Eine repräsentative Befragung der Pfarrschaft in der EKHN
Die Relevanz alter und neuer Sprachen in der Pfarrpraxis

Von: Klaus Neumeier
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Wie und wann werden welche Altsprachen (Latein, Griechisch, Hebräisch) für die Ausbildung zum Pfarrberuf erworben? Wie wird deren Relevanz für den pfarramtlichen Dienst eingeschätzt? Wie viel Zeit bleibt in der Gemeindepraxis des aktiven Dienstes für die kontinuierliche Beschäftigung mit den alten Sprachen? Sollte auf ihren Erwerb ganz oder teilweise verzichtet werden? Und sollte vielleicht mehr Wert auf das Erlernen moderner Sprachen gelegt werden, zum Beispiel im Rahmen ökumenischer Lernerfahrungen? Klaus Neumeier hat ein Studiensemester in der EKHN der empirischen Erforschung dieser Fragen gewidmet und präsentiert hier seine Ergebnisse.



Mangel an Pfarrpersonen in der evangelischen Kirche – was sich lange Zeit viele nur für die römisch-katholische Kirche vorstellen konnten, ist seit einigen Jahren in allen Gliedkirchen der EKD Thema: Wenn die geburtenstarken Pfarr-Jahrgänge in wenigen Jahren in den Ruhestand gehen werden, wird es Vakanzen geben.1 Erste kirchenleitende Impulse liefen auf eine Mangelverwaltung und verstärkten Pfarrstellenabbau hinaus, um übermäßige Vakanzen in wenig attraktiven Regionen zu minimieren. Inzwischen wird die Problemstellung differenzierter aufgenommen. Es wird stärker für das Theologiestudium und den Pfarrberuf geworben. Programme der Studienbegleitung und eine Willkommenskultur im Vikariat haben frühere, eher auf Auswahl fokussierte Ansätze abgelöst. Es gibt Anreize für Ruheständler zur weiteren Mitarbeit und anderes mehr. Das ist zweifellos gut so, auch wenn hinterfragt werden muss, ob gerade ein »Wettbewerb um Studierende« zwischen den Gliedkirchen der EKD insgesamt zielführend sein kann. Doch die Anzahl der Studierenden wird damit kaum erhöht werden! Ob zudem landeskirchliche Programme der Werbung zum Theologiestudium erfolgreich sind, muss sich erst noch erweisen. Auch wenn derzeit kein Rückgang der Studierenden erkennbar ist, gibt es doch auch keinen relevanten Anstieg der Studierendenzahlen, wie er aber zum Ausgleich der anstehenden Ruhestandsversetzungen dringend notwendig wäre.


Die Relevanz alter und neuer Sprachen im Pfarrdienst

Im Deutschen Pfarrerblatt habe ich selbst im Frühjahr 2016 unter der Überschrift »Gemeinden ohne Pfarrerinnen und Pfarrer« einiges zu diesem Thema geschrieben.2 Unter anderem war die Attraktivität des Theologiestudiums Thema gewesen. In nachfolgenden Stellungnahmen und Diskussionen wurde vor allem die Relevanz des Studiums der alten Sprachen kontrovers diskutiert, obwohl dies im benannten Beitrag lediglich einen Aspekt darstellte und ich schon damals ausdrücklich für eine Reduzierung der Prüfungsanforderungen in diesem Bereich warb und nicht für eine Abschaffung altphilologischer Sprachkenntnisse.

Eben diese Diskussionen aber haben mich bewegt, eine Studienzeit in 2018 für eine umfassende Befragung der aktiven Pfarrschaft in der EKHN zu nutzen. Thema war die Relevanz alter und neuer Sprachen im aktiven Pfarrdienst.3


Eine Befragung von 499 Pfarrpersonen der EKHN

Per email wandte sich der Verfasser im Februar 2018 an rund 1500 aktive Pfarrpersonen der EKHN (keine Theologiestudierenden, Vikare und Ruheständler). Von diesen haben 499 Personen an der digital erhobenen Umfrage teilgenommen, 90% von ihnen haben alle Fragen beantwortet. Diese Teilnahmequote ist laut den Statistikfachleuten der EKHN außerordentlich hoch, zumal nicht alle Angeschriebenen die email erhalten haben.4 Die Quote selbst und explizite Stellungnahmen zeigen, dass die Fragestellung offensichtlich als sehr relevant angesehen wurde und wird.

