Was Christen schon immer von Juden wissen sollten, aber erst jüngst zu fragen begannen
Luther, der Protestantismus und die Juden

Von: Walter Rothschild
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Für einige Protestanten ist es in den letzten Jahren plötzlich sehr wichtig geworden, zu fragen und wissen zu wollen, was »die Juden« über »den Protestantismus« denken. Das ist ein Fortschritt, weil es fast 500 Jahre lang für sie irrelevant war, was die Juden dachten – »die Juden« waren sowieso ein »ausgestoßenes« und »von Gott verachtetes Volk«! Der ehemalige Rabbiner Walter Rothschild beantwortet die Frage nach der Sicht auf Luther, die Reformation und den Protestantismus auf seine ganz persönliche und humorvolle Weise.


Wenn für Luther nur der Glaube zählte – nach dem Römerbrief – nur Christus, nur Glauben – »sola gratia, sola fide propter Christum« – dann war es für ihn unmöglich, sich irgendwelchen anderen Glaubensformen anzunähern oder sie zu respektieren. »Andere« bedeutete für ihn zwangsläufig »falsch«. Mehr war nicht darin, es blieb nur die Frage, wie man dann mit diesen anderen umgehen sollte. Einige christliche Theologen finden das heute peinlich, suchen eine »Apologie« dafür, möchten das irgendwie mildern oder Ausreden für seine Gedanken suchen – aber das finde ich persönlich unnötig: Er war, wer er war, er sagte, was er sagte, er schrieb, was er schrieb.

Also: Hier und heute geht es eigentlich um die umgekehrte Frage – nicht: Was denkt oder dachte der Protestantismus über »das Judentum« (oder: »die Juden«?), sondern: Was denken »die Juden« über »den Protestantismus«?


»Keiner kommt zum Vater denn durch mich«?

Zuerst müssen wir ein bisschen weiter zurückschauen. Das Verhältnis zwischen dem Judentum und dem Christentum, das sich ja aus einer jüdischen Reformbewegung entwickelte, wird besonders von zwei Bibelversen vergiftet. Der eine ist Joh. 14,16: »Keiner kommt zum Vater außer durch mich.« Bisher war alles, worüber in den Aussprachen Jesu berichtet wurde, im Wesentlichen sehr jüdisch und passte zu den rabbinischen Diskursen seiner Zeit. Plötzlich (und einige Theologen werden sagen, relativ spät im Vergleich zu anderen Evangelien und Texten aus der neuen Sammlung, die später als »Neues Testament« firmierte) – gibt es einen Monopolanspruch. Das ist nicht jüdisch, erst recht nicht nach der rabbinischen Lehre, und steht im Gegensatz zur biblischen Perspektive.


Gefährliche Religion

Dann gibt es Mt. 27,25: Kurz vor der Kreuzigung, als Pilatus ein Kompromissangebot macht, »da rief das ganze Volk: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Ob die Juden das damals an jenem Ort wirklich gesagt haben oder nicht, wissen wir nicht. – Das heißt aber, es ist alles eine »Glaubenssache«, ob man den Evangelien glaubt, vier Berichten über die gleiche Person, die nicht miteinander übereinstimmen und sich manchmal widersprechen. – Dazu kommt die Frage, wie man diesen Vers sowohl theologisch als auch politisch verstehen soll. Für das Christentum, das an eine Erbsünde glaubt, gibt es ein Konzept, wonach man bestraft werden kann für das, was frühere Generationen getan haben. Ist dieser Vers aus dem Matthäusevangelium eine neue Erbsünde, eine Klage, die man auch gegen Menschen vorbringen kann, die mehrere Generationen später und an völlig anderen Orten lebten …?

Muss theologisch nicht auch auf Lev. 16 hingewiesen werden, wo beschrieben wird, wie ein Bock nicht für Gott auf dem Altar geopfert wurde, sondern alle Sünden des Volkes wurden durch die Hand des Hohepriesters auf den Kopf des Bocks übertragen und dieser Bock wurde danach in die Wüste getrieben, »le-Asasel«, um dort zu sterben?

Politisch wurde dieser Vers geschrieben, um die Schuld von den Römern wegzunehmen – damals hatte das Christentum ein großes Interesse daran, innerhalb des Römischen Reiches akzeptiert zu werden, damit es sich verbreiten konnte –, und alle Vorwürfe und potentiellen Probleme wies man lieber den Juden zu. Also, nicht der römische Statthalter Pontius Pilatus, der im ganzen Römischen Reich als besonders brutal bekannt war, sollte für den Tod Jesu verantwortlich gemacht werden, sondern »die Juden« – ein undifferenzierter Mob.

