Zur Erinnerung an die Kirchenunion der Pfalz
Die Kraft des liberalen Protestantismus in Kirche und Gesellschaft

Von: Jörg Lauster
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Vor 200 Jahren – im August 1818 – vollzog die evangelische Kirche in der Pfalz die Kirchenunion von Reformierten und Lutheranern. Das historisch denkwürdige Ereignis gehört in den Kontext eines aufgeklärten Verständnisses von christlichem Glauben und protestantischer Theologie und atmet den Geist optimistischen Aufbruchs – wie Jörg Lauster in seinem Rückblick zeigt. Zugleich verweist Lauster auf den geschichtlichen Abstand, der uns heute von den damaligen Ideen trennt. Dennoch gibt die Pfälzische Kirchenunion auch ­heutiger Theologie und kirchlicher Praxis zu denken.*


Sich einen Gast aus München in die Pfalz einzuladen, um gemeinsam über das Unionsjubiläum nachzudenken, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn München hatte bekanntlich mir der protestantischen Kirchenunion einiges zu tun. Die gesamte Ambivalenz dieses historisch einmaligen Vorganges ließe sich exemplarisch an der Korrespondenz aufzeigen, die zwischen der Pfalz und München hin- und herging. Aus München kam einerseits der Impuls, aber dann auch entschiedene Gegnerschaft gegen die Kirchenunion von 1818.

Dass sich der Pfälzische Pfarrerinnen- und Pfarrerverein 200 Jahre später einen Gast aus München zu einem ganz besonderen Jubiläum des deutschsprachigen Protestantismus einlädt, ist kein Zufall. Die Münchner Fakultät, die jüngste der deutschsprachigen evangelisch-theologischen Fakultäten, steht seit ihrer Gründungszeit vor 50 Jahren in dem Ruf, eine Fakultät zu sein, die das große Erbe der liberalen Theologie des 19. Jh. für das 20. Jh. und die Gegenwart fruchtbar zu machen sucht. Damit niemand lange an der Position des Referenten herumrätseln muss: Es ist die Tradition der liberalen Theologie, aus der heraus ich spreche und darüber nachdenken möchte, was die Pfälzer Kirchenunion von 1818 für uns im Jahre 2018 bedeuten könnte.


1. Historische Erinnerung

Für manche außerhalb und vielleicht sogar auch für einige innerhalb der Pfalz mag eine kurze Erinnerung hilfreich sein, um was es sich bei der Kirchenunion in der Pfalz handelte. Wer nach Materialien sucht, findet sich in günstiger Lage. Die Aufarbeitung durch die Pfälzische Kirchengeschichtsschreibung ist exzellent.1 Nachdem Bayern im Gefolge des Wiener Kongresses neben der Kurpfalz auch die linksrheinischen Gebiete der Pfalz zugeschlagen wurden, entstand ein gemischtkonfessionelles Territorium aus reformierten und lutherischen Gemeinden. Das Thema der Kirchenunionen lag im Umfeld des Reformationsjubiläums 1817 in den deutschen Territorien in der Luft. Nach einer Visitationsreise in die Pfalz regte der Münchner Kabinettsprediger Ludwig Friedrich Schmidt am Königshof an, in den neuen bayerischen Territorien der Pfalz eine Union der Reformierten und Lutheraner zu vollziehen. In der Durchführung bewiesen die für Religionsangelegenheiten zuständigen Beamten in München ein besonderes Fingerspitzengefühl. Schließlich wurde das Generalkonsistorium in Speyer mit der Ausschreibung einer Abstimmung beauftragt, um zu klären, ob die Kirchenmitglieder eine solche Union befürworteten. Eine überwältigende Mehrheit sprach sich für die Union aus, woraufhin König Maximilian Joseph eine Unionssynode genehmigte, die im August 1818 in Kaiserslautern stattfand. Die daraus hervorgehende Unionsurkunde hatte es in doppelter Hinsicht in sich. In einer berühmten Formulierung hieß es:

