Zeitgeistkonform oder widerständig unterwegs in der Gigabit-Gesellschaft?
Kirche und Dataismus

Von: Werner Thiede
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»Es müsste einen anderen Blick geben, ein Denken,
eine Politik, ein Erziehungsprogramm, einen Lebensstil
und eine Spiritualität, die einen Widerstand gegen den
Vormarsch des technokratischen Paradigmas bilden.«
Papst Franziskus1

Die sogenannte digitale Revolution ist in eine Krise geraten. Zwar steht Digitalisierung nach wie vor auf den Programmen der großen Politik und auch der Kirchen, die sich unter keinen Umständen nachsagen lassen wollen, nicht auf der Höhe der Zeit zu sein: »Gemeinsam knüpfen wir das Netz der Zukunft«, steht beispielsweise über einem aktuellen Projekt der Württembergischen Landeskirche2; und im bayerischen Kirchenreformprogramm »Profil und Konzentration« (PuK)3 ist im abschließenden Leitsatz zu lesen: Die ELKB »lässt sich auf die hohe Innovationsfreudigkeit der digitalen Welt ein und entwickelt vielfältige Formate kirchlicher digitaler Arbeit.«4 Aber inzwischen ist auf der Höhe der Zeit, wer um den Techlash weiß, sprich: den erkennbaren »Rückschlag für die Technologiebranche insgesamt.«5 Der hat zu tun mit der global und gerade auch im Silicon Valley wachsenden Einsicht in die tiefere Problematik der digitalen Produkte für den Menschen und seine Zukunft. Und das sollte auch in der evangelischen Kirche ankommen.


Es mehren sich die Stimmen der Aufgeweckten

Bis vor kurzem noch wurden Warner vor »Digitaler Demenz« (M. Spitzer), vor der »Smarten neuen Welt« (E. Morozov), der »Digitalen Diktatur« (St. Aust), der »Smarten Diktatur« (H. Welzer), dem »Digitalen Debakel« (A. Keen), kurz: vor dem »Digitalen Turmbau zu Babel« (W. Thiede) als Kulturpessimisten und Fortschrittsverächter belächelt. Doch jetzt mehren sich die Aufgeweckten: »Manager und Entwickler bekunden öffentlich, wie sehr sie es bereuen, ihre Erfindungen auf die Menschheit losgelassen zu haben – Erfindungen wohlgemerkt, die sich als hocherfolgreich erwiesen haben und durch die sie stinkreich geworden sind.«6 Zu denken wäre hier an all »jene Valley-Dissidenten, die die Unternehmen, für die sie einst gearbeitet haben, mittlerweile als Teufelswerk verdammen«. So geißelt beispielsweise der frühere Google-Manager Tristan Harris die dämonische Kraft des Handys, dessen Gebrauch abhängig, weniger aufmerksam und vermindert kommunikationsfähig, ja im Teenageralter depressiv mache – und überhaupt wehrlos gegenüber den absichtlich so gestalteten Funkgeräten, die archaische Impulse und Belohnungssysteme aktivierten7. Ähnlich erklärt Loren Brichter, der Entwickler der App Tweetie: »Smartphones sind nützliche Werkzeuge, aber sie machen süchtig. Ich bereue die Nachteile.«8 Auch Chris Marcellino, Mitentwickler einer Apple-Push-Technologie, räumt inzwischen öffentlich ein, die neuen Technologien sprächen dieselben neuronalen Pfade an, wie das bei Glücksspiel oder Drogen der Fall sei.

Namentlich die sog. Sozialen Medien sind stark unter Druck geraten. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg ist deshalb in sich gegangen: gewissen unguten Wirkungen seines »sozialen« Netzwerkes will er nun durch Änderung des persönlichen Nachrichtenstroms beikommen. Justin Rosenstein, der 2007 für Facebook den erhobenen »Gefällt-mir«-Daumen kreiert hat, bezeichnet heute solche Likes als eine Pseudobefriedigung, die Nutzer gezielt süchtig machen sollen. Auch der einstige Facebook-Manager Chamath Palihapitiya erklärt, er fühle sich zutiefst schuldig für das, was die Sozialen Medien der Gesellschaft angetan hätten: »Die auf schnelle Befriedigung und Dopamin-Ausschüttung angelegten Feedback-Schleifen, die wir geschaffen haben, zerstören die Gesellschaft. Kein zivilisierter Diskurs mehr. Keine Kooperation. Desinformation. Unwahrheiten.«9 Penetrante kirchliche Einladungen auf Facebook wirken angesichts des Imageverlusts dieses Portals mittlerweile zwielichtig10. Überhaupt lässt sich die verbreitete Tummelei in den sog. Sozialen ­Medien mit spirituellem Elan kaum rechtfertigen, wie eine Mitglieder-Umfrage der EKD gezeigt hat: »Sogar Kirchenmitglieder reden in ihren Familien kaum über Religion, bei der Arbeit schon gar nicht, auch nicht bei Face­book und Twitter …«11


Was ist »Dataismus«?

Klingt im Übrigen das digitale Stichwort der Vernetzung noch irgendwie sinnig mit Blick auf die Kommunikationsfreudigkeit der Kirche, so sieht das beim Begriff des Dataismus schon anders aus. Yuval Noah Harari erklärt in seinem Bestseller »Homo Deus«: »Dem Dataismus zufolge besteht das Universum aus Datenströmen, und der Wert jedes Phänomens oder jedes Wesens bemisst sich nach seinem bzw. ihrem Beitrag zur Datenverarbeitung«12. Heutzutage wird immer klarer: Die Allvernetzung dient am Ende dem allzeit gierigen Datenhunger von Industriefirmen und Konzernen, unter Umständen auch von Regierungen. Das Internet der Dinge13 und Personen lässt sich als Dauerproduzent von Datengold begreifen. Harari macht deutlich, dass es beim Dataismus nicht nur – wie die -ismus-Endung nahelegt – um eine kapi­talistisch motivierte Ideologie14 geht, sondern um mehr noch: um eine Datenreligion15.

