Erinnerungen an 1968 und um 1968 herum
»Wie die Träumenden«

Von: Klaus Müller
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Die Jahreszahl 1968 wird bisweilen gehandelt wie ein Mythos. Vieles ist dran an der Beobachtung von Umbrüchen damals, nicht nur in Gesellschaft und Politik, sondern auch in Kirche und Theologie. Doch mit zeitlichem Abstand relativieren sich auch die Ausmaße. Klaus Müller schildert seine ganz persönlichen Erinnerungen an jene bewegte und bewegende Zeit und macht Impulse aus, die Kirche und Theologie nachhaltig verändert haben.


Die Erinn’rung ist eine mysteriöse
Macht und bildet die Menschen um.
Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.
Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.
(Erich Kästner, In memoriam memoriae)


Der 68er – das unbekannte Wesen

»Ich bin ein 68er« hatte ich im Brustton der Überzeugung vor zehn Jahren getönt, als wir des 40. Examensjubiläums (unter der Ägide unseres (württ.) Pfarrvereins) gedachten. Heute sehe ich das nüchterner. Bin ich denn ein 68er? Ich zögere, dies zu bejahen. Denn ich frage mich: Wer ist ein 1968er? Waren es die Studenten, die mit Transparenten und »Ho-Ho-Ho-Chi-Min!«-Rufen durch die Straßen zogen, um gegen den Vietnamkrieg zu protestieren? Sind es die gewesen, welche in Wohngemeinschaften sich »Kommune« nannten, mit neuen Lebensformen experimentierten, von antiautoritärer Überzeugung geprägt Kinderläden betrieben und das bürgerliche Ideal der ehelichen Treue durch den Kakao zogen? (»Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.«) Oder die Demonstranten, die gegen Radikalenerlass und Notstandsgesetze auf die Straße gingen?

Zu all denen gehörte ich nicht. Ich bin nicht mitmarschiert in Demonstrationszügen, habe keine Vorlesungen gesprengt und keine Professoren beschimpft. Straßenbahnen habe ich nicht blockiert und Tomaten auf missliebige Vertreter des Establishments habe ich nicht geworfen. Ich wäre wohl in die Kategorie des freundlich interessierten Mitläufers einzuordnen, von meiner Herkunft her konservativ gestimmt und liberal aus Überzeugung. In der FDP, wie sie damals Ralf Dahrendorf repräsentierte, fühlte ich mich zuhause.

Also kein Revolutionär und schon gar keiner, der zur später sog. »Erlebniselite« gerechnet werden könnte. Ein Augenzeuge jedoch, das war ich wohl. Dies kam mir in den letzten 50 Jahren immer wieder dann in den Sinn, wenn ich mir in meiner Lehrtätigkeit klar darüber werden musste, dass meine Hörerinnen und Hörer den Umbruch der 1968er Jahre nicht miterlebt hatten. Ich will von persönlichen und sehr persönlichen Erinnerungen berichten, die sich bei diesem Rückblick in mir zu Wort melden.


1968 hat früher begonnen

1968 hat für mich spätestens 1967 begonnen. Der Vietnamkrieg war schon mehrere Jahre alt. Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg in Berlin erschossen – ein wehrloser Demonstrant als unschuldiges Opfer eines Bündnisses, das eine deutsche Ordnungsmacht mit dem gewalttätigen Gefolge des glitzernd pompösen Gewaltherrschers aus dem Osten eingegangen war (»Prügelperser«). Dass der Sohn eines Oberhofpredigers, ein Pfarrer, als Regierender Bürgermeister die Verantwortung für die Ereignisse trug, hinterließ Spuren und Kratzer in meiner sich langsam entwickelnden Identifikation mit der Institution »Kirche«.

In den Tagen nach dem 2. Juni gab es in Tübingen spontane Demonstrationen vor der Neuen Aula, eine »Resolution der Tübinger Studentenschaft« wurde verabschiedet, eine Geldsammlung für Benno Ohnesorgs Witwe fand statt und am Tag der Beerdigung1 zog ein Schweigemarsch mit 2000 Teilnehmern durch die Straßen.

Was mich in diesen Tagen jedoch stärker berührt und umgetrieben hat, war der Sechstagekrieg im Nahen Osten (5. bis 10. Juni 1967). Versammelt im überfüllten Fernsehraum des Evang. Stifts haben wir in der »Tagesschau« mit heißem Herzen verfolgt, wie das vermeintlich schwache und kleine Volk Israel einer bis auf die Zähne bewaffneten Übermacht von Feinden seinen Widerstand entgegensetzte und schließlich obsiegte. Die weltpolitischen Akteure in »die Guten« und »die Bösen« aufzuteilen, die Gerechten nur bei den (vermeintlich) »Schwachen« zu suchen und »Starke« pauschal den Ungerechten zuzuschlagen, fällt mir heute nicht mehr so leicht wie damals.

