Gottesdienst im großen Wandel kirchlichen Lebens
Zwischen Event und Übung

Von: Thomas Hirsch-Hüffell
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Die Organisation Kirche droht die Zeichen der Zeit zu verschlafen. Während sich gesellschaftliche Verhältnisse verflüssigen und individualisieren, hält sie an überkommenen Gemeinschaftsformen fest. Exemplarisch wird dies deutlich an der Gottesdienstpraxis. Thomas Hirsch-Hüffell regt dazu an, die Zukunft von Kirche radikaler in Frage zu stellen und damit auch ihre Lebensformen radikaler zu reformieren.*

»Das Wasser sammle sich an bestimmte Orte!« – so spricht der Mythos vom Entstehen der Welt. Und das Wasser sammelt sich gehorsam, wie Gott es anordnet. Dies Weltbild will unser Kinds-Gemüt beruhigen. Und es entgleitet immer wieder in der Konfrontation mit der Realität mit ihren Überschwemmungen aller Art. Deshalb gibt es solche Mythen ja als inneres Gegengewicht. Das Wasser verteilt sich real ungehorsam, wie es selber will (und kann), es dringt durch Ritzen, reißt Pflanzen vom Ufer weg, überspült ganze Landstriche. Manchmal verschwindet es auch. Dabei geht manches unter, und wenn es sich zurückzieht oder wiederkommt, wächst vielleicht etwas Neues an den Orten der Brache. Oder auch nicht.


0. Gottes wilder und unbändiger Geist

Es scheint, als ginge der Geist Gottes ähnliche Wege. Als fließe er, wo er will – und kann. Es sieht so aus, als sammle er sich nicht mehr gehorsam in den Gefäßen der Kirche, die ihm Tempel, Parochien, Pro-Kopf-Zuweisungen, Glaubens-Beamte und Sprechakte bereitstellt. Er macht einfach, was er will – oder was eben geht. Läuft über im Doppelsinn des Wortes. Das Interesse vieler Leute an Transzendenz bahnt sich Wege im Unterholz, zwischen den Kirchen, es lässt sich nicht mehr einfach frontal in Sitzreihen belehren oder wenn, dann nur auf ausdrückliche Nachfrage.

Wie viel Gottesgeist mag im wilden Finden der Leute liegen? Der wird ja nicht weniger, so wie auch das Wasser auf der Erde nicht weniger wird. Er findet nur andere Orte. Er gebärdet sich ungebührlich, nicht (mehr) so, wie das wohlgenährte Dorf-Gemüt der Kirche glaubt: in ihren Reihen und möglichst gezähmt. Da auch, aber eben auch überall woanders.

So erscheint manchen der Bedeutungsschwund der Kirche wie ein Abbruch und ist doch vielleicht nur ein Wandel desselben Geistes hinein in eine zunächst disparate Formenvielfalt. Eine Mündigkeit der inzwischen hoch-individualisierten Menschen, die zunächst – wie alle beginnende Mündigkeit – umherirrt, wenn die scheinbar sicheren Herkunftsweisheiten fragwürdig werden. Wir haben als Christen selber viel dazu getan, dass Menschen sich göttlich selbstbestimmt fühlen. Wer behauptet, Gott erscheine auf einem Gesicht, darf sich nicht wundern, wenn die Leute das über die Jahrhunderte allmählich ernst nehmen. Sie fühlen sich immer göttlicher. Sie sind jetzt kleine Schöpfer ihrer Welten. Niemand will sich fraglos von Kollektiven vorschreiben lassen, was er zu glauben habe. Man weiß irgendwie selber auch Bescheid. Kirchliche Mitarbeitende sind da besonders sperrig. Gleichzeitig sehnen sich viele ambivalent nach dem alten, autoritären Wort. Aber wenn es kommt, mag man es nicht hören, doch hören und wieder nicht hören.

Das auszuhalten ist für kirchliche Menschen mühsam. Aber so ist Pubertät. Hin und her. Schaut man hypnotisiert auf die vielen, die der Kirche den Rücken kehren, wird einem bang. Wer sich selbst zuschaut, merkt u.U. gleichzeitig, wie marginal das Christliche allein im eigenen Leben vorkommt. Wäre ich mit meiner Biographie Abbild der Kirche – wie viel Prozent meines geistigen, sozialen und moralischen Lebens wären verfasst und verbindlich christlich?

