2. Dezember 2018, Matthäus 21,1-11
1. Advent

Von: Heinz Janssen
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Wer ist dieser?«

I

In christlicher Tradition bedeutet Advent die Ankunft Gottes. Die Gemeinde stimmt sich darauf betend ein mit Worten wie: »Wir warten auf dein Kommen …« oder »Öffne unsere Augen, dass wir sehen …« Um solches Sehen bitten zur Zeit Jesu zwei blinde Menschen voller Erwartung: »dass unsere Augen aufgetan werden« (Mt. 20,29-34: 33). Ihre Bitte geht der Erzählung vom Einzug Jesu in Jerusalem unmittelbar voraus, d.h.: nur mit geöffneten Augen, mit dem inneren Auge gleichsam, kann wahrgenommen werden, was jenen Einzug Jesu in die Heilige Stadt von einem gewöhnlichen Einzug unterscheidet. Nur die Augen, die er selbst den Blinden öffnet, werden erkennen, wer dieser Jesus wirklich ist.

Mit Jesu Einzug in Jerusalem beginnt vor seiner Passion »eine letzte große Auseinandersetzung zwischen Jesus und den (religiösen und politischen) Autoritäten des Volkes« (M. Konradt, NTD 1, 2015, 320). Wo verlaufen heute die Konfliktlinien in Gesellschaft/Staat und Kirche? Im Kirchenjahr hat das Evangelium einen doppelten Platz: Es steht am Anfang der Advents- und der Passionszeit, an der Schwelle lichtvoller Zukunft und unbegreiflichen Leides.


II

Der synoptische Vergleich mit Mk. 11,1-10 und Lk. 19,29-38 sowie der Blick auf Joh. 12,12-19 helfen, auf die mt. Akzentuierungen zu achten: Mt. betont, dass es nicht nur wenige sind, die klar sehen, »wer der ist« (V. 10). »Die Volksmengen« (Ôî ù¯λÔι, V. 9.11, meist ungenau »das Volk« übersetzt, so auch wieder in der rev. Lutherbibel 2017) sind es, die wissen, dass es »Jesus, der Prophet aus Nazareth in Galiläa« ist (V. 11). In der mt. Konzeption spielen sie eine wichtige Rolle. Es sind die Vielen (hier wahrscheinlich die Festpilger, nach Lk. 19,37 »die Menge der Jünger«), die dem Einziehenden vorangingen und nachfolgten. Sie bildeten seine »Vorhut« und »Nachhut« und jubelten ihm wie einem König das »Hoschianna« zu (hebr. אנָּ העָישִׁוֹה, gr. óσ¿ννα = »(JHWH,) hilf doch«, vgl. Ps. 118,25). Die Volksmengen wenden sich damit an den Davidsohn Jesus.

Auszug aus unseren Kirchen statt Einzug? Laut einer aktuellen Statistik (2018) gehören nur noch 45 Mio. der ca. 83 Mio. Bürgerinnen und Bürger in unserem Land einer christlichen Gemeinschaft an (im Jahre 1990 waren es noch 70%).


III

Die »Hosianna« rufenden Volksmengen gehören nicht zu denen, die kurz danach das »Kreuzige« schreien. Die »Volksmengen« sind in Mt. stets die Vielen, die für den Propheten aus Nazareth immer ein offenes Auge und Ohr haben. Sie sehen und hören in ihm den in ihrem Volk seit dem irdischen König David erwarteten himmlischen Heilskönig, den »Messias«: »Er wird sein Volk retten von ihren Sünden« (Mt. 1,21). Er kommt nicht militant, sondern »sanftmütig« (πρα˛ς, V. 5 / Mt. 5,5!), für Mt. ein wichtiges Kennzeichen des Messias/Christus. Im äußeren Zeichen, dem Esel als königlichem Reittier (Mt. 21,4f/Sach. 9,9 und Jes. 62,11) eröffnet sich ihnen eine tiefere Sicht des Geschehens. Jene Volksmengen stehen hinter dem Einziehenden und vor ihm (V. 9) – und Er, Jeschu‹a, in ihrer Mitte. Darum fürchten die geistlichen (und politischen) Autoritäten (Hohenpriester und Älteste) Jesus und seinen Einfluss auf das Volk (Mt. 21,23.46). Die Volksmengen aber gehen mit ihm den Weg, lassen »ihren« Sohn nicht mehr aus den Augen. Sie sind auch diejenigen, die über seine Lehre »außer sich gerieten«, in heilsame Unruhe (Mt. 22,33). Jesus findet bei ihnen wie bei seinen vertrauten Jüngern und Jüngerinnen in gleicher Weise seine Hörerinnen und Hörer (Mt. 23,1.23; 25,35f). Anders »die ganze Stadt«, die sich über ihn »erregte« (wörtl. »erbebte«, vgl. Mt. 2,3).