»Die protestantisch-evangelisch-christliche Kirche erkennt, ausser dem neuen Testament, nichts andres für eine Norm ihres Glaubens. Sie erklärt, daß alle bisher bei den protestantischen Confessionen bestandenen, oder von ihnen dafür gehaltenen, symbolischen Bücher völlig abgeschafft seyn ­sollen.«2

Gegen diese Formulierung ging – wenig überraschend – das lutherisch geprägte Münchner Konsistorium mittels eines königlichen Reskripts vor. Nach einigem Hin und Her einigte man sich 1821 auf die Kompromissformel: »Die protestantisch-evangelisch-christliche Kirche hält die allgmeinen Symbola und die bey den getrennten Confessionen gebräuchlichen symbolischen Bücher in gebührender Achtung.«3


Verzicht auf Bekenntnisbindung

Die von den Münchener Konsistorialräten gewünschte Bekenntnisbindung war damit zunächst freilich nicht erreicht. Erst viele Jahre später wurde die Confessio Augustana Variata als Bekenntnis in die Kirchenverfassung eingeführt. Die beiden spektakulären Punkte der Union treten deutlich zu Tage: erstens wurde die Kirchenunion durch eine Volksabstimmung eingeleitet, zweitens verzichtete die Union auf jegliche Bekenntnisbindung.

Man würde das herausragende kirchenhistorische Ereignis der Kirchenunion jedoch kleiner machen, als es ist, wenn man es allein auf diese beiden Punkte reduzierte. In der Union nimmt vielmehr eine bedeutende Strömung des reformatorischen Christentums Gestalt an, die maßgeblich das Christentum in der Moderne, jedenfalls in seiner europäischen Fassung prägt. Diese Strömung lässt sich leicht an den theologischen Protagonisten der Union wie Georg Friedrich Wilhelm Schultz (1774-1842) und Johann Friedrich Butenschoen (1764-1842) ablesen. Sie sind geprägt vom Geist der Aufklärung, von den politischen Idealen der Französischen Revolution, die in den linksrheinischen Territorien durchaus praktische Wirksamkeit erlangten, und der Theologie des theologischen Rationalismus wie sie beispielsweise prominent in Heidelberg Heinrich Eberhard Gottlob Paulus (1761-1851) vertrat.


Theologischer Rationalismus

Die deutschsprachige Theologie traktierte den theologischen Rationalismus spätestens nach dem Ersten Weltkrieg meist mit übler Nachrede, was bei allen unübersehbaren Beschränkungen dieser Art von Theologie deren großartige Leistungen vollkommen zu Unrecht vergessen lässt. Schon die Bezeichnung des theologischen Rationalismus als theologische Strömung ist im Grunde eine unzulässige Reduktion, denn eigentlich handelt es sich dabei um viel mehr: um einen Frömmigkeitsstil, der die Errungenschaften der Aufklärung, die Begeisterung für den Aufbruch der Moderne mit dem christlichen Glauben in Einklang bringen und diesen Einklang leben wollte.

Ein eindrückliches Dokument bietet der Unionskatechismus, der im Gefolge der Union für die Pfälzischen Gemeinden unter maßgeblichem Einfluss von Johann Friedrich Butenschoen entstand.4 Dass der Union auch ein volkspädagogisches Instrument folgen müsse, zeugt davon, wie sehr sich die Unionsväter dem reformatorischen Bildungsimpetus verpflichtet sahen. Es ist ein stillschweigend geteiltes und dennoch sehr hartnäckig in unseren Köpfen festgekralltes Vorurteil, Wirkungsgeschichte als nützlichen Filter zu lesen, der uns die Entscheidung abnimmt, was aus der Vergangenheit für uns Bedeutung haben könnte und was nicht. Der Pfälzer Unionskatechismus ist ein Paradebeispiel dafür, wie schwach und naiv das Vorurteil des Wirkungserfolges ist. Denn die theologische Leistung des Unionskatechismus steht in keinem Verhältnis zu seiner spärlichen Rezeption. Diese erklärt sich eher aus einem Siegeszug einer sehr einseitigen theologiegeschichtlichen Metaerzählung des 20. Jh., die für die Aufbrüche des 19. Jh. wenig Sinn hatte. Schon darum ist das Unionsjubiläum in diesem Jahr ein willkommener Anlass, die Schulden fehlender Erinnerung zurückzuzahlen.