Wer aufs Ganze schaut, kann ahnen, wie viele spirituelle Themen durch die Foren und Formen geistern. Ganz zu schweigen von den Menschen anderen Glaubens, die Europa bevölkern (werden). Aber für diese Felder haben kirchliche Leute fast nichts gelernt. Ihre Theologie bzw. deren Vermittlungsmethodik hat sich vorwiegend auf Eingeweihte konzentriert. Allein deshalb wirken andere Strömungen schon bedrohlich: sie sprechen nicht die kirchliche Sprache. Es ist zu ahnen, sie meinen Wesentliches, aber Kirchliche verstehen sie nicht und können kaum mitreden. Oder nur korrigierend und belehrend. Aber das wollen die anderen nicht.

So stehen Berufsgläubige oft da wie vor einer Monokultur, die vom Wurm befallen ist. Sie können nur eine einzige Ackerform, und so schnell lernt sich keine andere. Das macht Angst, denn die Legitimation wackelt. Gleichzeitig wächst ganz vieles drum herum, das Mut machen könnte – hätte man nur emotionalen und intellektuellen Zugang. Dazu der schlechte Geruch aus den Jahrhunderten, in denen Kirche bis in die Betten hinein regieren wollte. Den müssen die Folgegenerationen austreiben, und das dauert länger als ein Menschenleben.

Schauen wir etwas genauer hin auf das Feld des Ritus. Der ist ja nicht vom Tisch – im Gegenteil, die Zahl der Ritualberater wächst, je schärfer der Wind des fluiden und selbst zusammengesetzten Lebens Menschen beglückt – und auch an ihren Nerven zerrt.


1. Die Stabilität von Gottesdienst – ein Anachronismus

Die Stabilität von Gottesdienst am selben Ort und in der festen Zeit ist ein aparter Anachronismus, während alle andern gesellschaftlichen Vollzüge fließender werden. Orte werden sekundär, Arbeitsplätze liquide, Reisen ist für viele Dauerzustand, Lernwege sind nicht mehr linear. Das gilt inzwischen auch fürs Dorf. Da muss man geistlich erstmal mit- oder gegenhalten. Das haben Kirchliche schon ganz gut begriffen. Sie leisten als Personen unermüdlich innere Umbauarbeiten – auch an sich selbst – bis an den Rand der Erschöpfung. Da gelingt etwas. Aber prägende kirchliche Verfassungen stammen noch aus dem 18. und 19. Jh. und können die neuen Strömungen nicht mehr fassen. Ist das verwunderlich?


Was folgt?

• Wir sind selber Kinder beider Welten, der stabilen wie der mobilen. Wir haben viel geschafft auf diesem Weg der Mobilisierung. Wir fügen uns in die Systeme der Leute, wir wissen ganz gut, wie sie ticken und vor allem, wann wie. Wir haben uns eingelassen auf projekthafte Unternehmen, die auf Zeit Menschen binden. Das ist nicht wenig und in der Kürze der Zeit (30 Jahre Internet, das die Möglichkeiten vervielfacht) eine echte Leistung.
Wir sind endliche Wesen, 99% in unserem Leben ist vorgegeben. Wir tragen einen kleinen Beitrag zum Ganzen ein und verschwinden wieder. Das ist keine Schande. Nicht Jesus ist unser Vorbild, sondern allenfalls der Ersatzjünger, der statt Judas eine Weile achselzuckend mit- und dann abgeht. Eher noch Zachäus, der von weitem erst mal nur gucken will, wenn es wirklich ernst wird.

• Parochie ist ein wichtiges Modell, aber nicht mehr flächendeckend darstellbar. Dagegen helfen auch keine »Zentren«, jedenfalls keine, die damit einfach nur »Groß-Gemeinde« meinen. Orte und Landstriche werden kirchlich verwaisen. Wir sind Zeugen eines historischen und nicht reversiblen Sinkflugs der verfassten Kirche. Das ist keine Schwarzseherei, das ist längst so. Die meisten jetzt entstehenden Verwaltungs-Einheiten wollen weiter möglichst lückenlos Parochie spielen. Aber das ist das alte Denken mit neuem Etikett – auf Kosten des Personals. Wir werden, müssen und dürfen auf Lücke arbeiten. Wir sind an der Stelle, wo wir leben, mit den Kräften da, die wir haben. Mehr haben wir nicht. Auch von Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, wird die Kirche nicht gerettet. Sie wandelt sich gerade, und dafür sind Sie nur zu max. 1% verantwortlich, eher zu 0,01%. Das Maß des Wandels übersteigt unser aller Geh- und Steh-Vermögen. Also hören Sie besser mit heiter-bescheidenem Schmunzeln auf, sich einer Entwicklung entgegenzustemmen, die Sie nicht aufhalten werden. Wer weiß, was Ihnen für wunderbar kreative Kräfte zuwachsen?