Befragt wurden die Pfarrkolleg*innen zunächst zum Studium selbst mit Dauer und Studienorten, dann zu Auslandsaufenthalten bis zum Berufseintritt und zu modernen Sprachkenntnissen und schließlich zum Erwerb und zu aktuellen Fähigkeiten der alten Sprachen. Den Abschluss bildeten 23 Impulsfragen mit der Bitte um Zustimmung oder Ablehnung. Inhaltlich bezogen sich diese Fragen auf dieselben Themengebiete.

Die Befragten wurden in vier Altersgruppen eingeteilt: bis 35 Jahre, bis 45 Jahre, bis 55 Jahre und älter als 55 Jahre. Bei der Teilnahme gab es ein deutliches Übergewicht bei den beiden älteren Teilnehmergruppen. Dies spiegelt die Pfarrschaft der EKHN wieder. Zugleich hat sich herausgestellt, dass die unterste Altersgruppe nicht glücklich gewählt war: die Befragung selbst hat ergeben, wie sehr sich das Theologiestudium verlängert hat – und damit verbunden der Berufseinstieg. Auch die allgemein beobachtete Verschiebung der Geschlechter spiegelt sich in der Befragung wider: Die beiden mittleren Altersgruppen stellen sich in Bezug auf männliche und weibliche Teilnehmende ausgewogen dar, bei den Jüngsten sind fast zwei Drittel weiblich, bei den Ältesten mehr als zwei Drittel männlich.


Enorme Bandbreite bezüglich der Wertschätzung alter und neuer Sprachen

Rund 200 Teilnehmende der Befragung haben sich mit Beiträgen im freien Textfeld am Ende der Umfrage oder mit emails an mich als Verfasser ergänzend geäußert, teilweise in ausführlichen und sehr differenzierten Stellungnahmen zu den Themenbereichen der Befragung. Immer wieder wurde dabei auch explizit die Relevanz der Befragung selbst benannt.5 Vor allem aber spiegeln die Kommentare eine enorme Bandbreite bezüglich der Wertschätzung alter und neuer Sprachen in der Pfarrschaft wider. Für die Frage nach der Relevanz der alten Sprachen kann m.E. sogar von einer Lagerbildung gesprochen werden.6 Die Relevanz neuer Sprachen und vor allem guter Englischkenntnisse wird hingegen sehr einheitlich kommentiert.7


Dauer des Studiums

Auch wenn nicht die exakte Semesteranzahl erfragt wurde, sondern Antworten in Blöcken, ist ein Trend zu einem längeren Universitätsstudium erkennbar: Während bei den über 55-Jährigen fast die Hälfte (44,9%) das Universitätsstudium in zwölf Semestern abschließen konnte, betrug die Zahl bei den unter 35-Jährigen nur noch 12,5%.8 Das bedeutet, dass heute 87,5% der Theologiestudierenden und damit die überwiegende Mehrheit länger als sechs Jahre an der Universität verbringen. Zusammen mit einem über zweijährigen Vikariat kann mit rund zehn Jahren Berufsausbildung gerechnet werden.

Diese hier erkennbare Verlängerung des Theologiestudiums muss im Kontext der allgemeinen Studienzeitverkürzungen im Rahmen der Bologna-Reformen gesehen werden. Als Vergleich kann das Studium der Humanmedizin dienen: In sechs Jahren einschließlich (!) praktischer Vorbereitungszeit wird hier im Regelfall eine wissenschaftlich voll anerkannte und gesellschaftlich hoch angesehene sowie verantwortungsvolle Berufsausbildung abgeschlossen. Das Medizinstudium ist damit rund vier Jahre kürzer als das Pfarramtsstudium der Evang. Theologie (inkl. praktische Vorbereitungszeiten).


