Martin Luther King nach 50 Jahren
Der letzte Prophet der Gewaltfreiheit

Von: Volker Schoßwald
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Im April 1968 – vor 50 Jahren – wurde Martin Luther King ermordet. Der schwarze Baptistenprediger hatte sich die Strategie gewaltlosen Widerstands auf die Fahnen geschrieben und auf diesem Weg viele erreicht, bevor er selbst einem Gewaltakt erlag. Welche Tragweite hat die gewaltfreie Aktion? Und welcher Motivation folgte King? Volker Schoßwald geht diesen Fragen anhand eines Lebensbilds Martin Luther Kings nach und liefert damit ­zugleich einen Beitrag zum diesjährigen Deutschen Pfarrertag in Augsburg zum Thema ­»Religion und Gewalt«.

In memoriam Diakon Walter Deindörfer († Juli 2018),
der unsere Generation bei der ­Kriegsdienstverweigerung begleitete.


1. Nonviolent action – eine realistische Alternative?

»Nonviolent action« war das Lebensthema von Dr. Martin Luther King, der am 4. April 1968 erschossen wurde. 2018 ist die Frage nach der Gewaltanwendung bei der Klärung von Konflikten noch aktuell. Ob Vietnamkrieg, die soziale Schere in den USA oder die Rassentrennung im Staatenverbund nach Abraham Lincoln – die Methoden der Gewaltfreiheit werden diskutiert, während die Waffen eingesetzt werden. Erst schießen, dann reden … erscheint als Markenzeichen des Homo Sapiens, seine Brandmarke.

Objektiv gesehen löste Waffengewalt nie die Probleme – es sei denn, wie in der Türkei, wo es 1918 nach dem Genozid an den armenischen Christen das »armenische Problem« nicht mehr gab.1 Gewaltfreiheit ist aber kein Selbstläufer. Es gehört Phantasie und eine hohe Frustrationstoleranz dazu. Ich bin mit dem Thema Gewaltfreiheit aufgewachsen. Dennoch, bei manchen Szenarien denke ich spontan: da müsste doch jemand reinschlagen. Die Menschen aus Kings Umfeld erzählten, dass er in der letzten Phase seines Lebens die Erfolge seiner gewaltfreien Aktionen hinterfragte.


2. Jesus in Room 30

Beginnen wir mit einer Szene von 1963. In Birmingham wollte die Bürgerrechtsbewegung die Methode des »Jail in« einsetzen: Aktivisten wollten sich massenhaft verhaften lassen, um Menschen landesweit zu beeindrucken. Dabei ging es nicht nur um »Jail«, sondern auch um »Bail«, um die Kaution. Es ging um sehr viel Geld. Hinter ihnen stand ein potenter Geschäftsmann aus Birmingham. Birmingham war sein Pferdefuß, denn die Mächtigen der Stadt trieben ihn in die Pleite. Er rief das Bürgerrechtskomitee zusammen: »Ich habe das Geld nicht mehr.«

Was tun? King verfügte bereits über viele Beziehungen. Er müsste herumreisen, um Geld zu akquirieren. Die Führungsspitze beratschlagte sich am Karfreitag2, dem 12. April 1963 im Gaston Motel Birmingham. Für und Wider hielt sich die Waage. Gegen Kings Abreise sprach, dass er das Aushängeschild der Bewegung war. Es konnten Hunderte ins Gefängnis wandern, aber mit ihm hätte es eine effektivere mediale Wirkung. King argumentierte: »Es sind bereits viele im Gefängnis. Was passiert, wenn sie hören, dass ausgerechnet ich kneife? Bricht dann die Bewegung auseinander?« Aber ohne Geld gelänge diese Aktion nicht und auch nicht die folgenden. King schrieb, dies sei die tiefste Stille, die er je gefühlt hätte, während noch 24 Männer mit im Raum 30 waren: »I was alone in that crowded room.« Er zog sich zurück, um nicht mehr allein zu sein. In einem Seitenzimmer begab er sich ins Gespräch mit seinem Herrn. Er brauchte Klarheit und bekam sie: »I thought of the twenty million black people who dreamed that someday they might be able to cross the Red Sea of injustice and find their way into the promised land of integration and freedom. There was no more room for doubt. I whispered to myself, ›I must go.‹«