Im Juli 1967 war dann der Biafra-Krieg ausgebrochen. Die Meldungen vom dort geschehenden Völkermord haben uns Christen über Jahre hinweg getroffen und betroffen gemacht.


Wachsende Skepsis

Besondere Schwierigkeiten hatte ich zu jener Zeit mit meinen Gefühlen gegenüber »den Amis«. In der Nachkriegszeit war ich in unmittelbarer Nachbarschaft zu zwei Offiziersfamilien aufgewachsen, die in herrschaftlichen Häusern wohnten, welche die Besatzungsmacht beschlagnahmt hatte. Ich brachte den Amerikanern Respekt und vertrauensvolle Anhänglichkeit entgegen – vermischt mit ein wenig Neid darüber, dass diese Familien in dem PX-Laden einkaufen konnten, der uns Deutschen verschlossen war. Ich war Partei für Amerika, hörte AFN und liebte die Musik von Glenn Miller und Bob Dylan. »California dreaming« von »The Mamas and the Papas« (»Stopped into a church I passed along the way«) habe ich 1968 wohl täglich gehört – Ausdruck eines Fernwehs, das sich nach einer besseren Welt und nach Frieden sehnte.

Im Laufe des nicht enden wollenden Vietnamkriegs zerbröckelte jedoch zusehends mein Vertrauen zu der Weltmacht, die uns in der Nachkriegszeit Schutz, Freiheit und Frieden garantiert hatte. Das trieb mich zwar noch nicht hinaus auf die Straße. Unter den aufgebrachten Demonstranten, die am 23.2.1966 erstmals in Tübingen »Amis raus aus Vietnam« skandierten, war ich nicht zu finden. Aber meine Skepsis wuchs und eine gewisse Ratlosigkeit hatte mich ergriffen.

Ich war mir auch nicht sicher, was ich von den sog. Notstandsgesetzen halten sollte, gegen die 1968 in Tübingen ein mehrtätiger Hochschulstreik ausgerufen worden war (28.-30. Mai). Ich neigte immer noch dazu, den rechtmäßig gewählten politischen Autoritäten zu vertrauen. Aber mein Misstrauen wuchs.


Umbrüche 1968

Klarer war in mir der Wunsch nach einer Reform des universitären Betriebs und dem Abbau der (nicht nur dort herrschenden) autoritären Strukturen. Autorität, der ich mich ohne eigene Einsicht oder innere Zustimmung unterwerfen musste, war mir kaum erträglich. Der unter manchen Professoren-Talaren sich sammelnde Muff verpestete die Luft zum freien Atem.2 Es gab Situationen, in denen ich aggressive Explosionen professoraler Selbstherrlichkeit erlebte, die mich zwar nicht direkt selbst betroffen haben, vor denen ich aber trotzdem Angst hatte. Solche Ausbrüche professoraler Machtherrlichkeit habe ich nach 1968 nicht mehr erlebt. Ich habe sie auch gar nicht mehr für möglich gehalten: Als in einer mündlichen Prüfung eine Kandidatin den freundlichen älteren Herrn, der als Vertreter der Kirchenleitung den Vorsitz hatte, bat, das Rauchen zu unterlassen, und als dieser daraufhin schweigend seine noch glimmende Zigarre ausdrückte, da hatte ich das Gefühl, dass nun eine Epoche zu Ende gegangen war.3

Vorbehalte gegen Formen und Rituale, die mir aufoktroyiert erschienen, hatten mich auch 1963 zu Beginn meines Studiums bestimmt, als ich wie alle meine Kommilitonen von den im Evang. Stift fest verwurzelten Verbindungen umworben, »gekeilt« wurde. Als (zunächst) einziger aus meiner Promotion bin ich dem drängenden Werben nicht gefolgt. Fünf Jahre später, 1968, im Jahr meines 1. Examens, dachte kaum noch jemand daran, in eine Verbindung einzutreten.4

Freilich hatte ich für meine Distanz auch noch einen anderen, entscheidenden Grund: Ich war schon seit mehreren Jahren verliebt, verlobt und deshalb bestrebt, mein Theologiestudium so schnell als möglich hinter mich zu bringen, um – brav spießig-bürgerlich – heiraten zu können.