Auslandsaufenthalte und Kenntnis moderner Sprachen

Mit mehreren Fragen wurden längerfristige Auslandsaufenthalte abgefragt. Vor dem Dienstbeginn als Pfarrer*in waren – ohne Zählung von Urlauben – bei den Ältesten ein Viertel mehr als sechs Monate im fremdsprachlichen Ausland gewesen; diese Zahl stieg bei den Jüngsten auf mehr als die Hälfte. Noch deutlicher werden die Unterschiede bei einem Gesamtaufenthalt im fremdsprachigen Ausland von mehr als einem Jahr. Nicht repräsentative Aussagen aus Vikarskursen bestätigen die Weiterführung dieses Trends. Nachkommende Pfarrgenerationen kommen also vermehrt mit intensiven und prägenden Welterfahrungen und damit verbundenen modernen Sprachkenntnissen in den Beruf. Zugleich verstärkt dies die Trends zu längeren Ausbildungsphasen und einem späteren Berufseinstieg.

Dem entsprechen die modernen Sprachkenntnisse. 87% der jüngsten Altersgruppe haben gute oder sehr gute Englischkenntnisse. Grundsätzlich gilt, dass – gemäß der erbetenen Selbsteinschätzung – der Großteil der hessen-nassauischen Pfarrschaft über alle Altersgrenzen hinweg überwiegend gute Englischkenntnisse hat. Deutlich schlechter sieht dies bei Französisch und auch bei Spanisch aus. Aber auch hier wie bei weiteren abgefragten Sprachen gilt: Es ist auffällig, wie viele unterschiedliche Sprachen aus allen Teilen der Welt von Einzelnen der Pfarrschaft gut oder sehr gut beherrscht werden und welches ökumenische und gesellschaftliche Potential darin liegt, ohne dass dies bislang kirchenleitend bekannt wäre oder genutzt würde.

Die Sprachgewandtheit der jüngeren Generationen wird altersübergreifend sehr positiv gesehen. Entsprechend gaben bei den beiden jüngeren Altersgruppen über 50% der Befragten an, Bücher und Filme gern im Original zu lesen bzw. zu sehen. Dieser Wert sinkt, je älter die Befragten sind. Aber auch für die berufliche Praxis gilt die Relevanz moderner Fremdsprachen. Ohne große Altersunterschiede haben rund 50% der Befragten regelmäßig fremdsprachliche Kontakte, rund 30% verneinen dies. Eine ähnliche Frage bestätigt dieses Ergebnis: Rund 50% sagen aus, dass sie im Beruf immer wieder in die Situation kommen, spontan englisch reden zu müssen. Auffällig ist hier die besonders hohe Zustimmung der 45- bis 55-Jährigen, die zugleich die Gruppe mit der höchsten Wertschätzung ökumenischer Kontakte darstellt (s. ganz am Ende).


Erwerb und Kenntnisse der alten Sprachen

Die Befragung spiegelt in ihrem statistischen Teil wider, dass die Anforderungen im Sprachbereich höher und schwieriger geworden sind: Ein Viertel der Gruppe ab 55 Jahren konnte noch mit dem – inzwischen abgeschafften – Kleinen Latinum das Theologiestudium beginnen. Zudem haben in den beiden höheren Altersgruppen noch knapp 75% das Latinum während ihrer Schulzeit erworben. Dieser Wert ist bei den jüngsten Pfarrkolleg*innen auf unter 50% gesunken. Während also vor rund 30 Jahren nur jeder vierte Studienanfänger das Latinum erwerben musste, ist es heute jede zweite. Dieser Trend scheint sich gemäß nicht-repräsentativen Aussagen von Studierenden fortzusetzen. Durch die Abschaffung des Kleinen Latinums sind die Anforderungen zudem auf einem höheren Niveau vereinheitlicht worden.

Das gilt auch für das Graecum, da die jüngeren Pfarrkolleg*innen kaum noch »nur« mit Bibelgriechisch studieren konnten. Der Anstieg der Anforderungen ist hier noch offensichtlicher als bei Latein: In der ältesten Altersgruppe haben beinahe so viele Kolleg*­innen das einfachere Bibelgriechisch gelernt wie das altphilologische Griechisch (43,4% zu 54,1%). In großen Schritten verändert sich die Relation zur jüngsten Altersgruppe: 8,3% mit Bibelgriechisch und 87,5% mit vollständigem Graecum. Erwartungsgemäß in der Minderheit ist die Anzahl der Pfarrer*innen, die das Graecum bereits in der Schulzeit abgelegt haben. Das gilt für alle Altersgruppen. Die mit 17,1% bereits niedrige Zahl in der ältesten Gruppe wird zu den Jüngsten allerdings noch einmal mehr als halbiert (8,3%).