King berief sich nicht auf einen Befehl Jesu, sondern auf eine selbst zu verantwortende Entscheidung. Auch wenn der Herr dahinter stünde, müsste King sie ohne Fremdautorität verantworten. Das Ergebnis seiner Zwiesprache mit Jesus teilte er den anderen mit und bat Ralph Abernathy, mit ihm diese Glaubensaktion durchzuführen, obwohl er an Ostern auf seiner Kanzel stehen müsse … Ralph stimmte zu. Dann schien der göttliche Geist über sie zu kommen. Sie fassten sich an den Händen und sangen: »We shall overcome!«3

Um das »overcome« kümmerte sich überraschenderweise der noch junge Harry Belafonte, der in seiner Fifth Avenue in New York City mögliche Sponsoren anrief. Abernathy und King wurden verhaftet.


3. »I didn’t sneeze«

»I must go!« Gott führte King in der Stille zum Weg in die Öffentlichkeit und ins Gefängnis. Das brutale Vorgehen der Südstaaten-Cops rief allerdings nochmals Präsident Kennedy auf den Plan. Worum ging es? Um die Bürgerrechte im allgemeinsten Sinn. Birmingham galt als sozial rückständigste Industriestadt der USA. Die Bürgerrechtsbewegung wollte alle ihre Methoden einsetzen (Märsche, Sit-Ins, Kneel-Ins, Jail-Ins) und dies um die Osterzeit, weil hier die meisten Geschäfte gemacht wurden und daher auch die meisten Geschäfte gestört werden konnten. Der wirtschaftliche Druck war schon beim Busboykott in Montgomery entscheidend, hier sollte eine ähnliche Schiene gefahren werden. Sie wählten jedoch zum ersten Mal eine riskante Methode: die Missachtung von Gerichtsurteilen.

Schauen wir von 1963 noch einmal zu den Anfängen, als King Klarheit über seinen Weg suchte. Die Geschichte von Rosa Parks am 1.12.1955 und dem folgenden Busstreik mit King als Gallionsfigur ist bekannt. Während des einjährigen (!) Streiks war King mehrfach auf Gandhi, seinen Erfolg und seine Methoden aufmerksam gemacht worden. Bereits 1956 hatte ihn Ministerpräsident Nehru bei seinem USA-Besuch nach Indien eingeladen. Aber es kam immer wieder etwas dazwischen, zum Beispiel Frau Curry, wie King ironisch schrieb: »Then along came Mrs. Izola Ware Curry. She not only knocked out the travel plans that I had but almost everything else as well.« Hinter diesem »Vorbeikomme« versteckte sich ein Mordanschlag von Mrs. Curry mit einem Brieföffner am 20.2.1957 bei einer Signierstunde. Es ging im wörtlichen Sinne haarscharf um Leben und Tod: die Aorta war getroffen. Sein Arzt Dr. Maynard erklärte ihm: »If you had sneezed during all those hours of waiting, your aorta would have been punctured and you would have drowned in your own blood.«4 Elf Jahre später predigte er über diese Szene: Wenn er geniest hätte, wäre sein Leben im Februar 1957 zu Ende gewesen.

And I want to say tonight – I want to say tonight that I am happy that I didn’t sneeze. Because if I had sneezed, I wouldn’t have been around here in 1960, when students all over the South started sitting-in at lunch counters. And I knew that as they were sitting in, they were really standing up for the best in the American dream, and taking the whole nation back to those great wells of democracy which were dug deep by the Founding Fathers in the Declaration of Independence and the Constitution.
If I had sneezed, I wouldn’t have been around here in 1961, when we decided to take a ride for freedom and ended segregation in inter-state travel.
If I had sneezed, I wouldn’t have been around here in 1962, when Negroes in Albany, Georgia, decided to straighten their backs up. And whenever men and women straighten their backs up, they are going somewhere, because a man can’t ride your back unless it is bent.
If I had sneezed – If I had sneezed I wouldn’t have been here in 1963, when the black people of Birmingham, Alabama, aroused the conscience of this nation, and brought into being the Civil Rights Bill.
If I had sneezed, I wouldn’t have had a chance later that year, in August, to try to tell America about a dream that I had had.
If I had sneezed, I wouldn’t have been down in Selma, Alabama, to see the great Movement there.
If I had sneezed, I wouldn’t have been in Memphis to see a community rally around those brothers and sisters who are suffering.
I’m so happy that I didn’t sneeze.

