Was die Kirche für eine funktionierende Gesellschaft leisten kann

Von: Heribert Prantl
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Stephen Hawking hielt es also mit John Lennon, der einst gesungen hatte: „Imagine there’s no heaven, above us only sky.“ Als ich all die bewundernden Nachrufe auf Hawking las, habe ich mich gefragt: Was ist das bloß für eine klägliche Weltsicht? Wie traurig ist es, so eine Ausnahmeintelligenz so eindimensional zu nutzen? Imagine: there’s no heaven – dazu braucht es nun wirklich null Vorstellungskraft, es ist vielmehr der Gipfel der Phantasielosigkeit, only sky zu sehen.

Thema des diesjährigen 75. Deutschen Pfarrerinnen- und Pfarrertages in Augsburg war »Religion und Gewalt«. Hauptreferent Heribert Prantl nahm dies zum Anlass, darüber nachzudenken, welche Rolle kirchliche Symbole und Formen in Öffentlichkeit, Gesellschaft und Schule haben sollen.*

Vor ein paar Monaten starb der Popstar der Wissenschaft, der geniale Astrophysiker Stephen Hawking. Er hatte mit Kirche und kirchlichen Symbolen, mit Religion, mit Beten, mit Himmel und Hölle und mit ewigem Leben nichts im Sinn. Er sagte das so: »Ich sehe das Gehirn als einen Computer, der aufhört zu arbeiten, wenn seine Bestandteile versagen. Es gibt keinen Himmel oder Leben nach dem Tod für kaputte Computer. Das ist ein Märchen für Leute, die sich vorm Dunklen fürchten.«

Stephen Hawking hielt es also mit John Lennon, der einst gesungen hatte: »Imagine there’s no heaven, above us only sky.« Es gibt danach keine Heimat der Seele, keinen Himmel, wo ein Leben ein Zuhause hat, das nicht von dieser Welt ist. Es gibt, so der Wissenschaftler, nur den kosmischen Raum, den man wissenschaftlich durchforschen kann. Wenn Hawking zum Himmel schaute, dann sah er dort das zukünftige Exil für eine heimatlos gewordene Menschheit, die von der zerstörten Erde fliehen muss. Hawking empfahl, in die Besiedelung anderer Himmelskörper zu investieren und zu erforschen, wie man Kolonien auf dem Mars bauen könnte. Dergleichen, das Reisen zum Mars, propagiert ja auch der E-Auto-Guru Elon Musk, der Hersteller des Tesla.


Eine klägliche Weltsicht

Als ich all die bewundernden Nachrufe auf Hawking las, habe ich mich gefragt: Was ist das bloß für eine klägliche Weltsicht? Wie traurig ist es, so eine Ausnahmeintelligenz so eindimensional zu nutzen? Imagine: there’s no heaven – dazu braucht es nun wirklich null Vorstellungskraft, es ist vielmehr der Gipfel der Phantasielosigkeit, only sky zu sehen. Es ist die blumige Übersetzung für das überaus dumme »Ich glaube nur, was ich sehe.« Aber vielleicht hat Hawking ja nur so über den Himmel geredet, weil er, schlau wie er war, wusste, dass Gottesverachtung und Glaubensverspottung immer viele Leser zieht. Das klingt alles ziemlich cool und aufgeklärt, aber nicht weniger trostlos. Es klingt so trostlos, dass es mich nicht wundert, dass man sich in Phantasien über die Besiedlung von Sternen flüchten muss. Es ist die Ersatzreligion eines Menschen, der den Himmel zum Märchen der Ängstlichen erklärt.

Willibert Pauels, katholischer Diakon im Rheinischen, hat diese pseudointellektuelle Weltsicht auf die Spitze getrieben, in der nur die Materie, nur das, was man potenziell berechnen und messen kann, Wirklichkeit beanspruchen darf. Er sagt: »Kannst du deinem Kind in die Augen schauen und ihm erklären: Du, Kind, bist letztlich nichts anderes als ein Zellhaufen, der biochemisch reagiert. Und wenn ich dich lieb habe, Kind, ist auch das letztlich nichts anderes als eine biochemische Reaktion in meinem limbischen Gehirnlappen. Und wenn du stirbst, Kind, wirst du den Weg aller Dinge gehen, nämlich in die Verrottung, auf den kosmischen Abfallhaufen des Nichts … Also, mich würde diese Perspektive traurig, krank und wahnsinnig machen.«

Nicht nur krank und wahnsinnig, möchte ich ergänzen, sondern auch aggressiv. Vielleicht rühren die Wiederkehr des nihilistischen Wahnsinns und all der braune Hass auch daher, dass viele Menschen sich so fühlen: austauschbar, nicht gesehen, nicht geachtet, wertlos, hoffnungslos, trostlos. Der Soziologe und Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer wird nicht müde, den Zusammenhang zu erklären zwischen mangelnder Anerkennung und schwindenden existenziellen Grundsicherheiten einerseits und andererseits dem, was er rohe Bürgerlichkeit und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennt. Er hat bereits Anfang der 2000er Jahre vorausgesagt, dass der Rechtspopulismus erstarken wird unter der Gewalt von Lebensbedingungen, die die Menschen immer mehr zu Getriebenen im Getriebe der Ökonomie machen.


Was den Menschen zum Menschen macht

Wenn man vom Himmel redet und vom ewigen Leben, dann spricht man nicht die Sprache der Soziologie oder der Ökonomie oder der Naturwissenschaft. Man spricht die Sprache der Theologie. Man kann naturwissenschaftlich erklären, was den Menschen zum Menschen macht. Man kann es aber auch so sagen wie Diakon Pauels: In dem Augenblick, in dem ein Affe zum ersten Mal seine Augen zum Himmel erhob und Gott dafür dankte, ein Affe zu sein, da war er ein Mensch.