Die Zahl derer, die das Hebraicum in der Schulzeit erworben haben, ist extrem niedrig. Dies gilt für alle Altersgruppen, bei den Jüngsten aber hat dies niemand mehr angegeben.

Dies bedeutet im Ergebnis, dass bei den Studierenden von vor 10-15 Jahren (der jüngsten befragten Altersgruppe) bereits 50% drei Sprachen nach Schulabschluss erwerben mussten und über 90% zwei Sprachen. Wie beschrieben gibt es Anhaltspunkte dafür, dass sich dies in den Folgejahren noch weiter verstärkt hat. Leichtere Abschlüsse mit Bibelgriechisch oder Kleinem Latinum kamen zudem bei der jüngsten befragten Gruppe fast nicht mehr vor. Die Herausforderung »alte Sprachen« ist damit nachweisbar deutlich höher geworden.



Bedeutung der alten Sprachen in der Pfarrpraxis

Neben dem Erwerb der Sprachen wurde eine Selbsteinschätzung erbeten, wie gut die aktuellen Übersetzungsfähigkeiten sind. Über 2/3 aller Befragten bewerten ihre eigenen Fähigkeiten für Hebräisch mit »nur teilweise« bis »mangelhaft und nicht ausreichend«. Hierbei haben die jüngeren Jahrgänge etwas bessere Kenntnisse. Beinahe eine Drittelung der Pfarrschaft gibt es bei der Selbsteinschätzung der Kenntnisse in Griechisch: Knapp ein Drittel gibt sich hier gute und sehr gute Noten und gut ein Drittel schlechte und sehr schlechte. Auch bei den Lateinkenntnissen gibt es eine sehr klare Selbsteinschätzung: jeweils rund 25% attestieren sich gute/sehr gute bzw. mittlere Kenntnisse und knapp 50% schlechte oder sehr schlechte. Das bedeutet, dass in der Pfarrschaft der EKHN nur ein Viertel bis ein Drittel gemäß Selbsteinschätzung noch in der Lage ist, biblische oder andere Texte der alten Sprachen zu übersetzen.9

Welche Bedeutung aber haben die alten Sprachen für das theologische Denken, für den Glauben und für die Pfarrpraxis? Mehrere Impulsfragen haben dieses Thema aufgegriffen. Sie ergeben im Ergebnis ein sehr indifferentes Gesamtbild mit ausgeglichenen Antwortgruppen.

Selbst auf die negativ formulierte Frage (»Für meine Glaubensidentität sind die alten Sprachen nicht wichtig«) haben 30% zustimmend geantwortet (50% negativ). Mit nur 40% Zustimmung noch deutlicher ist das Ergebnis bei der positiven Frage (»Der Erwerb und Gebrauch der alten Sprachen haben meinen Glauben geprägt«). Mit 53,3% konsequent höher liegt die Zustimmung bei der Frage nach der Prägung für das theologische Denken.

Deutlich ist, dass beide jüngeren Altersgruppen eine höhere Wertschätzung für die alten Sprachen haben als die beiden älteren Altersgruppen. Mit zunehmendem Alter und Berufspraxis scheint die Bedeutung der Altsprachen für Glaube und Theologie abzunehmen. Die größere Nähe der Jüngeren zu den alten Sprachen wird auch im Wunsch nach mehr Zeit zum Übersetzen erkennbar. Während sich die Jüngsten diese mit gut 50% wünschen, nimmt dies mit steigendem Alter kontinuierlich auf knapp unter ein Drittel ab. Zugleich werden Anwendungsmöglichkeiten für die alten Sprachen nur teilweise gesehen. Wie bei fast allen Fragen zu den alten Sprachen sehen die 35- bis 45-Jährigen die meisten Anwendungsmöglichkeiten (47,8%); die Werte der anderen Altersgruppen sind niedriger. Es sieht somit nur eine Minderheit regelmäßige Anwendungsmöglichkeiten der alten Sprachen.