In diesem Predigtausschnitt führte King die Hörer durch sein Wirken nach dem Mordanschlag, nannte die Stationen und nannte die Themen. Am nächsten Abend wurde er erschossen …


4. King in Gandhis Land

King brauchte nicht nur des Anschlags von 1957 wegen eine Auszeit. Dabei besuchte er mit seiner Frau Coretta Indien. Elf Jahre zuvor war Mahatma Gandhi ermordet worden. Jetzt begegnete King seinen Mitstreitern, die mit ihm und anderen Interessierten, etwa afrikanischen Studenten der Freiheitsbewegungen, über Gandhis Konzept diskutierten. King spürte die Verbundenheit als »Underdogs«, schien aber nicht zu realisieren, dass es in Indien einen tiefsitzenden Rassismus gab. Dieser äußerte sich in angeblich religiösen Bereichen zwischen Moslems, Hindus und Christen, aber auch innerhalb des Hinduismus beim Thema der »Unberührbaren«.

Ich persönlich reagiere kritisch, wenn Konflikte »religiös« begründet werden. Es prallen menschliche Interessen aufeinander, es geht um Macht, um Einfluss, um Geld. Ob Gott oder Götter: bei militärischen Konflikten sind Götter noch machtloser als sonst. Erinnern wir uns an das Dilemma des christlichen Gottes beim Falklandkonflikt zwischen England und Argentinien. Beide Seiten rechneten mit Gottes Eingreifen zu ihren Gunsten, die Engländer konstatierten am Schluss, Gott sei mit ihnen gewesen und demonstrierten dies bei einer Militärparade. Dass man bei dieser Parade Kriegsversehrte ausschloss, spricht eine deutlichere Sprache als die Waffen der Briten.

Auch im Indien zehn Jahre nach Gandhis Ermordung gab es fundamentale Konflikte, die nicht immer gewaltfrei ausgetragen wurden. King blendete bei der Rückschau auf seinen Besuch offenbar ein breites Problemspektrum aus. Das machte Gandhi allerdings nicht besser, als er aus der Ferne den Juden im NS-Deutschland während der härtesten Verfolgungszeit den gewaltfreien Widerstand empfahl. Diese hatten das durchaus versucht, aber gegen die gewissenlosen Nazis hatten sie mit dem Appell ans Gewissen keinen Erfolg.

Der Afroamerikaner traf in Asien auf afrikanische Studenten. Diese bezweifelten, dass in den afrikanischen Diktaturen der Appell an das Gewissen zur Befreiung führen könnte. Die Gandhians und King widersprachen: Gewaltfreier Widerstand müsse genau geplant werden und in direkte Aktionen münden. Dann sei er auch effektiv gegen totalitäre Herrschaftsformen.5 Das bleibt eine ungedeckte Behauptung. Die Brutalitäten im afrikanischen Befreiungskampf nicht nur zwischen Schwarz und Weiß, sondern auch zwischen Schwarz und Schwarz sprechen eine düstere Sprache.

Gandhi erklärte, dass man beim Schwanken zwischen Feigheit oder Gewalt sich für den Kampf entscheiden soll. Gewaltlos sei nur die Form. Der Kampf setze direkte Begegnungen mit dem Gegner voraus, da dieser davon überzeugt werden solle, dass sein Verhalten falsch sei. Der Geist gehe in den Kampf, während der Körper passiv bliebe. Heute verweisen Kritiker, die prinzipiell der »nonviolent direct action« positiv gegenüber stehen, darauf, dass der Kontext entscheidend ist, ob eine Veränderung gelingt.

Gandhis Methoden können nicht in jedem Befreiungskampf erfolgreich sein. M. Eberling urteilt über Gandhis Rolle für die Unabhängigkeit Indiens vom britischen Weltreich: »Eine totalitäre Diktatur hätte eine zarte Figur im Lendenschurz wie ihn einfach zerbrochen und ausgelöscht.6 Aber in einer Demokratie mit einer kritischen Presse – und wenn sie auch eine rassistische, imperialistische Klassengesellschaft wie das Britische Empire war – konnte dieser stete Tropfen des gewaltfreien Widerstands jedoch letztlich das Joch der englischen Kolonialherrschaft brüchig werden lassen.«7 Bei aller Kritik müssen wir Gandhis und Kings Ergebnisse in Rechnung stellen und da sind indische Ministerpräsidenten und ein farbiger US-Präsident durchaus beeindruckend.

