucht den Aspekt Gender für die Predigt und ihre Vorbereitung, indem sie die Predigt als ein Tun, ein Handeln beschreibt. Geschlecht als Ganzes ist also nicht etwas, was wir haben oder was wir sind, sondern, was wir permanent tun.18

Das Tun einer Predigtvorbereitung und deren Halten spielt sich im »dreipoligen Raum der Gestaltung« von Kompetenz, Kreativität und Theatralität ab.19 Predigerinnen schöpfen die im Text enthaltenen Verheißungspotentiale für Frauen aus. Sie gestalten sie kreativ und halten die Rede als Person verbal und nonverbal. Es geht Köhler also nicht um die Frage, ob Frauen anders predigen als Männer, sondern darum, die grundlegende geschlechtliche Perspektivität der eigenen Predigtgestaltung nicht auszublenden. Also, sich dessen bewusst zu sein, dass Frauen als Frauen über die Bibel zu anderen Frauen und Männern sprechen. Von Bedeutung ist, wer handelt, und so hat die Predigtlehre sorgfältig zu prüfen, »wann theologisch vom Status der Gleichheit der Geschlechter aus argumentiert werden muss und wann von ihrer Verschiedenheit und ihrem sozialkulturellen Konstruiert-Sein.«20 Bedeutend ist, dass Predigerinnen und Hörerinnen nicht auf einförmige Daseins- und Handlungsmuster festgelegt werden. Dieser Ansatz bietet aller Blindheit gegenüber der Vielfalt der Weiblichkeit die Stirn.

Wenn Frauen predigen, dann geht es darum, dass sie ihr Frausein miteinbeziehen in die Auslegung, ohne stereotype Rollenverständnisse zu bedienen. Es gilt den Predigtraum weit zu machen – Gender-Spielraum zu gewinnen, damit sich Hörerinnen einschreiben können mit ihrem Frausein. Haben Prädikantinnen und Predigerinnen in den Jahren, in denen sie als Frauen predigen, diesen Spielraum geöffnet?



III. Veränderungen durch die Predigt von Frauen

Hat die Beteiligung von Frauen am Predigtdienst Folgen, in Kirche und Gemeinde? Auf diese Frage antworte ich mit einem deutlichen »Ja« und sieben Aspekten, die die Wirkungen verdeutlichen und Prädikantinnen, so hoffe ich, in ihrem Dienst ermutigen.


1. Frauen auf der Kanzel haben Symbolkraft

Lange wurde Gottesdienst mit Liedern und Gebeten gefeiert, durch die sich Frauen oft wenig angesprochen fühlten. Das hat sich stark verändert, auch durch die Bemühungen der Feministischen Theologie, die Gottesdienstgestaltung zu erneuern. Nun predigen sie auch, die Frauen. Sie stehen auf der Kanzel in Albe oder Talar und haben Symbolkraft. Sie repräsentieren über die Hälfte der deutschen Bevölkerung und weit über die Hälfte der sonntäglichen Gemeinde. Als »Person auf der Kanzel verleih()(en sie) dem Anliegen des Textes Körperlichkeit, Dringlichkeit und Anwesenheit und insofern auch Authentizität.«21 Es geht in der Predigt ja auch immer um das eigene Leben und den eigenen Glauben. Herausfordernd ist, dass eine Botschaft auszurichten ist, die in einer ambivalenten Wirklichkeit nicht selbstverständlich ihren Ort finden kann.

Die Praktische Theologin Uta Pohl-Patalong hat untersucht, wie Pfarrer*innen von der Gemeinde wahrgenommen werden. Etliche Aspekte hat sie aus vielen Interviews hausgefiltert. Von allen Wahrnehmungen werden zwei Aspekte durch die Menschen auch auf Ehrenamtliche übertragen: Prädikantinnen und Ehrenamtliche überhaupt werden wie Pfarrerinnen als Vorbilder gesehen und in ihrer Kompetenz wahrgenommen.22