Es macht uns zu Menschen, dass wir über unserem Leben mehr sehen als den dunklen kosmischen Raum, mehr als den digitalen Raum aus Nullen und Einsen, mehr als den Raum, den das Lineal der Ökonomie abmisst. Man könnte den Satz über den Affen auch umkehren: In dem Augenblick, in dem der Mensch den Himmel nicht mehr sieht, macht er sich zum Affen. Das ist der Moment, in dem er keinen Ort mehr hat für seine Sehnsucht, keine Idee mehr davon, dass es etwas über das Hier und Jetzt hinaus gibt, keine Suche mehr nach einer Welt, die nicht von dieser Welt ist. Der Mensch ohne Himmel ist der Mensch, der sich selbst genug ist, der den eigenen Horizont für das Ende der Welt hält und diese Welt für den Schluss ­aller Dinge.

Insofern hat Hawking sogar ein kleines bisschen recht, wenn er sagt: Der Himmel ist etwas für Leute, die sich im Dunkeln fürchten. Er ist aber kein Märchen, er ist eine Vision. Er ist die Vision, dass das Dunkel der Gewalt und des Hasses vergeht und der Mensch keine Angst mehr haben muss.


Den Himmel offen halten

Dafür ist Kirche da: Den Himmel offen halten und dem Menschen helfen, die Angst zu überwinden; dem Schüler, der in der Schule gemobbt wird; dem Kranken, der das Sterben fürchtet; dem Flüchtling, der mit der Asylbürokratie nicht zurechtkommt und die Abschiebung im Genick spürt.

Die Kirche ist eine Entängstigungseinrichtung. Pfarrer*innen, sind diejenigen, die »allem Volk«, wie es in der Bibel heißt, verkündigen sollen »Fürchte dich nicht«. Thema hier in Augsburg ist die Frage, was der Gewalt abhilft und was dem Frieden dient. Es ist nicht zuerst die Moral, es sind nicht die Werte. Überwindung von Gewalt fängt mit der Überwindung von Angst an.

Wenn man das aber so sagt auf diesem Pfarrertag, dann bleiben einem diese Worte auf der Zunge kleben – angesichts der Nachrichten über Zustände in einer Kirche, die einem Angst machen und die Tausende, Zehntausende von Kindern und Jugendlichen verängstigt, verletzt, vergewaltigt, gequält und gedemütigt haben.


Religion als Gewalt

»Thema der Woche« war jüngst in der Wochenendausgabe meiner Zeitung die Gewalt, die von katholischen Geistlichen ausgegangen ist und immer noch ausgeht: »Religion und Gewalt«? – Nein: Religion als Gewalt ist das Thema der Woche. Glaube als Furchteintreiber. Geistliche als Angstmacher und Schreckensverbreiter. Die Verbrecher, um die es geht, sind katholische Priester. »Unter uns evangelischen Pfarrern ist sexuelle Gewalt aber doch kein grassierendes Problem«, könnten Sie mich jetzt unterbrechen. Das stimmt.

Aber diese Taten sind »katholisch«, allgemein, im buchstäblichen Sinn. Sie kontaminieren das Pfarramt allgemein, kontaminieren alles, was sich Kirche nennt. Es ist eine Gewalt, die sich verbreitet wie ein stinkendes Gas, vor dem man die Fenster nicht schließen kann. Und der Dreckhaufen, der mit den Taten an Kindern und Jugendlichen angesammelt wurde, ist so groß, dass er auch vor der Tür der anderen Konfessionen liegt. Die Gewalt in der römischen Kirche ist nichts, was evangelische Christen klammheimlich freuen kann; denn dieser Generalverdacht infiziert alles Kirchliche. Es gibt hier längst die oft herbeigebetete Gemeinschaft der Kirchen, eine Art Ökumene im Negativen.


Seelsorger unter Generalverdacht

Ich bin sehr katholisch aufgewachsen, war Ministrant in einer Zeit, in der man den Pfarrer mit »Hochwürden« anredete. Der Titel »Hochwürden« stammt aus der Zeit, in der die Würde des geistlichen Amtes den Herrn, der dieses Amt bekleidete, emporhob, heiligte und unantastbar machte – und zwar auch dann, wenn dieser Herr ein unangenehmer Mensch, ein grässlicher Sünder oder ein unwürdiger Widerling war – er galt trotzdem als Hochwürden. Einstmals schob eine gute Katholikin wie meine Großmutter, wenn sie über einen Pfarrer schimpfte, ihrer Schimpferei einen einschränkenden Satz hinterher: »die heilige Weihe ausgenommen«.

Das musste, so war das noch vor einem halben Jahrhundert bei mir zu Hause, gesagt werden, weil man so deutlich machen konnte, dass trotz aller Empörung gegen den Pfarrer der Respekt vor seinem Amt und der Kirche blieb. Diese Zeit ist vorbei. Die Unwürdigkeit dieser Priester erfasst das Amt der Geistlichen, egal ob es auf einer besonderen Weihe beruht oder nicht. Die Gemeinheit der Amtsträger entehrt die Kirche. Und das ist die weitergehende Gemeinheit: Zahllose untadelige, hochengagierte Seelsorger sind unter Generalverdacht geraten. Ihnen begegnen nicht selten Misstrauen, Verdrossenheit oder Spott.