King wurde in Indien mit unglaublicher Armut konfrontiert. Vor mein inneres Auge steigen aus meiner Kindheit Bilder von hungernden indischen Kindern, die um die Weihnachtszeit publiziert wurden, als Sinnbild für die Armut der damals sog. Dritten Welt. King veranlasste diese Armut, zuhause in den USA stärker auf die soziale Ungleichheit zu achten und sie neben die Rassendiskriminierung zu stellen.


5. Der Appell an das Gewissen

Wie kann Gewaltlosigkeit im globalen Kontext effektiv sein? Man kann verschiedene Kulturen und Geschichten kaum auf einen verbindenden Nenner bringen. Trotzdem scheint mir Albert Schweitzers Ansatz weiterhin zukunftsträchtig. Er suchte Anfang des 20. Jh. nach einer Formulierung, die in verschiedenen Kulturen und Religionen die gleiche Wirkung entfaltete. Er fand sie in der »Ehrfurcht vor dem Leben«8. Schweitzer meinte, dass sich damit unterschiedliche Kulturen auf einer grundlegenden Ebene ethisch verständigen und motivieren lassen können.

Ethik ist letztlich eine Frage des Gewissens. Was aber ist das Gewissen? Ist es rein kulturell bedingt und sozial vermittelt oder entspricht ihm eine physiologische Größe? Hirnforscher lokalisierten das »Gewissen« im vorderen Stirnlappen. Wird dieser verletzt, funktioniert das Gewissen nicht mehr. Der Mensch ist dann zwar kognitiv, aber nicht mehr emotional auf »gut und böse« ansprechbar. Was heißt dies für Gandhi wie King, deren Theorien darauf basierten, dass ihr Gegenüber in irgendeiner Form noch menschlich und mit Gewissen reagieren konnte?

Als die afrikanischen Studenten argumentierten, die Methoden Gandhis würden nur funktionieren, wenn es ein mögliches ansprechbares Potential im Gewissen des Gegners gäbe, warfen Gandhis Nachfolger und King ihnen vor, Gewaltlosigkeit und Verzicht auf Widerstand gleichzusetzen. Es gehe aber um Kampf, der lediglich auf gewaltfreie Methoden zurückgreift. Freilich widersprach sich King ein Stück weit, als er noch während seiner Argumentation erklärte, der gewaltfreie Widerstand »may develop a sense of shame in the opponent«.9 Zu Schamgefühl gehört ein Gewissen. Zahlreiche soziologische Forschungen belegen die Prägung des Gewissens durch die jeweilige Kultur und Religion. Es verfügt inhaltlich über keine eigenständige Entität.

Menschen setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn sie sich Machthabern widersetzen. Da ist es schon sehr kritisch, wenn das Gewissen der Machthaber nur hypothetisch existiert. Diese Hypothese könnte für viele Menschen den Tod bedeuten, ohne dass dieser durch den Fortgang der Geschichte seinen angestrebten Sinn erhielte.

Der gewaltlose Kampf für das Ende der Rassentrennung forderte unschuldige Opfer. Das gehörte ins Konzept, ohne dass es gewollt war. Anders als bei militärischen Operationen sind Menschenopfer kein wertemäßig akzeptierter Teil des gewaltfreien Weges, auch wenn man weiß, dass es dazu kommen kann. Bleibt die Frage, was der Verlust von Menschen, die einem etwas bedeuten, in der eigenen Seele anrichtet. Da kann durchaus Hass entzündet und geschürt werden. Martin Luther King sprach dies sehr klar und offen an, als die eigene Familie in Gefahr geriet.

Freilich gibt es bei King und teilweise auch bei Gandhi neben dem Appell an das Gewissen noch ein Druckmittel: Geld. Wenn der gewaltlose Widerstand zu relevanten finanziellen Einbußen bei den Mächtigen führt, setzt dies ein Umdenken in Gang, wenn der Widerstand nicht durch Gewalt gestoppt werden kann. Schon Kings erste große Aktion, der Busstreik, hatte diese ökonomische Komponente. Geldbeutel statt Gewissen könnte man sagen.