Zugespitzt wird dieses Ergebnis beim urprotestantischen Thema des biblischen Urtextes: »Ich werde in meiner Berufspraxis mehrmals im Jahr nach dem biblischen Urtext gefragt«. Alle Altersgruppen habe diese Frage klar verneint: Im Schnitt aller Befragten sind es 59% (Zustimmung: 28,8%). Die Zustimmung ist bei den 35- bis 45-Jährigen mit 32,4% zwar am höchsten, liegt aber auch hier noch unter einem Drittel.

Im Ergebnis wird deutlich, dass in der pfarramtlichen Praxis nicht nur die Zeit zum Übersetzen alter Texte fehlt, sondern bei einer deutlichen Mehrheit auch in allen drei Altsprachen die Fähigkeit dazu nicht mehr vorhanden ist. Trotzdem sehen viele das eigene theologische Denken durch die alten Sprachen (mit) geprägt. Allerdings sind auch dies nur knapp über 50% und bei der Frage nach der Glaubensprägung sinkt die Relevanz der alten Sprachen weiter. Schließlich wird das theologische Expertenwissen in Bezug auf die alten Sprachen in der Berufspraxis fast nicht abgerufen.10


Mögliche Veränderungen des Studiums im Bereich der alten Sprachen

Trotz dieser tendenziell ernüchternden Bilanz für die Relevanz der alten Sprachen in der pfarramtlichen Berufspraxis stehen die aktuellen Pfarrpersonen mehrheitlich hinter den Sprachanforderungen im bzw. für das Theologiestudium. Nur 15% hätten die Studienzeit lieber für andere Dinge genutzt als für den Erwerb der alten Sprachen. Dem entsprechen die Antworten einer anderen Frage: »Kenntnisse der alten Sprachen (ohne altphilologischen Abschluss) und ihrer Kultur wären für mein theologisches Denken ausreichend gewesen«. Hier überwiegt in allen Altersgruppen die Ablehnung. Am deutlichsten ist dies erneut in der Altersgruppe 35-45 mit 20% Zustimmung zu 66,2% Ablehnung. Bei den Ältesten ist das Ergebnis um etwas mehr als 20% verschoben: »Ja« haben 40,8% angegeben, »Nein« 45,2%.11

Andere Fragen betrafen das aktuelle Studium. Über 50% in allen Altersgruppen geben an, über das heutige Theologiestudium noch gut oder sehr gut Bescheid zu wissen; wenig überraschend ist, dass dies für die Jüngsten am meisten gilt. Nur ein Teil der Pfarrschaft aber ist tatsächlich im Kontakt mit aktuell Studierenden, nur 40% der Ältesten und 60% der Jüngsten stimmen dieser Aussage vollständig oder tendenziell zu.12


Höhere Wertschätzung neusprachlicher Kenntnisse

Dass im Theologiestudium mehr Wert auf neusprachliche Kenntnisse gelegt werden sollte, finden vor allem die Ältesten, deren eigene diesbezügliche Fähigkeiten zugleich am geringsten sind (Zustimmung von 46,5% gegenüber 17,9% Ablehnung). Die Altersgruppe der 35-bis 45-Jährigen, die sich ansonsten am Positivsten zu den alten Sprachen äußert, sieht zugleich die geringste Relevanz neusprachlicher Kenntnisse für das Studium, vermutlich aufgrund der dargelegten höheren eigenen studiumsunabhängigen Kompetenzen (Zustimmung von 21,2% gegenüber 47% Ablehnung). Hier und an anderen Stellen kann beobachtet werden, dass die Altersgruppe rund um die 40 oft zu genau gegenteiligen Einschätzungen kommt als die Altersgruppe rund um die 60.

Dieser Differenzierung entsprechend finden die rund 40-Jährigen es gut (60,6%), dass die Sprachanforderungen in Bezug auf Latein und Griechisch auf hohem Niveau vereinheitlicht wurden. Bei den rund 60-Jährigen sind es mit 35,7% deutlich weniger. 64,4% der 35- bis 45-Jährigen lehnen es ab, »Studienvoraussetzungen in Bezug auf die alten Sprachen ein wenig zu senken«. Bei den Ältesten ist mit 48,4% gegenüber 36,6% eine Mehrheit für eine Absenkung der Sprachanforderungen!