2. Das Ende der Großkirche

Noch einmal: Wir sind Zeugen und Profiteure, Leidtragende und Betreiber des Endes der Groß-Institution Kirche nach 1600 Jahren. Jedenfalls in Europa. Es gibt für sie keinen »monarchischen« Stand mehr, wie ihn ein Papst oder Bischof für das Kinds-Gemüt mit Lust auf Autoritäten noch versuchte abzubilden. Was Bedeutung behauptet, muss sie jetzt belegen und bewerben. Kirche hat keine Lufthoheit über den Glauben, nicht mal mehr über den christlichen. Vielleicht hat sie den Stand einer Abgeordneten im Parlament zwischen 600 anderen. Sie darf ernsthaft-vergnügt mitspielen. Sie weiß, wie man schön scheitert und befreit lieben und leben kann. Sie muss sich Koalitionen suchen. Oft ist sie nur noch geduldet und gleichzeitig belächelt, aber auch archaisch interessant, wenn sie kantig, ausdrücklich und nicht ängstlich auftritt.


Was folgt?

• Freiheit zur Marginalität – endlich! Exemplarisch schöne und geistliche Dinge wären zu tun, anstatt alle Kräfte aufzubrauchen um hauptberuflich Besitzstände zu sichern.

• Freiheit zu neuen Gemeindeformen. Sie verbinden Menschen über eine Idee, über eine Gruppe aus spirituell vertieften Leuten (s. Hafencity Hamburg – ökumenische Wohn-Communität), die leben, was sie glauben, und Magnet werden in der Region. Im grünen und im Eso-Bereich gibt es das längst. Graswurzel-Geist, aber mit der ganzen Erfahrung der 68er-Generation, die die Wege durch die Instanzen gelernt hat. Und mit spannenden Traditionen in Sachen Todes- und Lebens-Bewältigung. Neben dem virtuellen Treiben wird es eine neue Sehnsucht nach realen und menschlich überschaubaren sozialen Räumen geben. Sofern sich Gemeinden nicht nur als räumliche Parochien mit definierten Grenzen verstehen, nicht nur »Gnadenblase« oder »Wagenburg« inmitten feindlicher Welten, sondern als Keimzellen und Makler für Koalitionen, können sie Träger einer aufregenden sozialen Bewegung werden. Eine tolle Zeit kann anbrechen.

• Freiheit zu neuen Koalitionen mit anderen Sinnsuchern. Dafür könnten und müssten Kirchliche eine Sprache lernen, die für jene kompatibel wird. In der systematischen und exegetischen Theologie ist das kaum Thema. Aber es entstehen schon Lehrgänge für kirchliche Verkündigungssprache im Umgang mit Konfessionslosen und Kirchenfernen. Pastoralkollegs werden selbstverständlich in die neue Sprache einsteigen, denn sie wird zum Alltag der Bediensteten gehören – und tut es schon jetzt.

• Freiheit zu neuen Ritualen an alten Orten und zu alten Ritualen an neuen Orten.

• Freiheit in der Etat-Planung: Ein wesentlicher Teil des Haushalts würde z.B. frei ausgeschrieben für Initiativen mit christlichem Bezug. Dann zuschauen, was entsteht und nicht nervös werden – sondern dranbleiben. Das wäre ein mutiger Akt jenseits der angstvollen Pfründesicherung und ein aufregendes Zeichen im Land der Besitzstands-Wahrer und Anspruchs-Verfechter.


3. Ereignis und Wiederholung

Kirchliche Leute haben Anteil an einer gesellschaftlichen Doppel-Entwicklung: Einerseits gilt die Eventisierung, die Lust an der Erfahrbarkeit der großen Dinge »jetzt sofort«. Ein Fest für alle, die ihr Leben auskosten wollen und nicht warten mögen. Recht haben sie, denn das Leben ist kurz, und der Abend ist lang zum Feiern. Andererseits entstehen überall kleine asketische Gruppen von Therapie-, Atem-, Yoga-, Bewegungs-, Betwilligen. Sie gehen in langatmiger Einübung der Selbstoptimierung, aber auch dem Geheimnis der Vertiefung nach, das sich nur auf der Langstrecke zeigt. In dieser Zone liegt der traditionelle Sonntagsgottesdienst. Von Haus aus ist er kein Event, sondern Übung.

