Pionierprojekte einer Kirche in Bewegung
Neue Gemeinden gründen?

Von: Theodor Hering
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Neue Gemeinden, neue Formen von Kirche, Pioniere und Gründergestalten – brauchen wir so etwas in unseren Landeskirchen? Geht das überhaupt in der öffentlich-rechtlichen Kirche, Gemeinden neu zu gründen? Ist das dann noch Kirche oder eben etwas anderes, eine Art freie Gemeinde? Theodor Hering bedenkt entsprechende Ansätze zu Neugründungen, vor allem angesichts der Herausforderungen durch die Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland.


Es fing an mit dem ersten Kennenlernen der Fresh-X-Bewegung in Deutschland und England, es ging weiter mit der Lektüre von Günter Faltin, Kopf schlägt Kapital, und dem inspirierenden Begriff »Entrepreneurship« und gipfelte für mich in zwei Ereignissen im Reformationsjubiläumsjahr 2017: dem Erscheinen von Florian Sobetzko/Matthias Sellmann, Gründer*innenhandbuch und der Eröffnung des Theologischen Studienzentrums Berlin im Herbst – mit dem dezidierten Ausbildungsziel, neue Gemeinden, neue soziale Projekte, neue Formen von Kirche in urbanen Kontexten gründen zu können. Pioniere, Entrepreneure, Gründer – brauchen wir so etwas in unseren Landeskirchen? Geht das überhaupt in der öffentlich-rechtlichen Kirche, »Gemeinden« neu zu »gründen«? Ist das dann noch Kirche – oder eben was anderes, freie Gemeinde oder so?

Als Gemeindepfarrer und Verantwortlicher für einen Kirchenkreis möchte ich folgende Fragen stellen: 1. Ist »Gründung« und »Entrepreneurship« nur eine faszinierende und inspirierende Szene? Was lernen wir etwa aus dem Gründer*innenhandbuch? 2. In der Praktischen Theologie stehen beispielhaft die Entwürfe von Christian Grethlein und Michael Herbst recht unverbunden einander gegenüber. Beiden geht es um die »Kommunikation des Evangeliums«. Welche Verbindungen ergeben sich für zukunftsorientiertes kirchliches Han-deln? 3. Was würde Jesus tun? 4. In der Evang. Landeskirche Anhalts wird seit geraumer Zeit ein Modell diskutiert, das der Herausforderung von Konfessionslosigkeit in Ostdeutschland und zugleich zukunftsfähiger kirchlicher Arbeitsstruktur Rechnung tragen will. Was bringen hier die Gründungsimpulse? Sind sie überhaupt denkbar?


1. »Ecclesiopreneurship«

Das Gründer*innenhandbuch von F. Sobetzko und M. Sellmann fasst alles zusammen, was bisher im Verhältnis von Theologie, Ökonomie und »Entrepreneurship«-Forschung in einer sich vielfältig darstellenden kirchlichen »Gründerszene« reflektiert werden kann. Zugleich ist das Gründer*innenhandbuch ein völlig eigenständiger Entwurf, der zwischen biblischen Reflexionen und Pioniererfahrungen und zwischen Theologie und Ökonomie den Brückenschlag wagt. »Ecclesiopreneurship« ist dabei eine Wortschöpfung aus »ecclesia« und »Entrepreneurship«, wobei »Entrepreneure« im Sinne eines innovativen Handelns »Experten für Ungewissheit« sind.

Abbrüche bisheriger Kirchlichkeit, der Wandel kirchlicher gesellschaftlicher Wirklichkeit, die Komplexität der Herausforderungen erfordern den Dreischritt von »Handeln – Sehen – Urteilen«. Am Anfang steht also ein kreatives, wenngleich nicht unüberlegtes Wagnis und die daraus gewonnenen Erfahrungen, die theoretisch für den weiteren Weg aufbereitet werden. Die Erkenntnisse aus der ökonomischen »Effectuation«-Forschung geben dabei das Grundgerüst für innovatives Handeln. Dabei ist Innovation nicht Neuerfindung, sondern der situationsgerechte Umgang mit den vorhandenen Mitteln, mit den eigenen Kenntnissen und Fähigkeiten und mit den Mit-Spielern, mit denen ko-kreativ aus den vorhandenen Mitteln und Ressourcen das geschaffen werden kann, was jetzt möglich ist.