Pfarrer*innen als Projektionsfläche

Nun ist es sicher nicht Aufgabe der evangelischen Kirche und ihrer Pfarrer die Gewalt aufzuarbeiten, die von ihren katholischen Kollegen ausgegangen ist. Die Frage ist aber, wie man mit der Kränkung umgeht, die darin steckt. Es ist eine gewaltige Kränkung, das Vertrauen und den Respekt eingebüßt zu haben, den die Vorgängergeneration noch so selbstverständlich genießen konnte. Auf einem Pfarrertag, der nach Wegen zum Frieden sucht, ist diese Frage nicht ganz unwichtig: Wie macht man Frieden mit diesem Amt, das zunehmend nicht mehr hochwürdig, sondern oft hoch-bürdig ist? Nicht nur das Kreuz ist das Symbol der Kirche in der Öffentlichkeit. Auch die Pfarrer*innen sind es als öffentliche Personen. Wie Politiker sind sie eine große Leinwand, auf die alle möglichen und auch alle widersprüchlichen Zuschreibungen und Wünsche projiziert werden.

Die Pfarrer*innen sollen friedlich sein wie Gandhi, selbstlos wie Mutter Teresa, spirituell wie der Dalai-Lama, christlich wie Jesus selbst, Antworten geben auf gesellschaftliche Fragen – aber sich zugleich politisch zurückhalten. Sie sind zudem in ihrem Ruf beschädigt und kämpfen nach außen mit schwindendem Vertrauen und Respekt. Sie kämpfen nach innen mit zunehmenden Anforderungen, die ihnen aufgehalst wurden. Die Entängstigungseinrichtung Kirche kreist ängstlich um ihr eigenes Überleben, um die Sorge um ihre Finanzen, um die Furcht, Relevanz zu verlieren, um die Panik, dass es kein Halten mehr gibt beim Mitgliederverlust.

»Wachsen gegen den Trend« hieß die markige Selbstoptimierungsparole, mit der die Kirche sich selbst die Angst austreiben wollte. Leuchtturmprojekte mussten her, dazu Image-Kampagnen, Beratungsprozesse, Assessment-Center für angehende Pfarrer*innen, ein betriebswirtschaftliches Finanzmanagement, die Kultur der Veränderung, die Kultur der Wertschätzung und und und … Es sind dies Jahre gewesen, in denen ungeheuer viele gute Ideen gesammelt wurden. Es sind dies zugleich Jahre gewesen, in denen ungeheuer viel Frust angesammelt wurde, nicht zuletzt bei den Geistlichen. Viele Pfarrer*innen sind müde geworden von einem Prozess, den sie als Verbetriebswirtschaftlichung des Geistlichen erlebt haben.

Wie also macht man das? Wie schafft man es, Menschen den Himmel offen zu halten und die Angst zu nehmen, wenn einem in dieser Kirche manchmal selbst der Angstschweiß auf der Stirn steht? Ich habe da keinen weisen Rat, aber vielleicht hilft es schon, die Frage zu erlauben, bevor man über große Programme und Projekte sprich, mit denen sich die Kirche der grassierenden Gewalt in den Weg stellen soll und darüber, was Pfarrer*innen für den gesellschaftlichen Frieden tun sollten.


Es braucht den beharrlichen kleinen Widerstandsgeist

Ich habe mich in den letzten Monaten viel mit den kleinen und großen Widerständlern beschäftigt. Ein neues Buch von mir heißt »Vom großen und kleinen Widerstand«. Es braucht den beharrlichen kleinen Widerstandsgeist, damit nicht eines Tages der große Widerstand notwendig wird. Das ist meine Einsicht dabei. Widerstandskraft brauchen auch Sie in ihrem Beruf, der ja gern Berufung genannt wird, der also irgendwie mehr als ein Beruf sein soll.

Ich habe bei einem großen Widerständler nachgelesen, bei Dietrich Bonhoeffer, woher solche Widerstandskraft kommen kann. Am Tag nach dem gescheiterten Attentat, am 21. Juli 1944, erinnert er sich an ein lang in der Vergangenheit liegendes Gespräch mit einem jungen französischen Pfarrer. Sie hatten darüber gesprochen, was sie mit ihrem Leben eigentlich wollten. Dieser junge Kollege sagte: »Ich möchte ein Heiliger werden.« Bonhoeffer sagte dagegen: »Ich möchte glauben lernen.«

Und dann schreibt Bonhoeffer weiter: Ich erfahre »bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann«. Glauben heißt für Bonhoeffer also, in der Fülle der Aufgaben, der Fragen und auch der Ratlosigkeiten zu leben und dabei nicht mehr die eigenen Leiden, sondern die Leiden Gottes an und in der Welt ernst zu nehmen.

Wäre das – in aller Bescheidenheit – in der jetzigen prekären Situation etwas: Darauf verzichten, aus sich selbst etwas zu machen, was man nach außen darstellen sollte, müsste, könnte? Wäre es etwas, auf diese Weise glauben zu lernen – als Programm vor allen Programmen. Wäre es ein Weg aus der Falle, nicht dauernd die eigene prekäre Existenz zu bespiegeln und ums eigene Überleben als Institution zu kreisen.


Woran die Kirche krankt

Die Kirche krankt nicht an zu wenig guten Ideen und Projekten und schon gar nicht an zu wenig genug guten Leuten. Sie krankt aber, überspitzt formuliert, daran, dass ihre Initiativen und Projekte oft nicht aus der Frage rühren, wie man das Leiden der Anderen, wie man also Gottes Leiden lindert, sondern wie man das eigene Leiden behebt. Das Interesse an den anderen hat ein verdecktes »um zu«. Man tut Gutes, um gut dazustehen. Und das spüren die Menschen. Sie spüren, wo es der Kirche um sie und ihr Wohl geht, und wo es ihr nur mittelbar um sie und eigentlich um ihr eigenes Wohl geht. Das spüren auch die Pfarrer*innen, die ihre Kräfte dabei lassen.