6. Begossene Pudel beim Sit-In

Birmingham firmierte als Sinnbild einer verkommenen Stadt. Hier galten die hehren Schlussfolgerungen aus der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung nichts. Die Magnaten beuteten die Menschen aus, am meisten die schwarzen. Genau in dieser Stadt ging es dem Civil-Rights-Movement um die allgemeinen Bürgerrechte. Hier musste auf breiter Front mit den verschiedensten Methoden gekämpft werden, weil es kein klar eingegrenztes Ziel wie beim Busstreik gab, sondern die Rechte aus der Verfassung grundsätzlich zur Disposition standen.

Acht Jahre nach dem Busboykott organisierte King einen weitgreifenden Widerstand. Wieder setzte er auf wirtschaftlichen Druck. King bezeichnete Birmingham als »Metropole der Rassentrennung«. In den Kaufhäusern gab es Sitzecken, Lunch Counters nur für Weiße. Durch friedliche Sitzproteste wurden diese blockiert und die schwarzen Kunden boykottierten Kaufhäuser weißer Geschäftsleute.

Das Sit-In wurde zum Klassiker. Schwarze setzten sich in Lokale, die den Weißen vorbehalten waren. Zu ihnen gesellten sich weiße Sympathisanten. Sie blieben auch auf Aufforderung einfach sitzen. Entscheidend war: Es war eine Massenbewegung. Da musste man nicht zwei oder drei Sturköpfe hinauswerfen, sondern viele an vielen Orten. Die Reaktionen beschränkten sich auch nicht auf erfolgloses Hinauswerfen, sondern dümmlich grinsende weiße Männer gossen Cola über die Köpfe der Streikenden. Sie bespritzten sie lachend oder fluchend mit Ketchup.

Bull Connors verhaftete King als Rädelsführer schon im April 1963, mit einem Kontaktverbot zur Öffentlichkeit. Präsident Kennedy, die Bedeutung Kings für den inneren Frieden wahrnehmend, hob dieses Verbot auf. Nach Kings Entlassung reagierte die Südstaaten-Metropole mit brutalen Massenverhaftungen, die dank rascher Verbreitung durch die Medien Empörungen US-weit auslösten.

Die US-Regierung ließ durch einen Kommissär die Führer der Protestaktion und die mächtigen Geschäftsleute miteinander reden, während die Demonstrationen weitergingen. Beide Stränge führten zu einem Ergebnis in Richtung Gleichberechtigung. Anhänger des Ku-Klux-Klan verübten am Tag darauf zwei Bombenattentate auf King und seinen Bruder. Täter? Nie gefasst! Was sonst?!

In einer weiteren Form des Protestes knieten Demonstranten in den Kirchen und beteten zu Jesus. Dieses Kneel-In setzten sie dann auf den Straßen fort: Immer wieder beugten Menschen bei den Märschen die Knie, um zu beten.10 Höhnische Kommentare erschallten aus weißen Mündern, geistreich wie bei Jesu Kreuzigung. Freilich gab es nicht nur Spötter. Selbst in Birmingham nahmen weiße Christen ihren Glauben ernst und ließen sich durch die Gebete in ihrer Einstellung irritieren.

Abstruserweise bezog sich die Rassentrennung selbst auf Kirchengebäude. Denken wir an die Szene, wo ein weißer Christ seine Kirche betrat und eine schwarze Frau am Boden kniend sah. »Was machst du hier?!« rief er empört. Zitternd erklärte sie: »Sir, ich putze den Boden …« Er daraufhin drohend: »Dass du es aber nicht wagst, hier zu beten!« Dieser Witz ist leider nicht wirklich ein Witz, sondern spiegelte die Realität. Die angloamerikanischen Weißen teilten sicherheitshalber schon einmal den Himmel auf, für Weiße, Schwarze und Farbige. Aber Christen sind immer wieder auch in der Lage, auf Gottes Wort zu hören. So spürten viele, dass diese Trennung nicht stimmig war. Hier gab es einen echten Ansatzpunkt für King.