Tatsache ist leider, dass seit fast 2000 Jahren unschuldige Juden und Jüdinnen in Europa gefoltert und ermordet, vertrieben und massakriert wurden, nur wegen dieses Verses. Selten hat ein einziger biblischer Vers so viel Leid verursacht. (Man kann auch an andere Gruppen denken, die durch Bibelverse gelitten haben und leiden – die Unterdrückung der Frauen basiert auf Fehlinterpretationen von Gen. 3 oder die Geschichte mit den ­»Hamiten«, die zurückgeht auf den Fluch ­Noachs in Gen. 9,25, der als Basis für die Apartheid in Afrika benutzt wurde.)

Ja, Religion kann sehr gefährlich sein. Und was soll man aus »Auf diesen Fels werde ich meine Kirche bauen« machen (Mt. 16,18), der später als ein Grundstein für die katholische Kirche verstanden wurde?


Das Hauptproblem der Christen

Es gibt natürlich auch andere Gründe für eine Verzweiflung. Seit 500 Jahren gibt es den Protestantismus – und trotzdem gibt es immer noch viele Katholiken, d.h. diese Bewegung innerhalb des Christentums hat es nicht geschafft, alle Christen zu überzeugen bzw. sie von der Korruption Roms und dessen Autoritarismus wegzulenken! Und umgekehrt auch: seit 500 Jahren gibt es Protestanten, d.h. die katholische Kirche hat es immer noch nicht geschafft, trotz großer Gewalt und riesiger Kriege, trotz Inquisition, dieses Gedankengut total auszurotten und sich als die einzig wahre Kirche mit dem einzig wahren Glauben durchzusetzen! Stattdessen mussten und müssen diese zwei großen Strömungen lernen, miteinander oder zumindest in Europa nebeneinander zu leben (von den anderen großen Kirchen, den Orthodoxen, den Kopten und anderen nicht zu reden …).

Das Hauptproblem für Christen ist ganz einfach: Es gibt noch immer andere Religionen, Menschen die einen anderen Glauben haben, eine andere Perspektive, die aber nicht einfach nur als Heiden ignoriert werden können, oder als Menschen, die das Wort Gottes noch nicht gehört haben. Vielmehr sind es Menschen, die es doch sehr wohl gehört, aber nicht geglaubt haben, die nicht daran glauben können. Ist es dann wirklich das Wort Gottes? Hätte Gott das alles nicht besser arrangieren können, damit alle mit Freude diese Botschaft annehmen und alles akzeptieren? Und wenn nicht, was sagt das über das Konzept »Mission«? Wie freiwillig muss die Taufe sein? (Hier gibt es, wie wir wissen, Unterschiede zwischen denen, die bereit sind, Neugeborene zu taufen, und jenen, die erwarten, dass die Taufe als Entscheidung von unterwiesenen und gebildeten Erwachsenen verstanden und geglaubt werden soll … also, ob die Taufe etwas Magisches ist und man sie nicht verstehen muss, oder ob sie ein bewusstes Symbol für ein neues Verständnis von Gott ist).


Wie Mission unter Heiden funktioniert …

Ich möchte dieses Szenario so formulieren oder darstellen: Eines Tages kommt ein Bote zu den Heiden im wilden Schottland oder Irland oder Afrika – oder zu denen in Mittelasien – und sagt zu ihnen: »Hey, Leute, es gibt ein Gott! Einen einzigen Gott! Der die ganze Welt geschaffen hat! Der mächtiger ist als alle anderen Götter, denen Sie zurzeit dienen! Und noch mehr – dieser Gott liebt Euch! Er möchte, dass Sie alle ihn auch lieben und dann wird er Euch ins Paradies bringen!« Und die Leute, die das hören, denken: »Ai, das ist so viel besser als an verschiedene kinderartige Göttlein und Götzen zu glauben, die nur ihren eigenen Interessen dienen, die sich nur für das Fressen unserer Gaben und für Sex mit unseren Töchtern interessieren, die regelmäßig Menschenopfer verlangen und insbesondere Jungfrauen, weil sie sonst einfach keine Lust haben, ­morgens aufzuwachen und uns Licht zu geben! Ja, ich möchte gern an das, was dieser Herr uns sagt, glauben und bin dankbar dafür, dass dieser Gott ihn zu uns geschickt hat!«