Spätestens jetzt wäre es an der Zeit, dass Theologie und Kirche aufwachen und beginnen, die entstehende, von mir 2013 bereits ansatzweise diagnostizierte »technokratische Ersatzreligion«16 weniger als große Chance und mehr als Bedrohung für sie und die Menschheit zu erkennen. Die Frage drängt sich verstärkt auf, ob die sich mehrenden Zeichen einer Umkehr unter IT-Experten nicht ein Signal sein sollten, dass der kirchlich zunehmend verfolgte Kurs einer kulturoptimistischen Digitalisierungsnachfolge selbstkritisch überdacht werden muss. Der Techlash unserer Tage – ein Menetekel an der Wand, das Christenmenschen zur Besinnung rufen will? Der sich abzeichnende Dataismus – ein Cyber-Leviathan, den nur noch naive Geister und Posthumanisten als Lichtgestalt deuten können?


Kirchlicherseits wird immer noch Optimismus gepredigt

Mit Blick auf die in den letzten Jahren viel diskutierten Risiken Künstlicher Intelligenz hat heuer endlich der Medienbischof der EKD, der hessen-nassauische Kirchenpräsident Volker Jung, zu einer gesellschaftlichen Debatte über ethische Fragen der Digitalisierung und der künstlichen Intelligenz aufgerufen: Die neuen Technologien müssten sich an der Menschenwürde und den Menschenrechten messen lassen17. Hinsichtlich der planetarischen Gefahren schlägt Holger Volland aktuell vor, jeder Einzelne müsse lernen, die unsichtbaren Maschinen zu begreifen und zumindest in Ansätzen zu verstehen: »Sonst können wir nicht mitbestimmen, welche Anwendungen, Vorteile und Risiken wir wollen und welche nicht.«18

Aber steht dahinter nicht eine illusionäre Vorstellung? Besteht nicht eine zentrale Gefahr der Digitalisierung darin, dass Künstliche Intelligenzen infolge der Programmierung durch weniger Vordenker und durch Selbstlernen gänzlich undemokratisch die Richtung vorgeben (»Intelligent Divide«)? Oder dass es einer kleinen Gruppe von Menschen gelingen könnte, Künstliche Intelligenz zu kontrollieren und dadurch die Weltherrschaft zu übernehmen19? Und ist nicht längst schon die Macht von Lobbyisten aus Industrie und Wirtschaft so groß, dass an eine bürgerliche Mitbestimmung immer weniger gedacht werden darf? Gründe genug, warum Volker Jung zurecht eine gesellschaftliche Debatte über ethische Fragen der Digitalisierung fordert – nur sollte er sie zu allererst intra muros einfordern, denn bislang scheint es erstaunlich wenig kirchliches Problembewusstsein in Sachen Digitalisierung zu geben.

Gewiss wäre eine pauschale Ablehnung digitaler Techniken durch Theologie und Kirche fehl am Platze und schlicht unrealistisch. In unserer Zeit ist gerade auch in dieser Hinsicht Differenzierung angesagt20. Doch seit der EKD-Synode vom Herbst 2014 wird ja bislang eher Optimismus gepredigt: »Als evangelische Kirche gestalten wir den digitalen Wandel mit und vertrauen auch in der digitalen Gesellschaft auf Gottes Begleitung.«21 Dabei hatte im selben Jahr kurz zuvor der »SPIEGEL« in einem Leitartikel verdeutlicht: »Unternehmen wie Google und Facebook dominieren nicht nur ihre Märkte, sie gewinnen auch Gewalt über die Menschen. Sie lernen aus den Daten, die wir ihnen mit unseren Klicks und Einträgen zur Verfügung stellen, sie bilden Konsumentenprofile und lenken uns so, dass wir unser Geld auch zu ihrem Nutzen ausgeben. Wir müssen nicht folgen, aber wir werden konditioniert, manchmal ohne dass wir es merken.«22


Es gibt Wichtigeres als das neueste Smartphone

Kommt solches bei den Kirchenleitungen nicht an? Der EKD-Ratsvorsitzende Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm soll neulich am Rande einer Ratssitzung im Gespräch mit dem Roboter Pepper bekundet haben: »Die Digitalisierung steht jetzt ganz oben auf unserer Agenda.«23 Auf digitale-kirche.evangelisch.de kann man sich vom technologisch-geistlichen Impetus überzeugen (lassen). Dass das umstrittene Godspot-Programm, welches für WLAN-Strahlung von Kirchentürmen herab steht24, neuerdings bundesweit angeboten und auch schon in der bayerischen Landeskirche realisiert wird, ist ein typisches Beispiel für kirchlich voranschreitende Vernetzungsprogrammatik in Anpassung an den Zeitgeist.

