Zur Neuausgabe einer judenfeindlichen Schrift Martin Luthers
Vom Gedanken der Absurdität jüdischen Glaubens besessen

Von: Friedhelm Pieper
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In den Vorbereitungen zum Reformationsjubiläum 2017 setzte sich die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland auch mit dem antijüdischen Erbe der Reformation auseinander und erklärte in der Kundgebung »Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum« (November 2015): »Wir tragen dafür Verantwortung zu klären, wie wir mit den judenfeindlichen Aussagen der Reformationszeit und ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte umgehen. Wir fragen, inwieweit sie eine antijüdische Grundhaltung in der evangelischen Kirche gefördert haben und wie diese heute überwunden werden kann. Der Auseinandersetzung mit der Haltung Martin Luthers gegenüber Juden kommt dabei exemplarische Bedeutung zu.«

Um diese notwendige Auseinandersetzung auf angemessene und fundierte Weise auch ohne Spezialkenntnisse der mittelalterlichen Sprachwelt Luthers zu ermöglichen, hat Matthias Morgenstern, Professor für Judaistik und Religionswissenschaft an der Universität Tübingen, zwei der wüsten judenfeindlichen Schriften des Reformators aus dem Jahr 1543 in einer kommentierten neuhochdeutschen Lesefassung zur Verfügung gestellt. Neben der Neuübertragung des bekannten antijüdischen Pamphlets Luthers »Von den Juden und ihren Lügen« (2016) hat Morgenstern in 2017 die schwierigere und besonders herausfordernde Schrift »Vom Schem Hamephorasch und vom Geschlecht Christi« kommentiert und mit einem umfangreichen Glossar versehen veröffentlicht. »Schem Hamephorasch« ist in jüdischer Tradition eine Bezeichnung für den Gottesnamen »JHWH«, der selbst nicht ausgesprochen wird.


Obszönitäten und Gewaltfantasien

Die besondere Herausforderung der Lektüre dieses Werkes liegt nach Morgenstern zum einen darin, dass Luther hier auf »schwer zugängliche Traditionen der jüdischen Esoterik« (XII) zurückgreift, die er »auf die ihm eigene ironische und sarkastische Art und Weise mit ihren eigenen Waffen schlagen will« (ebd.). Vor allem aber stößt der Text durch die wüsten »jedes Maß übersteigenden Obszönitäten« und »Gewaltfantasien« (ebd.) des Reformators ab.

Das Buch verdeutlich, mit welcher Besessenheit Martin Luther in seinen späten Jahren offenbar glaubte beweisen zu müssen, dass der jüdische Glaube ganz und gar in die Irre führt (»ihren von Gott verdammten Glauben«, 166) und dass die von der christlichen Interpretation der Bibel abweichende jüdische Textauslegung ganz und gar falsch liegt: »Wenn ein Christ … [trotz] der Verdammnis der Juden bei den Juden [Rat für das] Verstehen der Schrift suchen will – was tut der anderes, als bei einem Blinden das Sehen, bei einem Rasenden Klugheit, bei dem Tod das Leben, bei dem Teufel Gnade und Wahrheit zu suchen?« (ebd.).

Als Anlass dieses Buches nennt Luther das ihn offenbar sehr irritierende Interesse einiger Christen an einer Konversion zum jüdischen Glauben (3f). Morgenstern verweist darauf, dass Luther bereits in den Schriften »Wider die Sabbather« (1538) sowie »Von den Juden und ihren Lügen« (1543) ihm gerüchteweise zur Kenntnis gelangte, angeblich erfolgreiche Missionstätigkeit von Juden bekämpft. Aus heutiger Sicht stellt diese »Proselytenfurcht« eine merkwürdige Obsession dar, die nach Thomas Kaufmann als »historisch haltlose Konstruktion und ›Popanz‹« zu beurteilen wäre (3, Anm. 6). Gleichwohl ist Luther offenbar davon durchdrungen, gegen jegliches Interesse am jüdischen Glauben und jüdischer Schriftinterpretation massiv vorzugehen. Jüdische Traditionen werden durch den Reformator auf üble Weise verzerrt, verflucht und lächerlich gemacht, rabbinische Schriftauslegung wird delegitimiert, ihr wird verächtlich jeglicher Sinn abgesprochen.