Im Sommer 1968 legte ich meine erste theologische Dienstprüfung ab. Das Jahr hatte bewegt begonnen. Als mit der Ernennung von Alexander Dubcek zum Parteivorsitzenden in der Tschechoslowakei am 5. Januar mitten im Winter der »Prager Frühling« anbrach, war das wie eine Verheißung besserer Zeiten.

Zarte Hoffnungsblüten, Vorboten der Hoffnung auf eine freiere und friedlichere Welt wurden aber zertreten, als uns am 4. April die Nachricht von der Ermordung von Martin Luther King traf. Die Rede, welche er im August 1963 beim Marsch auf Washington gehalten hatte, ist in mir lebendig bis zum heutigen Tag: »I have a dream«. Das Attentat auf Rudi Dutschke fand eine Woche später statt. Am 5. Juni hat man Robert Kennedy ermordet. Und am 21. August marschierten, zwei Tage vor unserer Hochzeit, die Truppen des Warschauer Pakts in Prag ein. Der »Prager Frühling« ist in eisigen Winter umgeschlagen, aber die Sympathie für Dubcek und den Reformpräsidenten L. Svoboda (»Freiheit«) blieb über meine ganze Vikarszeit hindurch lebendig in mir.


Vikariat in bewegten Zeiten

Nachdem ich die mir von Martin Hengel angebotene Assistentenstelle zunächst einmal auf die Zeit nach meinem Vikariat verschoben hatte, war von der Kirchenleitung ursprünglich ins Auge gefasst gewesen, dass ich meine Vikarszeit im September 1968 in Bad Cannstatt bei Helmut Ensslin beginnen sollte. Dass er eine Tochter namens Gudrun hatte, wusste ich, seitdem mein Vater 1962 ein – mir freilich bis vor kurzem unbekannt gebliebenes – Gutachten erstellt hatte. Damals war es um die Bewerbung von Fräulein Gudrun Ensslin zur Aufnahme in die Studienstiftung des deutschen Volkes gegangen.5 Der von ihr mitverantwortete Brandanschlag auf ein Kaufhaus in Frankfurt am 3. April 1968 ließ es aber nicht als opportun erscheinen, dem gebeutelten Cannstatter Pfarrer auch noch einen Vikar zuzumuten. So kam ich nun stattdessen in eine benachbarte Gemeinde (nach Untertürkheim) zu meinem »Vikarsvater«. Das war übrigens die durchaus ernst gemeinte Bezeichnung für jene Amtskollegen, welche uns durch unsere Ausbildung begleiten sollten und die man heute »Ausbildungspfarrer« nennt.6

Mein vorgesetzter Pastor primarius bestand darauf, von allen Gemeindegliedern, also auch von mir, mit »Herr Pfarrer« angeredet zu werden und ich war für ihn »der Herr Vikar«. Das schmeckte mir zwar ganz und gar nicht, aber ich war zu feige, solchen devot-geheuchelten Umgangsformen meinen ehrlichen Widerstand entgegenzusetzen. Ich musste den aufrechten Gang erst noch lernen. Dazu hatte ich im Vikariat in der Konfrontation mit extremen Situationen zwischen Tod und Leben, Glück und Leid, Angst und Gottvertrauen ausreichend Gelegenheit.

Zum Dekan des Cannstatter Kirchenbezirks, Georg Pfäfflin, fand ich leichter Zugang als zu meinem Vikarsvater. Ich bin mit ihm zur Antrittsvorlesung meines künftigen Chefs nach Erlangen gefahren. Martin Hengel befasste sich mit der damals aktuell erscheinenden Frage, ob Jesus Revolutionär gewesen sei.7 Dass er sie mit »Ja und Nein« beantwortete, hat uns beide nicht überrascht. Wir hatten das Gefühl, dass Erlangen am 8. Mai 1969 noch eine sturmfreie Zone war, verschont von den Unbilden der Studentenrevolution, welche die Universitäten andernorts heimsuchten.