Gewiss – evangelischer Kirche ist die Einsicht nicht völlig fremd, dass die Digitalisierung nicht einfach risikofrei zu haben ist. So wissen die Vordenker des eingangs erwähnten Kirchenreformprogramms PuK in der ELKB bei aller Begeisterung für eine Digitalisierung kirchlicher Räume durchaus um eine »Vielfalt digitaler Gefahren«; und Johanna Haberer formulierte 2015 »10 Gebote für die digitale Welt«25. Gleichwohl scheint sich das Problembewusstsein in Theologie und Kirche in recht überschaubaren Grenzen zu halten: Man will weiter die digitale Präsenz der Kirche stärken, etwa in Gruppen auf Facebook und mit Bibelversen als täglicher Begleiter auf Twitter arbeiten, ja überhaupt die digitale Verkündigung als integralen Aufgabenbereich der Kirche etablieren. Kirchliches Leben soll umfassend im digitalen Raum vernetzt werden – womöglich bei gleichzeitigem Abbau analoger Formen von Kirche! Man fürchtet, Kirche könnte andernfalls einen entscheidenden Lebensraum gerade junger Menschen verpassen.

Wie berechtigt die zuletzt genannte Sorge ist, darüber lässt sich angesichts aktueller Zahlen freilich streiten: Laut der im Januar bekannt gewordenen Studie Zukunft? Jugend fragen! des Bundesumweltministeriums gibt es für junge Menschen in Deutschland durchaus Wichtigeres als etwa das neueste Smartphone – nämlich Reisen (46%) oder eine intakte natürliche Umwelt (44%), während an der »neusten Technik« weniger (nur 18%) etwas liegt26!


Von menschenzentrierter zu datenzentrischer Weltsicht

Aber auch unabhängig von der Stimmung in der Bevölkerung gerät die Rundum-Digitalisierung in ein kritisches Licht, sobald man die immer offenbarer werdende Problematik des Dataismus nicht länger ausblendet. »Indem der Dataismus die menschliche Erfahrung mit Datenmustern gleichsetzt, bringt er unsere wichtigste Quelle von Autorität und Sinn ins Wanken und kündet von einer ungeheuren Glaubensrevolution«, erklärt Harari. »Im 21. Jahrhundert könnte der Dataismus die Menschen an den Rand drängen, indem er von einer homozentrischen zu einer datenzentrischen Weltsicht wechselt.«27 Wo bleibt angesichts solcher Erkenntnis kirchliches Umdenken? Wo bleibt eine theologisch angemessene Rekapitulation der wachsenden Kritik am Internet und am Dataismus? Und lassen sich die aporetischen Strukturen der (un‑)sozialen Medien kirchlicherseits weiter so vernachlässigen wie bisher? Haben nicht Theologen schon vor Jahrzehnten die heute sichtbar gewordenen Ge­fahren vorhergesehen?


So warnte etwa Erhard Ratz in dem Aufsatz »Kriterien für eine humane Zukunft. Probleme der Humanisierung des Technologieprozesses« in den Nachrichten der ELKB (31/1976): »Der größte Teil auch der mündigen und politisch bewussten Bürger empfindet den Fortgang der Technik wie ein Naturgesetz, auf das er keinen Einfluss hat. Selbst die Vorstellung der möglichen Einflussnahme liegt – sieht man von bescheidenen Ansätzen der Bürgerinitiativen ab – für die meisten ziemlich fern.« Bereits damals beklagte Ratz, die psychosozialen Folgen bestimmter Produkte fänden kaum Berücksichtigung. Dringend nötig sei eine Aufklärung über die verschiedenen Möglichkeiten der technologischen Entwicklung bereits vor dem Anlaufen von Massenproduktionen: »Die Offenlegung der Folgen des Technologieprozesses ist dabei die wichtigste Voraussetzung für öffentliche Willensbildung und öffentliche Kontrolle.«


Innenweltverschmutzung

Nur ein Jahr danach schrieb Kirchenrat Walter Allgaier unter der Überschrift »Martin Luther und der Große Bruder« in den Nachrichten der ELKB, im medialen Bereich sei aus Wohltat Plage geworden, weil die Menschen durch Information nicht länger nur orientiert, sondern oft desorientiert und aus Adressaten zu Opfern würden. Er bezeichnete dies als Innenweltverschmutzung: »Menschen werden heute mit Informationen gefüttert, die sie nicht benötigen, sondern nur verunsichern und verwirren.« Für die kommende Zeit sah Allgaier voraus, dass »durch die Verbreitung der Informationstechnik immer mehr automatisch gespeicherte Daten entstehen, die trotz Datenschutzes in verstärktem Maße der Benutzung anheimfallen. Dadurch wird der Privatbereich zunehmend bloßgelegt werden.«

Wie hat sich diese Prognose doch im digitalen Zeitalter bewahrheitet, da der Dataismus weltweit um sich greift! Einst meinte Allgaier: »Luthers Vorbild, der Aufschrei des gepeinigten Gewissens angesichts der Manipulation damals im Ablaßgeschäft, mag heute neue Dringlichkeit gewinnen. Ein Aufschrei, der ohne Rücksicht darauf war, was er auslösen würde.« Es könne durchaus sein, so Allgaier weiter, dass die Reformation und ihre Absichten sich als »gefährliche Erinnerung« entpuppe, die mehr Aktualität aufweise, als manchem Macher lieb sei. Hat dieser Hinweis nach dem großen Reformationsjubiläum nicht mehr Aktualität denn je?