Der Pfälzer Unionskatechismus

Vieles im Unionskatechismus spricht in unsere Zeit kräftig und nachdenklich hinein.5 Die Verfasser des Katechismus verteidigen die Religion als ein konstitutives Element des Menschseins. Der Ausgriff auf Gott als letzter Grund des menschlichen Daseins fügt den Menschen in eine höhere Ordnung ein. In Fortführung des großen Erbes der Aufklärung verstehen die Verfasser Offenbarung als Erziehung des Menschen, die dem Menschen hilft, seiner eigentlichen Bestimmung entgegen zu gehen.

Entgegen dem verbreiteten Vorwurf, dass die rationale Theologie als Vorläuferin eines theologischen Liberalismus den Ausverkauf christlicher Inhalte vorangetrieben habe, behandelt der Katechismus alle großen Themen christlichen Denkens. Er spricht von Gott als Schöpfer, jedoch ganz ohne die späteren, fast pathologischen Berührungsängste zur natürlichen Theologie. Gott ist nicht allein, aber auch in seinen Werken zu erahnen. Damit treibt der Katechismus auf seine Art ein Versöhnungswerk: Er versöhnt die Religion des Menschen mit der Tatsache, dass der Mensch als natürliches Wesen selbst ein Teil der Natur ist. Als natürliches Wesen bedarf der Mensch der Erlösung. Die Katechismusväter binden die Erlösung an das Kreuz, jedoch tun sie dies ohne die bleierne Schwere der ganzen Blut- und Sühnetheologie. Das Kreuz ist ihnen Zeichen der Zuversicht der Überwindung des Schlechten und der Sünde, es befreit von sklavischer Gottesfurcht und führt hinüber in die sittliche Vollendung. Die Auferstehung konzipieren sie im Rahmen einer Unsterblichkeitslehre. Damit ist freilich nicht alles, ja nicht einmal das Wichtigste gesagt, was das Christentum unter Auferstehung versteht. Auch der Unionskatechismus ist eben ein Kind seiner Zeit. Es verdient jedoch Anerkennung, wie seine Verfasser die christliche Auferstehung in die Debatten ihrer Zeit hinein zu übersetzen versuchten. Die Lehre vom heiligen Geist spielt eine zentrale Rolle. Die Pneumatologie thematisiert im Katechismus die Frage, wie Gott in der Welt gegenwärtig ist. Der Katechismus – auch darin atmet er durch und durch die Luft des frühen 19. Jh. – behandelt die Gottesgegenwart vorrangig anthropologisch und erörtert die Wirkung des heiligen Geistes als bekräftigendes Prinzip im menschlichen Bewusstsein.


Weltoffenes, neugieriges und optimistisches Christentum

Vieles wäre einer weiteren und gründlichen Untersuchung wert. Der Unionskatechismus ist ein eindrückliches Dokument der Unionstheologie, er ist der Katechismus eines weltoffenen, neugierigen und auch optimistischen Christentums, das ohne die klerikale und konfessionelle Enge des traditionellen Verkündigungspathos auskommt. Bevor ich mich hier nun weiter in Rage für die Kirchenunion, ihre Theologie und ihre Gedanken rede, sei aus der historischen Erinnerung mit drei Thesen ein Fazit gezogen.

(1) Die Kirchenunion hat den Begriff Protestantismus prominent besetzt. Die Absage an die Bekenntnisbindung ist Ausdruck einer klaren Überzeugung: der Geist des Christentums ist mehr, als sich in Dogmen und Bekenntnissen sagen lässt, er lebt und wirkt in der Orientierung und Anlehnung an dem jesuanischen Vorbild in den Herzen der Menschen.

(2) Die Kirchenunion aus dem Jahr 1818 ist ein europäisches Projekt. Sie schärft uns heute die Augen dafür, dass es nicht die niederen Nationalismen sind, sondern die Wechselwirkungen zwischen Ländern und Kulturen, die die Menschheit voranbringen. Die erstaunlichen kirchenpolitischen Entwicklungen in den linksrheinischen Gebieten sind ohne den immensen französischen Einfluss nicht zu erklären. Die Französische Revolution ist ein europäisches Ereignis, das auch tief in den Protestantismus hineingewirkt hat.