… und unter Juden nicht

Und dann kommt dieser Bote zu einer jüdischen Gemeinde. »Hey, Leute!«, beginnt er. »Es gibt einen Gott! Einen einzigen Gott! Der die ganze Welt geschaffen hat!« »Wissen wir schon, danke!«, sagen sie. »Und er ist mächtiger als alle anderen Götter, denen Sie zur Zeit dienen!«, sagt er. »Aber das machen wir gar nicht!«, antworten sie. »Und noch mehr – dieser Gott liebt Euch!« »Danke, aber das wissen wir auch! – Wir haben sogar einen Brit, einen Bund mit ihm, wir sind Partner. Er hat uns schon mehrmals gerettet, weißt du, zunächst aus der Sklaverei in Ägypten. Das haben wir nie vergessen!« »Er möchte, dass Sie alle ihn lieben und dann wird er Euch ins Paradies bringen!« »Ja, dafür haben wir die Mitswot, danke! Wir müssen ihm nur sagen, dass wir für all unsere Segnungen dankbar sind und einander in Acht halten und zusammenhalten, dann werden wir in den Olam Haba, in die kommende Welt hinein gelangen. Also, danke für die Mühe, aber heute wollen wir nichts Neues kaufen, ok?« Und wenn er behauptet, dieser Gott hat seinen eigenen Sohn – oder sogar einzigen Sohn? – abschlachten und hinrichten lassen, nur um ein Versprechen zu erfüllen und eine Zukunft zu etablieren, dann sagen die Juden: »Meine Güte, aber was die Leute heutzutage bereit sind, alles zu glauben! Nein danke, an sowas, an einem solchen Gott können wir überhaupt kein Interesse haben. Sogar unserer Vater Avraham musste das nicht tun. Auf Wiedersehen.«

Und dieser Missionar geht frustriert und wütend weg und berichtet seinem Vorgesetzten: »Hier ist ein widerspenstiges Volk! Ein hartnäckiges Volk! Ein Volk, das keinerlei Interesse an unserer Guten Nachricht, unserem Evangelium hat! Ein Volk, das behauptet das Wort Gottes schon zu haben, sogar schriftlich! Und das es anders interpretiert als wir! Leute – kann man sie überhaupt als »Menschen« definieren? Sind sie nicht Halb-Teufel, die nicht bereit sind, Jesus als ihren Erlöser zu akzeptieren? Wir sollten und müssen sie verfluchen!«

Und das wurde getan. Die Folgen kennen wir: Vertreibungen, Verbannungen, Scheiterhaufen, Talmud-Verbrennungen, Kreuzzüge …


Die Wahrheit und das Recht des Späteren?

Noch schlimmer für das Christentum als Ganzes ist es, dass sich eine neue Religion weltweit entwickelt hat, die nach dem Christentum entstanden ist, welche behauptet, ein noch besseres Verständnis von Gottes Willen zu haben und noch besser zu sein, was durch ihren späteren Prophet Mohammed geschehen ist, der auf die Erde geschickt wurde! Wenn das Christentum gegenüber dem Judentum sagt: »Später ist besser!« – was kann man anderes tun, als eine noch spätere Lehre zu entwickeln und sie durch Gewalt und Mission zu verbreiten?

Und dann gibt es so viele andere Sekten und Glaubensrichtungen – Adventisten, Mormonen, mehr-oder-weniger fundamentalistische Gruppen … Die Dreifaltigkeit ist längst zu einer Drei-Tausend-Fältigkeit angewachsen.

Egal, was christliche Theologen sagen, so sieht das Christentum aus, von außen betrachtet. Und wir Juden sind und bleiben draußen.


Wege, die sich trennen

Wie wir wissen, gingen die zwei Lehren kurz nach dem Tod Jesu auseinander – sie hatten nach ca. 100 Jahren andere Gebetssprachen, andere Schabbattage und immer weniger gemeinsam. Die frühe Kirche hatte viele Schwierigkeiten zu überwinden, um sich zu definieren; es gab viele andere Ideen und Doktrinen und Konzepte, die alle akzeptiert werden wollten. Es gab mehrere Konzile und Streitschriften, bevor sich das, was wir heute als »Kanon« des Neuen Testaments kennen, etabliert hatte und eine gewisse Struktur mit Bischöfen, Priestern und Diakonen entstanden war.

