Goldener Oktober

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum

Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe

In meinem Arm wie einen holden Traum.

Und über uns im schönen Sommerhimmel

War eine Wolke, die ich lange sah

Sie war sehr weiß und ungeheuer oben

Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

(Bertolt Brecht)

Auch ich zähle das Jahr nach Monden, wie Bertolt Brecht – und nach Farben: Es beginnt für mich weiß und wird erst braun, dann grün und gelb und ockerfarben und schließlich orange und rot, blau und grau. Wobei ich das Blau mehr mit der blauen Stunde im Oktober und November verbinde, wenn die Dämmerung wieder länger wird.

Ich zähle das Jahr nach Früchten: nach Beeren, Kirschen, Äpfeln, Pflaumen und Trauben.

Die Zeit des Herbstes ist farbenprächtig. Die Weinberge in meiner Heimat lodern. Doch über dem Horizont und am Morgen wölbt sich schon das Blau und Grau des Spätjahrs. Kein reiner Genuss ist das – so will mir scheinen – jedenfalls kein Genuss ohne den Vorgeschmack des »Vorbei«.

Wir sprechen vom Herbst des Jahres und meinen die Zeit der Ernte. Zeit ist es einzufahren, was gewachsen ist, die Vorratskeller zu füllen für die mageren Monde, die folgen. Wir sprechen vom Herbst des Lebens und meinen die Zeit der Erinnerung. Zeit ist es, aufsteigen zu lassen wie Drachen, was einmal gewesen ist. Zeit, die gefüllten Vorratskeller zu öffnen und von ihnen zu zehren.

Kann man von Erinnerungen leben so wie man von Ernteerträgen lebt? Im Frühjahr liebt man anders als im Sommer oder im Herbst – stürmischer, energiegeladener, triebhafter, unverbrauchter. Im Sommer glühen die Leidenschaften. Und im Herbst weicht alles einer stillen und zärtlichen Geste: auf der selbst gezimmerten Bank des Lebens sitzen und gemütlich im Arm halten, was noch geblieben ist. Im Rückblick mischen sich Eindrücke, Lebenszeiten, ­Farben … – und manches färbt sich dabei golden.

Der Herbst ist die Zeit, die noch bleibt. In ihn fließt aber auch Auflösung ein, das Verrauschen, die Nichtigkeit. Brecht hat dafür die Wolke als Sinnbild gefunden: »sehr weiß und ungeheuer oben«. Eindrucksvoll im Augenblick der Betrachtung. Wolken sind die mächtigsten Gebilde, die ich kenne – zumindest können sie eine mächtige Gestalt annehmen: viel gewaltiger als manche Gebirgskette. Ihre Masse hätte auf Erden keinen Platz. Doch trotz ihrer Masse sind Wolken beweglich; trotz ihrer Größe schweben sie, leicht wie Luft (sie sind ja auch Luft), und fallen uns nicht auf den Kopf. Genau dies macht sie verdächtig – und es macht das Leben verdächtig und die Liebe, so denn beides, Leben und Liebe, wie die Wolken sind. Eine unerträgliche Leichtigkeit in allem Sein.

Wolken sind veränderlich und flüchtig. Sie sind unfassbar, nicht zu greifen, nicht zu halten, nicht zu besitzen. Wer Wolken kaufen wollte, dem blieben Taschen und Körbe leer. Wer Luftschlösser baut, muss im Leeren hausen und nach Wind haschen.

Brecht spielt sein Sinnbild aus: Er nützt die Flüchtigkeit der Wolken, um darin die Flüchtigkeit des Lebens zu beschreiben. »Es ist alles eitel und ein Haschen nach Wind« – heißt es im Buch »Kohelet«. Die Botschaft ist klar: »Alles hat seine Zeit«. Das ist die Chance des Lebens, aber auch seine Grenze. Alles hat seinen Wert und sein Gewicht – doch nur im Augenblick. Alles gilt – doch nur im Hier und Jetzt. Traurig wäre dies und leer, wenn es nicht noch den Ausblick in die Ewigkeit gäbe – doch das ist dann Thema im letzten Monat des Kirchenjahrs.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 10/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Epiphanias
6. Januar 2019, Matthäus 2,1-12
Artikel lesen
Christfest I
25. Dezember 2018, Johannes 1,1-5.9-14 (16-18)
Artikel lesen
»Nicht mehr steigerbarer Wahnsinn«
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, Teil III: Die Weimarer Republik und das Erbe des Krieges
Artikel lesen
Vater der liberalen Theologie und Reformator der Reformation
Zum 250. Geburtstag Friedrich Daniel Ernst Schleiermachers
Artikel lesen
Böses Erwachen

Artikel lesen
Ende der Kirche – Anfang des Glaubens?
Wege durch die Krise
Artikel lesen
Klingendes Mahnmal gegen den Krieg
Zu Benjamin Brittens »War Requiem«
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!