(3) Der liberale Protestantismus hat kirchengestaltende Kraft. Kritiker und manchmal auch Verleumder bestreiten dem aufgeklärten Christentum traditionell eine praktische Wirksamkeit. Aufgeklärte Theologie, so der stetige Vorwurf, habe kein Interesse an kirchenpraktischen Fragen, sondern führe zum Ausverkauf des Christlichen. Die pfälzische Kirchenunion macht deutlich: das Gegenteil ist der Fall. Die Unionsväter hatten ein lebendiges Interesse daran, den Geist der Union auch in den Gemeinden wirklich werden zu lassen. Sie sahen es als Herausforderung ihrer Zeit, das kirchliche Leben umzugestalten. Ausgangspunkt war ihre Überzeugung, dass die christliche Religion sich umgestalten müsse zu einer intellektuell verantwortbaren, auf die Anfragen des Lebens reagierenden Religion. Nicht bloßer Autoritätsglaube, sondern Nachdenklichkeit über das eigene Leben ist der eigentliche Modus der Religion.


2. Der garstige Graben der Geschichte

Meine Begeisterung für die Kirchenunion in der Pfalz kann und muss ich nicht verbergen. Dennoch liegt auch in der schönsten Erinnerung ein melancholischer Zug: sie ist eben nur Erinnerung. Zwischen uns heute und der Kirchenunion von damals liegt der garstige Graben der Geschichte, über den wir nicht springen können. Der Geist der Kirchenunion lässt sich nicht einfach in unserer Zeit wieder aufrufen.

Erstens meldete sich schon bald nach der Union massiver Widerstand gegen das aufgeklärte Christentum an, den wir nicht übersehen können. Sowohl die Erweckungsbewegung als auch der Konfessionalismus kamen mit dem Christentum als aufgeklärter Religion nicht zurecht. Vieles an diesen Einsprüchen entspringt restaurativen, manchmal auch reaktionären Sehnsüchten nach der vermeintlich heilen Welt der Vormoderne. Mit Blick auf die weiteren Entwicklungen im globalen Christentum muss man aber doch den Erweckungsbewegungen bescheinigen, einen wunden Punkt ausfindig gemacht zu haben. Offensichtlich lebt der christliche Glaube noch von einer anderen Art des inneren Berührtseins als dem der zustimmenden Vernunft. Religion ist eben auch eine Herzenssache; zur kognitiven Stimmigkeit muss sich emotionale Wärme gesellen. Hinzu kommt, dass Religionen in unseren Tagen offensichtlich attraktiver erscheinen, wenn sie vom Modus der Nachdenklichkeit in den der Eindeutigkeit wechseln. Nicht das aufgeklärte, sondern das evangelikale und pfingstlerische Christentum wächst in der Gegenwart. Europäischen Christinnen und Christen, die ihre religiöse Praxis nicht an dem Erbe der Aufklärung vorbei gestalten können, bleibt im Moment wenig übrig, als diese Spannung auszuhalten.

Zweitens hat vor allem das 20. Jh. jenes sympathische Vertrauen in den Menschen zutiefst erschüttert, das uns noch aus der Unionstheologie entgegen leuchtet. Der große Optimismus des frühen 19. Jh. erscheint uns heute in Anbetracht all des Absurden der Geschichte und auch unserer Gegenwart als naiv. In abgewandelter Form hat diese Verdüsterung auch von der kirchlichen Stimmungslage Besitz ergriffen. Kirchenmitglieder erleben sich heute dauerhaft als Passagiere eines sinkenden Schiffs, die Unionsväter sprechen hingegen wie Pioniere des Aufbruchs.