Opfer des Dataismus

Die Lage ist ernst, während die Gigabit-Gesellschaft ums goldene Kalb des Digitalismus tanzt. Tonu Lehtsaar meint: »Wir wissen nicht genau, in welche Richtung sich die neue Technologie entwickeln wird und was die psychologischen und spirituellen Konsequenzen dieses Fortschritts sein werden.«28 Wer heute noch immer nicht pessimistisch urteilen will, muss zumindest einräumen, dass die von Lehtsaar benannte Offenheit an die Stelle eines naiv behaupteten Optimismus zu rücken hat. Insofern hat die Kirche unserer Tage keinen Anlass, sich einfach bereitwillig auf die Innovationsfreudigkeit der digitalen Welt einzulassen, ohne in diesem Zusammenhang deren Krisenhaftigkeit klarer zu benennen und zu berücksichtigen. Darf ihre Einschätzung der »Risiken« der abwiegelnden Sicht der Industrie ähneln, die geradezu so tut, als seien sie mit den »Chancen« zu verrechnen? Würde solch eine Einstellung nicht das Festhalten an ethischen Grundwerten gefährden?

Schließlich zeigt sich das Böse im Netz immer deutlicher als eine ungefähr überall anzutreffende Wirklichkeit – ob nun in Gestalt von Cyber-Mobbing, Ausspähung, Süchten, steigender Internet-Kriminalität29, Computer-Attacken30, Big-Data-Grabscherei um fast jeden Preis31, wachsende Autonomie Künstlicher Intelligenz mit ihren schwer absehbaren Folgen, und nicht zuletzt in vielem, das im Dark Net stattfindet32.

Oft genug kommt bekanntlich das Böse in Lichtgestalt daher – und noch öfter in der banalen Maske des Alltäglichen und unüberschaubarer Strukturen. So wird der Umstand, dass wir in einer von Gott entfremdeten Welt leben, gerade auch in den virtuellen Kontexten der Digitalisierung stetig erfahren. Die digitale, unmenschlich beschleunigte33 Revolution produziert eben keine heile Welt, sondern setzt die Ambivalenzen unseres Lebens nur in technisch potenzierter Weise fort. Und sie tut das gerade, indem sie in perfektionistischer Manier vorgibt, auf eine Art Schlaraffenland, ja sogar auf das Verbraucherangebot digital hergestellter Unsterblichkeit34 zuzusteuern.


Technische Ersatzreligion

Immer mehr »ersatzreligiöse« Begriffe kommen aus Silicon Valley – und sogar eine explizite Ersatzreligion: »Way of the Future« heißt eine Church, die der namhafte Robotikexperte Anthony Levandowski gegründet hat und die eine Künstliche Intelligenz als Gottheit verehrt35. Deren zentrales Nervensystem, so Levandowski, werde das Internet sein, alle Sensoren und Smartphones in der Welt würden ihre Sinnesorgane bilden und die Rechenzentren ihr Gehirn, so dass sie alles sehen, hören und stets omnipräsent sein werde.

Das alles sollten Kirchen bedenken, wenn sie meinen, aus welchen Gründen auch immer die Digitalisierung primär begrüßen zu müssen. Gewiss gibt es diverse Pluspunkte digitaler Technologien, die kirchlich aufgegriffen werden könnten. Sollten beispielsweise künftig nicht mit Seelsorgern vor Ort vernetzte Kasualienportale im Internet zu geistlicher Attraktivität beitragen? In Österreich hat der Evangelische Bund bei einer Umfrage zum Verhältnis von Künstlicher Intelligenz und Religion auf seiner Facebook-Seite festgestellt: Gerade jüngere Leute sind recht angetan von einer Funktion des Amazon-Tools »Echo«, mit dem Antworten auf einfache seelsorgerliche Fragen gegeben und in Notsituationen schneller geliefert werden können als von Menschen36.

Das erinnert an die Geschichte von einer alten Dame, die einem entsprechenden Pflege-Roboter gerührt gesagt haben soll: »Danke, dass Sie meine Lebensge­schichte so geduldig angehört haben!« Doch wie verlogen ist das denn37? Da hat eben niemand zugehört (außer vielleicht Konzerne oder Geheimdienste)! Seelenlose Roboter sollen zur Stelle sein, wo seelsorgerlicher Trost gewünscht wird? Oder gar Segen spenden38? Kirche sollte nicht mit künstlicher, sondern mit geistlicher Intelligenz Präsenz zeigen, wo immer sie ihrem Auftrag nachkommen will, Zeuge Jesu Christi zu sein!


Zerstörung der Stille

Wer ein grandioses Ja zur Digitalisierung theologisch bestechenderweise mit dem Missionsgedanken zu rechtfertigen sucht, muss zweierlei in Rechnung stellen. Zum ersten ist mit dem Philosophen Byung Chul Han zu unterstreichen: »Das Medium des Geistes ist die Stille. Offenbar zerstört die digitale Kommunikation die Stille. Das Additative, das den kommunikativen Lärm erzeugt, ist nicht die Gangart des Geistes«39. Und zweitens gilt es die so offenkundig kritikwürdigen Aspekte digitaler Kommunikation einzukalkulieren – beispielsweise neben allem bereits Genannten verkürztes Denken und Reden40 und auch die Strahlenrisiken41 angesichts des mobil gewordenen Internets. Wäre nicht namentlich angesichts der ökologischen Lasten42 der umfassenden Digitalisierung gerade von kirchlicher Seite so etwas wie eine analoge Konterrevolution zu fördern? Wo bleiben theologisch begründete Aufrufe zum Aufwachen – in Analogie etwa zum Appell des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger43?