Stürme der Revolution

In Württemberg waren die Stürme der Revolution wesentlich heftiger. Sie brachen orkanartig über die Kirche herein, als Gemeindefrömmigkeit und Universitätstheologie auf dem nächsten Kirchentag in Stuttgart aufeinander krachten. Vom 16.-20. Juli 1969 fand dieser unter dem Motto »Hungern nach Gerechtigkeit« auf dem Stuttgarter Killesberg statt – »der heißeste, den es je gab« titelte die »ZEIT« in ihrer Ausgabe vom 25.07.1969. Richard von Weizsäcker war Kirchentagspräsident gewesen. Sein Motto »Am Andersdenkenden bewährt sich die Liebe« hat auf dem Kirchentag erbärmlich wenig Gefolgschaft gefunden. Mit heute kaum noch vorstellbarer Aggressivität standen sich »die Fortschrittlichen« und »die Konservativen« gegenüber. Der Streit entzündete sich nicht nur an all den politischen Konfliktthemen, die ohnehin damals in der Luft lagen, sondern war mit besonderer Hitze um theologische Themen entbrannt. Die Arbeitsgruppe »Streit um Jesus« hatte den größten Zulauf. Selten fühlte ich mich mit all meiner theologischen Bildung so macht-, sprach- und hilflos in einer aggressiv aufgeheizten Menschenmenge wie auf diesem Stuttgarter Kirchentag im Höhenpark Killesberg.

Ein Vorfall, der sich bei einer Lesung von Günter Grass (»Örtlich betäubt«) am 19. Juli 1969 ereignete, trieb meine Rat- und Ausweglosigkeit in der heißen Killesberghalle damals auf die Spitze: Ein 56jähriger Mann, Universitätsapotheker aus Tübingen, stand protestierend auf, gab am Mikrofon wirre Äußerungen von sich, beklagte die verlorene Kriegskameradschaft, um dann mit dem Satz zu enden: »Ich provoziere jetzt und grüße meine Kameraden von der SS.« Aus einem mitgebrachten Fläschchen schüttete er Zyankali in sich hinein. »Der Tod trat auf dem Weg zum Robert-Bosch-Krankenhaus ein«, notierte Günter Grass in seinem »Aus dem Tagebuch einer Schnecke«.

Zwei Tage später, am 21. Juli 1969, landeten erstmals Menschen auf dem Mond. In dumpfer Stube verfolgten wir zusammen mit den Mesnersleuten in der Nacht stundenlang die Landung.

Die auf dem Kirchentag virulent gewordenen Konflikte, insbesondere die zwischen fundamentalistischem Schriftverständnis und jener historisch-kritischen Theologie, die wir auf der Universität gelernt hatten, hatten sich schon im Vorfeld angekündigt: Oskar Klumpp, der Präsident der Landessynode in Württemberg, war am 17. Oktober 1968 zurückgetreten, weil ihn Mitglieder des synodalen Gesprächskreises »Bibel und Bekenntnis« im Kontext der Kirchentagsvorbereitung öffentlich des Vertrauensbruchs und der Indiskretion gegenüber der Presse bezichtigten. Dies war für eine Anzahl von Christenmenschen, ob sie nun »vom Fach« waren oder sich als sog. »Laien« für die Sache Jesu engagierten, die Initialzündung zur Gründung der Kritischen Kirche am 7. November 1968 in Leonberg-Ramtel, die sich dann am 8. Juli 1972 in Offene Kirche umbenannte.


Streit um Autorität und Autoritäten

In meine Vikarszeit fiel auch die später berühmt-berüchtigt gewordene »Esslinger Vikarskonferenz« (13.-16. Oktober 1969). Wir hatten im April beschlossen, uns mit dem Thema »Autorität« auseinandersetzen, das in mancherlei Kontexten vielen von uns unter den Nägeln brannte. Dabei ging es uns nicht, wie man unserer Generation böswillig und pauschal unterstellt hat, um eine grundsätzliche Kritik an »Autorität« oder »Autoritäten«, sondern um die rechte Unterscheidung von aufgezwungener Autorität, die Unterwerfung und das sacrificium intellectus verlangte, und jener Autorität, die im praktischen Vollzug wirksam ist und mit der man leben und atmen kann. Eine Vorbereitungsgruppe traf sich mit dem Stuttgarter Prälaten Hermann Riess in der Untertürkheimer Vikarswohnung. Zu unserem Kreis gehörte u.a. auch Heiner Lütcke, der über »Autorität« promoviert hatte.8 Dass wir Resolutionen verabschieden mussten, um überhaupt ernst genommen zu werden, erschien uns seit dem Stuttgarter Kirchentag als selbstverständlich und unverzichtbar.9 Den Entwurf zur Resolution über unser Schriftverständnis hatte ich eingebracht. Aber nur der erste Abschnitt wurde von der Esslinger Versammlung unverändert übernommen.10 Die folgenden Absätze enthielten nach der Diskussion und Überarbeitung durch die Vollversammlung Aussagen, denen ich selbst nicht zustimmen konnte.11