Die Wittenberger Kirchensau

An den Anfang seines Buches setzt Luther eine Übersetzung der ihm vorliegenden Variante der »Toledot Jeschu« (»Geschlechter Jeschu« oder »Geschichte Jesu«, 258), einer jüdischen »Spott- und Gegenerzählung zu den neutestamentlichen Evangelien« (XIII), deren Herkunft ungeklärt ist. Die Versionen der »Toledot« sind nach Morgenstern »kulturhistorisch und mentalitätsgeschichtlich von Interesse, da sie den jüdisch-christlichen Gegensatz seit der Spätantike und im Mittelalter reflektieren« (258f). Während die rabbinische Tradition die »Toledot« fast völlig ignoriert, werden deren Varianten fleißig in christlichen Kreisen in judenfeindlicher Absicht überliefert (ebd.).

Luther greift die »Toledot« auf, um an ihnen die von ihm angenommene und behauptete Absurdität des jüdischen Glaubens aufzuzeigen. So benutzt der Reformator ein von Vertretern der jüdischen Tradition und Lehre nicht anerkanntes polemisch-antichristliches Stück jüdischer Volkstradition als repräsentative Darstellung des Judentums, das er dann ironisch, sarkastisch und vulgär auseinandernimmt – ein Vorgehen, das ein grelles Licht auf die verbissene Judenfeindschaft Luthers wirft.

Als bildlichen Ausdruck seiner wüsten Verächtlichmachung des jüdischen Glaubens verweist Martin Luther auf ein Sau-Relief an der Stadtkirche in Wittenberg, einer obszönen mittelalterlichen judenfeindlichen Darstellung, die Juden beim Saugen an einer Sau zeigt, in deren After – so Luther – »ein Rabbiner« schaut, wie »in den Talmud hinein, als wollte er etwas Scharfes und Besonderes lesen und erkennen« (53). Dieses Wittenberger Stadtkirchenrelief, das nach Peter von der Osten-Sacken angemessen als »Sau an den Kirchen« zu benennen wäre, verwendet Luther als ein für ihn passendes Bild für den in den »Toledot Jeschu« mit magischen Wirkungen vorgestellten jüdischen Gottesnamen »Schem Hamephorasch«. Jüdische kabbalistische Buchstabeninterpretation verhöhnend deutet er den Gottesnamen um in: »›Scham Haperes‹, das heißt: ›Hier ist Dreck‹« (54).

Der Reformator wird nicht müde, in vulgärer und obszöner Sprache das Judentum und dessen Traditionen Seite um Seite in den Dreck zu ziehen, um unter Christen jegliches aufkeimende Interesse am jüdischen Glauben grimmig zu bekämpfen. Schon im Vorwort weist Morgenstern auf die »sprachlichen Mittel« Luthers hin, »die die Lektüre zu einer in vielerlei Hinsicht unappetitlichen Angelegenheit machen« (XII). Seine derbe und vulgäre Sprache in dem Buch »Schem Hamephorasch« trägt Luther bereits 1545 heftige Kritik aus dem Bereich der schweizerischen Reformation ein: »… so es geschrieben wäre von einem Schweinehirten, nicht von einem berühmten Seelenhirten, etwas, doch auch wenig Entschuldigung hätte« (zitiert in: Reinhold Lewin, Luthers Stellung zu den Juden, 1911, Neudruck, Berlin 1973, 99). Eine persönliche Anmerkung von meiner Seite zum aktuellen Umgang mit der Wittenberger Kirchensau findet sich am Schluss dieses Artikels.


Das Dilemma des Reformators

Der zweite Teil des Buches, »Vom Geschlecht Christi«, schließt nach Morgenstern organisch an die Übersetzung und Kommentierung der »Toledot Jeschu« (»Geschlechter Jesu«) an, da das Thema mit diesem Titel eben bereits gesetzt ist (XVI). Nun also möchte der Reformator eine christliche Interpretation der Abstammung Jesu bieten und setzt sich dabei mit den Diskussionen und dem Streit über die unterschiedlichen Stammbäume Jesu bei den Evangelisten Matthäus und Lukas auseinander, die auch in den Kontroversen zwischen Christen und Juden über die Messianität Jesu eine Rolle spielen.