Viele (bei den meisten Fragen eine Mehrheit) der heute älteren aktiven Pfarrerinnen und Pfarrer können sich demnach Veränderungen bei den Sprachanforderungen im Theologiestudium sehr gut vorstellen. In Korrelation zur Relevanz gerade der englischen Sprache in der Berufspraxis befürworten sie aus langer Berufserfahrung mit deutlicher Mehrheit eine höhere Wertschätzung neusprachlicher Kenntnisse im Studium. Möglicherweise ohne ihr konkretes Wissen deckt sich das mit aktuellen Entwicklungen zu vermehrt fremdsprachlich angebotenen Seminaren an den deutschen Universitäten. Gleichzeitig fällt auf, dass die Gruppe der 35- bis 45-Jährigen deutlich am wenigsten Bereitschaft zur Veränderung von Studium und Sprachanforderungen zeigt. Es kann nicht abschließend beurteilt werden, welche Anteile hierbei umfassende generationenbezogene Prozesse haben, welche Anteile die größere Nähe zum eigenen Studium und welche Anteile die kürzere eigene Berufspraxis.



Einhellig sehr hohe Wertschätzung der weltweiten Ökumene

In einem letzten Fragenkomplex wurde die mit neusprachlichen Kenntnissen eng verbundene weltweite Ökumene befragt und deren Relevanz für den Gemeindepfarrdienst. Über 50% der Befragten stimmen altersgruppenübergreifend zu, dass Erfahrungen in anderen Ländern und in der weltweiten Ökumene den eigenen Glauben geprägt ­haben.

Noch deutlicher fallen die Antworten in der Umkehrfrage aus: »Bei aller Wertschätzung der Ökumene sollten wir uns mehr auf unsere eigenen Traditionen besinnen.« Ohne große Altersgruppenunterschiede lehnen mehr als zwei Drittel (68,1%) diese Aussage klar ab, die Zustimmung liegt bei 12,6%.

Dementsprechend erwarten 54,1% gegenüber 18,3%, dass »im Theologiestudium … weltweite ökumenische Kontakte deutlich mehr gefördert werden« müssten. Am deutlichsten ist die ökumenische Wertschätzung bei den 45- bis 55-Jährigen (62% »ja« zu 11,7% »nein«), die mit durchaus guten Sprachkenntnissen diese weltweiten Kontakte in der Mitte ihrer Dienstzeit möglicherweise am intensivsten leben.

Es fällt auf, dass die Zustimmungswerte zur Prägekraft ökumenischer Kontakte und weltweiter Erfahrungen den Glauben prozentual in der Selbsteinschätzung der Pfarrerinnen und Pfarrer heute klar stärker prägen als die Altsprachen! Aus der Mitte der Berufspraxis betonen besonders die rund 50 Jährigen die regelmäßige Relevanz der englischen Sprache in der Pfarrpraxis und zugleich die Bedeutung weltweiter Kontakte und Ökumene.



Anmerkungen:

1 Der damalige Personaldezernent der EKHN legte im Herbst 2012 als einer der ersten eine dezidierte Ruhestands- und Vakanzberechnung für den Zeitraum ca. 2025-2030 vor. Die meisten anderen Gliedkirchen der EKD folgten.

2 DPfBl 3/2016, 154ff.

3 Die Befragung wurde intensiv unterstützt und begleitet vom Referat »Sozialforschung und Statistik« der EKHN und vom Personaldezernenten der EKHN – mein besonderer Dank gilt daher Frau Katharina Alt und Herrn OKR Jens Böhm sowie auch Herrn Jochen Springmann vom Referat »Organisation und Informationstechnologie« und Frau Judith Dietrich für vielfältige Korrekturen.

4 Für die Anschrift-email wurde eine nicht flächendeckend aktivierte Standard-email-Adresse der Landeskirche verwendet.

5 »Viel Erfolg bei der Studie, wichtiges Thema, toll dass endlich mal jemand sein Sabbatical ernst nimmt :-)« (90); »Ich freue mich, dass Sie dieses wichtige Thema aufgreifen« (222); »Spitze, dass Sie diesem wichtigen Thema Ihren Studienurlaub widmen« (321) – Anmerkung zur Klammernummerierung: Die in vielen Fußnoten vermerkten Klammerziffern sind die Kommentare in der fortlaufenden Nummerierung der Datensätze der Umfrage.