Die Empörung in den württembergischen Landen war unerwartet groß. Ich hatte damit gerechnet, dass die Resolution über das Eheverständnis den größten Widerspruch auf sich ziehen würde. Aber ich hatte mich getäuscht. Für Kurt Hennig, der mich 1958 konfirmiert hatte, mussten die am 16. Oktober 1969 in Esslingen verabschiedeten Sätze über das Schriftverständnis dazu herhalten, sein Engagement für die schon die Monate zuvor (am 1. Mai 1969) förmlich gegründete konservativ-evangelikale »Evangelischen Sammlung« plausibel zu machen.12

Dabei wurde die in unserer Esslinger Resolution sich zu Wort meldende hermeneutische Frage kaum und das damit tatsächlich verbundene Leiden von uns Theologinnen und Theologen, die wir gerade von der Universität gekommen waren, gar nicht wahrgenommen. Unsere Wahrhaftigkeit sahen wir bedroht, wenn wir unter dem Druck jener Erwartungen, die uns von einem konservativ-evangelikalen Milieu aus der Gemeinde entgegengebracht wurden, nicht von jenen Überzeugungen zu reden wagten, die wir bei einem gründlichen und ernsthaften Studium gewonnen hatten – zum Beispiel bei Ernst Käsemann.

Dass dieser sich als Pietist verstand und dies auch in gewissem Sinne war, hat ihn nicht davor bewahrt, dass ihn die Wortführer der am 6. März 1966 in Dortmund gegründeten Bekenntnisbewegung »Kein anderes Evangelium« zur Zielscheibe heftigster Angriffe machten. Kein Wunder, war er doch einer der treuesten und zugleich kritischsten Schüler von Rudolf Bultmann, dessen Alpirsbacher Vortrag »Neues Testament und Mythologie« (1941) die Wellen des Widerspruchs gerade auch in Württemberg hochschlagen ließ. Auf dem Krankenlager schrieb Käsemann Ende des Jahres 1967 eine zornige Entgegnung auf all den Schmarrn, der ihm vorgehalten worden war.13 Er hat sich schon früh mit den rebellierenden Studenten solidarisiert und später bekannt, dass er einiges von ihnen gelernt hat.14 Nicht alle Rebellen haben es ihm gedankt.15

Dass es solche »theologischen Väter« wie ihn nicht mehr gibt, die uns noch geprägt hatten, an denen wir uns rieben, mit denen wir uns auseinandersetzten, um eben dadurch zu einer eigenen theologischen Identität zu finden, »theologische Existenz« zu leben, das erscheint mir als eine natürliche Folge der sog. 68er Rebellion. »Die Theologie wird überwuchert von der Spekulation« hat mir der zunehmend einsamer werdende Käsemann später anvertraut.


Zuflucht zu Human- und Sozialwissenschaften

Da mein Untertürkheimer Vikariat im September 1970 endete und mein Vorgänger auf der Erlanger Assistentenstelle von dort noch nicht weg konnte, ergab sich für mich eine zu überbrückende Zeit von Oktober 1970 bis März 1971, in der ich als »Vikar zur Dienstaushilfe« am Pfarrseminar tätig war. Mein Vorgesetzter war mit einer kirchensoziologischen Arbeit promoviert worden16 und hatte u.a. auch die Aufgabe, Pfarrämter und Verwaltungsstellen in der Landeskirche (damals schon!) auf die Einführung der elektronischen Datenverarbeitung vorzubereiten. Im Rückblick auf diese, meine erste Zeit am Pfarrseminar, muss ich gestehen, dass ich wie viele von uns damals der Faszination der Human- und Sozialwissenschaften erlegen war. Die Faszination für diese Wissenschaften war Ausdruck unserer Unsicherheit in unruhigen Zeiten. Viele meiner Kommilitonen haben an das Theologiestudium ein Zweitstudium angehängt oder sind gar nicht in den Kirchendienst getreten.