Genau wie heutzutage die meisten Koranexperten den Koran nur in Übersetzungen lesen können, gab es damals viele »Bibelexperten«, die die Torah, die Weisheitsliteratur und die Prophetenschriften nur in griechischen Übersetzungen wie der Septuaginta lesen konnten – oder auch in Lateinisch oder Syrisch, aber nicht mehr in der Ursprungssprache. Und mit jeder neuen Übersetzung gab es neue Interpretationen und – man muss es leider sagen – Fehler und Fehlinterpretationen. Die Propheten wurden durchkämmt auf Hinweise für die gegenwärtige Zukunft – als ob ein Jesaias oder ein Amos oder ein Hosea mehrere 100 Jahre zuvor wirklich an einen Wanderprediger aus Galiläa in der Zukunft hätten denken können. (Das ist für Juden etwa so wie dieses plötzliche Interesse an sog. »Bibel Codes«, wo man jeden siebzehnten Buchstaben rückwärts lesen muss, damit dann das Wort »Stalin« oder ähnliches ans Licht kommt! Völlig blöd!)


Desinteresse an jüdischer Lehrtradition

Das ist insofern besonders relevant, weil viele von den frühen Protestanten behaupteten, zur ursprünglichen hebräischen Sprache zurückkehren zu wollen und den Bibeltext neu zu übersetzen, dabei aber wenig oder kein Interesse an der jüdischen Auslegungstradition hatten. Wichtig war ihnen nicht, wie jüdische Gelehrte bestimmte Bibelstellen verstanden hatten, sondern wie man diese Stellen, aus dem Kontext herausgerissen, für den eigenen theologischen Zweck brauchen – oder missbrauchen – konnte.

Ein berühmtes Beispiel ist natürlich Jes. 53 und der leidender Diener, »verachtet und gemieden von Menschen« (V. 3), aber auch die ganze Frage einer jungfräulichen Empfängnis und Geburt, die nur auf eine Fehlinterpretation von Jes. 7,14 zurückgeht, wo im hebräischen Text das Wort »Almah« – eine junge Frau – steht. Das wurde in der Septuaginta, der griechischen Version der Bibel, als »Parthena«, »Jungfrau« übersetzt – obwohl das hebräische Wort für »Jungfrau« ein ganz anderes ist, nämlich »Betulah«. Wenn man bedenkt, wie viele Christen sich heutzutage mit der Jungfräulichkeit Marias beschäftigen, in ihren Gebeten und Schriften und Visionen und Fantasien, ist es traurig, das mit anzusehen. Und für viele Christen ist das natürlich auch etwas Irrelevantes, fast ein Gräuel, ein Konzept, das aus einer anderen östlichen Religion übernommen wurde.

Aber auch Dr. Martin Luder oder Luther aus Eisleben und Wittenberg interessierte sich nicht für jüdische Interpretationen, auch wenn er versuchte, alles neu aus dem Hebräischen ins Deutsche, seiner Landessprache, zu übersetzen (und dabei, wenn nötig, eine neue Sprache entwickelte).

Und sogar jüdische Bibeln sind problematisch. Sie haben fehlende oder zusätzliche Buchstaben, kleine Widersprüche … die Masoreten im 8. christlichen Jahrhundert kämpften mit den Problemen einer Tradition, wo alles per Hand wiederholt kopiert werden musste. Es musste eine von allen ­akzeptierte »Einheitsversion« hergestellt ­werden.


Übersetzen – Kommentieren – Interpretieren

Wie wir wissen, war es schon damals ein sehr gefährliches Unterfangen, die Bibel zu übersetzen – die Kirche wollte keine Übersetzungen und viele Gelehrte kamen auf den Scheiterhaufen dafür! Auch in England (Wyclif und andere). Die Kirche wollte den Text für sich allein behalten, nur für die, die Lateinisch und Griechisch gelernt hatten. Und das, obwohl die Übersetzung der Bibel in andere Sprachen für Juden schon damals ganz normal war. Sie wurde zunächst ins Aramäische übersetzt, das sind die Targumim, aber sie wurde auch sogar ins Jiddische übersetzt, damit die Frauen und Ungelehrten das verstehen konnten! Die Bibel wurde in den Synagogen und Lehrhäusern vorgelesen und interpretiert und kommentiert und weiter kommentiert. Es gab bei den Kommentaren keine Einzelversion als Monopoldarstellung, als Dogma, sondern jeder Rabbiner durfte seine eigene Meinung und Interpretationen hinzufügen, und viele davon wurden veröffentlicht. Ein pluralistisches, freies Denken!