Einzelne haben auch – entgegen der Absicht der Befragung – in der Gegenüberstellung alter und neuer Sprachen eine Alternativstellung vermutet: »Ich finde es schwierig, Kenntnisse in aktuellen Sprachen gegen die alten Sprachen auszuspielen«.

6 Als Beispiele für die pro-Seite: »Ich (mache) vor jeder Predigt eine exegetisch Reflexion, zu der selbstverständlich die eigene Übersetzung gehört« (30); »sehe ich im tendenziellen … Bedeutungsverlust der »alten Sprachen« auch eine Tendenz zur Selbstbanalisierung der Theologie« (94); »die alten Sprachen sind unverzichtbar. Ich möchte auch nicht von einem Arzt behandelt werden, der seine Anatomiekenntnisse hat einrosten lassen.« (96); »Wer als Pfarrer ohne Nestle … auf die Kanzel geht, hat dort nichts verloren.« (96); »Die Kenntnisse der alten Sprachen sollten auch im Pfarramt regelmäßig überprüft werden, am besten mit obligatorischen Klausuren. Das gilt auch für das klassische Latein« (180); »Wenn man als Theologe verantwortlich arbeiten will, dann geht es nicht ohne die alten Sprachen.« (335); »Es gibt schon genug ungebildete Pfarrer. Mehr davon brauchen wir nicht.« (391); »Die ›Verdummung‹ der kommenden Pfarrgeneration möchte ich nicht mit verantworten.« (403); »Bloß nicht die Anforderungen in Hebräisch und Griechisch … senken.« (455)

Dagegen stehen Aussagen: »Sehr schade, dass an den überkommenen Anforderungen … festgehalten wird … Angesichts des Nachwuchsmangels … finde ich das unverantwortlich … Ich bin selbst als Dozentin in der theologischen Ausbildung tätig.« (47); »Ich habe noch bei Claus Westermann in Heidelberg studiert. Er benutzte stets eine deutsche Bibelausgabe in den Vorlesungen. Er war der Meinung, die seien so gut, dass eine eigene Übersetzung des Textes überflüssig sei. Dem ist nichts hinzuzufügen« (121); »Es werden Intellektuelle für Intellektuelle herangezogen, nicht Menschen mit Herz für Gott und den Nächsten gebildet« (173); »Für meine Predigtarbeit sind die alten Sprachen unwichtig … Der Zeitaufwand für das Erlernen der Alten Sprachen und der Nutzen heute stehen in keinem Verhältnis. Meine Beobachtung im Kollegenkreis bestätigt meine Meinung.« (284); »Ich halte die alten Sprachen für unnötig im Pfarrberuf« (330); »Die Sprachen sind eine Hürde für unsere NachfolgerInnen« (417); »Eine Sprachprüfung sollte meiner Meinung nach kein k.o.-Kriterium sein. (453); »moderne Sprachen sind 1000x wichtiger als die alten« (511).

Daneben gibt es natürlich auch viele sehr differenzierte Kommentare wie z.B.: »Meine eigene, bis heute ungebrochene Freude im Umgang mit früher erworbenen Sprachen sehe ich nicht als Maßstab für die theologische Ausbildung Jüngerer« (88); »Grundkenntnisse in den alten Sprachen im Sinne einer kulturellen Kenntnis (was ist Ruach oder Pneuma) finde ich wichtig, nicht aber die Übersetzungskompetenz.« (128); »Aus meiner Sicht sollte es unterschiedliche Studiengänge geben, die zum Pfarramt führen …« (141); »Ich finde alte und neue Sprachen wichtig, wer keine alten Sprachen von der Schule mitbringt, sollte sich Latein schenken dürfen. Wenn nur eine Sprache, dann Hebräisch!« (153); »(ich finde, dass) die alten Sprachen nicht zwingend erforderlich sind. Für alle, die eine wissenschaftliche Laufbahn anstreben, sollten die alten Sprachen verbindlich sein.« (171); »Die alten Sprachen sollten nur in Grundkenntnissen für alle Studierenden verpflichtend sein und dann nach individueller Interessenlage ggf. ausgebaut werden können.« (266); »Ich würde zwischen den alten Sprachen und ihrer Relevanz für das Theologiestudium differenzieren …« (347).