Zu meinen Aufgaben gehörte es damals, eine vom Heidelberger »Institut für Datenverarbeitung« (!) erstellte programmierte Unterweisung, die nahezu ausschließlich verschiedene Arten von Konditionierungsprozessen zum Inhalt hatte, so zu überarbeiten, dass der Zusammenhang mit der Seelsorge besser erkennbar wurde. Seelsorgerliche Rollenspiele nach den Grundsätzen der in Deutschland besonders durch Reinhard Tausch und seine Schüler populär gemachten Gesprächstherapie haben wir elektronisch aufgezeichnet und ausgewertet. Ein kurioses Highlight war es, wenn unser »Konditionierungsgerät« zum Zuge kam: Beim Rollenspiel Pfarrer – Gemeindeglied saßen hinter einem Paravent drei Kolleginnen oder Kollegen. Wenn ihnen der Gesprächsverlauf geglückt erschien, drückten sie einen Knopf. Wenn zwei von den möglichen drei Knöpfen gedrückt wurden, leuchtete vor dem »Pfarrer«, der das Gespräch führte, ein grünes Lichtlein auf, das ihm signalisierte: Weiter so!17


Absurdes politisches Theater in Tübingen

Die im April 1971 beginnende Erlanger Assistentenzeit war eine ruhige Zeit für mich und meine kleine Familie. Von der andernorts gärenden Rebellion der 68er haben wir nichts mitbekommen. Das änderte sich, als wir auf September 1972 nach Tübingen zogen, wohin Martin Hengel berufen worden war.

1967 und auch noch 1968 hatte ich in Tübingen kreative und phantasievolle Erscheinungsformen des studentischen Protests miterlebt. Nun aber schien dieser Protest erstarrt. Unendlich viel Papier wurde zu Flugblättern verarbeitet. Dass in den Flugblättern sich die K-Gruppen (KSV, KSG, Rote Garden, MSB Spartakus, mehrere KPD/ML etc.) mit besonderer Emphase gegenseitig beschimpften, ließ diese eifernden und geifernden Auftritte als absurdes Theater erscheinen, auch wenn – auf die Bundesrepublik bezogen – das Kernpotenzial der Jugendrevolte von ungefähr 20.000 Aktiven im Jahr 1968 in den 1970er Jahren auf 80.000 Mitglieder in linksrevolutionären oder kommunistischen Gruppierungen gestiegen war.18

Da ständig damit zu rechnen war, dass Lehrveranstaltungen dadurch »gesprengt« wurden, dass eine Gruppe von Studenten, die meist gar nicht zu den regulären Veranstaltungsteilnehmern gehörten, eine Diskussion über Notstandsgesetze, Universitätsreform oder was auch immer verlangte, hat sich Martin Hengel mit seinen Assistenten auf solche Situationen vorbereitet. Ich denke, dass unsere Furcht vor solchen Ereignissen größer war als die tatsächliche Beeinträchtigung des Lehrbetriebs, wenn sie nun einmal – selten genug – geschah. Es war wohl auch der Druck studentischer Erwartungen, der uns dazu veranlasste, über menschenfreundlichere Veranstaltungsformen nachzudenken. An die Einführung eines »Studientags« am Semesterende, in dem der praktische und systematisch-theologische Ertrag unseres neutestamentlichen Seminars bedacht wurde, erinnere ich mich in diesem Zusammenhang. Dieses »Reformprojekt« hatte freilich nur wenige Jahre Bestand.


Ruf nach Reformen

Der Ruf nach Reformen war auch in der Landeskirche angekommen. Die Landessynode hatte »Strukturversuche« beschlossen, in denen sechs Kirchenbezirke neue Formen übergemeindlicher Zusammenarbeit im Distrikt und gesellschaftsdiakonisches Engagement in »Häusern der Begegnung« praktizieren sollten. Werner Jetter, der für eine Kirchenreform engagierte Tübinger Ordinarius für Praktische Theologie,19 der für die Fakultät in die Landessynode entsandt war, war im synodalen Strukturausschuss die treibende Kraft für dieses Unternehmen gewesen. Er war Direktor des »Instituts für Praktische Theologie an der Universität Tübingen«, an dem neben der Universität die Landeskirche und eine Stiftung beteiligt waren. Dieses sollte die Versuche in den sechs Testbezirken begleiten und auswerten. Er fragte mich, ob ich bereit wäre, ab Oktober 1974 die Aufgabe des »theologischen Geschäftsführers« am Institut für Praktische Theologie zu übernehmen, die von der Landeskirche als ständige Pfarrstelle geführt wurde. Ich sagte zu und kam in die Auswertungsphase des synodal initiierten Projekts. Die Ergebnisse der Kirchenreformversuche waren ernüchternd. Von »Kirchenreform zwischen Utopie und Resignation« sprach Werner Jetter. Der von ihm und mir verantwortete Abschlussbericht wurde in der Landessynode freundlich und mit Dank aufgenommen, um dann im Archiv zu verschwinden.