Das alles wird mit der Metapher des »Kühlschranks« dargestellt: Ist es dir möglich, mit dem, was jetzt im Kühlschrank liegt, kreativ und innovativ mit anderen etwas zu erschaffen – oder schreibst du erst eine Einkaufsliste, fragst also nach dem »hätte, könnte, wäre«, anstatt jetzt zu beginnen mit dem, was da ist? Michael Moynagh fasst die Ergebnisse der Effectuation-Forschung für die Fresh-X-Bewegung in der deutschen Übersetzung von Being Church – doing life/Fresh X. Das Praxisbuch so zusammen: »Aufbauen auf dem, was da ist … Wer bin ich? … Was kann ich? … Wen kenne ich?« (2016, 52f). So ließe sich so konkret und so risikoarm wie möglich ausprobieren, was es heißt, ein »Entrepreneur« zu sein und auch ein Start-Up innerhalb oder außerhalb der Kirche zu beginnen.

Die Mitte des Gründer*innenhandbuchs ist die sog. »Ecclesiopreneurship Canvas«, die der Model Business Canvas oder »Gründerleinwand« nachempfunden ist. Die durchgängige Perspektive ist hier: Welchen Nutzen kannst du oder könnt ihr als Team welchen konkreten Nutzern versprechen? Gegenüber einer Einstellung »Kirche ist für alle da« wird hier klar darauf insistiert: Ein Projekt funktioniert nur in Bezug auf eine konkrete Personengruppe und ihre Kultur, die ich kennen, mit der ich vertraut werden muss. Und »gründen« heißt hierbei: Es geht nicht nur um ein Projekt zwischendurch, sondern um ein verantwortetes Start-Up, den Beginn einer neuen Form von kreativer Gemeinschaft von Glauben, die Bestand haben und auch wirtschaftlich solide sein soll. Es geht um das Versprechen, für andere Kirche zu initiieren, für die bisherige Kirche ohne Bezug ist. Daraus kann neue Gemeindegründung werden.

Hier trifft sich das Gründer*innenhandbuch mit den Überlegungen von Günter Faltin als emeritiertem Wirtschaftsprofessor. Er spricht von »konzeptkreativen« Gründungen. Der »Kopf«, die Idee, die nicht nur ein Einfall, sondern ein durch viele Denkschleifen gewonnenes Konzept ist, schlägt eben die Vorstellung, es ginge nur um das »Kapital«, das erst eine Gründung ermögliche. (2015a) Dabei wird deutlich, dass es nicht nur um gewinnorientierte Gründungen geht, sondern um soziale und ökologische Verantwortung: Was dient den Menschen? Was dient der Gesellschaft? Was dient der Verantwortung für unsere Welt? Ein Wort, das Faltin hier benutzt, ist »Suffizienzinnovation« – also die Frage: Was genügt? Was ist zureichend für das gemeinsame Leben. Oder eben: Was genügt für das Sein von Kirche? (2015b, 113f)

Etwas zu unternehmen ist mehr als etwas nur zu verwalten. Etwas zu unternehmen ist Ausdruck subjektiver Fähigkeit, etwas tun zu können. Es ist die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Bezogen auf unsern Kontext kann das heißen: Gemeinde neu zu »gründen« bedeutet, für die Kommunikation des Evangeliums als Christ Verantwortung zu übernehmen und etwas dafür zu unternehmen, dass diese Kommunikation geschieht und gelingt.


2. »Kommunikation des Evangeliums« – Christian Grethlein und Michael Herbst

Christian Grethlein hat bekanntlich seine Praktische Theologie (2016) um den Begriff der »Kommunikation des Evangeliums« herum aufgebaut. Dabei ist ihm wichtig, dass »Kommunikation« grundsätzlich ergebnisoffen ist: »Die Ergebnisoffenheit von Kommunikation erweist sich als irritierende Ungewissheit, aber zugleich als Bedingung für neue Einsichten bei den Kommunizierenden.« (2016, 182) Für die »Ecclesiopreneure« hieße das: als »Experten in Ungewissheit« sind sie gleichsam Kommunikationsexperten, also Experten darin, neue Beziehungen zu Menschen erfahrungsoffen einzugehen und das Evangelium mit ihnen zu kommunizieren.