Wie viel Auftrieb hat es in den Kirchengemeinden gegeben, als die Geflüchteten da waren und Unterstützung brauchten. Da waren die Kirchengemeinden wirklich gefragt und da ging es nicht um die nächste Hüpfburg, das nächste besondere spirituelle Format. Es ging um Gottes Leiden in der Welt: um die Aufnahme, manchmal ums Überleben von konkreten Menschen, die da waren, und die nicht einmal Christen waren. Da wurde glauben gelernt. Das hat die Kirche in der Öffentlichkeit präsent werden lassen wie lange nicht mehr. Und das hat sie auch in Konflikt mit der Politik gebracht. Wie politisch die Kirche sein darf – darüber hatte man so eifrig zuletzt Anfang der 1980 Jahre diskutiert, als die große Zeit der Friedensbewegung war.


Entkirchlichung

Erinnern wir uns an das Fernsehduell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz im September vergangenen Jahres: Nach diesem Duell, nach diesem Sonntagabend, waren sich fast alle einig: Da gab es nichts Bemerkenswertes. Aber das stimmt nicht ganz. Eine Frage machte richtig Furore. Die Frage der Moderatorin Maischberger lautete: »Waren Sie heute in der Kirche?« Man hielt die Luft an, denn da hätte Maischberger auch gleich fragen können: »Wann hatten Sie das letzte Mal Sex?« So unanständig ist es, öffentlich nach dem Religiösen zu fragen. Entsprechend verdruckst war die Reaktion der Gefragten. Merkel gab mit niedergeschlagenen Augen zu: »Nein, ich war nicht in der Kirche.« Und Schulz stotterte etwas vom Besuch am Grab seines Freundes Schirrmacher, wo es in der Nähe auch eine Kapelle gebe. Da konnte Merkel glücklicherweise nachlegen mit dem Besuch von Vaters Grab und Kirche am Vortag. Gerettet.

Waren Sie heute in der Kirche? Die Maischberger-Frage an einem Sonntagabend raubt natürlich auf einem Pfarrer- und Pfarrerinnentag keinem der Anwesenden die Gelassenheit. Trotzdem: Auch bei Kirchenleuten stellt man Entkirchlichung fest. Ein Großteil der Theologiestudierenden ist religiös kaum mehr sozialisiert.

Es wurde lang die »Wiederkehr der Religion« behauptet und der Säkularisierungsthese widersprochen. Aber um diese Behauptung wird es stiller. Über Religion und Religionen wird zwar viel diskutiert, aber die Diskussion über Religion ist nicht zu verwechseln mit ausgeübter Religiosität; die ausgeübte Religiosität nimmt ab. Die Säkularisierung und Entfremdung von gelebter Religion schreitet fort, aber die politische Relevanz und die Politisierung von Religion nimmt zugleich zu.


Die Politisierung von Religion

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder riss jüngst die Tür auf zu diesem zunehmend entleerten Raum und schob seinen Kreuz-Befehl hinein. Die Anordnung des bayerischen Ministerpräsidenten Söder, im Eingangsbereich aller Behörden Kreuze aufzuhängen, konnte den Eindruck erwecken, es gäbe eine Wiederkehr der christlichen Religion. Der Eindruck ist falsch. Es gibt keine solche Renaissance. Es gibt nur eine Wiederkehr ihres politischen Missbrauchs.

Das Kreuz ist ja nicht einfach ein heimatlicher Wandschmuck. Es ist nicht einfach Symbol für Tradition. Es ist nicht Folklore, es ist kein religiöses Hirschgeweih. Es ist das wichtigste christliche Zeichen, es ist das Symbol für Erlösung, Sinnbild des Leidens und der Herrschaft Christi. Diese Herrschaft, die das Kreuz symbolisiert, ist aber kein staatliches Regiment, deshalb gehört das Zeichen nicht per staatlicher Anordnung in staatliche Räume gehängt.

Die bayerische CSU-Staatsregierung hat genau das getan. Sie hat angeordnet, das Kreuz als »Ausdruck der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns« im Eingangsbereich jedes Dienstgebäudes »deutlich wahrnehmbar« anzubringen. Dies ist keine Respektsbezeugung, das ist ein Missbrauch; das ist die politische Instrumentalisierung einer religiösen Kernbotschaft. Die CSU machte daraus eine »Mia san mia«-Botschaft. Das ist nicht christlich, das ist Ketzerei – weil es das Kreuz verstaatlicht und säkularisiert.

Ich bleibe bei meiner Feststellung: Die Entfremdung von gelebter Religion schreitet fort, auch in Bayern, die Politisierung von Religion nimmt zugleich zu. Nur ein in Religionsangelegenheiten neutraler Staat kann glaubwürdig die Religionsfreiheit verteidigen. Und von dieser Religionsfreiheit leben nicht nur die Muslime, Agnostiker und Atheisten, sondern auch die Christen. In Deutschland gilt kraft Grundgesetz ein System freundlicher Trennung von Kirche und Staat. Wenn diese Trennung aufgehoben wird, wird das Kreuz zum Pluszeichen verwandelt: christliche Kirche plus Staat gleich CSU. Das ist in Zeiten, in denen es um ein zuträgliches Miteinander der Religionen geht, eine Kampfhandlung; die Gesellschaft in Deutschland und Bayern braucht nicht Kampf, sondern Gespräch und Integration.