Wer gar virtuelle Gemeinschafts- und Gemeindeformen propagiert, läuft Gefahr, dass in der Folge eine problematische Mindergewichtung von Kirchengemeinden zu Gunsten digitaler Gemeinschaftsformen attraktiv erscheinen könnte. Dass Kirchengemeinden lange ein zentraler Ort der Gemeinschaft gewesen seien, ändere sich mit dem Rückgang des Gottesdienstbesuchs, und in Zeiten der Digitalisierung gebe es eine Alternative – so beinahe meint man es heute aus manch kirchenreformerischem Mund zu hören. Indes – diese Äußerung stammt aus dem Mund von Social-Media-Milliardär Mark Zuckerberg! Er äußerte zugleich, Facebook biete doch seinerseits ein Zusammengehörigkeitsgefühl: »Gemeinschaften schenken uns Sinn – egal, ob es Kirchengemeinden sind, Sportklubs oder Nachbarschaftsgruppen«, und Facebook sei »die neue Kirche«44. Bestätigt sich hier nicht oben zitiertes Reden von der technokratischen Ersatz- und Datenreligion?


Die eigene Digitalisierungs­euphorie selbstkritisch überdenken

Kirchliches Mitschwimmen im Schwarm45 des digitalen Zeitgeistes dürfte sich unter verändertem Blickwinkel bald schon als rückständig erweisen. Stünde es christlicher Kirche mittlerweile nicht besser an, sich auf die längst vorhandenen Opfer der sich krakenhaft ausbreitenden Digitalisierungsprogramme zu konzentrieren? Wie und wo kümmert sie sich ernsthaft um die Verlierer der digitalen Revolution, zu denen nicht nur Geschädigte des aufstrebenden Dataismus46, sondern auch Elektrosensible47 gehören? Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm fordert zurecht, angesichts der heutigen technologischen Entwicklungen seien auch und besonders diejenigen gründlich zu hören, die selber keine unmittelbaren Interessen mit deren Nutzung verbinden: »Sie müssen insbesondere dann gehört werden, wenn ihre Lebensmöglichkeiten dadurch sogar eingeschränkt werden.«48

Genau darauf sollten sich Kirchenreformprogramme unserer Tage im gewohnten Einsatz für benachteiligte Minderheiten stärker konzentrieren, also Opfer der technologischen Kulturentwicklung berücksichtigen, um dann freilich auch konsequent eigene Digitalisierungseuphorie selbstkritisch zu überdenken. Es an der Zeit, dass Theologie und Kirche sich neu darauf besinnen, in welcher Richtung die Zukunft liegt, an der sie sich zu orientieren haben49.


Anmerkungen:

1 http://w2.vatican.va/content/francesco/de/encyclicals/documents/papa-francesco_20150524_enciclica-laudato-si.html (Nr. 111).

2 Siehe https://www.elk-wue.de/leben/digitalisierungsprojekt/ (Zugriff 5.2.2018); dazu mein Artikel »Kirche pro oder contra Digitalisierung?«, in: EuK-Informationen 2/2018 (im Druck).

3 Dazu näherhin meine online publizierte Studie »Kirche profilieren – worauf konzentrieren? Zum ELKB-Reformprogramm ›Profil und Konzentration‹ (PuK)« auf http://kirchenbunt.de/werner-thiede-kirche-profilieren-worauf-konzentrieren/ (11.3.2018).

4 http://www.sonntagsblatt.de/artikel/kirche/was-ist-der-reformprozess-profil-und-konzentration-puk (Zugriff 5.2.2018).

5 Dazu der Artikel »Facebooks Schritte gegen den Hass« in der F.A.Z. vom 22.1.2018, 19.

6 Peter Praschl: Das Buch der Pandora, in: Welt kompakt vom 22.1.2018, 31. Nächstes Zitat ebd.

7 Vgl. Praschl, a.a.O., 31, und Gertraud Teuchert-Noodt: Cyberattacke auf die Nervennetze des Gehirns. Wohin führt die digitale Revolution?, in: Umwelt – Medizin – Gesellschaft 3/2017, 28-32.

8 Zit. nach Michael Witt: Schaltet das Handy die Beziehungsfähigkeit ab? in: Bild am Sonntag Nr. 4 vom 28.1.2018, 24-26, hier 24.

9 Zit. nach Praschl, a.a.O. 31.

10 Ich habe bereits vor einigen Jahren entsprechend gewarnt (zuletzt in meinem Buch »Digitaler Turmbau zu Babel. Der Technikwahn und seine Folgen«, München 2015, 99ff).

11 Vgl. Susanne Beyer/Romain Leick: Das unsterbliche Gerücht, in: Der SPIEGEL 24/2014, 59-65, hier 60.

12 Yval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen, München 2017, 497. Die negative Konsequenz lautet: »Homo sapiens ist ein obsoleter Algorithmus« (516).

13 Vgl. Philip N. Howard: Finale Vernetzung. Wie das Internet der Dinge unser Leben verändern wird, Köln 2016.

14 Vgl. Michael Betancourt: Kritik des digitalen Kapitalismus, Darmstadt 2018.

15 Vgl. Harari, a.a.O., 497ff. Dabei gilt: »Wie andere erfolgreiche Religionen ist auch der Dataismus missionarisch. Sein zweites Gebot lautet: Alles sollte mit dem System verbunden werden, auch die Abweichler, die nicht verbunden werden ­wollen …« (516f).

16 Vgl. Werner Thiede: Die digitalisierte Freiheit. Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion, Berlin 20142. Siehe ferner Yvonne Hofstetter: Das Ende der Demokratie. Wie die künstliche Intelligenz die Politik übernimmt und uns entmündigt, München 2016; Gerd Pfitzenmaier: Leben auf Autopilot. Warum wir der Digitalisierung nicht blind vertrauen sollten, München 2016.