Der Begriff »Evangelium« erschließt sich durch den Rückbezug auf »Jesu Auftreten, Wirken und Geschick« (2016, 171). Der Inhalt des Evangeliums ist die »anbrechende Gottesherrschaft (2016, 171), der in drei Modi von Jesus selbst und in seiner Nachfolge kommuniziert wird: »Lehr- und Lernprozesse, gemeinschaftliches Feiern und Helfen zum Leben bilden seitdem die wesentlichen Ausdrucksformen der Kommunikation des Evangeliums und damit der Nachfolge Jesu.« (2016, 171)

Aus dieser Konzeption ergeben sich mehrere interessante Konsequenzen. Durch die Wirksamkeit des Kommunikationsbegriffs in allen alltäglichen, organisationalen, medialen und kirchlichen Netzwerken, begreift Grethlein auch die »Kirche« als vierfach gegliederte »Sozialform«: »›Ekklesia‹ im Neuen Testament umfasst demnach vier Sozialformen: die Hausgemeinde, die Ortsgemeinde, die Kirche auf Provinzialebene und die weltweite Ökumene.« (2016, 339) Das bedeutet, dass die »Familie« als Sozialform der »Hausgemeinde« der Parochie in der Darstellung vorgeordnet wird. Es bedeutet weiter, dass »Kirche« und »Gemeinde« neben ihrer eigenständigen Sozialform in eine »Assistenzfunktion« (2016, 339) für unterschiedliche Sozialformen und Netzwerke gestellt sind, in denen die Kommunikation des Evangeliums stattfindet oder stattfinden kann.

Abgesehen davon, dass diese Assistenzfunktion etwa in Bezug auf die Familien ein ur-reformatorisches Anliegen war, wirkt diese Verhältnisbestimmung sich auch auf das Verhältnis von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitenden in der (verfassten) Kirche aus. Auch hier geht es zunächst darum, dass »eine Theorie der Tätigkeiten, die die Kommunikation des Evangeliums fördern« (2016, 460) dargestellt werden soll. Praktische Theologie ist also keine Pastoraltheologie. Sondern mit der Einsicht in das allgemeine Priestertum aller Getauften wird vor die Darstellung von Pfarramt und weiteren kirchlichen Berufen (!) der Bereich »Ehrenamtliche/freiwillige Tätigkeiten« (2016, 462 ff) vorgeschaltet. Und weil es in allen Tätigkeiten um die Förderung der Kommunikation des Evangeliums geht, wird sogar die Schlüsselfunktion des Pfarrberufs dahingehend in Frage gestellt. Der Pfarrberuf ist funktional auf die vielfältige Kommunikation des Evangeliums in allen Sozialformen von Kirche bezogen – und hat schließlich in Bezug auf das allgemeine Priestertum aller Getauften auch Assistenzfunktion. Dabei betont Grethlein, dass Ehrenamtliche ihrerseits in der Lage sind, mit ihren Erfahrungen und Lebensweltbezügen Hauptamtliche in der kirchlichen Arbeit weiter zu bilden. (2016, 473)

Zu Michael Herbst sehe ich hier viele Anknüpfungspunkte: Kommunikation des Evangeliums als grundlegend für Nachfolge Jesu und kirchliche Arbeitsorganisation, ein bereinigtes und sich gegenseitig förderndes Verhältnis von Haupt- und Ehrenamt, die Vielfalt von Gemeindeformen, mündiges Christsein. In seinem Aufsatz Ordnungsgemäß berufen, regiolokal leiten, mündiges Christsein fördern finden sich etwa folgende Stichworte: »Konzentration auf das, wozu Pfarrerinnen und Pfarrer ›ordnungsgemäß‹ berufen sind« (2017a, 8); »Pfarrpersonen als ein Katalysator für das Allgemeine Priestertum« (2017a, 10); »Intensivierung der geistlichen Bildungsprozesse in Richtung auf lebendiges, mündiges Christsein« (2017a, 11). Darüber hinaus vermag Herbst von einer Funktion von Pfarrern als »pioneers« zu sprechen, die eine »eher entrepreneurmäßige Neubegründung von christlichen Gemeinschaften an ungewohnten Orten übernehmen« (2017a, 10; vgl. Volland 2015).

In allem geht es ihm um die Förderung und Stärkung persönlichen, aber auch gemeinschaftlichen, gar familienähnlichen Christseins – damit das allgemeine Priestertum gestärkt und der mündige Christ in der Lage ist, eine sich transformierende Kirche zukünftig mitzugestalten.