7. Freedom-Riders zur Qualitätssicherung

Die Bürgerrechtsbewegungen variieren zwischen verschiedenen Methoden. Dabei stellte sich die Frage nach dem Erfolg. Gab es eine Methode der Qualitätssicherung? Bereits 1961 versuchte man, die Erfolge auf ihre Belastbarkeit zu überprüfen. Das unternahmen die sog. Freedom-Riders. In Überlandbussen fuhren sie gemischtfarbig durch die Staaten von Virginia, North Carolina und Georgia. Immer wieder stießen sie auf Widerstände, teils brutaler Art, wodurch die Brüchigkeit der Erneuerungen und Erfolge sichtbar und dokumentierbar wurde.

Bei Anniston, Alabama, griffen Rassisten die Busse an und setzten einen in Brand. Weiße Christen blockierten die Türen, damit die Freedom-Riders den Feuertod stürben. Mögen sie im Sündenpfuhl schmoren! Doch dank einer Explosion konnten die Passagiere den Bus verlassen. Dabei rannten sie direkt den Faschisten in die Hände, die mit ihnen kurzen Prozess machen wollten und schon zur Lynchjustiz ansetzten, als ein aufmerksamer und mutiger Autobahnpolizist einen Warnschuss abgab. Daraufhin ergriffen sie das Hasenpanier. Die bedrohten Aktivisten brachte man mittels Autos, die ein Pfarrer besorgt hatte, in Sicherheit.

In Birmingham dirigierte der korrupte Kommissar Bull Connors blutige Angriffe auf die Freedom-Riders, wobei weiße Aktivisten von Ku-Klux-Klan-Anhängern besonders brutal zusammengeschlagen wurden. Später kommentierte dies J.F. Kennedy trocken: »The civil rights movement should thank God for Bull Connor. He’s helped it as much as Abraham Lincoln.« Den Bürgern von Birmingham gefiel es gar nicht, dauerhaft in der internationalen Presse als menschenverachtende Gewalttäter dargestellt zu werden. Ehrlich gesagt habe auch ich sofort negative Assoziationen, wenn jemand sich outet, er käme aus Rostock oder Hoyerswerda. Da muss sich schon mein Großhirn gegen mein Kleinhirn durchsetzen, um die Vorurteile niederzukämpfen.

Bill Connors zeigte den Freedom Riders, dass sie noch einen langen, mühsamen und gefährlichen Weg vor sich hatten. An sein Gewissen zu appellieren führte offenbar nicht zum Erfolg. Aber wir wissen ja von der Hirnforschung, dass nicht jeder Mensch über ein funktionierendes Gewissen verfügt und wir wissen von den Soziologen, dass Menschen mit eingeschränkter Kontrolle durch moralische Gefühle politisch und wirtschaftlich weit kommen.

Symbolik spielte bei der medialen Präsenz ebenfalls eine wichtige Rolle. Das wusste schon Gandhi, als er seinen Salzmarsch durchzog. Mit nur acht Leuten gestartet brachte er Hunderttausende von Leuten auf die Beine. Am Ziel angekommen nahm er zeichenhaft Salz in seine indischen Hände und demonstrierte damit eindrücklich den Bruch des britischen Gesetzes, dass das Salz nur den Engländern gehöre. Diese Geschichte kannte King auch.11


8. Songs

Die Demonstrationen waren Impulse für inhaltliche Auseinandersetzungen. Die Streiks verursachten einen ökonomischen Druck. Die Sit-Ins zeigten die Orte der Ungerechtigkeit im Kontext der Unterdrücker. Die Kneel-Ins machten deutlich, dass diese Bewegung über eine religiöse Komponente verfügte und mit dem Beistand Gottes rechnete. In der Tradition der schwarzen Bevölkerung Nordamerikas waren die Spirituals beheimatet. So wurden Songs zu einem Teil der Bewegung, nicht zuletzt »We shall overcome«, das auch textunkundige oder Analphabeten schnell mitsingen konnten. Die Lieder trugen bald bekannte Künstler weiter, unter ihnen weiße Sänger wie Pete Seeger, das Trio »Peter, Paul and Mary«, Joan Baez oder Bob Dylan.

Die Bürgerrechtler lernten aus der Erfahrung, ihre Strategien zu differenzieren. Sehr schnell erkannten sie die Notwendigkeit, Forderungen möglichst konkret zu formulieren, damit ihre Erfüllung und der Erfolg augenfällig waren. Ihre Gegner erwiesen sich teilweise ebenfalls als lernfähig, wenn etwa Chief Pritchett in Birmingham nur dezent gegen Kneel-Ins, Sit-Ins und Marches vorging und seinen prominenten Gefangenen vorzeitig entlassen wollte mit der Bemerkung, er wolle ihn draußen haben – während King drinnen bleiben wollte, um das Unrecht seiner Verhaftung wach zu halten.