Neben dem Versuch einer Harmonisierung der widersprüchlichen Stammbäume in den Evangelien fährt Luther einen Frontalangriff auf die jüdische Schriftinterpretation. Dabei zeigt sich ein Dilemma des Reformators: ist doch die protestantische Exegese mit ihrem Anspruch der Interpretation atl. Texte aus dem hebräischen Urtext auf die hebräische Sprache und Grammatik angewiesen, was zu intensiven Kontakten einiger reformatorischer Theologen zu jüdischen Lehrern und Rabbinern führte. Dabei kamen sie auch unvermeidbar mit jüdischer Schriftauslegung in Berührung, die Luther zugleich massiv bekämpfte: »Dass man die Sprache und Grammatik von ihnen lernt, das ist fein und wohlgetan«; zugleich aber sollen Christen »ihren Gott verdammten Glauben und [ihr] Verständnis [der Schrift] meiden« (166). Vor allem die protestantischen Hebraisten warnt Luther davor, sich von jüdischer Textauslegung vom wahren und also christlichen Verständnis der Schrift abbringen zu lassen.

Man spürt auf diesen Seiten, wie Luther durch seine Schrifthermeneutik in eine Sackgasse gerät. Er hatte sich im Laufe seiner exegetischen Studien von der altkirchlichen Vorstellung vom mehrfachen Schriftsinn verabschiedet und geriet dann unter Druck, die von ihm behauptete im einfachen Wortsinn der hebräischen Texte aufweisbare christologische Deutung nun auch in allen mit Blick auf die jüdische Auslegung strittigen Textstellen aufzeigen zu können. Peter von der Osten-Sacken argumentiert überzeugend, dass die Heftigkeit von Luthers Angriffen auf jüdische Exegese wohl auch darin begründet sein könnte, dass Luther zumindest »geahnt« haben dürfte, »welche Gefahr seiner exegetischen Grundlegung christlicher Dogmatik im Alten Testament drohte, falls die jüdische Deutung der Stellen doch textgemäßer war als seine eigene« (Martin Luther und die Juden: Neu untersucht anhand von Anton Margarithas »Der gantz ­Jüdisch glaub« (1530/31), Stuttgart 2002, 229).

So sehr das Buch insbesondere mit Blick auf Luthers Sprachgebrauch eine echte Zumutung darstellt, so sehr ist seine Lektüre mit Blick auf die eingangs erwähnte von der EKD-Synode festgestellte Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem judenfeindlichen Erbe der Reformation erforderlich. Sie ist notwendig, um die Tiefe, die Heftigkeit und das Ausmaß dieser Judenfeindschaft wahrzunehmen, deren Überwindung zu einer der wichtigsten Aufgaben des gegenwärtigen Protestantismus gehört.

Matthias Morgenstern ist zu danken, dass er sich mit umfangreichen Studien diesem Text gestellt, ihn in eine neuhochdeutsche Lesefassung übertragen und so für die breitere Lektüre aufbereitet, mit hilfreichen Kommentaren zum historischen und judaistischen Kontext versehen und mit einem umfangreichen Glossar ausgestattet hat!


Wie kann man da noch beten: »Geheiligt werde dein Name«?

Isaiah Shachar hat in seiner Erforschung der Geschichte und Wirkung des Wittenberger Sau-Reliefs deutlich gemacht, dass diese Skulptur – als erste dieser Art öffentlich aufgehängt – allein zum Ziel hat, Juden zu verspotten, zu verhöhnen und verächtlich zu machen. Die erst in späterer Zeit angefügte Inschrift der Skulptur »Rabbini Schem HaMphoras« wäre dabei eindeutig von Luthers Interpretation dieser Stadtkirchen-Sau in »Schem Hamephorasch« inspiriert (The Judensau, A Medieval Anti-Jewish Motif and its History, London 1974, 30f). Luthers ­Judenfeindschaft ist so in der Skulptur der Wittenberger Kirchensau seit Jahrhunderten sichtbar in Stein gemeißelt.

Wenn ich diese Verhöhnung des Gottesnamens sehe, ist mir unverständlich, wie heute in der Wittenberger Stadtkirche Gottesdienst gefeiert und das Vaterunser gebetet werden kann. Ich kann es nicht. Ich kann nicht in der Stadtkirche zu Wittenberg »Geheiligt werde Dein Name« beten, solange an deren Außenmauer die Verhöhnung und Verachtung des Gottesnamens weiterhin in Stein gehauen angebracht ist. Nach meiner Meinung ist die Wittenberger Kirchensau abzuhängen und als besonders deutliches Exemplar der mittelalterlichen, christlichen Judenfeindschaft in angemessener Form aufbereitet in einem geeigneten Museum zu präsentieren. Dabei wäre dann auch der Bezug zu Luthers »Schem Hamephorasch« zu zeigen.

Friedhelm Pieper
 

Über den Autor

Pfarrer Friedhelm Pieper, Evangelischer Präsident, Deutscher Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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