Ein möglicher Dissens zwischen Herbst und Grethlein wird am Verständnis des »Evangeliums« sichtbar. So fragt Herbst in einem Vortrag auf dem »Dynamissio-Kongress« zum Thema Evangelium: »Sprechen Theologen heute von der Kommunikation des Evangeliums, dann legen sie Wert darauf, dass erst in der Begegnung von Mensch zu Mensch offenbar wird, was das Evangelium in diesem konkreten Fall sei … Kann man dann überhaupt noch sagen, was das Evangelium ist, wenn es sich doch nur stets neu erschließt?« (2017b, 8)

Diese Fragen kann man an Grethlein stellen, der dem Begriff des »Evangeliums« den der »Kommunikation« in der Darstellung seiner Praktischen Theologie voranstellt. Daraus folgt für ihn: »Denn demnach ist ›Evangelium‹ als Inhalt von Kommunikation keine feststehende Größe unabhängig von der konkreten Kommunikation. Die genaue Bedeutung von ›Evangelium‹ wird erst im Kommunikationsprozess generiert und ist grundsätzlich ergebnisoffen bis hin zur Erschließung neuer Wirklichkeit.« (2016, 159) Entgegen immer wieder auftretenden Tendenzen, das Evangelium »auf eine eindimensionale Doktrin und Organisationsform zu reduzieren« (2016, 185), hält Grethlein an der schon ntl. Pluralität des Evangeliumsverständnisses und seines kommunikativ offenen und jeweiligen Kontextbezuges fest, in dem sich eben erst »Evangelium« ereigne.

Bezogen auf die drei kommunikativen Modi von »Evangelium« – das Lehren und Lernen, das gemeinschaftliche Feiern und das Helfen zum Leben – wird diese Einsicht stimmen. Aber stimmt es in Bezug auf die Person Jesu Christi? Herbst wendet ein: »Luther macht uns zurecht darauf aufmerksam, das immer, in jedem einzelnen Fall und ohne jede Ausnahme, das Evangelium in Verbindung mit Jesus Christus bringt. Und Jesus Christus können wir kennen. Die Bibel malt uns ein stimmiges Porträt und unser Credo erzählt genau diese Geschichte nach.« (2017b, 8)

Es ist also geboten, die Konkretion des Evangeliums in der Person Jesu Christi und die Vielfalt seiner Kommunikation zusammen zu halten. Es geht christologisch um die Einheit der Person Jesu – darum auch kommunikationspraktisch um die Einheit des Evangeliums, das nur wirksam ist, wenn die eine Person Jesus Christus als sein wirksames Subjekt verstanden wird.

Diese Spannung von Einheit und Vielfalt bearbeitet Grethlein etwa in seinem Verständnis der »Assistenzfunktion« von Kirche und akademisch ausgebildetem Amt im fördernden Gegenüber und Miteinander zu Ehrenamt und Kirche als »Interpretationsgemeinschaft« des Glaubens (2016, 491): Alle Getauften haben teil an der Kommunikation des Evangeliums im Sinne eines »Übertragungsmediums«. Weil »Evangelium« aber auch als Überlieferung und Schrift ein »Speichermedium« ist (2016, 491), haben die Theologen durch ihre »besondere[n] Kenntnisse zur Erschließung des Speichermediums Evangelium« (2016, 492) ihre Verantwortung in dieser Interpretationsleistung, die die Kommunikationsleistung innerhalb wie außerhalb der Glaubensgemeinschaft fördert: »Es ist eine wichtige Aufgabe von Pfarrer/innen und Kirche, Menschen in den verschiedenen Sozialformen beim Erzählen biblischer Geschichten, beim Beten und beim Segnen zu unterstützen.« (2016, 588)

So könnte die Kommunikation des Evangeliums in aller Vielfalt eine Vielfalt von Lebensbezügen erreichen. Wenn denn die offene Ungewissheit kommunikativer Begegnungen von der Gewissheit der Wirksamkeit der einen Person Jesus Christus geleitet wird! Denn es geht ja nicht darum, dass das Evangelium »kein feststehender Gegenstand ist« (Grethlein 2016, 491), sondern darum, dass die eine Person des Evangeliums gewiss ist: »Und darum ist es unzureichend zu sagen: Wir können gar nicht wissen, was ›das‹ Evangelium ist. Wäre das so, dann würde uns das Bild von Jesus immer unschärfer, immer verschwommener und immer unklarer.« (Herbst 2017b, 9).


3. Was würde Jesus tun?

»Auch Jesus war ein Gründer.« So ist es zu lesen im Gründer*innenhandbuch (2017, 157). Wenn die »Kommunikation des Evangeliums« von Jesus Christus innerhalb wie außerhalb verfasster Kirche der Auftrag ist; wenn es im »Evangelium« um die eine Person Jesus Christus in vielfältigen Begegnungen in den drei Kommunikationsmodi Lehren und Lernen, gemeinschaftliches Feiern und Helfen zum Leben geht, dann ist es auch möglich zu fragen: »Was würde Jesus tun?« und sich an die prototypische Darstellung von Jesus zu halten, wie sie etwa Mk. im ersten Kapitel bietet: »Dies ist der Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes« (Mk. 1,1). Der Anfang wird einmal vorbereitet durch die Verheißung der Schrift und das evangelistische Auftreten Johannes des Täufers (Mk. 1,1-8). Dann folgt eine zweite Vorbereitung des Anfangs in der Taufe Jesu als Akt seiner Autorisierung und in der sog. Versuchung, ausdrücklich durch den Geist Gottes initiiert (Mk. 1,9-13).

