Engel der Barmherzigkeit

Von: Peter Haigis
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»Ein Versprechen ist immer eine Pflicht. Aber ein Versprechen, das man einem Sterbenden gegeben hat, ist eine heilige Last, die drückt, bis man sie zum Ziel getragen hat.« – Elsa Brändström hat das gesagt. Eine mutige und beeindruckende Frau, die während des Ersten Weltkriegs Überlebenshilfe für deutsche Kriegsgefangene in Sibirien leistete. ­Elsa Brändström wusste, wovon sie sprach: Im Oktober 1915 begleitete sie einen Transport des Schwedischen Roten Kreuzes, um gesammelte Hilfsgüter in die sibirischen Gefangenenlager zu bringen. Ein Jahr lang zog sie durch ein schier endloses Land. Sie war fasziniert von der Weite der Landschaft – und zugleich erschrocken über die grausamen und verheerenden Lebensbedingungen in den Lagern.

Der ersten Reise folgte bald eine zweite, dann eine dritte. Die Aufgaben nahmen Elsa Brändström auch über das Kriegsende hinaus in Beschlag. Nicht alle Gefangenen kehrten 1918 zurück, viele mussten bleiben. Am Sterbelager versprach sie manchen, sich um die Hinterbliebenen in der Heimat zu kümmern. Nach dem Krieg, in den 1920er Jahren, baute sie dann ein Erziehungsheim für Kriegswaisen und für die Kinder traumatisierter Kriegsgefangener auf.

Wegen ihres unermüdlichen Einsatzes hat man sie später den »Engel von Sibirien« genannt. Elsa Brändström mochte diesen Titel selbst nicht gerne hören. Aber eigentlich ist er gar nicht so unpassend. »Engel« heißt ja Bote – und Elsa Brändström war eine Botschafterin der Liebe Gottes zu den Menschen, eine Botschafterin seiner Barmherzigkeit. Man könnte sie auch einen »Engel der Barmherzigkeit« nennen. Sie entstammte einer Diplomatenfamilie und betrachtete die »Diplomatie der Nächstenliebe« als ihre persönliche Herausforderung, als ihren Auftrag.

In den Lagern, die sie besuchte, kam ihre Bestimmung als Botschafterin der Liebe und Barmherzigkeit Gottes gleich doppelt zum Zug: Sie scheute keine Nähe im Umgang mit den leidgeprüften Gefangenen. Und sie besaß ein feinfühliges Gespür in den Verhandlungen mit Lagerkommandanten, um Verbesserungen für die Gefangenen durchzusetzen.

Später, während der Zeit der Nazi-Diktatur, musste Elsa Brändström zusammen mit ihrem Mann, dem Pädagogikprofessor Robert Ulich, und ihrer Tochter Deutschland verlassen. Die Familie siedelte in die USA über. In Cambridge (Massachussets) engagierte sie sich für deutsche und österreichische Flüchtlinge.

Vor 130 Jahren wurde sie geboren, vor 70 Jahren ist sie gestorben. In diesen Tagen gedenken wir des Endes des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren. Ein mehrfacher Anlass, sich ihrer zu erinnern. Nicht um ein Vorbild aufzustellen. Ihre Lebensentscheidung war zu persönlich, als dass sie einfach nachgeahmt werden könnte. Aber Elsa Brändström stellt die Liebe Gottes unter uns Menschen lebendig und leibhaftig dar. So macht sie Mut, an diese Liebe zu glauben und Zeichen gegen die Angst, den Hass und die Gewalt zu setzen, wovon Menschen in unseren Tagen (wieder einmal) besonders getrieben zu sein scheinen. Ihr tatkräftiges Engagement für Notleidende und Bedürftige wollte die herkömmlichen Territorialgrenzen nicht akzeptieren. Sie dachte und handelte international, weil auch Not und Elend sowie Liebe und Barmherzigkeit keine Staatsgrenzen und nationale Zugehörigkeitsformate kennen. Genau darum kann die Erinnerung an sie für uns heute ein Gewinn sein.

Elsa Brändströms Leben schlägt eine Brücke zu einigen Themen dieser Ausgabe des Deutschen Pfarrerblatts: Ulrich Tietze beginnt mit einem dreiteilig angelegten Rückblick auf den Ersten Weltkrieg und dessen Wahrnehmung in Kirche und Theologie damals. Volker Schoßwald erinnert an den vor 50 Jahren ermordeten Baptistenprediger Martin Luther King und seine Strategie gewaltfreien Widerstands. Gerhard Arnold resümiert die friedensethischen Verlautbarungen von Kirchen und kirchlichen Gruppen angesichts der aktuellen Kriegskonflikte in der Ost­ukraine und in Syrien samt deren Aporien … Damit flankieren diese Artikel auch das Thema des diesjährigen Deutschen Pfarrertags »Religion und Gewalt« in Augsburg.

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 9/2018

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