Die Tätigkeit am Institut und das Wohlwollen seines Direktors eröffneten mir Freiräume, die ich nutzte. U.a. hatte ich die Möglichkeit, weiterhin Lehraufträge im Fachgebiet Neues Testament wahrzunehmen. So war es nicht verwunderlich, dass Martin Hengel sich an mich wandte, um die Hilfe des Instituts bei der Durchführung der nächsten Generalversammlung der »Studiorum Novi Testamenti Societas« zu erbitten.


1977 – das Ende des »roten Jahrzehnts«

Im Jahr 1977 feierte man in Tübingen das 500. Jubiläum der Universitätsgründung. Ernst Käsemann hatte sich bemüht, die Generalversammlung der renommierten Neutestamentlervereinigung nach Weingarten zu holen. Das hat sich als nicht realisierbar erwiesen. So entschied man sich dafür, den Kongress in Tübingen als einen der Höhepunkte im Jubiläumsjahr vom 22.-26. August 1977 durchzuführen. Martin Hengel hatte die Verantwortung übernommen und sich meiner Mithilfe bei der Erarbeitung einer Logistik für die ca. 240 zu erwartenden Teilnehmer versichert.

In die Vorbereitungszeit zu diesem Ereignis fiel die Nachricht, dass Käsemanns Tochter Elisabeth in Argentinien vermisst wurde. Bald wurde es zur entsetzlichen Gewissheit, dass sie am 24. Mai 1977 Ofer der argentinischen Militärdiktatur geworden war.

Zwei Monate zuvor (am 29. März) waren die Stammheimer Gefangenen der sog. RAF wieder einmal in den Hungerstreik getreten. Mein Vater war einer der beiden Ärzte von außerhalb, welche die Gefangenen an sich heranließen. 1975 hatten sie dafür plädiert, die soziale Isolation der Gefangenen zu lockern.20

Am 7. April 1977 wurde der Generalsbundesanwalt Siegfried Buback mit seinen Fahrern erschossen. Als einer der Tatverdächtigen, Günter Sonnenberg, nach einer Schießerei mit Polizisten verhaftet worden war, schickten 28 Tübinger Theologiestudenten ihrem schwerverletzten ehemaligen Kommilitonen einen mitfühlenden Brief samt Rosenstrauß. Sie versicherten ihm, dass »wir in der Fachschaft ev. Theologie in der politischen Auseinandersetzung mit den Kräften stehen, mit denen auch Du zu tun hast.«

Schon längst hatte sich das offene Gesicht der Jugendrevolution eine düstere Maske der Gewalt übergezogen. Der Terror setzte sich fort mit der Ermordung von Jürgen Ponto und der Entführung von Hanns Martin Schleyer. Wir fieberten und jubelten mit, als die Landshut-Entführung durch die G 9 in Mogadischu am 18. Oktober 1977 ein glimpfliches Ende fand. In derselben Nacht wohl ist Hanns Martin Schleyer umgebracht worden. Die Gefangenen von Stammheim begingen Suizid. Das »rote Jahrzehnt« (Gerd Koenen) fand ein schreckliches Ende in Blut und Tränen.

Die »Tagesschau« am folgenden Tage zeigte meinen Vater, wie er im weißen Arztkittel zu dem Hubschrauber eilte, der soeben beim Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart gelandet war. Ich nehme an, dass der Hubschrauber auch jene Pfarrerstochter an Bord hatte, mit der er rund 16 Jahre zuvor ein angeregtes Gespräch über deren Zukunftspläne geführt hatte.


Anmerkungen:

1 »bei strömendem Regen« vermerkt der Chronist: M. Kuckenburg u.a. (Hg.), Tübinger Revolten. 1848 und 1968, 57.

2 Ein im Januar 1967 vom Kleinen Senat der Tübinger Universität gefasster Reformbeschluss (!) hatte zum Inhalt, dass neben den ordentlichen Professoren nun auch die außerplanmäßigen und die Honorarprofessoren einen Talar tragen durften. Grotesk!

3 Die Theologen, die mir damals Eindruck machten, waren allesamt Männer. Dass sie (vorzugsweise) Pfeife oder Zigarre rauchten, gehörte zu ihrem Erscheinungsbild. Wenn meine Erinnerung mich nicht trügt, dann hat Ernst Käsemann zu Beginn seiner Seminarsitzung zunächst einmal seine Pfeife gestopft.