Zur Legende wurde King spätestens durch den Marsch auf Washington am 28. August 1963. Etwa 250.000 Menschen, darunter ein Fünftel Weiße beteiligten sich an diesem Marsch für »Arbeit und Freiheit«. Präsident Kennedy verfolgte die weltweit übertragene Abschlusskundgebung auf TV und lud die Hauptakteure zum Festessen ein. Martin Luther King verkündete unter Lincoln seine Vision: »I have a dream …« Die Sicht des Visionärs schien ebenso unrealistisch wie auch realisierbar. Würden seine Kinder wirklich mit Kindern von Eltern anderer Hautfarbe spielen? Mahalia Jackson, Joan Baez, Bob Dylan, Peter, Paul and Mary, Harry Belafonte und andere aktuelle Künstler demonstrierten durch ihren Auftritt die Überwindung religiöser Grenzen und das Zerbrechen der Rassenschranken.


9. Malcolm X trifft »Uncle Tom«

Wer von King redet, muss auch seinen besten Gegenspieler in der Auseinandersetzung um den richtigen Weg und die passenden Methoden zur Erreichung derselben Ziele betrachten. Malcolm X warf King vor, der gewaltfreie Widerstand sei ineffektiv bis systemstabilisierend. King kommentierte diese Analyse12 mit dem Eindruck, dass die anderen niemals wirklich verstanden, was er sagte. Sie hörten nicht genau zu. Schließlich mache es einen großen Unterschied, ob man keinen Widerstand leistet oder einen gewaltfreien Widerstand. Zwar sah King der herrschenden Ungerechtigkeit nicht tatenlos zu, aber seine Gegner apostrophierten seine Gewaltfreiheit als Untätigkeit.

King erkannte in Malcolm X ein »victim of the despair«. Die Verzweiflung verortete er darin, dass Malcolm X wie so viele andere »Negroes« das an der Würde nagende Gefühl von »nobody-ness« hatte. King empfand für Malcolm Empathie. Dieser kluge Schwarze mit den rötlichen Haaren13 hatte keine Chance, auf den Weg des Friedens zu kommen, weil die brutalen rassistischen Erfahrungen aus seiner Kindheit zu tief saßen, um übertüncht zu werden. Malcolm X, der Revolutionär in Kings Alter traf mit seinem Plädoyer für gewaltsamen Widerstand den Nerv vieler Schwarzer.

Malcolm X sprach über King das Urteil: »Onkel Tom!« Harriet Beecher Stowe schilderte ihren fiktiven Uncle Tom als einen christlichen und friedliebenden Menschen im Kontext der Sklaverei. Nach einer rassistisch motivierten Misshandlung verstarb der »non-violent« Tom. Seine Hütte mahnte die Lebenden: »Folgt alle im Gedächtnis an ihn seinem Beispiel: Seid ehrlich, treu und christlich, wie er es war, und gedenkt eurer Freiheit jedesmal, wenn ihr Onkel Toms Hütte seht!« Onkel Tom lässt sich gegensätzlich interpretieren. Mit seinem Namen erklingt das Stichwort »Liberty«. Daran wäre King zu messen, wenn jemand ihn als »Uncle Tom« titulierte.

King erkannte in Malcolm Xs Geschichten die Nahrung, die diese Biographie mit Aggression, Gewaltbereitschaft und Hass speiste. »Ich-bin-ein-Nichts« sei das Übelste, was ein Mensch über sich erfahren könne, spürte der Seelsorger. Kings Gegenbotschaft lautete: »Ich bin dem Herrn etwas wert!« In der Nachfolge Jesu sagte er sich: »Sieh bei aller Kritik an Malcolm X zunächst in seiner Tiefe die Person, die Gott liebt!«

Stabilisierte Kings gewaltfreier Widerstand das System?14 King bestritt dies, denn es macht einen substantiellen Unterschied, ob man passiv bleibt oder gewaltfrei Widerstand leistet. Auf dem »Meredith Mississippi Freedom March« 1966 hörte King Töne, die ihn zu Recht sehr besorgt machten. Während ihres »We shall overcome« brach der Gesang der Demonstranten plötzlich ab. Eine gewittrige Stille entstand. »Black and white together« wollte den Marschierenden nicht über die Lippen kommen. Da variierten einige ihre Hymne: »We shall overrun!« Man sollte über die Weißen hinweg rennen wie über den geschlagenen Feind.