17 Siehe https://www.ekd.de/volker-jung-debatte-digitalisierung-kuenstliche-intelligenz-34729.htm (Zugriff 16.6.2018).

18 Holger Volland: Die kreative Macht der Maschinen. Warum Künstliche Intelligenzen bestimmen, was wir morgen fühlen und denken, Weinheim/Basel 2018, 240.

19 Vgl. Max Tegmark: Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz, Berlin 2017, 239.

20 Dazu näherhin Johanna Haberer: Digitale Theologie, München 2015; Werner Thiede: Zunehmende Digitalisierung als Beschleunigung der Gesellschaft, in: Persönliche Mitteilungen des Pfarrerinnen- und Pfarrergebetsbunds Nr. 171, 2/2017, 23-31.

21 Zitiert nach EKD-Dossier Nr. 6/2014, 2.

22 Wolfgang Büchner: Kampf den Avataren, in: Der SPIEGEL Nr. 21/2014, 12. Übrigens prangte auf dem Titelblatt des SPIEGEL Nr. 10/2015 die Überschrift »Die Weltregierung. Wie das Silicon Valley unsere Zukunft steuert«.

23 Laut ideaSpektrum 5/2018, 7. Allerdings hat er kürzlich vor »falschen Internetgöttern« und quasi-religiösen Erwartungen im Zuge der Digitalisierung gewarnt (laut ideaSpektrum 27/2018, 8).

24 Vgl. https://basecamp.telefonica.de/event/glaube-am-godspot-gratis-wlan-fuer-die-kirchen-in-berlin-und-brandenburg/ (Zugriff 20.1.2018). Dazu meine Aufsätze »Godspot, Gottspott« (zeitzeichen 7/2016, 23), »›Godspot‹. Warum Kirche kein WLAN-Anbieter sein sollte« (DPfBl 11/2016, 652f) und »›Godspot‹: Knicken Kirchen vor dem Digitalismus ein?« (CA II/2016, 43-46).

25 Haberer, a.a.O., 189ff.

26 Gemäß ZDF-Text Tafel 154 (26.1.2018, 13.20 Uhr).

27 Harari, a.a.O., 526f. »Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste, aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir uns selbst?« (537).

28 Tonu Lehtsaar: Handy, in: D. Korsch/L. Charbonnier (Hg.): Der verborgene Sinn, Göttingen 2008, 206-214, hier 214.

29 dpa-Meldung: »Ermittler: Im Netz tummeln sich immer mehr Kriminelle« (zit. nach: Fränkischer Tag vom 27.12.2017, 1). Und: »Jeder Siebte nutzt illegale Angebote im Netz«, titelt die F.A.Z. vom 22.1.2018, 22.

30 Den Journalisten Thomas Fischermann und Götz Hamann zufolge steuert das Internet auf die größte Krise seiner Geschichte zu (Zeitbombe Internet. Warum unsere vernetzte Welt immer störanfälliger und gefährlicher wird, Gütersloh 2011, bes. 12, 129 und 234). Aktuell warnt sogar der Verfassungsschutz vor Cyber-Attacken auf Infrastruktur (http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/verfassungsschutz-warnt-vor-cyberattacken-auf-infrastruktur-15588804.html), zuletzt sehr konkret am 13.6.2018. Wann wird man endlich wieder auf den viel sichereren analogen Betrieb zurückkommen?

31 Vgl. z.B. Werner Thiede: Widerspruch vergeblich? Bayern will Wasserzähler mit Funkmodul in jedes Haus bringen, in: Bayerische Staatszeitung Nr. 49/2017 vom 8.12.2017, 18.

32 Vgl. Evgeny Morozov: The Net Delusion. The Dark Side of Internet Freedom, New York 2011.

33 Siehe dazu meine Aufsätze »Die Beschleunigungsgesellschaft. Wie digitales Tempodiktat dem Posthumanismus zuarbeitet« (Materialdienst der EZW 5/2015, 164-172) und »Zunehmende Digitalisierung als Beschleunigung der Gesellschaft« (Persönliche Mitteilungen des Pfarrerinnen- und Pfarrergebetsbunds Nr. 171, 2/2017, 23-31).

34 Vgl. z.B. Oliver Krüger: Virtualität und Unsterblichkeit. Die Visionen des Posthumanismus, Freiburg i.Br. 2004; Philipp von Becker: Der neue Glaube an die Unsterblichkeit. Zur Dialektik von Mensch und Technik in den Erlösungsphantasien des Transhumanismus, Wien 2015.

35 Vgl. Patrick Beuth: Man kann Kirche nicht ohne KI schreiben, in: ZEIT ONLINE vom 18.11.2017 (https://www.zeit.de/digital/internet/2017-11/way-of-the-future-erste-kirche-kuenstliche-intelligenz (Zugriff 9.6.2018)).

36 Siehe https://evang.at/evangelischer-bund-umfrage-zu-kuenstlicher-intelligenz-und-religion/?highlight=digitalisierung (Zugriff 9.6.2018).

37 Mehren sich in der digitalisierten Gesellschaft nicht sichtlich die Lügen, etwa die sogenannten Fake-News? Vgl. Robert Trivers: Betrug und Selbstbetrug. Wie wir uns selbst und andere erfolgreich belügen, Berlin 2013; Werner Thiede: Die Wahrheit ist exklusiv. Streitfragen des interreligiösen Dialogs, Gießen 2014.