Danach erst beginnt Jesus, öffentlich das nahegekommene Reich Gottes zu proklamieren und zu Umkehr und Glaube aufzufordern (Mk. 1,14f). Zu diesem Anfang gehört dann eine weitere Anfangshandlung: Jesus beruft die ersten Jünger, sammelt also ein Team, mit dem er sein Start-Up teilen und voran bringen will (Mk. 1,16-20). Dann finden wir Jesus als Lehrer in der Synagoge von Kapernaum. Seine neue Lehre mit Vollmacht erregt Aufsehen (Mk. 1,21.27). Diese Vollmacht zeigt Jesus, indem er einem unreinen Geist verbietet, Jesus jetzt zu offenbaren. Dann treibt er ihn aus. Es folgt eine Szene in der Familie des Petrus (Mk. 1,29-31), dessen Schwiegermutter er heilt. Am Abend – als passierte alles am ersten Tag, eben an einem bedeutsamen Anfang – bringt man viele Kranke zu ihm (Mk. 1,32-34). Dem anhaltenden Zustrom entgeht Jesus am kommenden Morgen »vor Tage«, indem er sich zu persönlichem Gebet zurückzieht. Aber die Jünger bedeuten ihm: »jedermann sucht dich« (Mk. 1,37).

Der vielfach so benannten Geh-Struktur Jesu entspricht als Resonanz also durchaus eine Komm-Struktur derer, die Jesus nun suchen. Die abschließende Begegnung mit einem Aussätzigen macht deutlich, dass Jesus ausdrücklich das sagen und tun »will«, nämlich Menschen in eine heilsame und geheilte Beziehung zu Gott, zu ihren Mitmenschen und sich selbst zu bringen. Das abschließende Gebot, niemanden etwas von dem zu sagen, was durch Jesus geschah, markiert schließlich das Gegenteil und einen weiteren Anfang: die Ausbreitung der Botschaft von Jesus (keryssein ton logon, Mk. 1,45).

Das schon hier angedeutete sog. »Messiasgeheimnis« korreliert dem Charakter des Mk. als einer »Erzählung des ›Weges‹« (Schnelle, 1996, 248) Jesu und seiner Jünger: Der Weg Jesu muss erst zum Kreuz führen, dann ist er wirklich erkannt (Mk. 15,39). Die Jünger müssen erst lernen, sowohl die Vollmacht wie die Bereitschaft zum Leiden mit Jesus zu teilen, ehe sie – die ja oft als unverständig dargestellt werden – ihn wirklich als Gottes Sohn erkennen. Bezogen auf das Verständnis von »Evangelium« heißt das, dass für den Autor, also den Evangelisten Markus, von vornherein klar ist, was Evangelium von Jesus Christus und wer Jesus Christus ist. Der je persönliche »Weg« muss dennoch gegangen, die vielfältige Kommunikation von Verstehen und Nicht-Verstehen des Evangeliums muss dennoch den Leserinnen und Hörern zugemutet werden, ehe aus der Kommunikation von Wort und Erfahrung Glaube an Jesus wird.

Wichtig ist an dieser Stelle: Es geht um einen mehrfachen oder eben anhaltenden Anfang – Jesus beginnt nicht allein, sondern seine Jünger wirken mit – Geh- und Komm-Struktur stehen in einem Resonanzverhältnis. Das entspricht auch der Grundstruktur einer sog. »fresh expression of church«: einen Weg (journey) zu Menschen in ihrer jeweiligen Kultur nicht allein, sondern in einem Team und ko-kreativ mit ihnen als potentiellen »Nutzern« beginnen, Erfahrungen mit Gottes Wirken machen, Jünger formen und Gemeinschaft einüben und dann wieder von vorn beginnen.

Erstaunlich ist, wie in der evangelischen Kirche das Anfängliche und Beginnende, wie es etwa im »Jünger«-Begriff deutlich wird, wegretuschiert wurde – und wie stattdessen die »Ältesten«, Presbyter, Kirchenvorstände und Gemeindekirchenräte das Selbstverständnis unserer Gemeinden und Kirche bestimmen.