Kompetente Vorbilder sind Prädikantinnen durch ihr Wort und durch ihre Präsenz auf der Kanzel. Die Theologin Ulrike Wagner-Rau bemerkt, dass durch die Predigt der Frauen die im Protestantismus lange verachtete und verleugnete Sexualität im religiösen Raum wieder anklingt.23 Der Glaube wird verkörpert. Gerade deshalb ist es wichtig, dass Frauen darum wissen, dass sie offiziell beauftragte Predigerinnen sind, Leiterin der Gemeinde, nicht Freundin oder gar Hilfesuchende. Frauen auf der Kanzel haben ein theologisches Mandat erhalten, sprechend ihre Lebenswirklichkeit und ihre theologischen Überzeugungen für die Gemeinde zusammenzuführen. Mit Frauen auf der Kanzel bildet sich die ganze Kirche auch in diesem Dienst ab. Diese professionelle Kompetenz gilt es selbstbewusst einzusetzen.


2. Neue Textvielfalt im Übersetzen

Seit Frauen predigen, nehmen sie die Bibel neu wahr. Sie entdecken Frauen in der Schrift, die mit Namen, aber auch die, die beiläufig vorkommen in den Erzählungen und sogar die unsichtbar gemachten. Von den Frauenreferaten vieler Landeskirchen sind Predigtbände mit Predigten von Frauen über diese biblischen Figuren erschienen (EKiR und EKvW: z.B. Mit Eva predigen). Frauenorientierte Bibelauslegung hat sich etabliert. Frauen weiteten auf der Kanzel den Raum und lockten die Inspirationen der alten Texte zu einer »Neubezeugung«24 durch »über-setzen« der Texte. Sie liehen den Frauen in der Schrift ihre Stimme. Diese Entwicklung äußerte sich auch in einer neuen Bibelübersetzung, der Bibel in gerechter Sprache. Neben anderen Aspekten wird in ihr auch besonderer Fokus auf Frauen gelegt. Dort, wo sozialgeschichtliche Forschungsergebnisse nahelegen, dass in den Texten Frauen mitgemeint sind, werden sie benannt.

Auch die neue Revision der Perikopenordnung, die am ersten Advent dieses Jahres in einem Gottesdienst in Wittenberg eingeführt wird, ist eine Frucht der Predigten von Frauen und der Feministischen Theologie. Die Revision führt zu wesentlich mehr Texten aus dem AT und zu mehr Texten, die die Rolle von Frauen in den biblischen Geschichten beleuchten. Mein Rat an Prädikantinnen sowie Prediger*innen gleichermaßen: Wenn biblische Frauenfiguren in den Predigttexten erwähnt sind, die Sie predigen, dann schauen Sie doch mal, ob ihnen in der Predigt genug Raum zukommt und fühlen Sie sich frei, Ergänzungen vorzunehmen.


3. Neues Bewusstsein für Sprache

Mit dem Kampf der feministischen Bewegung in der Gesellschaft und der feministischen Theologie in der Kirche um die sogenannte gerechte Sprache, um inklusive Formulierungen, hat sich das Bewusstsein für die Wirkkraft der Worte verstärkt. Frauen forderten, benannt zu werden und sich nicht in männlichen Formen mitgemeint zu fühlen. Im Hintergrund stand die Erkenntnis, dass Sprache Wahrheit schafft. Wenn ich immer nur von Propheten spreche, geraten die Prophetinnen schnell in Vergessenheit. Sprache prägt die, die in ihr denken, träumen, sprechen. Indem sie benennt und deutet, ist sie Mitgestalterin von Identität. Und sie wirkt besonders dort, wo Formulierungen durch Wiederholungen tief ins Gedächtnis einsinken.

Die Predigt nun ist zu allererst eine »rhetorische Aufgabe«25. Es ist die Aufgabe derjenigen, die predigen, kompetent und verantwortlich mit Sprache umzugehen. Sprache offen zu halten für die Fülle und Vieldimensionalität des Lebens müsste in Predigt gelingen. Nehmen wir uns also den Spielraum die Predigtvorlagen unter genderspezifischem Blick zu betrachten. Gibt es Festlegungen, die ich nicht so weitergeben möchte? Liegt ein offener Sprachgebrauch vor, der möglichst vielen Raum bietet sich, gedanklich in den Worten einzufinden?


