Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Das Farbfoto zeigt zwei Frauen und zwei Männer, stehend, und die zweite Frau ist eine Farbige, die von der anderen Frau umfasst wird und ihren linken Arm zu dem außen positionierten Mann ausstreckt. Beide Frauen lachen, die mittig stehende besonders herzlich: Es ist Waris Dirie. Sie ist ein ehemaliges Topmodel und frühere UN-Sonderbotschafterin, die durch ihre Biographie »Wüstenblume« (englisch: Desert Flower) und den gleichnamigen Film weltweit bekannt wurde. Darin schildert die gebürtige Somalierin, die selbst mit fünf Jahren Opfer von FGM (Female Genital Mutilation = Genitalverstümmelung an Frauen) wurde, ihren Leidens- und Lebensweg. Waris Dirie eröffnete am 11. September 2013 das Berliner Zentrum und übernahm auch die Schirmherrschaft. Damit ist das adventistische Krankenhaus »Waldfriede« Kooperationspartner der von ihr 2002 gegründeten »Desert Flower Foundation«, Wien, und weltweit die erste Einrichtung, die Opfer von Genitalverstümmelung ganzheitlich betreut.

Dirie sprach im Rahmen des vom Krankenhaus »Waldfriede« durchgeführten sechsten Internationalen Koloproktologen-Kongresses vor 300 Ärzten und forderte, dass mehr Desert Flower-Center in der ganzen Welt etabliert werden müssten. Laut UN-Statistiken seien weltweit über 250 Mio. Frauen von dieser grausamen Prozedur betroffen. In Deutschland gebe es 50.000 Opfer von Genitalverstümmelung. Das Center »Waldfriede« gehört zum Zentrum für Darm- und Beckenbodenchirurgie und wird von Chefarzt Dr. Roland Scherer, Professor für Koloproktologie, geleitet – er ist der mittlere auf dem Foto…

Scherer und sein Team behandeln die Folgen weiblicher Genitalverstümmelung wie chronische Beschwerden und Schmerzen – Vernarbungen, Scheiden-Darm-Fisteln, Scheiden-Blasen-Fisteln, Schließmuskelverletzungen sowie Harn- und Stuhlinkontinenz. »Wir können die Verstümmelungen nicht vollständig rückgängig machen, aber wir können Lebensqualität zurückgeben«, sagt er. »Alle Operationen, die bei uns durchgeführt werden, sind medizinisch begründete Operationen, werden also bei in Deutschland versicherten Patienten von der Krankenkasse oder gegebenenfalls vom Sozialamt übernommen«, betont Dr. Uwe von Fritschen – er steht auf dem Foto ganz rechts und wird von Waris Dirie mit der ausgestreckten Hand erreicht. Für Frauen, die direkt aus dem Ausland kommen, übernehme der Förderverein »Waldfriede« die Kosten, sagt der Chefarzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie im HELIOS Klinikum Emil von Behring in Berlin.

Die ärztliche Koordinatorin im Desert Flower-Center, die Oberärztin für Chirurgie Dr. Cornelia Strunz – ganz links im Bild und ebenfalls lachend – berichtet, dass die meisten Frauen traumatisiert seien. Deshalb erhielten sie auf Wunsch psychosoziale Beratung vor, während oder nach der Behandlung. Wichtige Gesprächspartnerinnen für die Frauen seien Evelyn Brenda aus Kenia und Farhia Mohamed aus Somalia. Beide stammen aus Ländern, in denen FGM praktiziert wird. Sie hätten sehr viel Erfahrung und verstünden aufgrund ihrer Wurzeln die Perspektive der Frauen. Sie arbeiteten ebenso als Dolmetscherinnen in dem Team und ermöglichten die erfolgreiche Kommunikation untereinander und miteinander. »Es ist wichtig, dass wir den Kontakt zu den Frauen auch nach der Behandlung im DFC halten. Ich möchte wissen, wie es den Frauen geht, auch Jahre später noch«, so die Oberärztin.

Für die Arbeit im Desert Flower-Center erhielt das Krankenhaus die Louise-Schroeder-Medaille 2016 verliehen. In der Ehrenurkunde wurde vor allem die ganzheitliche Betrachtung der Frauengesundheit in DFC »Waldfriede« hervorgehoben, die gerade in einer Stadt wie Berlin – mit hohem Migrationsanteil in der Bevölkerung – große Anerkennung und Unterstützung verdiene. So könne nicht nur den betroffenen und zutiefst traumatisierten Frauen geholfen, sondern auch zur Aufklärung über das grausame Ritual der weiblichen Genitalverstümmelung beigetragen werden.

Dazu möge auch dieser Brief dienen, der auf dem »Adventistischen Pressedienst Deutschland« beruht.

Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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