4. Kirche neu gründen? Kirche mit Absicht!

In der Evang. Landeskirche Anhalts steht nach den Gemeindekirchenratswahlen 2017 der Vorschlag im Raum, kirchliche Mitarbeiter in einem Verbund einer bestimmten Region zuzuordnen, in der Gemeinden durch räumliche oder kulturelle Gemeinsamkeiten ohnehin schon verbunden sind. Die Gemeinden bleiben selbständig. Gemeindekirchenräte sollen befähigt werden, für ihre Gemeinden auch geistliche Verantwortung wahrzunehmen. Begleitet wird dieses Bemühen von anhaltendem Mitgliederschwund, von weniger und älter werdenden hauptamtlichen Mitarbeitenden, von anhaltendem Traditionsabbruch zwischen den noch kirchlich gebundenen Generationen und von der missionarischen Herausforderung, in Ostdeutschland mit Menschen das Evangelium zu kommunizieren, die in zweiter und dritter Generation konfessionslos und vielfach Familienangehörige, Nachbarn, Arbeitskollegen und Mitschüler sind. Dabei beginnt die missionarische Herausforderung mit der Frage, ob wir es überhaupt wollen, Jesus, an den wir glauben, mit denen, die wir lieben und die uns vertraut sind, zusammenzubringen. Vermissen wir sie in unserer Kirche – oder haben wir nur Kraft für uns selbst als gesellschaftlich noch akzeptierte Minderheitskirche im Wandel?

Durch eine Strukturreform soll keine neue Kirche gegründet werden. Was, wenn das aber dran wäre? Und welche Impulse können aus den praktisch-theologischen Einsichten gewonnen werden? Im Gründer*innenhandbuch lesen wir den provokanten Satz: »Der Sinn von Christsein liegt nicht darin, Kirche aufzubauen; vielmehr liegt der Sinn von Kirche darin, zum Christsein zu motivieren.« (2017, 158) Und was, wenn solche motivierten Christen, statt vorhandene Kirche, neue Kirche und Gemeinde aufbauen und gründen? Ich möchte versuchen, diesen Satz mit Grehtleins »Assistenzfunktion« von Kirche und mit Herbsts »mündigem Christsein« zusammen zu verstehen, um zu einem Kirchenverständnis zu kommen, wonach Kirche von sich selbst absehen kann – eben: ­»Kirche mit Absicht«.


1. Assistenzfunktionen von Kirche

Wenn die »Kommunikation des Evangeliums« die gemeinsame christliche Grundpraxis ist, dann ist Kirche per se eine Ausbildungskirche: Mitarbeiter werden ausgebildet, nicht nur, um selbst das Evangelium von Jesus zu kommunizieren, sondern – wie Jesus selbst! – um Mitarbeiter zu finden, zu fördern, auszubilden, ihrerseits das Evangelium von Jesus in ihren Lebenswelten und Sozialformen zu kommunizieren.

Das bedeutet nicht nur die Weitergabe, sondern die Abgabe von Kompetenz an Christen in den Gemeinden. Dabei geht es nicht nur um das Verhältnis von (allzuständigen) Hauptamtlichen zu (für eine Aufgabe zuständigen) Ehrenamtlichen, sondern um die ermutigende Begleitung geeigneter Christen, ihrerseits zu beginnen, das Evangelium von Jesus Christus in den drei oben beschriebenen Modi des Lehrens und Lernens, des gemeinschaftlichen Feierns und des Helfens zum Leben innerhalb und außerhalb von Kirche zu kommunizieren. Und das beginnt in den Familien.

Es kann sein, dass in größer werdenden kirchlichen Versorgungsstrukturen Menschen befähigt und begleitet werden, als Pioniere der Nähe zugleich Vertrauensmenschen der Kirche vor Ort wie auch Glaubensakteure zu sein, die die Praxis des Gebetes, des Segnens, des Helfens usw. nicht nur selbst ausüben, sondern dazu einladen und ermutigen, Gemeinschaften bilden.

Es wird vermehrt darum gehen, Quereinstiege in unterschiedlich nötige Qualifikationen für die »Kommunikation des Evangeliums« innerhalb wie außerhalb von Kirche zu ermöglichen, die so auch das Gegenüber von Haupt- und Ehrenamt erweitern und ein einseitiges kirchliches Versorgungsparadigma aufbrechen.