4. Das Gottesbild öffnen

Eng mit der Sprache hängt die Öffnung des Gottesbildes zusammen. Neben der Ansprache Jesu an Gott als »Abba«, Vater, gibt es in der Heiligen Schrift viele Bilder und Anredeweisen für Gott. Frauen haben in ihrem Glauben die weiblichen Anteile des sonst patriarchal entworfenen Gottes entdeckt. Jedes Bild von Gott ist nur ein Bild. Es kann die Gesamtheit Gottes nicht beschreiben und wird dieser nie gerecht. Neben dem Bild des Vatergottes und der Ansprache als Gott, der Herr, hat die feministische Theologie andere Anreden aus der Bibel angewandt: Gott als Quelle, als Gebärende und Kraft, Gott als Mutter. Damit wurde das Gottesbild geöffnet. Ein großer Verdienst der Feministischen Theologie besteht darin, das Gottesbild wieder stark mit dem Kreuz verbunden zu haben. Gegen die Verklärung des Leidens, haben Frauen gerade diesen Aspekt des Scheiterns, des Verwundetseins in aller Deutlichkeit benannt. Dadurch war es möglich den Glauben stärker mit eigenen Notsituationen, Ungerechtigkeiten zu verbinden.26

Wichtig ist mir zu betonen, dass die neuen Bilder für Gott nicht ausschließlich verstanden werden sollten. Gott unsere Mutter ist eine unerhörte Metapher in der Not von Frauen. Sie ist auf keinen Fall die einzige und nicht auszuspielen gegen andere. Vielmehr kann die Erkenntnis in die Grenzen der eigenen Vorstellungen und Redeweisen es erleichtern, zu einem eigenen Gottesbild zu finden, dass wandlungsfähig ist und sich bewusst für Veränderungen offen hält.


5. Die Lebenswirklichkeit von Frauen hat Raum

Seit Frauen auf die Kanzel steigen, kommen ihre Erfahrungen und Lebenswirklichkeiten stärker in der Predigt vor. Ihre Themen haben einen Raum in der Textauslegung. Die Freude, Selbstbestätigung, aber auch die Last, Familienangehörige zu pflegen, die Lust der Liebe, wie auch Altersarmut von Frauen, das Erleben von Arbeitslosigkeit, Zerbrechen von Beziehungen, all das kann zur Sprache kommen. Bedeutend scheint mir, dass unsere Predigten nicht klassifizieren zwischen wichtigen und unwichtigen Erfahrungen. Und dass sie berücksichtigen, dass es kein einheitliches Frauenbild mehr gibt: Es gibt alleinerziehende Frauen, Ehefrauen mit und ohne Kinder, Partnerschaften ohne Trauschein, lesbische Frauen, Singles. Wie verbinden sich die Lebensthemen mit der Schrift? Wo erfahren Frauen Unterdrückung? Was bedeutet Befreiung und Erlösung? Wo sind Frauen Mittäterinnen? Und welchen Zugang haben sie zum Göttlichen?

Prädikantinnen stehen heute immer mehr Predigtvorlagen von Frauen zur Verfügung. Gehen wir selbstbewusst damit um und nutzen unsere Möglichkeiten, Beispiele zu wählen, die Frauenerfahrungen entsprechen.


6. Das Priestertum aller Gläubigen stärken

Seit Prädikantinnen predigen machen sie ernst mit dem Priestertum aller Gläubigen. Sprachfähig werden sie zu »theological agents«27, wie es in der Feministischen Theologie heißt. Als Mitglieder der Dienstgemeinschaft unserer Kirche, geben sie die gute Nachricht von der Liebe und Gerechtigkeit Gottes gemäß ihren Gaben, Fähig- und Fertigkeiten weiter. Sie engagieren sich ehrenamtlich auf der Kanzel. Damit ermutigen sie andere Gemeindeglieder, sprachfähig zu werden über ihren Glauben, und profilieren die Kommunikation des Evangeliums in die Gemeinde hinein.