38 Zum 500. Jubiläum der Reformation ist auf der Weltausstellung in Wittenberg ein Roboter namens Bless U-2 zum Segnen eingesetzt worden. Wenn aber ein digitaler Apparat »Ich segne dich« spricht, welch ein Subjekt redet und handelt denn da? Segen erfolgt immer unmittelbar durch Personen – durch Wesen also, die selbst einen wie auch immer gearteten Gottesbezug in sich haben und lieben können.

39 Byung-Chul Han: Im Schwarm. Ansichten des Digitalen, Berlin 2013, 32.

40 Vgl. z.B. Nicholas Carr: Wer bin ich, wenn ich online bin … Und was macht mein Gehirn solange? Wie das Internet unser Denken verändert, München 2010; Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012; ders.: Cyberkrank! Wie das digitalisierte Leben unsere Gesundheit ruiniert, München 2015

41 Dazu Werner Thiede: Mythos Mobilfunk. Kritik der strahlenden Vernunft, München 2012; Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie e.V. (Hg.): Gegen Irrwege der Mobilfunkpolitik – für Fortschritte im Strahlenschutz. Kritische Bilanz nach einem Vierteljahrhundert des Mobilfunks, St. Ingbert 2017. Von daher wäre auch der Einsatz des neuen, hinsichtlich seiner biologischen Effekte noch kaum erforschte 5G-Mobilfunk zu kritisieren, zumal dieser ab 2019 mithilfe von ca. 20.000 Satelliten auf jeden Fleck unseres Planeten gebracht werden soll ­(siehe https://www.golem.de/news/spacex-elon-musk-will-11-943-satelliten-fuer-das-internet-1703-126545.html).

42 Allein die für den fortschreitend umgesetzten Digitalverkehr erforderlichen Supercomputer-Anlagen fressen etwa so viel Energie wie der gesamte weltweite Flugverkehr (vgl. Franziska Meister: Technototalitäre Visionen, in: Wochenzeitung [Schweiz] Nr. 4/2013, 20-21). Die IT-Branche wächst rasant – und damit auch ihr Energieverbrauch. Niklas Schinerl warnt als Greenpeace-Experte für Energie: »Schon jetzt verbrauchen Internetnutzer beim Streamen von Musik und Filmen gigantische Mengen an Strom. Wäre das Internet ein Land, so hätte es weltweit den sechstgrößten Stromverbrauch« (https://www.greenpeace.ch/2017/01/10/energieverbrauch-von-internetfirmen/ (Zugriff 30.1.2018)).

43 Siehe Hans Magnus Enzensberger: Wehrt Euch! (in: F.A.Z. vom 28.2.2014).

44 Laut idea Spektrum Nr. 27/2017, 7.

45 Vgl. Han: Schwarm, a.a.O., 107: »An die Stelle der durch Folter erpressten Geständnisse treten die freiwillige Ausstellung der Privatsphäre und die digitale Ausleuchtung der Seele.«

46 Das betrifft z.B. Ausspähungen aller Art und damit um ihre Privatsphäre Geprellte (Neuwagen sind seit April verpflichtend mit eCall auszustatten!), funkende Strom- und Wasserzähler (dazu mein Aufsatz »Akzeptanzzwang zu funkbasierten Messsystemen? Ein No-Go für Freiheitsliebende, Gesundheitsbewusste und Elektrosensible, in: Umwelt – Medizin – Gesellschaft 2/2017, 33-41) und die Versuchungen des Smart Home (hierzu mein Beitrag »Smartes Heim«, in: Evangelische Arbeitsgemeinschaft Familie NRW [Hg.]: leben – lieben – liken. Familie und Digitalisierung, Düsseldorf 2017, 72-77).

47 Vgl. Christine Aschermann/Cornelia Waldmann-Selsam: Elektrosensibel. Strahlenflüchtlinge in der funkvernetzten Gesellschaft, Aachen 2018; European Academy for Environmental Medicine (Hg.): Leitlinie 2016 zur Prävention, Diagnostik und Therapie EMF-bedingter Beschwerden und Krankheiten, Hermeskeil 2016.

48 Heinrich Bedford-Strohm: Position beziehen, München 2013, 105f.

49 Vgl. Werner Thiede: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? Impulse für eine neue Kursbestimmung, Darmstadt 2017, bes. 22-41.


 

Über den Autor

Prof. Dr. Werner Thiede, Pfarrer der ELKB, apl. Professor für Syst. Theologie an der FAU Erlangen und Publizist (www.werner-thiede.de); jüngste Veröffentlichungen: Evangelische Kirche – Schiff ohne Kompass? Impulse für eine neue Kursbestimmung (Darmstadt 2017); Überm Chaos heiliger Glanz. Glaubensgedichte (Neuendettelsau 2018).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

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29.08.2018
Ein Kommentar von Peter Hensinger