7 Ein paar Kommentarbeispiele für viele: »Gerade Englisch ist unverzichtbar, für Wissenschaft u. Praxis in der Theologie« (10); »Ich halte es für unabdingbar, dass man während des Theologiestudiums zumindest englische Fachbücher liest« (33); »Bessere Englischkenntnisse würden mir nicht schaden« (76); »Mir fällt es schwer, in englisch über meinen Glauben … zu sprechen. Auch schaffe ich es nicht, spontan meine Predigt in englisch zu halten. Aber genau mit diesen beiden Herausforderungen werde ich mehrmals im Jahr konfrontiert.« (263); »Es sollten … wenigstens zwei Auslandssemester verpflichtend sein (an Hochschulen, an denen nicht deutsch Unterrichtssprache ist).« (345)

8 Eine kircheninterne Statistik der EKHN zeigt für die Jahre 1993-2014 hingegen keinen Anstieg der Dauer des Studiums, sondern eher eine geringfügige Verkürzung. Der Durchschnitt von 14 Studiensemestern aus zwei Jahrzehnten Statistik aber bestätigt die enorm lange Studienzeit. Unabhängig davon bestätigt der Personaldezernent den heute allgemein späteren Berufseinstieg aufgrund diverser studienbegleitender Faktoren.

9 Im internen Austausch mit Fachleuten in der EKHN zu dieser Frage wurde deutlich, dass auch eine andere Interpretation dieses Ergebnisses möglich ist: Immerhin ein Viertel bis ein Drittel können gemäß Selbsteinschätzung noch alte Texte übersetzen. Tatsächlich ist dies mehr, als man angesichts der geringen Alltagsrelevanz der alten Sprachen in der Pfarrpraxis annehmen könnte. Angesichts des sehr hohen Stellenwerts, der den alten Sprachen in der Ausbildung beigemessen wird, gilt m.E. die Einschätzung im Haupttext: Trotz des großen zeitlichen Aufwands und der beim Sprachabschluss hervorragenden Übersetzungsfähigkeiten liegen diese Qualifikationen bei der großen Mehrheit der Pfarrschaft im Alltag nicht nur brach, sondern könnten angesichts verloren gegangener Fähigkeiten auch kurzfristig nicht mehr aktiviert werden.

10 Das bedeutet, dass die vor allem intrinsisch motivierte Wertschätzung für die alten Sprachen relativ hoch ist: Sie können Glaube und vor allem theologisches Denken mit prägen, selbst wenn die Übersetzungsfähigkeiten verloren gehen. Eine extrinsische gesellschaftlich und kirchlich begründete Motivation zum Umgang mit den alten Sprachen liegt nahezu nicht vor: Pfarrerinnen und Pfarrer werden nahezu nie als Expert*innen für Urtext oder alte Sprachen angefragt.

11 Diese Antwort ist angesichts anderer Rückmeldungen interessant: Die (relativ) hohe Wertschätzung der alten Sprachen für Glaube und vor allem theologisches Denken bezieht sich in vielen Kommentaren weniger auf unmittelbare Übersetzungsleistungen als auf die mit der Sprache verbundenen Glaubensformen und Denkleistungen in der jeweiligen Sprachkultur. Könnte hier nicht bei einer Schwerpunktverlagerung weg vom Übersetzen und (noch mehr) hin zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit Sprachkultur und Sprachhintergrund die theologisch relevante Prägekraft der alten Sprachen sogar noch erhöht werden?

12 Hier ist zu hinterfragen, ob tatsächliche Kenntnisse des aktuellen Studiums vorliegen oder eher die Erinnerungen an die Studienbedingungen und -inhalte der eigenen Zeit im Bewusstsein dominieren.

Über den Autor

Pfarrer Dr. Klaus Neumeier, Jahrgang 1962, seit 1991 Gemeindepfarrer in Bad Vilbel bei Frankfurt, seit rund 20 Jahren Synodaler in der EKHN und Vorsitzender des Ausschusses für Gemeindeentwicklung, Öffentlichkeitsarbeit und Mitgliederorientierung, Mitinitiator des Netzwerkes »Lust auf Gemeinde« in der EKHN, Autor und Referent zu Themen der Gemeindeentwicklung.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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