Nichts geschieht ohne Kontext: Der Kreuz-Befehl kommt von denen, die bestreiten, dass »der Islam zu Deutschland« gehört. Der Befehl ist also ein Akt der Ausgrenzung. Daher ist er religiös häretisch und politisch unverantwortlich. Das Kreuz wird zum CSU-Wahlkampfsymbol gemacht. Heinrich Bedford-Strohm, der bayerische Landesbischof und Ratsvorsitzende der EKD, hat versucht, das zurechtzubiegen: Er freute sich über die »Selbstverpflichtung« der CSU – weil doch vom Kreuz die Botschaft der Menschenwürde und Humanität ausgehe. Ich habe mich damals gefragt und geschrieben, ob der Bischof dafür betet, dass die Kreuze herunterfallen, wenn die Politik der CSU diese Botschaft malträtiert? Wird er in die Eingangshallen der Ämter gehen und die Kreuze dann abhängen?


Das Karlsruher Kruzifix-Urteil heute

Die CSU knüpfte an einen gewaltigen Streit an, der vor bald einem Vierteljahrhundert geführt wurde. Damals hatte das Bundesverfassungsgericht in seinem Kruzifix-Beschluss eine Vorschrift in der bayerischen Volksschulordnung für verfassungswidrig erklärt, die das Anbringen von Kreuzen in allen Klassenzimmern zur Pflicht machte. Der Karlsruher Beschluss verbot das Aufhängen des Kreuzes nicht rundweg, es erklärte lediglich die Pflicht, es aufzuhängen, für verfassungswidrig. Die Entscheidung wurde von wütenden Kritikern als Aufruf zur Gottlosigkeit und zur Entfernung aller Kreuze missverstanden. Es handelt sich um ein von der CSU gefördertes Missverständnis. Warum? Ein Kreuz konnte und kann weiterhin aufgehängt werden, wenn Eltern und Schule einverstanden sind.

Der Karlsruher Spruch hatte daher kaum praktische Auswirkungen. Der antichristliche Kulturkampf, damals von Kirchen und CSU befürchtet, blieb aus. In den bayerischen Klassenzimmern hängen immer noch Kreuze; nur ein paar wenige wurden, weil es an den Schulen Streit gab, abgehängt. Bayern erließ zwar ein neues Kreuzrecht wie folgt: »Angesichts der geschichtlichen und kulturellen Prägung Bayerns wird in jedem Klassenraum ein Kreuz aufgehängt.« Das klang nach Ungehorsam gegenüber dem Gericht, aber: Man ergänzte die Aufhängepflicht mit einer Konfliktregelung; wohl deswegen hat das Gesetz bis heute juristisch Bestand – weil dort auch steht, wann das Kreuz ausnahmsweise abgehängt werden soll.

Der Karlsruher Kruzifix-Beschluss hatte wegweisende Bedeutung für das Verhältnis von Religion und Staat in Deutschland. Er war und ist eine Leitentscheidung – über den Respekt gegenüber Anders- und Nichtgläubigen in einem Land, das multikulturell und multireligiös geworden ist. (Die CSU hat nun mit dem Kreuz-Befehl diese Wegweisung verlassen.)


»Christliches Abendland«?

»Kreuze gehören zu Bayern wie die Berge«, hat damals Edmund Stoiber als bayerischer Ministerpräsident bei einer Art Revolutionsaufruf gegen das Verfassungsgericht verkündet. Ja – und auf den Bergen stehen Gipfelkreuze. Die stehen aber nicht von Staats wegen da, die Kreuze am Wegrand und die Brückenheiligen auch nicht. Das alles ist gut und hat mit Tradition zu tun, mit dem Ur-Heimatrecht des Christentums in diesem Land. Wenn einer diese vertrauten Zeichen nicht braucht, ist es auch gut; aber er soll und muss diese Zeichen den anderen lassen. Die CSU indes soll und muss es lassen, das Kreuz als Dominanz-Symbol ihrer Politik einzusetzen. Das ist nicht recht.

Aber – auch das muss man sehen – vielen Christ*innen war die Kreuz-Anordnung nicht unrecht. Warum? Weil sie Schwierigkeiten mit dem Islam haben und mit den Muslimen im Land. Viele Volkskirchen-Christen und die, die es einmal gewesen sind, tun sich schwer mit dem Islam-Dialog, oft auch deswegen, weil sie dem muslimischen Glaubensstolz und der Inbrunst vieler Muslime nicht viel entgegenzusetzen haben. Sie fürchten, dass die Zukunft der christlichen Vergangenheit verlorengeht. Die Auseinandersetzung mit den glaubensbewussten Muslimen macht vielen Westlern, ob gläubig oder nicht, ihre eigene Unkenntnis über die Grundlagen des Christentums klar. Gerade bei denen, die das »Christliche Abendland« beschwören, ist es nämlich meist nicht so weit her mit der Beheimatung im christlichen Abendland. Und die Angst vor dem Verlust der »christlichen Werte« ist ja hierzulande paradoxerweise gerade in jenen ausgeprägt, die von eben diesen Werten sonst wenig wissen wollen – während viele praktizierende Christen den interreligiösen Dialog suchen und pflegen.

Die Kirche ist eben keine Vermittlungsagentur für Werte und christliche Nächstenliebe ist keine allgemeine Menschenliebe. Sie ist konkret. Darum ist sie mühsam. Seelsorger*innen wissen das sehr gut. Es liegt nicht an fehlenden Werten, sondern an fehlender Liebe, wenn der Hass nicht aus der Welt verschwindet. Dieser Hass geht aber im Moment in aller Hässlichkeit und Lautstärke und mit aller Gewalt auf die Straße, in Chemnitz und anderswo, er jagt Menschen und bildet sogenannte Bürgerwehren.


Kain und Abel

Woher kommt Kains Lust, den Menschenbruder umzubringen? Gott sieht nur Abel und sein Opfer und nicht Kain und seine Gabe. Warum? Man möchte es so gern wissen. Warum? Und warum steht da nichts über das Warum? Weil es oft genau so ist im Leben: Das Schicksal ist ungerecht. Warum auch immer.