Pastorinnen und Pastoren tragen selber beide Strömungen in sich. Wöchentlicher Gottesdienst wird unterhalten von monastisch inspirierten Leuten. Wer sonst übt schon etwas wöchentlich religiös, vielleicht sogar täglich? Pastorinnen und Pastoren selber kommen ja schon kaum der mönchischen Taktung nach, die uns das Kirchenjahr, die Sonntagspflicht, die Empfehlung zum eigenen Gebet nahelegt. Wieso sollen dann die Leute das plötzlich tun, die doch viel weniger bewandert sind in Sachen geistlicher Stetigkeit?

Aber wer weiß – vielleicht ist das eines Tages neu interessant. Allein deshalb soll es diese seltsam entlegene, spröde Übungsform mit kleinem Sprechakt ruhig dauerhaft geben. Diese Übstunde für Tänzer mit Silbernadel, der Anfänger staunend und kopfschüttelnd zuschauen. Die wird nie zwingend alle beglücken und nicht überall. Nur die Geübten bzw. Trainingswilligen.


Was folgt?

• Elementarisierung der Gottesdienst-Kultur – über missionarische Formen, z.B. die des »2. Programm-Gottesdiensts«, die keine Vorkenntnisse erfordern. Das läuft bereits mit Erfolg an vielen Orten im deutschsprachigen Raum an ca. 40.000 Plätzen. Wer daraus den neuen Standard ableiten will, dem nun bis in Ewigkeit alle zu folgen hätten, missversteht die Logik von Aufbrüchen. Solche Modelle halten 3-7 Jahre, manche auch mal länger. Aber auf dem Weg bahnen sich meist neue Wege. Es ist, als begänne die Kirchengeschichte im Kleinen noch einmal neu mit dem Zauber des Anfangs, den Mühen der Ebene, den Abschieden, der Regeneration, der Verstetigung. So buchstabiert sich das Christliche in Versuch und Irrtum neu.
Diese Gottesdienste wecken »Schläfer«, also kirchlich Gewogene, keine Kirchenfernen. Die Gewogenen kommen nicht am Normal-Sonntag, denn sie wollen ja das Besondere, und sie wollen eigentlich von Neuem lernen und nicht Eingeschworenen bei deren Pirouetten zusehen.
Wem das Elementare zu wenig akademisch ist, muss sehen, wo er oder sie bleibt – vermutlich in der Stadt.

• Die Musik und das Singen sind bei all diesen Versuchen spielentscheidend. Professionelle Orgelspieler*innen und Kantor*innen lernen z.B. von freien Sing-Anleitern, wie faszinierend das Singen ohne Noten sein kann – sofern sie nicht beleidigt sind, dass die meisten Menschen lieber ohne Noten singen. Protagonisten kirchlicher Popularmusik sind inzwischen des Titels »Kirchenmusikdirektor« würdig. Bands ziehen Fans.

• Das Bekenntnis als Zeugnis wird zum missionarischen Gottesdienst gehören. Wer als Christ darüber die Nase rümpft, sollte sich klar machen, wie er selber dazugekommen ist. Welche Art von Zeugnis hat überzeugt? Man muss nicht schreien und mit den Armen fuchteln, wenn man zeigt, was man liebt. »Lebe so, dass man dich fragt« kann auch eine Devise sein. Die Volkskirche hat das kleingeredet und diese Disziplin den Freikirchen überlassen. Im Neuland des Suchens und Findens werden überzeugte und überzeugende Menschen eine wichtige Rolle spielen – auch im Gottesdienst. Kaum ein TV-Gottesdienst lässt die Gelegenheit für persönliche Glaubensrede aus.

• Systematischer Unterricht für die Kleinen aus Kindergarten und Kinderstunde schafft narrative Grundlagen, damit in den Folgegenerationen ein bisschen Ahnung ums Christentum lebt. Kinder lieben Geschichten. Rituelle Fantasie fügt sie ein in Abläufe und Räume, von denen sie vielleicht ein Leben lang zehren. Ein Teil der Eltern wird mitlernen. Wer enttäuscht ist, dass die Kleinen oder die Jugendlichen groß werden und wegziehen, missversteht die Logik von Mission: Wie viele sind hereingeschneit in die eigene Kirche, die woanders inspiriert wurden? Alle leben inzwischen an vielen Orten. Es gibt kein Recht auf Besitz des Erarbeiteten in der »Gemeinde«. Es trägt die Vision, dass uns vieles zufallen wird, wenn wir großzügig geben, was wir lieben.