Auch »Leitung« hätte in der Kirche Assistenzfunktion, wenn sie mit Gerhard Wegner auf die »geistliche[] Selbstleitung jedes einzelnen Christen« (2015, 84) hinauskommt. Oder mit Herbst: »Geistliche Leitung heißt: Helfen zum Hören und Antworten. Wer geistlich geleitet wurde, hat gelernt, für Gott offen zu sein … Geistlich leiten heißt: andere anleiten, sich auch geistlich leiten zu ­lassen.« (2013, 55).

Assistenzfunktionen von öffentlich-rechtlicher Kirche bedeutet sicher auch, Dienstleister für die Gemeinden vor Ort zu sein. Im Sinne konzept-kreativer Gründungen, wie sie der Entrepreneurship-Forscher Faltin vorschlägt, kann die Assistenzfunktion bestehender Kirchenstruktur sogar darin bestehen, unterstützende »Komponenten« (2015a, 89ff) für neue Gemeindegründungen zur Verfügung zu stellen – wie es im »church planting« ja durchaus versucht ­wurde.


2. »Mündiges Christsein«

Herbst formuliert: »Darum ist der Kirche in Zeiten einigermaßen guter Ausstattung mit Geld und Personal eine Strategie zu raten, also ein langfristiger Verhaltensplan: Vom ›Ich‹ zum ›Wir‹, also zur Stärkung der Gemeinde vor Ort, zur Förderung des Allgemeinen Priestertums auch im Sinne des Ehrenamts, zur Intensivierung der geistlichen Bildungsprozesse in Richtung auf lebendiges, mündiges Christsein.« (2017a, 11)

Mündiges Christsein hat also mit »Bildungsprozessen« zu sein, die sehr unterschiedlich verstanden werden können: Grethlein spricht von »Befähigung zum Christsein« als eines subjektbezogenen Bildungsprozesses (vgl. 2016, 375, A. 101), M. Meyer-Blank beschreibt das Konzept des mündigen Christseins für das konfirmierende Handeln in unserer Volkskirche, das auf kritische Distanz zur Institution zielt bei gleichzeitiger Bereitschaft, in ihr je auf Zeit Verantwortung zu übernehmen. (vgl. 2003).

Im Sinn der oben beschriebenen geistlichen Selbst-Leitung kann »mündiges Christsein« eine alltägliche geistliche Praxis sein, wie sie M. Luther etwa mit der Trias oratio – meditatio – tentatio beschrieben hat (vgl. Bayer 1994 und Stolina 2001). Mündiges Christsein ist darum Christsein mit Erfahrung geistlicher Selbst-Leitung – oder, um es mit P. Riceour zu formulieren – der »fähige Mensch«, der »sagen«, »tun«, »erzählen« und im Sinne der »Zu-rechenbarkeit« (2006, 120-144) verantworten und kommunizieren und alltäglich leben kann, wer er als Christ ist, was Christus am Kreuz für ihn getan hat und warum er zur Gemeinschaft der Glaubenden gehört. Darum gehört zum mündigen Christen wohl auch die Bereitschaft und Fähigkeit zum Mit-Wirken in sozialen, gemeindlichen, synodalen Kontexten.

Mündiges Christsein kann schließlich auch fremd, sperrig und überhaupt nicht kompatibel zu bestehenden Kirchenformen sein. Mündige Christen können stören. In der Fresh-X-Szene werden sie inzwischen ermutigt, ihre besondere Gabe des »non fitting in« innerhalb wie außerhalb von Kirche einzubringen.


5. Ein Fazit

Mit dem Selbstverständnis einer assistierenden Kirche könnte also auch die Evang. Kirche in Anhalt die Absicht entwickeln, öffentlich-rechtliche Strukturen als Dienstleistungsräume für mündige Christen zu etablieren, in denen Christen gern Mitglied der Kirche und ihrer Gemeinde vor Ort sind – wo es aber auch erlaubt sein kann und unterstützt wird, neue Formen von Kirche mit Menschen zu gründen, die nicht zur Kirche gehören und nicht unbedingt die öffentlich-rechtlichen Räume verlassen müssen. So wird eine »Kirche mit Absicht« zu einer assistierenden Gemeinschaft für vielfältige Gemeinschaften, die die Absicht hat, durch die »Kommunikation des Evangeliums« so viele Menschen wie möglich mit Jesus Christus zusammenzubringen.