Digitalisierung: wo bleibt die Reflektion der Kirchen? Prof. Thiedes Appell an die Kirche, sich einen fundierten Standpunkt zu den Folgen der Digitalisierung zu erarbeiten, statt im Mainstream mitzuschwimmen, kann man nur bekräftigen. Die mobilen digitalen Medien sind die Nabelschnur zu den IT-Konzernen, um Bürger auszuspionieren. Daten für deren BigData-System liefern Bürger über das Internet der Dinge (IoT): Die vernetzten Geräte im SmartHome: Smart Meter, Smart Grid, Alexa, dem intelligenten Kühlschrank, dem vernetzten Fernseher und Saugroboter, über ihre Smart¬phones, TabletPCs, smarte Armbanduhren, Google, Facebook, Twitter, Instagram oder WhatsApp. Algorithmen verarbeiten in Echtzeit die Daten, erstellen von jedem Bürger einen digitalen Zwilling als Grundlage für die das Anheizen des Konsums und die Steuerung des Zusammenlebens. "Man kann sehen, dass der öffentliche Raum als gemeinsamer Ort des Wissens und der Erfahrung aufgelöst wird, wenn private Daten nicht geschützt werden. Die Gesellschaft wird atomisiert in ihrer Fähigkeit miteinander zu entscheiden, weil jeder eine andere Information über die vermeintliche Wirklichkeit besitzt," schreibt der Informatiker Dr. Werner Meixner in der Süddeutschen Zeitung (7.5.2018)(1). "Man muss sich Alexa vorstellen wie die Erweiterung des Gehirns", so drückt Alex Kaiser vom deutschen Alexa-Team die IT- Allmachtsvorstellungen aus (Stuttgarter Zeitung, 27.8.2018, S.2). An diesem Überwachungs- und Abhängigkeitssystem hat auch der Staat größtes Interesse. Im Interview mit den Fürther Nachrichten (14.08.2018) warnt der ehemalige Bundesinnenminister Baum: „Die Daten geben Auskunft über uns, über alle Lebensbereiche. Sie können miteinander tausendfach verbunden werden und legen unser Leben offen. Das ist das erste Mal in der Geschichte der Menschheit, dass uns der Staat sogar beim Denken zusehen kann.“ Der Internetpionier Jaron Lanier gesteht, das Internet sei von Anfang an unter Ausnutzung der Kenntnisse der Neurobiologie über Suchtmecha¬nismen und des Behavor¬ismus über Konditionierung konzipiert worden, als eine „unaufhörliche Verhaltensmodifikation in gigantischem Umfang“ (3) . „Die von uns entwickelten, schnell reagierenden, dopamingetriebenen Feedbackschleifen zerstören, wie die Gesellschaft funktioniert“, zitiert er den früheren Facebook-Vizepräsidenten Palihapitiya. Kein Zufall, so Lanier, dass die Kinder dieser Manager im Silicon Valley Waldorf Schulen besuchen, „an denen elektronische Geräte prinzipiell verboten sind“. Mit WLAN in Kirchen und BibelApps integriert sich die Kirche in dieses System. Die Konzerne sehen nun auch bei der Andacht zu. Betrachten wir diese Veränderungen aus einer historischen Perspektive. Jahrhundertelang bestimmte ein Gott, der alles sieht und hört, und dessen Lehre Regeln aufstellt, was der Mensch zu tun hat, weil er unvollkommen, ja sündig sei. Die wissen¬schaftlich-technische Revolution erforderte eine neue Ideologie, den Humanismus. Der Mensch und seine Erkenntnisse, sein freier Wille, auch Bedürfnisse und Gefühle standen nun im Mittelpunkt. Das wird nun durch eine erneute Dehumanisierung abgelöst. Die Googlification und Digitalisierung aller Lebensbereiche wird von einer neuen Fortschrittsideologie begleitet, einer neuen Religion, dem Dataismus und Transhumanismus. Die Silikon-Valley Digitalisten postulieren, wie einst die Kirche: der Mensch ist unvollkommen, fehlerbe-haftet. Sie streben Vollkommenheit durch künstliche Intelligenz an. Die künstliche Intelligenz basiere auf objektiven Daten und Algorithmen und müsse deshalb Grundlage der Steuerung aller gesellschaft¬lichen Prozesse werden. Das Daten-Ich wird zum Avatar, zum lebenslangen Über-Ich. Der renommierte Schweizer Think Tank Gottlieb-Duttweiler Institut (GDI) sieht die Entwicklung so: "Algorithmen nehmen uns immer öfter das Suchen, Denken und Entsche¬iden ab. Sie analysieren die Datenspuren, die wir erzeugen, entschlüsseln Verhaltens¬muster, messen Stimmungen und leiten daraus ab, was gut für uns ist und was nicht. Algorithmen werden eine Art digitaler Schutzengel, der uns durch den Alltag leitet und aufpasst, dass wir nicht vom guten Weg abkommen"(2). Das GDI benutzt religiöse Analogien. Der allwissende Gott wird durch BigData und unfehlbare Algorithmen ersetzt. Diese Silicon-Valley Ideologie als Überbau rechtfertigt die Digitalisierung: menschliche Arbeit soll von Robotern über¬nommen werden, der Autofahrer wird ersetzt durch das autonome Auto, die SmartCity übernimmt die Organisierung des Alltages, im SmartHome übernimmt das die Stimme von Alexa und GoogleHome. Die Lernfabrik 4.0, die SmartSchool, macht den "unvollkommenen" Lehrer überflüssig. BigData macht den Nutzer gläsern. Die Algorithmen, die die Konzerne programmieren, um gesellschaft¬liche Prozesse zu steuern, sind jedoch deren Geschäfts¬geheimnis. Der Algorithmus ist der neue Gott, der Kirche ersetzt. Warum schwimmen die Kirchen dabei unreflektiert mit? Weil diese Dehumanisierung der "alternativlose" Fortschritt ist? (1) Werner Meixner, TU München: Eleven-Eight: Was ist schief gelaufen mit dem Internet? Wahlmanipulation macht Gefahren des Internet sichtbar, Süddeutsche Zeitung, 7. Mai 2018 (2) GDI (GOTTLIEB DUTTWEILER INSTITUTE) (2014): Die Zukunft der vernetzten Gesellschaft, Karin Frick, Bettina Höchli, Zürich (3) (Lanier, J (2018): Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst, Hamburg, S.13,16, 22

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