• Neue Einübung in Rituale, Stundengebetsformen, Einweisung in praktizierte Spiritualität käme dem neu aufkeimenden Interesse entgegen, dem Leben durchs Üben mehr Gehalt und Gestalt zu geben. Spiritualität besteht zu 10% aus Inspiration und zu 90% aus wacher und halbherziger Wiederholung. Menschen fragen Christen nicht nur nach Inhalten, sie fragen auch: Was kann ich konkret immer wieder tun, wenn ich gläubig sein will? Der Verweis auf den Gottesdienst am Sonntag hilft da nicht weiter. Viele wollen richtig üben, den Körper beteiligen, ihre Lebensgewohnheiten auch. Finden sie nichts bei der Kirche, gehen sie zum Yoga.


4. Verstehen durch Reden

Die Ausbildung der Hauptamtlichen zielt auf Verständlichkeit von christlichen Geheimnissen durch Reden. Es wird nicht alles heller dadurch, weil Geheimnisse von Natur aus größer werden, je näher man ihnen kommt. Vieles an unserer Botschaft bleibt wunderbar unerklärlich. Aber wir setzen mit einem gewissen Recht auf Verstandes- und Gemütsbildung.

Die Ausbildung zielt stark auf den Sprechakt im Gottesdienst (immerhin tun das sechs Jahre lang vier Disziplinen im ersten Studiengang an der Uni). In der Predigt am Sonntag sagen Pastor*innen regelmäßig Dinge, für die sie eigentlich gelernt haben. Sitzen da aber wenige Menschen oder solche ohne intellektuelle Ansprüche, zappeln sie wie der Fisch auf dem Trockenen und ahnen ihr Legitimitätsproblem.

Gottesdienst selber ist aber wesentlich unverständlich, schon gar in der Form, wie die alte Agende ihn wöchentlich prägt. Man kann ihn erklären, aber das nützt nichts, denn die Formen wollen lange geübt sein – wie Tanzschritte. Die lernt man auch nicht aus dem Buch. Deshalb wenden sich Jugendliche im »Anti-Übe-Alter« mehrheitlich davon zu Recht ab – sie sind systematisch überfordert. Kinder unter zehn Jahren können und wollen üben – Pubertierende nicht. Das verstehen Katholische mit der frühen Firmung eindeutig besser als Evangelische.

Die Predigt mit der Lust am Fabulieren und Begreifen von Unbegreiflichem findet sich also in einem eher unzugänglichen Gewächs, das am Rande gesellschaftlicher Gewohnheit dämmert. Wo aber käme denn gültig und auch in der Breite an, was Verkündigende zentral gelernt haben? Wen interessiert das außer ein paar Eingeweihten, deren ungebrochenes Einverständnis sogar den Pastor*innen selber manchmal verdächtig ist?


Was folgt?

Finden sendungsbewusste Leute andere Orte als den Gottesdienst, wo sie lebendig und einsichtig von Glauben und Leben sprechen können? Dies nicht nur im Gesprächskreis für die ältere Generation, sondern offensiver – in Foren, bei bestimmten kommunalen Treffen, bei Festen. Vor allem im aktiven Diskurs mit den anderen örtlichen Sozialträgern. Nicht nur Andacht, sondern Vorträge über christliche Lebenskunst. Lebenskunst-Seminare. Aber wo hätte die Zunft so etwas gelernt? Welche Pastoralkollegs haben das im Programm?


5. Gottesdienst »nach außen« und »nach innen«

Man kann Gottesdienst einerseits als darstellendes Handeln verstehen: Ich zeige nach außen etwas von eingeübter Frömmigkeit und predige auf einer Art Bühne. Andrerseits kann man ihn als Hochform des Stundengebets verstehen, das ohnehin immer weiterläuft, damit die Kirche im Dorf belebt wird. Dies geschieht unabhängig vom Applaus. Das fordern z.B. Menschen ein, die zahlen, aber nicht hinkommen. Sie mögen es, wenn da etwas ist.

Beide Formen sind voll gültig und archaisch wirksam. Keine kann auf die andere reduziert werden.


Was folgt?

• Kirchliche Leute können Menschen vor Ort fragen, welche Gottesdienste im Dorf/in der Region sie wollen und besuchen würden. Mit der Bitte um eine ehrliche Antwort. Das sind in der Regel ca. zehn im Jahr. Die wird man herzhaft bewerben, planen und feiern. Alle anderen aussetzen. Es gibt bereits gelingende Modelle dafür im Osten.