Kain ist jemand, den es besonders ärgert, wenn er sich benachteiligt fühlt. Er kennt es nämlich nicht, dass er das Nachsehen hat. Es ist für ihn ein Gesichtsverlust. Ist er doch eigentlich der von Natur aus Begünstigte. Kain ist der Erstgeborene, der Erbe, der das erste Recht genießt. Abel ist, was er heißt: ein »Hauch«. Er ist ein Nichts. Und ausgerechnet dieses Nichts bekommt Beachtung, und nicht er, Kain, der natürlich Privilegierte. Das ist das Kain-Syndrom: Diejenigen, die etwas haben und sind, fühlen sich abgewertet, wenn die Anderen zum Zug kommen.

In der evangelischen Kirche wurde vor einigen Jahren darüber gestritten, was Familie ist. Als sich die Meinung durchsetzte, dass auch gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften dazugehören, waren viele entrüstet. Sie fühlten ihr eigenes Leben mit ihrer »normalen« Familie abgewertet. Manche fragten provokativ: Müssen wir uns jetzt bald dafür entschuldigen, dass wir Ehefrau und Kinder haben? Sie haben wohl das Gefühl: Wenn der, dem ich bisher überlegen war, etwas gilt, dann gelte ich nicht mehr. Menschen, die sich nie irgendwie für die Art, wie sie sind oder leben, erklären mussten, fühlen sich gekränkt, wenn die, die bisher vermeintlich unter ihnen standen, das bekommen, was sie bisher als ihr natürliches Recht empfunden haben: jetzt kriegen es auch die Frauen, die Schwulen, die ­»Neger« …

Dieser Ärger ist es, der oft dahintersteckt, wenn man sich über die angeblich überzogene politische Korrektheit beschwert. Es ist der Ärger darüber, dass man selbst es nicht mehr ist, der sagt, was »man« sagt. Es ist der Ärger darüber, dass einem widersprochen wird von denen, die vorher nichts zu melden hatten.

Man sollte daher sich einen Moment überlegen, wo man selbst Kain ist, wo man selbst sich gekränkt fühlt, weil ein anderer zu Ansehen kommt. Ehrlich: das kränkt. Ein bisschen Kain hat jeder in sich. Man braucht Stärke, um das auszuhalten. Kain ist aber nicht stark, er ist schwach. Aus Schwäche, erschlägt er, der Stärkere, den Abel. Der heutige Kain schlägt mit Worten um sich und wählt antiliberal und antidemokratisch und antirechtsstaatlich, manchmal begeht er auch Anschläge.


Die Welt ist in Unruhe

Der biblische Kain lässt sich nieder im Land Nod – wird erzählt. Nod heißt: Unruhe. Wir sind seine Nachkommen im Land Nod. Die Welt ist in Unruhe. Es ist auch unsere Überlebensfrage: Soll ich der Hüter meines Bruders sein? Es wird Zeit, die Frage wieder mit Ja zu beantworten. Die Kirchen sollten sich deshalb nicht einschüchtern lassen in Sachen Kirchenasyl.

Nicht einschüchtern lassen: Auch wenn es interne Pannen gibt, auch wenn es sein mag, dass Gemeinden manchmal unüberlegt und unkoordiniert handeln. Auch wenn es welche gibt, die schimpfen, den Flüchtlingen würde alles nachgeschmissen. In diesem Geschimpfe könnte man allerdings ein Körnchen Wahrheit sehen und es aufnehmen. Wenn man die Leidenschaft betrachtet, mit der Kirche und Zivilgesellschaft sich in die Unterstützung von Flüchtlingen gestürzt haben, mag sich mancher, der seit Jahren hier darum kämpft nicht unterzugehen, fragen, wo er solche Leidenschaft und Parteinahme erlebt hat, als Hartz und andere Härten eingeführt wurden.


Von Gott und dem Glauben sprechen

Die Kirche muss keine Werte vermitteln. Die Kirche muss von Tod und Auferstehung, sie muss vom Himmel, von Gott und vom Glauben sprechen. Sie muss davon so sprechen, dass sie auch von modernen Zeitgenossen verstanden wird. Man macht Gott nicht verständlicher, indem man das, was an ihm verstört, ungesagt lässt, z.B. die Vorstellungen von einem Gott, der Gewalt übt und Rache verspricht. Man entfernt nicht die Gewalt aus der eigenen Tradition, indem man sie unerwähnt lässt, als könne man sie den Leuten nicht zumuten.

Der gewaltige und gewalttätige Herrgott hat abgedankt. An seine Stelle ist der Liebe verströmende, verzeihende und nachsichtige Gott getreten, Gott, unser Freund, der immer da, immer nah ist. Man will nicht wieder zurück zum Angstmachergott. Das ist auch gut. Aber diese enggeführte Vorstellung vom christlichen Gott nährt mittlerweile beharrlich das Ressentiment gegen den Islam. Wenn man über Gott sagt, dass er vergilt, dass er zornig ist, dass er schweigt und verborgen ist, dann gibt es oft Protest. Das kann dann gar nicht »unser christlicher Gott« sein. Das ist dann der Allah der Muslime. Aber bitteschön nicht unser Herr Gott. Allah hält bei den Verteidigern des christlichen Abendlandes gern als Leinwand her, auf die man das Negative projizieren und ableiten kann. Dazu bot sich sonst der angeblich »alttestamentarische Rachegott« der Juden an. Aber da hat der jüdisch-christliche Dialog mittlerweile einige Früchte getragen. Das antijudaistische Ressentiment ist zwar nicht ausgetrieben. Aber die Abgrenzung läuft jetzt eher über den Allah der Muslime.