IV

Auf »Jesu Einzug in Jerusalem« folgt im Evangelium die »Tempelreinigung« (Mt. 21,12-17). Im Eifer um das Haus Gottes fegt der bis heute Umstrittene hinaus, was nicht hinein gehört, denn ein »Haus des Gebetes« soll es sein (V. 12f/Jes. 56,7). Blinde und Lahme, denen sonst der Zugang zum Gotteshaus verwehrt war, kommen zu Jesus, in das Haus seines Gottes, und Jesus heilt sie (V. 14). Darauf sind es die Kinder, die – während sich die Hohenpriester und Schriftgelehrten über sie entrüsteten – den Jubelruf der Volksmengen (V. 9) aufnehmen (V. 15). Die für Mt. typischen Rückverweise auf das AT in V. 5.9.12.15.16 (»Erfüllungszitate«) sind hermeneutisch bedeutsam: Sie erweisen das AT (Erste Testament) als »Wahrheitsraum« (F. Crüsemann) und »Klangraum« (J. Ebach) des NT (Zweiten Testaments).

Darum gehören am 1. Advent auch die Kinder mit in den Gottesdienst, sie gehören zu jenen »Volksmengen«, die Jesus in die Mitte nehmen, ihm »Vorhut« und »Nachhut« sind. Vielleicht kann eine größere Anzahl von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen (Einladung per Lokalpresse und via Gemeindehomepage!) die am Gottesdienst Teilnehmenden am festlich geschmückten Kirchenportal empfangen, allen einen (Palm- oder Tannen-)Zweig in die Hand geben, mit ihnen in das Gotteshaus einziehen und sie so auf den Advent einstimmen. Zum Einzug als »Introitus« singt die Gemeinde »Jesus zieht in Jerusalem ein« (EG 314).


Literatur

D. Bonhoeffer, Wer ist und wer war Jesus Christus. Seine Geschichte und sein Geheimnis, Hamburg 1962
P. Lapide/U. Luz, Der Jude Jesus. Thesen eines Juden, Antworten eines Christen, Düsseldorf 2003
G. Theißen, Das Neue Testament, München 42010, 69-74
H. Janssen, Gottes Wort und Menschenwort. Lesen – Hören – Weiter sagen, Saarbrücken 2012, 221-224
M. Konradt, Das Evangelium nach Matthäus, Göttingen 2015 (NTD 1), 320-326


Heinz Janssen

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Heiße Debatten und kühle Perspektiven

Artikel lesen
»Wenn wir mehr könnten, was wir sollten, und das auch noch wollten«
Lust und Zwang als Grundtöne der Weiterentwicklung des Pfarrberufes
Artikel lesen
Christfest I
25. Dezember 2018, Johannes 1,1-5.9-14 (16-18)
Artikel lesen
Christnacht
24. Dezember 2018, 1. Timotheus 3,16
Artikel lesen
Was die Kirche für eine funktionierende Gesellschaft leisten kann

Artikel lesen
Epiphanias
6. Januar 2019, Matthäus 2,1-12
Artikel lesen
Böses Erwachen

Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!