• Am Sonntag würden Kirchliche die Kirche aufmachen, Kerzen anzünden, Musik spielen lassen, aus dem Evangelium lesen, einen Choral singen, ein Vaterunser beten – als Form des Stundengebets, das auch Ehrenamtliche leiten können.

• Menschen fühlen sich geehrt, wenn Kirche zu ihnen kommt. Der lebendige Adventskalender z.B. findet in Gemeinden viel Zuspruch. Entsprechend wäre ein Modell von Gottesdienst in den Häusern, Höfen und Gärten von Menschen denkbar: Hauskirche nach alter Art – so wie es einst begonnen hat vor knapp 2000 Jahren. Die größten Häuser sind Gastgeber.
Ein Abendmahl wandert von Haus zu Haus.

• Der Zeige-Lust von Menschen entspricht es, Gottesdienste rund um Menschen zu feiern, die etwas erzählen. Das sind Kasualien, aber auch Themen-Gottesdienste. Das wird eine der vitalen Formen werden, die überleben. Segnungs-Rituale beginnen bereits damit, den Menschen in die Mitte zu stellen. Aber da geht viel mehr (s. z.B. Gottesdienste mit »Lebensexperten« vom gottesdienst institut nordkirche). Kasualien sind die Gottesdienste der nahen Zukunft. Menschen und Lebenskunst sind da Thema, nicht »Perikopen«.

• Gottesdienstgestaltende fragen sich und einander: Wo stehen wir selber – eher auf der Seite mit der Lust am Zeigen, die Lust weckt und anregt oder eher auf der Seite der religiösen Gewohnheit, die in homöopathischen Dosierungen die Seele neu justiert? Wie sind diese beiden Begabungen in der Region verteilt?
Darüber zu reden und strukturell Aufgaben je nach Begabung zu entwickeln würde lohnen. Es bedingt, dass man einander anerkennt im jeweils Andersartigen, einander vielleicht sogar darin mag. Bislang stehen sich diese Zelebrationstypen eher feindlich gegenüber. Aber es gab noch nie so viel verstecktes Interesse am jeweils anderen wie jetzt in den Pfarrkonventen. Gebraucht würde eine Kultur duldender, vielleicht sogar gewogener Anteilnahme. Die kommt nicht von selbst. Das wäre Aufgabe der Leitenden.


6. Verarmter Adel

Niemand muss Programme und Modelle für den Wandel der Kirche vorhalten. Manche Amtsträger sind es müde, sich von Maßnahme zu Maßnahme scheuchen zu lassen. Sie möchten in Ruhe ihren gelernten Dienst verrichten. Das hat eine eigene Dignität, sofern es nicht nur das Ergebnis von Behäbigkeit ist. Es gibt den Adel, der es hinnimmt, dass Leute sich abwenden von dem, was er liebt und pflegt – und der es weiter liebt und pflegt. Oft sind das Kolleg*innen, die selber öfter als am Sonntag beten. Von ihnen geht dann eine Würde aus, die etwas Vergehendes durchträgt zwischen Ab- und Aufbrechendem. Dies gebärdet sich aber heiter und ohne Neid oder Ressentiment. Nur das macht wirklich Eindruck, verhindert Bitterkeit und ergibt im Rückblick eine saubere Bilanz.


7. Der Begriff von Kirche

Der Protestantismus hat im Grunde keinen ausgearbeiteten Kirchenbegriff. Er lebt seit 500 Jahren von ein paar ungenauen Grundsätzlichkeiten der CA und vom Protest. Aber Reform(ation) ist keine Struktur, sondern die Weise sie dauernd zu überholen. Niemand kann sich ständig selbst infrage stellen. Das muss man verstehen und durchhalten ohne Atemnot und Bitterkeit. Schon Bugenhagen hat das begriffen und schnell eine Ordnung nachgereicht. Faktisch regiert seitdem in der evangelischen Großkirche eher behördlich-weltlicher Pragmatismus. Aber theologisch durchdrungen für neuzeitliches Handeln ist »evangelische Kirche« noch kaum.