Drittens fällt es schließlich schwer, das Christliche heute auf eine gemeinsame Idee zu bringen. Das christliche Leben steht mindestens von zwei Seiten unter Druck. Es hat zu ringen mit der kognitiven Dissonanz seiner Wundererzählungen, seiner mythischen Traditionsbestände, ja selbst seiner Lehren und Inhalte in einer technologisch hoch entwickelten Moderne. Noch mehr jedoch dürfte ihm die Gleichgültigkeit und die Flucht ins Banale zu schaffen machen. Der möglicherweise ärgste Gegner des Christentums unserer Tage ist eine Kultur des Seichten.

In Anbetracht dieses Drucks zerfällt die Volkskirche viertens in eine Vielzahl von Meinungen, wie man den gegenwärtigen Herausforderungen trotzen könnte. Die Kirche verliert sich in ewigen Strategiedebatten, die oftmals nur einer Beschäftigung mit sich selbst gleichen. Sie splittert sich auf in einzelne Kreise und Gruppen, in Liberale, Konservative, Evangelikale und Politchristen, die berührungslos nebeneinanderher ihre je eigenen Dinge tun.


3. Die Kraft des Protestantismus für die Gesellschaft – Chancen des liberalen Programms heute

Heraklit hatte Recht: Wir steigen nie zweimal in den gleichen Fluss. Aus der Geschichte lernen, kann nicht heißen, sie einfach zu wiederholen. Aber wir können die Pfälzer Kirchenunion als eine Anregung und als eine Inspirationsquelle aufnehmen, um die Herausforderungen der Gegenwart zu meistern.6 Die Union lebte von der Überzeugung, dass der Geist des Christentums mehr ist, als sich in Dogmen und Bekenntnissen ausdrücken lässt. Der Geist, von dem das Christentum lebt, ist zu groß, um in nur einer theologischen Richtung Eingang zu finden, die unablässig für sich die alleinige Wahrheit in Anspruch nimmt. Die Pluralität von theologischen Strömungen und verschiedenen Frömmigkeitsstilen ist eine notwendige Folge des unfassbaren Grundes des Christentums. Theologische und religiöse Pluralität ist darum nicht die Beliebigkeit des Relativismus, sondern sie ist die Anerkenntnis der unfassbaren Größe unseres Glaubens.

Pluralität schließt prinzipiell ein, vom jeweils anderen auch lernen zu können. Es gibt auch eine Art innerprotestantische Ökumene, in der es gilt, bei aller Unterschiedenheit zwischen den sogenannten Frommen und Liberalen in der jeweils anderen Strömung auch Wahrheitsmomente auszumachen, über die sich nachzudenken lohnt. Der Streit um die Inhalte dient der intellektuellen Diskursivität und der Schärfung des eigenen Profils. Das ist bestes europäisches Erbe. Nur eine Religion, die das Erbe der Aufklärung produktiv aufnehmen kann, wird in Europa bestehen können.

Die aufgeklärte Religion mit ihrer akademischen Theologie ist kein globales Exportgut. In vielen Teilen der Welt setzen sich andere Christentumsmodelle wie etwa die Pfingstkirchen mit nachvollziehbaren Gründen durch. Zur Nachahmung in heimischen Gefilden ist dies aufgrund unseres Erbes nicht zu empfehlen. Der liberale Protestantismus ist der wichtigste Beitrag Europas zum globalen Christentum. Er ist das Projekt einer Religion, die sich offen zeigt für die Lebenserfahrung der Menschen und darum mit Neugier das Gespräch mit der Kultur und den Wissenschaften sucht. Dieses Interesse ist von der Idee getragen, dass Menschen unabhängig von ihrer Herkunft und Bildung die gleichen Fragen haben. Es mag fernab der traditionellen Kirchensprache geschehen, aber mit wachen Augen lassen sich viele Spuren in unserer Kultur und auch in der Wissenschaft erkennen, in denen Menschen nach Ausdruck suchen, wie ein geheimnisvolles Jenseits in unser Dasein hineinragt und darin aufleuchtet. Die Beispiele reichen von der Gegenwartsliteratur bis zur Astrophysik. Mit diesen Menschen im Gespräch zu bleiben, ist eine essentielle Aufgabe von Theologie und Kirche. Aufgeklärter Protestantismus heißt: im Gespräch mit Welt und Kultur sich an die großen Fragen unseres Daseins heranwagen.