7. Vision von Kirche

Seit Frauen predigen, gestalten sie das Bild unserer Kirche an entscheidender Stelle mit. In ihren Predigten tragen sie mit dazu bei, Veränderungen voranzutreiben und dem kirchlichen Leben eine Gestalt zu geben, die den religiösen Vorstellungen und dem Selbstverständnis auch der jüngeren Frauengeneration entspricht. Denn sie benennen Ungerechtigkeiten, wirken prophetisch und entwickeln sprachlich gelungene Visionen des christlichen Zusammenlebens. Und die christliche Gemeinschaft ist nach Dietrich Bonhoeffer eine der größten Gaben, die Gott uns gibt. Noch einmal die Ermutigung, spielerisch mit den Predigtvorlagen umzugehen, eigenes einzustreuen und der Heiligen Geistkraft darin zu vertrauen.

»Evangelisch sein«, bedeutet nach Dorothee Sölle, »ein Buch (haben). Das bedeutet nicht, dass wir die Wahrheit einfach aus dem Buch ablesen können. Es geht gerade nicht um einen geistlosen Biblizismus aber um das Hören auf eine andere Stimme als unsere eigene. … Lebensvisionen und Gewissen wachsen schließlich nicht von selber, sie müssen gelernt werden, und dabei hilft unsere alte Lehrerin.«28


Anmerkungen:

* In Anlehnung an meinen Vortrag am 8. Mai 2018 zum Jubiläum in Stuttgart. Vgl. auch meinen Beitrag »Homiletik und Gender. Beobachtungen zu einer phänomenalen Lücke, in: PTh 3/2004, 164-173.

1 Vgl. Ernst Lange, Predigen als Beruf, 1976.

2 Den Begriff gender gebrauche ich im Sinne von Uta Pohl-Patalong, Art. Gender, in: Elisabeth Gössmann u.a. (Hg.): Wörterbuch der Feministischen Theologie, Gütersloh 2. Aufl. 2002, 216-221.

3 Vg. Wiebke Köhler: Homiletik – feministisch?! Predigerin und Hörerin als überfälliges Thema der Homiletik, in: WzM 48 (1996), 132-150

4 Vgl. Gert Otto: Rhetorische Predigtlehre. Ein Grundriss, Mainz/Grünewald/Leipzig 1999, 52, und ders.: Die Predigtvorbereitung im rhetorischen Zusammenhang, in: Pohl-Patalong 2001, 151-159.

5 Vgl. Hildburg Wegener/Hanne Köhler/Cornelia Kopsch, (Hg.): Frauen fordern eine gerechte Sprache, (GTB 484) Gütersloh 1990.

6 Vgl. Martin.

7 Vgl. Wilfried Engemann: Semiotische Homiletik. Prämissen – Analysen – Konsequenzen, Tübingen-Basel 1993, oder auch ders.: Predigen und Zeichen setzen. Eine homiletische Skizze mit Beispielen, in: Pohl-Patalong 2001, 7-24.

8 Vgl. Denise Ackermann/Riet Bons-Storm: Liberating Faith Practices. Feminist Practical Theologies in Context, Leuven 1998.

9 Vgl. Martin Nicol: Einander ins Bild setzen. Dramaturgische Homiletik, Göttingen 2002, sowie ders.: To make things happen. Homiletische Praxisimpulse aus den USA, in: Pohl-Patalong 2001, 46-54, sowie Henning Luther: Predigt als inszenierter Text. Überlegungen zur Kunst der Predigt, in: ThPr (1983), 91-100.

10 Vgl. zur Bedeutung von Sprache: Pohl-Patalong: Sprache und Geschlecht, in: Lernort Gemeinde. Zeitschrift für die theologische Praxis, 2 (1999) 17, 20-25.

11 Wiebke Köhler: Der Kairos der Predigerin. Überlegungen zur Gestaltung der feministisch-theologischen Predigtpraxis, in: Pohl-Patalong 2001, 182-194, 192f.

12 Interview unter Frauen predigen anders. Interview mit der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler(München), in: Udo Hahn (Hg.): Das kleine ABC des Predigthörens. Was eine gute Predigt auszeichnet, Rheinbach 2003, 123-125, 124.