Es gab ein selbstverständliches Ansehen der Kirche und der Pfarrerschaft noch in den 1950ern. Man war auch ohne Handlung »jemand« durch die Repräsentanz des Ganzen. Überhaupt konnten große soziale Gebilde wie die Parteien suggerieren, sie repräsentierten »das Ganze«. Das funktioniert nicht mehr, weil jetzt jeder selber auch »das Ganze« ist oder sein will, ein Schöpfer der eigenen Welt – mit einem relativen Existenzrecht. Viele Berufsgläubige möchten selbst konstitutiv anders sein, unterschieden von dem, was »die Kirche« will. Aber dann muss eben auch jeder beweisen, dass er da zu Recht ist, wo er ist, und dass er »jemand« ist. Kein »Ganzes« stützt mehr, weder innen, noch außen. In der Folge versuchen viele Verantwortliche, den Niedergang der Kirche persönlich mit ihrer Originalität oder ihrem Fleiß aufzuhalten, und landen in der Reha. Hier lauert viel zu viel hybrider (eigener) Anspruch an das Funktionärsindividuum. Gegenbewegungen entstehen durch Initiativen zu geistlicher Gemeinschaft, die den einzelnen Menschen rückbindet in ein selbstgewähltes Ganzes im kleinen Rahmen – und dadurch stützt.


Was folgt?

• Gemeinde soll sich bilden können, wie sie es selber kann und will – z.B. wie es in Frankreich von den Katholiken erprobt wird: Wo fünf zentrale Felder der Kirche (Seelsorge, Gottesdienst, Diakonie, Katechese, Leitung) von normalen Menschen verlässlich reguliert werden, bekommt dies Gebilde den Status »Gemeinde« und auch Unterstützung. Ohne Pastorinnen und Pastoren. Oder wie in England mit den anglikanischen »Pionieren«, Leuten, die eingelassen in die Welt der Leute ganz bei Null starten mit Zuhören und Dasein.

• Gemeinde bildet sich um eine Initiative herum, die auch eigene Formen des Ritus entwirft, ggfs. auf Zeit.

• Geistliche Gemeinschaften mit Menschen die sich miteinander verbindlich versprechen, steuern einen sozial-religiösen Komplex im Stadtteil, in einer Institution, auf dem Dorf, am Urlaubsort.

• Gemeinde versteht sich zunehmend als Mitspielerin, vielleicht sogar Drehscheibe in sozialen Geflechten. Sie ist nicht die, die Wahrheit (und damit vermeintlich sich selbst) behauptet im Gegensatz zur Kommune, sondern die, die Wahrheit und Lebensweisheit aus alter Quelle aufzeigt im Diskurs. Sie bewährt sich also mitten im Gewühl als eigenartige Figur und nicht »jenseits« der Lage in abständigem Stolz.

• Eine theologisch qualifizierte Ekklesiologie für den Zusammenhang dieser Formen steht aus und wird seit ein paar Jahren anfänglich gedacht – »Gemeinde im Plural«, neue Formen in der Werkstatt Gemeinde-Kolleg Neudietendorf, Mecklenburg mit »Erprobungsräumen«, »Kirche hoch 2« usw.


8. Am Ende und zu Anfang

Gemeinde ist schön

Dass die »große Kirche« nicht mehr das Ganze des Glaubens repräsentieren kann (konnte sie das je?), ist eines. Dass Gemeinden weiter gut funktionieren ein anderes. Beides ist zueinander kein Widerspruch. Es geht hier nicht um den Abgesang der Ortskirche, die Menschen etwas Halt gibt, Dinge verbindet, die scheinbar nicht zueinander gehören, die das alte Wort unverdrossen wieder-holt und geheimnisvolle Riten pflegt. Das soll selbstverständlich weiter da sein – wenn es innerlich lebt. Aber es lebt nur, insofern es nicht zum »Club« verkommt, sondern sich einlässt auf die vermeintlich »verlorenen Söhne und Töchter«. Viele Gemeinden haben sich auf den Weg gemacht mit anderen Klängen, kommunaler Einmischung, gut organisierter Öffentlichkeitsarbeit, mit vertiefter geistlicher Arbeit und als Drehscheibe für nahezu alles Soziale.

Es wird Zeit, dass Alternativen dazu nicht mehr diffamiert werden. Und das geschieht nahezu überall im Feld der Angst vor Bedeutungsverlust. Wird das Geld knapper, verschärft sich der Geschwisterstreit zwischen »ortsfest« und »überregional«. Menschen behaupten, die Art von Glauben, den sie in einer Gemeinde pflegen, sei die einzige und daher zwingend zu verteidigende Art, selig zu werden. Das stimmte noch nie. Ortsgemeinden ahnen oft gar nicht, was freiflottierende Einrichtungen dafür getan haben, dass bei ihnen Menschen auftauchen und vielleicht bleiben.