4 Wolfgang Schöllkopf, Aus der Geschichte der Stiftsverbindungen, in: V. Drecoll, 750 Jahre Augustinerkloster und Evangelisches Stift in Tübingen, Tübingen 2018, 265-282. Was damit dem Stift verloren gegangen war, ist mir später wohl bewusst geworden.

5 Alexander Gallus (Hg.), Meinhof, Mahler, Ensslin, Göttingen 2016, 219-221.

6 »Vikarsmütter« gab es nicht, weil die Synode der württembergische Landeskirche erst im November 1968 eine neue Theologinnenordnung verabschiedete, welche die (einige Wochen später erstmals vollzogene) Ordination von Frauen erlaubte. »Der Dienst der Theologin und der Dienst des Theologen sind gleichwertig.« Seitdem hat sich das Erscheinungsbild unserer Kirche so gewandelt, wie das m.E. keine andere »von oben verordnete« Kirchenreform hätte leisten können.

7 Martin Hengel, War Jesus Revolutionär?, Stuttgart 1970.

8 Karl-Heinrich Lütcke, »Auctoritas« bei Augustin, Stuttgart u.a., 1968. Ich hatte später das Glück, mit ihm in der Vikarsausbildung zusammenzuarbeiten.

9 Rolf Zundel schreibt in seinem Bericht über den Stuttgarter Kirchentag (»ZEIT« vom 25.07.1969): »Eine Flut von Resolutionen wurde eingebracht, der Evangelische Kirchentag produzierte mehr Papier als zwei sozialdemokratische Parteitage.«

10 »Wir leiden unter den Erwartungen, die ein Großteil der Gemeinde an unser Verständnis der Bibel heranträgt. Wir können die Bibel nicht von vornherein als normatives Wort Gottes betrachten. Sie hat und gewinnt ihre Autorität nur durch ihre jeweilige Überzeugungskraft in der konkreten Situation.«

11 »Unser Reden und Handeln als Theologen können wir nicht selbstverständlich aus der Bibel ableiten, sondern müssen uns in erster Linie (!) an der gegenwärtigen gesellschaftlichen und individuellen Not orientieren. Bei der Bemühung, diese Not zu wenden, verstehen wir die Bibel als einen Gesprächspartner unter anderen (!)«.

12 Die Details dazu verzeichnet Karin Oehlmann, Glaube und Gegenwart: Die Entwicklung der kirchenpolitischen Netzwerke in Württemberg, um 1968, 362ff.

13 Ernst Käsemann, Der Ruf der Freiheit, Tübingen 1968.

14 »Ich gestehe auch offen, daß meine Studenten mir erheblich geholfen haben, als sie 1967/68 den Aufstand gegen die Väter versuchten.« So Käsemann, Kirchliche Konflikte 1, Göttingen 1982, 243.

15 Ein ärgerliches Dokument verbockter Sturheit ist das von der Basisgruppe Theologie verbreitete Flugblatt »Partisan Käsemann.« Theologiestudenten 1969. Dokumente einer revolutionären Generation, Stuttgart 1969, 49-51.

16 Jens-Marten Lohse, Kirche ohne Kontakte, Stuttgart 1967.

17 Eine weitere Frucht unserer humanwissenschaftlich inspirierten Arbeit in der Vikarsausbildung war die »Contentanalyse«, mit der wir Kasualpredigten untersuchten: Die Predigt bei Taufe, Trauung und Begräbnis …; eine Contentanalyse/erarb. von d. Homilet. Arbeitsgruppe Stuttgart/Frank­furt, Mainz 1973.

18 Kuckenburg (Anm. 1), 65.

19 Werner Jetter, Was wird aus der Kirche?, Stuttgart/Berlin 1968.

20 Der SPIEGEL, Nr. 16/1977, 31/32.

 

Über die Autorin / den Autor:

Direktor i.R. Dr. Klaus W. Müller, Jahrgang 1944, 1968 Erstes theol. Dienstexamen, nach dem Vikariat Assistent für Neues Testament in Erlangen und Tübingen, 1974-1982 Theol. Geschäftsführer im »Institut für Praktische Theologie an der Universität Tübingen«, danach Lehrbeauftragter für Neues Testament in Tübingen, 1981 Promotion mit Studien zu Luthers Theologie, 1989-1998 Ausbildungsleiter auf der Karlshöhe Ludwigsburg (Diakonenausbildung), 1994-1998 Rektor der (neuen) Fachhochschule für Diakonie und Religionspädagogik, 1998-2008 Direktor des Pfarrseminars in Stuttgart-Birkach (Vikarsausbildung).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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