Es löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf

Predigten haben oft die Neigung, am Ende alles weiß zu waschen, auszubügeln und glatt zu bürsten. Die Bibel muss gut sein. Der liebe Gott muss gut sein. Das Leid, das Schlechte, sie müssen für etwas gut sein. Darauf muss es hinauslaufen. Alle Ärgernisse des biblischen Textes, alle Sünden Gottes werden geschmeidig gestrichen wie die Butter auf das Frühstücksbrot. Es geht aber nicht alles glatt und gut aus im Leben, es wird nicht jeder Widerspruch aufgelöst, es wird nicht jeder Konflikt ausgeglichen. Groß ist die Versuchung am Ende der Sendung, am Ende der Predigt eine Moral von der Geschicht’ zu präsentieren, ein erbauliches Verkündigungshäppchen zum Einpacken und Mitnehmen. Aber solchen Verkündigungshäppchen erleiden dann oft das Schicksal von faden Schulbroten: Sie ­werden mitgenommen und heimlich weg­geworfen.

Die Evangelien sind Hoffnungsgeschichten, weil sich in ihnen eben nicht alles in Wohlgefallen auflöst, weil nicht alles gut wird. Es ist zwar die Tugend der Kirche, dass sie keinen ausschließt. Auch Jesus habe ja mit allen geredet, sagt man. Damit aber, und das soll nicht unerwähnt bleiben, kann man sich selbst ein Bein stellen. Ja, die Kirche soll und muss auch mit der AfD reden. Eine Pfarrerin wird nicht aufstehen und gehen, wenn sie beim Besuch eines Gemeindemitglieds rechtspopulistische Gedanken hört. Sie wird sich Zeit nehmen, nachfragen und mit dem Menschen sprechen. Aber ein Anderes und ein Falsches ist es, ihren Funktionären eine Bühne zu geben, auf der sie dann ihre geschulten Reden schwingen können. Kirchentage sind nicht dafür da, populistischen Extremismus zu nobilitieren.

Nein, es löst sich nicht alles in Wohlgefallen auf. Manchmal – so ist der Blick auf die Politik, manchmal auch der Blick auf das eigene Leben – scheint es keinen Ausweg mehr zu geben, manchmal gibt es wirklich keinen mehr. Manchmal scheint alles verloren zu sein, manchmal ist wirklich alles verloren. Manchmal gibt es nichts mehr, was Rettung bringt oder wenigstens Zuversicht: keinen Aufschub, keinen Ausweg, keine Flucht und keine Fristung; es gibt nur das echt oder vermeintlich Unabänderliche; keine Auferstehung, kein Halleluja.

Krankheiten und Katastrophen können eingebildet sein oder furchtbar real; und je nachdem kann der Spruch »Da hilft nur beten« eine kleine, gar spöttische Ermunterung sein, die ein ironisch trainiertes Bewusstsein kitzelt – oder aber ein schicksalsschwerer und verzweiflungsnaher Satz, der ein Wunder beschwört. »Not lehrt beten«, heißt ein Spruch, in dem sich Geschichte und Welterfahrung spiegeln.


»Beten Sie?«

Mit kaum einer anderen Frage kann man Menschen so irritieren. Die Frage ist peinlich, die Antwort ist peinlich; es offenbart sich in dieser sprachlosen Peinlichkeit so etwas wie eine transzendentale Obdachlosigkeit. Beten gilt als kindlich und kindisch – weil das Gebet meist die erste frühe Begegnung mit dem Glauben war. Und doch sind die frommen Verse, die einem die Oma als Abendgebet gelehrt hat, auf zarte Weise vertraut geblieben. Oft ist Beten daher auch das Letzte, was Menschen in ihrem Leben tun. Alpha und Omega.

»Beten Sie?« Die Frage gilt als Zumutung, die gestammelte Antwort ist meist auch eine – weil der Beter weiß, dass Beten ohne einen Rest von kindlichem Urvertrauen nicht funktioniert. Beten ist Reden mit Gott, mit einem Wesen also, das nicht antwortet. Das ist naiv, das ist seltsam, das ist suspekt, das gilt als ein Überbleibsel der alten und unaufgeklärten Zeiten in einer säkularisierten Welt. Ist das wirklich so? Ist Beten praktizierte Unvernunft und zelebriertes Phlegma? Ist es die Entschuldigung dafür nichts zu unternehmen?

Beten hat mit Grenzerfahrungen zu tun. Viele Menschen beten – trotzdem sind sie nicht immer gläubig. Für manche ist der Akt eine Art Therapie. Sie schöpfen Kraft aus dem Gebet. Wie weit hat sich das Ritual von seinen Ursprüngen entfernt? Beten, sagen die Religionswissenschaftler, sei schlechthin selbstverständlich. Ist das noch so in Westeuropa? In allen heiligen Büchern sämtlicher Religionen ist das Beten einfach da und immer da gewesen. Beten war und ist also ein Menschheitsbrauch. Geht er zu Ende, oder verändert er sich? Ist das Kreuz, das der Fußballer vor dem Elfmeter schlägt, ein letzter Rest des Brauchtums – und das Händefalten in einer Notlage auch?


Beten gibt der Not eine Sprache

In Umfragen bekennen sich erstaunlich viele Menschen zum Beten. Sie tun das oft schamhaft und ungelenk. Aber ist das nicht besser als die Schamlosigkeit, mit der US-Präsident Bush jr. sich vor dem Irak-Angriff öffentlich im Gebet gezeigt hat?