Dazu wird es nötig sein, dass mündige Christen nicht nur »vernünftig und fromm«, sondern auch »ergriffen« sein können – mit Wegner: »Eins allerdings ist gut zu erkennen: wo es kirchliche Innovationen gibt, wo sich ›attraktive‹ Kirchengemeinden bilden und wo neues Leben in den Kirchengemeinden erwächst, stehen im Mittelpunkt fast immer Personen, die erfindungsreich, bissig und kreativ sind und sich in einem Kraftfeld, das sich als charismatische Aktivierung beschreiben lässt, tummeln … Es gibt Ergriffene bzw. Burning-Persons« (2015, 149f; vgl. Freiraum und Innovationsdruck 2016,317ff) »Ich setze darum auf die Freisetzung der religiösen, sozialen und kulturellen Produktivkraft der Kirchengemeinden und vermute, dass es dafür vor allem Einzelne braucht: Menschen, die sich … als ›Religious Entrepreneurs‹ aussetzen und einsetzen und darin ihre Gaben als ihre Berufung entfalten. ›Ecclesiatical Governance‹ muss sich auf die Förderung – und Steuerung – dieser Einzelnen konzentrieren. Darin liegen Risiken, aber sie sind unvermeidbar.« (2015, 42)

Oder abschließend mit Herbst: »Das vermisse ich oft bei uns (und bei mir): Leidenschaft, Begeisterung, Menschen, die erkennbar infiziert sind, die auf sympathische Weise brennen. Unser Thema kann nicht zuerst die Kirche sein, deren Erhalt, Untergang, Überleben oder Wachstum. Unser Thema ist das Evangelium von Jesus, dem Christus … Ich sehne mich nach wahrhaft inspirierter Leidenschaft und glaube: Wenn sie sich einstellt, dann werden wir Gehör finden, und wenn wir Gehör finden, finden sich auch Formen und Gestalten, die Organisation gemeindlichen Lebens wird uns ganz leicht von der Hand gehen. (2016b, 82)


Literatur:

Oswald Bayer (1994), Theologie, 1994

Andreas Dörpinghaus/Andreas Poenitsch/Lothar Wigger (2006), Einführung in die Theorie der Bildung, 2006

Günter Faltin (2015a), Kopf schlägt Kapital, 62015

Günter Faltin (2015b), Wir sind das Kapital. Erkenne den Entrepreneur in dir, 2015

Christian Grethlein (2016), Praktische Theologie, 22016

Michael Herbst (2013), Kirche mit Mission, 2013

Michael Herbst (2016a), Geistlich leiten – reformatorisch glauben – missionarisch Kirche sein (AMD-Konsultation, 17.-19.02.2016), zuletzt aufgesucht am 27.4.2018 unter: https://www.a-m-d.de/fileadmin/user_upload/Material/Dokumentation/2016_AMD-Konsultation_Herbst_Kirche_mit_Mission.pdf

Michael Herbst (2016b), Neue Gestaltungs- und Organisationsformen gemeindlichen Lebens, in: Brennpunkt Gemeinde 3/2016, 82-86

Michael Herbst (2017a), Ordnungsgemäß berufen, regiolokal leiten, mündiges Christsein fördern, in: PTh 106/2017, 6-12

Michael Herbst (2017b), Evangelium, zuletzt aufgesucht am 27.4.2018 unter: http://dynamissio.de/wordpress/wp-content/uploads/2017/03/DYNAMISSIO_PlenumEVANGELIUM.pdf

Michael Meyer-Blanck (2003), Konfirmation als öffentliche Darstellung mündigen Christseins. Zur Theologie der Konfirmation im Anschluss an die neue VELKD-/EKU-Konfirmationsagende, zuletzt aufgesucht am 27.4.2018 unter: http://www.rpi-loccum.de/material/konfirmandenarbeit/blkonf

Michael Moynagh (2016), Fresh X. Das Praxisbuch, 2016

Paul Ricoeur (2006), Wege der Anerkennung, 2006

Freiraum und Innovationsdruck (2016), Der Beitrag ländlicher Kirchenentwicklung in »peripheren Räumen« zur Zukunft evangelischer Kirche. Hg. vom Kirchenamt der EKD (KiA 12), 2016

Udo Schnelle (1996), Einleitung in das Neue Testament, 21996

Florian Sobetzko/Matthias Sellmann (2017), Grün­der*­innen­hand­buch für pastorale Start-ups und Innovationsprojekte, 2017

Ralf Stolina (2001), Gebet – Meditation – Anfechtung. Wegmarken einer theologia experimentalis, in: ZThK 98/2001, 82-100

Michael Volland (2015), The minister as entrepreneur, 2015

Gerhard Wegner (2015), Religiöse Kommunikation und Kirchenbindung. Ende des liberalen Paradigmas, 22015




 

Über den Autor

Pfarrer Dr. Theodor Hering, Jahrgang 1966, Kreisoberpfarrer in der Evang. Landeskirche Anhalts.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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