13 Vgl. Christine M. Smith: Weaving the Sermon. Preaching in a Feminist Perspective, Louisville/Westminster 1989. Die deutsche homiletische Debatte könnte sicherlich von den nordamerikanischen Ansätzen profitieren. In den USA wird die Diskussion um eine feministische Homiletik wesentlich dringlicher und intensiver geführt.

14 Vgl. Ernst Rüdiger Kiesow: Abschnitt: »Die Frau als Predigerin«, in: Karl-Heinrich Bieritz u.a. (Hg.): Handbuch der Predigt, Berlin 1990, 110f, 111.

15 Ebd.

16 Vgl. Birgit Klostermeier-Wulf: Geschlechtsspezifische Verkündigung? Beobachtungen an Frauen- und Männerpredigten, in: ZGP 9, (1991), H. 4, 30-35, vgl. auch dies.: Gärten und Kerker. Über Frauen- und Männersprache in der Predigt, in: ZGP 11 (1993), H. 4, 10-12.

17 Vgl. Isolde Karle, Zur Unterscheidung von Prediger und Predigerin, in: PthI 15 (1995), 291-305, 302.

18 In diesem Zusammenhang bezieht sich die Autorin auf Andrea Bieler: Das Denken der Zweigeschlechtlichkeit in der Praktischen Theologie, in: PTh 88 (1999) 272-286, bes. 284: »Geschlecht als doing gender«. Das Modell von Predigt als Handlung findet sich auch schon bei Luther 1983, der von Schleiermachers These ausgeht, dass die produktive Basis der Predigt in der sich mitteilenden Subjektivität dessen liegt, der redet.

19 Köhler, 2001, 182-195, 186.

20 A.a.O., 192.

21 Wiebke Köhler: Der Kairos der Predigerin. Überlegungen zur Gestaltung der feministisch-theologischen Predigtpraxis, in: Pohl-Patalong 2001, 182-194, 192f.

22 Vgl. Uta Pohl-Patalong, Gottesdienst erleben. Empirische Einsichten zum evangelischen Gottesdienst, Stuttgart 2011, 217.

23 Vgl. Ulrike Wagner-Rau, Zwischen Vaterwelt und Feminismus, 1992.

24 Vgl. Annette Noller: Feministische Hermeneutik. Wege einer neuen Schriftauslegung, Neukirchen-Vluyn 1995, 215-241. Noller spricht im Teil »Homiletische Reflexionen« und im Teil »Kleiner feministischer Tugend- und Lasterkatalog für Predigerinnen und Prediger« von einer feministischen Predigt als »patriarchatskritischer Neubezeugung«.

25 Vgl. Gert Otto, Rhetorische Predigtlehre. Ein Grundriss, Mainz/Grünewald/Leipzig 1999, 52.

26 Vgl. auch Susanne Wolf-Withöft: Sich Gott vorstellen – Frauen im Gebet, in: Gotthard Fermor/Reinhard Schmidt-Rost (Hg.): Amen. Beten als Projekt, Rheinbach 2004.

27 Vgl. Denise Ackermann/Riet Bons-Storm: Liberating Faith Practices. Feminist Practical Theologies in Context, Leuven 1998.

28 Vgl. Dorothee Sölle, Erinnert euch an den Regenbogen. Texte, die den Himmel auf Erden suchen, Freiburg i.B., 5. Auflage, 1999, 181.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrerin Dr. Susanne B. Wolf, Dozentin am Gemeinsamen Pastoralkolleg der Evang. Kirche im Rheinland, Evang. Kirche von Westfalen, Reformierten Kirche und Lippischen Landeskirche, Studium in Wuppertal, Hamburg, Philadelphia (PA/USA) und Bonn, Promotion (»Predigen lernen. Homilietische Konturen einer praktisch-theologischen Spieltheorie«) bei Prof. Dr. Henning Schroer; Pfarrerin in der rheinischen Gemeinde Gemarke-Wupperfeld in Barmen, Wuppertal, und Professurvertretung an der Evang. Hochschule in Bochum im Bereich Gemeindepädagogik, Diakoniewissenschaften.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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