Der Bürgerrechtskombatant Stokely Carmichael stellte sich bei der nächtlichen Lagebesprechung gegen Kings These, es gehe nicht darum, Individuen zusammenzubringen, sondern um Gewissen. Stokely formulierte: »Wir brauchen die schwarze Kraft.« Der Begriff »Black Power« verselbständigte sich zu einer Bewegung, die in Kings Augen einen schwarzen Rassismus verkörperte, der gewaltbereit war.15 King war sensibel und klug genug, die Ursachen zu erkennen, die dahinter standen. Erniedrigung lässt sich nicht endlos ertragen. Am Ende gibt man sich selbst auf oder man greift zur Gewalt. Aber die weißen Verbrecher wussten, was sie taten …

King erkannte klug wie traurig, dass die Vertreter der Black Power-Bewegung in ihrem Verständnis von Power die Weißen nachahmten. Die Weißen betätigten sich als Massenmörder, killten kleine Kinder, lynchten harmlose Mitmenschen. Sollte das Ziel von Black Power sein, so böse zu werden wie die Weißen?16

Dieser Artikel konnte das Thema nur einigermaßen anreißen. Er sei ein Beitrag zu unserer neueren Auseinandersetzung im Umgang mit der Strategie des »non-violent movement«. King würde mir zu Recht ankreiden, dass ich seine eigene Motivation nicht genügend in Rechnung gestellt habe. Ich möchte sie am Schluss doch noch einmal pointiert hervorheben: Martin Luther King wusste sich von Jesus auf diesen Weg geschickt, spätestens seit dem Januar 1956, als Jesus ihm verordnete: »Martin Luther, stand up for righteousness! Stand up for justice! Stand up for truth! And so, I will be with you. Even until the end of the world!«17


Anmerkungen:

1 Zu den Hintergründen: »Rekrut am Rande eines Völkermords«, Schoßwald, 22ff und 70ff.

2 Dem Jahrestag der Ermordung von Abraham Lincoln.

3 The Autobiography of Martin Luther King, Jr., edited by Clayborne Carson, 2012, 182f: Bull Connors ließ die Demonstranten brutal verhaften.

4 Autobiography, 122.

5 Autobiography, 130.

6 Wenn wir 2018 die Mordanschläge der Russen in England betrachten, die immerhin auch die britische Regierung betraf, wird die Skrupellosigkeit ebenso wie die Effizienz sichtbar. Ob die Ausweisung von Diplomaten folgenreicher ist als das Einfrieren von Verbrechervermögen wird sich herausstellen. Eine Kombination der Methoden hat aber immer Vorteile.

7 M. Eberling: Mahatma Gandhi – Leben, Werk und Wirkung, 7.

8 »Albert Schweitzer, Antizipationen des Reiches Gottes«, Schoßwald, 44.

9 Autobiography, 130.

10 Deutschland hat seinen Kniefall durch Willy Brandt in Warschau erhalten. Brandt war zu Recht kein Mitglied der bigotten christlichen Kirche, die seiner (ledigen) Mutter seinerzeit untersagt hatte, ihr »Kind der Sünde« taufen zu lassen.

11 Autobiography, 128

12 Die folgenden Zitate: Autobiography, 265-269.

13 Diese machten den hellen Schwarzen zu einem doppelten Außenseiter.

14 Alle Zitate aus Autobiography, 265-269.

15 A.a.O., 318ff.

16 A.a.O., 330f.

17 A.a.O., 77f.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer Dr. Volker Schoßwald, Jahrgang 1955, Zivildienst in Uffenheim, Theologiestudium in Erlangen und Tübingen, anschließend Vikariat und Pfarramt in Würzburg, Nürnberg und Schwabach, derzeit Pfarrer in Nürnberg-Gostenhof und Nürnberg-Großreuth; Veröffentlichungen: Biographische Skizzen zu Albert Schweitzer, Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther King sowie Anschauliches zum Leben nach dem Tod: »Lucy, der Himmel und ich«.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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