Es gibt sehr vitale andere Formen gültiger spiritueller Gemeinschaft an Akademien, klosterähnlichen, diakonischen und weiterbildenden Einrichtungen, um Personen und Gruppen, im Netz und auf Zeit in Kursen und Urlaubsphasen. Nur weil das verfassungsmäßig nicht regulär mit der Kopf-Pauschale gesponsert wird, ist es trotzdem hoch wirksam. Es entspricht der Flüssigkeit und Spontaneität neuzeitlicher Lebensart – genauso wahr wie die Gemeinde dem Wunsch nach Heimkehr entgegenkommt.

»UND« ist – wie so oft – hier das bessere Wort für künftige Vorstellungen von Kirche: »und« statt »oder«.


Würdigen, wie viel Übersetzungsarbeit geleistet ist

In alledem ist weiter wichtig auf der Habenseite: Die christliche Weltkirche hat allen Ernstes behauptet, Gott könne auf einem Gesicht erscheinen. Und damit Jesu Geburt auf jedem Gesicht. Damit hat sie die Individualisierung entscheidend vorangebracht, die sie jetzt gelegentlich bejammert. Die Kirchlichen selber gehören oft dem Milieu an, das sich am stärksten individualisiert hat. Also: Es ist unendlich viel erreicht. Einzelne Menschen gelten etwas. Andere Völker kämpfen gerade darum, dass sie diesen Standard überhaupt erreichen.

Auch ist mit Hilfe der Kirche und der Sozialdemokratie halbwegs gewährleistet, dass niemand verhungern muss in Europa. Auch hier ist viel geschafft. Nur, man wählt weder Sozialdemokratie noch Kirche, weil man vergessen hat, woher die Initiative für die Umverteilung des Wohlstands stammt.

Wie viel Übersetzungsleistung ins Agnostische, wieviel Denken zwischen den Fronten (»einerseits und andererseits« als prinzipielle Denkbewegung), ins Seelsorgerliche ist inzwischen verlangt und bereits gelungen unter den Haupt-und Ehrenamtlichen! Da gibt es gewaltige Schritte in den letzten 30 Jahren. Der Selbstherrlichkeit mancher Typen im Amt ist die Neigung zu mehr Kollegialität und Einfühlung gefolgt. Vom anderen her denken ist keine Schwäche mehr, sondern Tugend. Aber wie viel Kraft kostet es, immer auch das andere mitzudenken? Welche Kulturleistung auch im Kontakt mit Kommune und allen Fernen ist verlangt?! Wie unbefangen einseitig konnte ein Pastor noch 1954 auftreten und dem Sportverein ein Fußballspiel am Sonntagvormittag verbieten? Die Nachfolgenden können und müssen ständig alles diplomatisch austarieren. Das kostet viel Kraft.

Also: Niemand sollte es sich als Schmach anrechnen, neben dieser Transformationsarbeit nicht nebenbei noch die Kirche zu retten. Wir sind endliche Wesen, Ersatz-Jüngerinnen und -Jünger, Vorübergehende. Und darin vergnügt und teilhaftig der großen Geheimnisse.


Anmerkung:

* Dieser Beitrag erschien in veränderter Form in »Evangelische Stimmen« 2017.

 

Über den Autor

Pastor Thomas Hirsch-Hüffell, Jahrgang 1954, zwölf Jahre Arbeit in städtischer Gemeinde in Hamburg, innovative Gottesdienst- und Gemeinde-Projekte mit chronischer Neugier nach einer Kirche der Zukunft, Ausbildungen in theatralen, rhetorischen und therapeutischen Disziplinen, seit 1997 Leitung gottesdienst institut nordkirche (seit 2010 zusammen mit Anne Gidion und Friederike Jaeger): Gemeinde-Beratung, Ausbildung von Pastorinnen und Pastoren, Fortbildung für Gemeinde-Teams u.a. (www.gottesdienstinstitut-nordkirche.de).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Tempora mutantur – Die Zeiten ändern sich

Artikel lesen
Neue Gemeinden gründen?
Pionierprojekte einer Kirche in Bewegung
Artikel lesen
»Nicht mehr steigerbarer Wahnsinn«
Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg, Teil II: Bibeldeutungen, »Gott mit uns« und die Stimmen der (späteren) Kriegsgegner
Artikel lesen
Nicht abgehakt
Forum Reformation wird in Wittenberg gegründet
Artikel lesen
Drittletzter Sonntag des ­Kirchenjahres
11. November 2018, Hiob 14,1-6
Artikel lesen
Ewigkeitssonntag
25. November 2018, Jesaja 65,17-19(20-22)23-25
Artikel lesen
Symphonik zum Reformationstag
Zu Felix Mendelssohn Bartholdys »Reformationssinfonie«
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!