Das Gebet ist lebendiger als die Kirchen, die es lehren. Es ist deswegen lebendiger, weil man weder die kirchlichen Lehren noch ihre Hierarchie dazu unbedingt braucht; andererseits hängen die Rituale auch daran, dass die Institutionen, die diese Rituale tradieren, weiter existieren. Der Satz »Not lehrt beten« stimmt nämlich nicht ganz. Die Not an sich leitet nicht zum Gebet an, sie kann auch zu Gewalt anleiten. Es braucht Lehrer, die einen beten gelehrt haben, damit man es in der Not kann.

Beten gibt der Not eine Sprache, es vermeidet die Sprachlosigkeit in existenzieller Lage. Beten heißt: eine Sprache und eine Geste finden für Glück, Unglück und Wünsche. Da gibt es nichts, was man nicht sagen dürfte – bis dahin, dass der Beter seinen Gott schüttelt und anklagt: »Warum?«, klagt der Beter. »Wie lange?«, fragt er. Man erlegt sich keine Zensur auf im Gebet. Ist das Glaube? Das ist nicht wichtig. Man kann auch ungläubig beten.

Wichtig ist: Wer Fragen stellt, resigniert nicht. Wer fragt, klagt, bittet. Wer aufbegehrt, der hat schon angefangen, etwas zu unternehmen gegen das, was ihm und den anderen angetan wird. Wer es nicht mit dem religiösen Wort »Gebet« benennen will, nenne es therapeutisches Selbstgespräch. Und wenn das, was man Gebet nennt, dabei hilft, der absoluten Sinnlosigkeit standzuhalten, wenn der Tod so nicht das allerletzte Wort hat – dann ist das überhaupt nichts Frömmlerisches: Es hilft beim Wieder-Aufstehen.

Was kann ein Gebet denn schon ändern, fragt man sich. Christen glauben an die Macht des Gebetes, daran, dass es sehr viel ändern kann. Sie bestürmen ihren Gott daher mit kleinen und großen Bitten. Es gibt »Weltgebetstage« für bestimmte Anliegen. Und die Wallfahrtsorte hängen voll mit Danksagungen für erfahrene Hilfe. Das alles muss man nicht glauben; und als Nichtchrist mag man das belächeln. Gott, wenn es ihn gibt, ist kein Icon, das man anklickt, um das Programm zu öffnen, das man haben will.

Wenn ein christlicher Schriftsteller wie der zu Unrecht vergessene Reinhold Schneider 1936 in seinem berühmten Sonett wider die Nazis schreibt »Allein den Betern kann es noch gelingen / Das Schwert ob unseren Häuptern aufzuhalten« – dann denkt man sich, dass ein klarer Widerstand der Kirchen erfolgreicher gewesen wäre als die Beterei. Aber das ist überheblich, weil Beten tatsächlich etwas verändert. Es verändert den Betenden. Einem Dietrich Bonhoeffer war klar, dass man Hitler nicht wegbeten konnte. Aber aus dem Gebet schöpfte er Kraft zum Widerstand. Es ist die Macht des Gebetes, dass es etwas mit dem Menschen macht, der betet. Es macht auch mutiger. Manchmal so, dass man die Welt tatsächlich ein wenig zum Guten verändern kann. Und manchmal bringt es die Konfessionen und Religionen zusammen im gemeinsamen Gebet für den Frieden.


Die Kirche als heilige Haltestelle

Man braucht keinen besonderen Ort, um zu beten. Aber es gibt solche besonderen Orte, die dazu besonders einladen. Ich liebe die Kirchen als kleine und große Haltestellen im Alltag. Hier kann man die Zeit für eine Stunde anhalten. Hier kann man zusammen schweigen, ohne dass es peinlich ist. Hier kann man Stille halten. Wenn wir in eine Kirche kommen, sind wir nicht nur Heutige. Wir folgen nicht dem neuesten Schrei, sondern uralten Bekenntnissen. Heute müssen die Menschen zunehmend alles für sich und mit sich ausmachen, ihre Freude, ihre Trauer, ihre Angst. In der Kirche nicht. Hier ist ein Ort, wo die tiefsten Regungen wie Angst, Schuld, Trauer und Glück einen öffentlichen Platz haben, ohne dass die Intimität verletzt wird. Hier darf in aller Öffentlichkeit geweint werden, vor Freude und Rührung, bei einer Hochzeit oder Taufe, vor Kummer, wenn der Name des verstorbenen Mannes verlesen und für ihn gebetet wird.

Wo sonst gibt es solche Orte? Sie werden rar. Sie werden erst recht rar dadurch, dass Begegnungen sich immer mehr in die Welt des Internets verlagern, ein digitaler Raum, der aus Nullen und Einsen zusammengefügt wird. Wir brauchen Orte für die handfeste, handgreifliche, persönliche Begegnung.

Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben, es gäbe keinen Raum, in dem noch von Cherubim und Serafim die Rede ist. Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern – zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Gläubigen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So aber ist Kirche ein Ort, der Zeit und Ewigkeit verbindet.

Die Kirchenspaltung nach nun einem halben Jahrtausend rührt daher, weil in der Konkurrenz der Kirchen der Blick auf das wirklich Eigentliche verlorengegangen ist: Die Kirche ist der Ort, an dem der Himmel offen ist – nicht nur für die, die sich in der angeblich richtigen und wahren Kirche wähnen, sondern für alle, die an Gott glauben, und für alle, denen der offene Himmel lebenswichtig ist.


Anmerkung:

* Vortrag beim 75. Deutschen Pfarrer- und Pfarrerinnentag am 18. September 2018 in Augsburg.

 

Über die Autorin / den Autor:

Prof. Dr. Dr. h.c. Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der »Süddeutschen Zeitung« und Leiter des Ressorts Meinung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 11/2018

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