Der Unionskatechismus ist ein gelungenes Beispiel, wie dieses Gespräch vor 200 Jahren zu führen gewesen wäre. Nicht seine Inhalte, aber seine intellektuelle Haltung können uns auch heute noch ein Vorbild sein, das uns hilft unsere heutige Aufgabe zu bewältigen: den Geist des Christentums hinein zu übersetzen in konkrete Angaben, wie Gott in der Welt gegenwärtig ist. Sein Geist wirkt in Menschen, die mit ihrem Lebensmut der Welt Widerstand leisten; er wirkt in der Natur, die ganz offensichtlich mehr ist als nur das Wüten eines blinden Zufalls; er wirkt in der Geschichte, die uns ahnen lässt, das mit uns und unserem Leben etwas gemeint ist.

Diese Haltung ist das schlagende Herz des liberalen Protestantismus. Der Unionskatechismus hat im §136 in seiner Antwort auf die Frage, warum die Unionskirche eine protestantische Kirche genannt wird, Worte gefunden, die für sich selber sprechen: »Weil sie das edelste Recht des vernünftigen Menschen, frey und redlich in der Erkenntniß der wohlgeprüften Wahrheit fortzuschreiten, mit christlichem Muthe in Anspruch nimmt, gegen alle Geistesknechtschaft, wie gegen allen Gewissenszwang ewigen Widerspruch einlegt, und ungestörte innere Glaubensfreiheit behauptet.«7


Anmerkungen:

* Vortrag auf dem Pfälzer Pfarrerinnen- und Pfarrertag am 4. Juni 2018 Kaiserslautern. Die Vortragsform ist weitgehend beibehalten. Der Beitrag erschien zunächst im Pfälz. Pfarrerblatt (107/2018), 280-285.

1 Vgl. zum Folgenden: Quellenbuch zur Pfälzischen Kirchenunion und ihrer Wirkungsgeschichte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Zusammengestellt von Sonja Schnauber und Bernhard B. Bonkhoff, Speyer 1993; vgl. informativ und kritisch zur Union: Bernhard B. Bonkhoff, Geschichte der Vereinigten Protestantisch-Evangelisch-Christlichen Kirche der Pfalz 1818-1918, St. Ingbert 2016, 7-42.

2 Quellenbuch zur Pfälzischen Kirchenunion, 144.

3 Ebd.

4 Bedauerlicherweise ist der Katechismus wenigstens in Druckfassungen nicht leicht zugänglich; eine Ausgabe ist – darauf sei hier wenigstens hingewiesen – über google books zu finden; eine hervorragende Untersuchung zu Entstehung und Inhalt bietet: Hans Georg Lößl, Der erste Katechismus der pfälzischen Unionskirche, Freiburg 1970.

5 Vgl. zur folgenden Übersicht: Lößl, Katechismus, 90f.

6 Vgl. dazu auch: Friedrich Wilhelm Graf, »Auf der Bahn wohlgeprüfter Wahrheit und echt religiöser Aufklärung mutig voranschreiten«. Zur Bedeutung der Pfälzischen Union für den Protestantismus, in: Vielfalt in der Einheit. Theologisches Studienbuch zum 175jährigen Jubiläum der Pfälzischen Kirchenunion, Speyer 1993, 265-274.

7 Zitiert nach Klaus Bümlein, Dreimal protestantisch. Protestantismus in den Pfälzer Katechismen, in: Vielfalt in der Einheit, 163-174, 166.


 

Über den Autor

Prof. Dr. Jörg Lauster, Jahrgang 1966, Studium der Evang. Theologie, der Philosophie und der Romanistik in München, Tübingen und Heidelberg, Vikariat in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, 1996 Dissertation bei Prof. Jan Rols in München, 2002 Habilitation im Fach Syst. Theologie mit der Arbeit »Prinzip und Methode. Die Transformation des protestantischen Schriftprinzips von Schleiermacher bis zur Gegenwart«, 2005-2006 Pfarrer in München-Schwabing, 2006-2015 Professor für Syst. Theologie und Religionsphilosophie an der Philipps-Universität Marburg, seit 2015 Professor für Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der Evang.-Theol. Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

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