Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Ein nicht zu übersehendes Zeugnis der Teilung der Stadt ist die Straßenbahn. Als vor mehr als 50 Jahren Westberlin die Straßenbahn abschaffte und auf den Bus setzte, blieb Ostberlin bei diesem Massentransportmittel und baute es noch aus. Hinzu kam in Westberlin der Bau neuer U-Bahnlinien in Konkurrenz zur ungeliebten S-Bahn, die ja von der Reichsbahn betrieben wurde, während in Ostberlin nur die U 5 (Alexanderplatz nach Hönow) neu gebaut wurde. So kommt es, dass Reisende sofort erkennen, in welchem Teil der Stadt sie sich aufhalten.

Nun ändert sich die Lage: Aus dem Hauptbahnhof heraustretend kann man die Straßenbahn wählen, um in den Ostteil zu gelangen. Die Fortsetzung ist planungsreif: Die verlängerte U 5 vom Alexanderplatz wird mit der »Kanzlerlinie« verbunden – bisher nur eine Stummelstrecke vom Hauptbahnhof zu »Unter den Linden« – und endet am Hauptbahnhof. Da erhebt sich das Problem: Soll die U 5 bis zur Turmstraße verlängert werden und somit eine Ost-West-Verbindung von Hönow nach Moabit entstehen oder die Straßenbahn vom Hauptbahnhof zur Turmstraße gebaut werden mit Umsteigenotwendigkeit? Bei beiden Varianten würde die Verbindung zur U 9 gelingen, die von Steglitz zur Osloer Straße führt. Das Kosten-Nutzen-Verhältnis spricht für die U-Bahn: 1,43 zu 1,2.

Aber die Linke, Teile der SPD und der Grünen sowie der Fahrgastverband IGEB setzen auf den Ausbau der Straßenbahn. »Wir brauchen Projekte, die unsere Verkehrsprobleme rasch lösen, kein teures Wolkenkuckucksheim«, sagt IGEB-Sprecher Jens Wieseke. Straßenbahnen und Oberleitungsbusse erzielten für weniger Investitionen einen größeren Nutzen. Für U-Bahn-Planer gibt es kein Projekt, das weit genug wäre.

Nun hat sich mit Jörg Seegers ein profilierter Baupraktiker in die Debatte eingemischt. Er ist als Technik-Geschäftsführer der Projektrealisierungsgesellschaft U 5 für den Bau verantwortlich und warnt: »Wenn wir nicht 2019 Bescheid wissen, wie es weitergeht, sind wir weg.« Er will einen verkehrspolitischen Kurswechsel erreichen. Die Stadt brauche nicht nur mehr Straßenbahnlinien, sondern auch neue U-Bahn-Strecken. Der Senat müsse rasch entscheiden, wo zusätzliche Tunneltrassen gebaut werden. Sonst würden die Fachleute, die heute noch mit der U 5 zu tun haben, abwandern – in Städte wie Hamburg, München und Wien, die ihre U-Bahn-Netze erweitern. Dies wäre ein Verlust, den Berlin kaum verschmerzen könnte, warnt Seegers – so im Artikel von Peter Neumann in der »Berliner Zeitung«.

Inzwischen gerät die Debatte in Bewegung, denn die von den Grünen geleitete Senatsverkehrsverwaltung zeigt sich offener als früher. Die Wirtschaftssenatorin Ramona Pop von den Grünen plädiert für einen Ausbau der Berliner U-Bahn, um die Verkehrsströme der wachsenden Stadt auch in Zukunft zu bewältigen. In dieser Legislaturperiode konzentriere sich die rot-grüne Koalition auf den Bau neuer Tramlinien und den Ausbau der Fahrrad-Infrastruktur, sagte die stellvertretende Regierungschefin. Aber »(g)erade beim Thema Verkehr sollte man keine Politik machen, die nur auf drei, vier Jahre ausgerichtet ist. Wenn wir uns die langen Beschaffungsvorgänge anschauen und sehen, wie die Stadt wächst, müssen wir natürlich auch weiter in die Zukunft gucken«.

Der Sprecher Matthias Tang erklärte: »Wir haben im vergangenen Jahr den Auftrag des Senats erhalten, uns mit der Frage möglicher U-Bahn-Verlängerungen zu befassen«. Der Senat habe bestimmt, dass im Stadtentwicklungsplan »Mobilität und Verkehr« ein Vorschlag für die Weiterentwicklung des U-Bahn-Netzes vorgelegt wird. Die Warnung, dass Berlin mit U-Bahn-Planern auch Erfahrung und Wissen verloren geht, kann man im Senat verstehen. »Uns ist bewusst, dass Ressourcen und Know-how im Land zur Verfügung stehen, die dem Land auch langfristig erhalten bleiben sollten«.

Machbarkeitsstudien loten nun aus, wo Netzerweiterungen möglich wären – etwa nach Schönefeld (U 7), ins Märkische Viertel (U 8), nach Lankwiitz und Pankow (U 9). »Sobald sie abgeschlossen sind, können wir sofort mit Vorplanungen beginnen«, sagt der Baufachmann Seegers. Entscheidet sich Berlin aber erst in vielen Jahren für Erweiterungen des U-Bahn-Netzes, »müsse die Stadt bei Null anfangen. Wenn unsere Leute weg sind, sind sie weg«.

Na, dann wollen wir mal sehen …


Siegfried Sunnus

 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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