Luthers Fehleinschätzung

Für Luther war es schwierig zu verstehen, wie andere außer er ihm selbst Meinungen dazu haben konnten, und viele denken, seine antijüdischen Spätschriften seien aus der gleichen Frustration und Enttäuschung entstanden, die wir gerade bei den frühen Missionaren gesehen haben. Nach einem Bericht hat Luther im Jahr 1518 mit einigen Rabbinern gesprochen, die nach Wittenberg angereist waren, um mit ihm zu reden – aber er konnte ihnen nicht erlauben ihre eigenen Interpretationen zu haben! Und das soll angeblich die allerletzte Begegnung zwischen Luther und gläubigen Juden gewesen sein.

Eine Theorie lautet, er glaubte, die Juden wollten sich nicht zum Glauben an Jesus bekehren, weil so viele andere blöde und abergläubische Extras damit verbunden waren in der katholischen Lehre. Luther glaubte, man müsste nur alles im Christentum wieder reinigen und säubern, und zurück zu einem Ur-Glauben an Jesus kommen, und dann würden auch die Juden das endlich akzeptieren. Aber sie haben es nicht getan! Es war eine Fehleinschätzung!

1523 schrieb er, dass Jesus »ein geborener Jude sei« – für uns war das keine Überraschung. Er dachte, dass das »vielleicht auch der Juden etliche möchte zum Christenglauben reizen«, weil wenn nur alle Gegner, die Päpste und Bischöfe und andere »Eselköpfe« verschwunden wären, das Christentum endlich attraktiv sei. »Und wenn ich ein Jude gewesen wäre und hätte solche Tölpel und Knebel gesehen den Christenglauben regieren und lehren, so wäre ich eher eine Sau geworden denn ein Christ«, schrieb er. Trotz allem – wie ich schon geschildert habe – auch wenn das Christentum gereinigt worden war, hatte es für Juden wenig Neues anzubieten!


Frustrierter Liebhaber

Es gibt nichts Wütenderes als einen frustrierten Liebhaber; und die Liebe schlägt sehr schnell in einen tiefen Hass um. 1538, also 15 Jahre später, griff Luther »die Sabbater« scharf an – in dieser Schrift hat er mehr gegen den jüdischen Einfluss auf das Christentum gekämpft als umgekehrt. Berühmt geworden ist aber seine Schmähschrift von 1543. Wenn er nur drei Jahre früher gestorben wäre, hätte er das nicht schreiben können und vielleicht wäre sein Ruf heute besser. Der Inhalt dieser Schrift »Von den Juden und ihren Lügen« ist wohl bekannt. Theologen können sagen, er habe nur geschrieben, was viele andere zu dieser Zeit geschrieben und gepredigt haben, er war nur »ein Mann seiner Zeit«, aber das ist für mich als Jude kein Trost. Das würde bedeuten, dass er die Zeiten nicht geändert hat und alles so blieb, wie es war, mit Judenhass angefüllt.

Obwohl sie angeblich nicht so berühmt geworden ist wie seine anderen Schriften, wurde diese Schrift von den Nazis gern als Musterbeispiel genommen. Und so lese ich in »Der Jude mit dem Hakenkreuz« (Lorenz S. Beckhardt, Aufbau Verlag, 123) folgendes: »›Steckt Ihre Synagogen und Schulen an! Zerstört Ihre Häuser! Auf dass sie wissen, sie sind nicht die Herren in unserem Land!‹ – so hatte es Martin Luther 1543 in ›Von den Juden und ihren Lügen‹ geschrieben. Wenige Protestanten vermochten 400 Jahre später Luther zu zitieren, aber das Denken vieler Pfarrer blieb von dessen Antisemitismus geprägt. … In Sonnenberg (nahe Wiesbaden) waren 80 Prozent der Bevölkerung evangelisch. Während die wenigen Katholiken, die erst 1890 eine Pfarrei mit eigener Kirche bekamen, noch 1933 Zentrum wählten, liefen die Protestanten allmählich zu den Nazis über. Der Rhein war zu einer Weltanschauungsgrenze geworden. Im katholischen Mainz erklärte der Bischof, dass die gleichzeitige Mitgliedschaft in der Kirche und der NSDAP unvereinbar sei, während in Wiesbadens größter evangelischer Gemeinde ein fanatischer Nationalsozialist predigte. Bürgerliche Existenzangst und protestantischer Antisemitismus, das war die Erfolgsmischung der Wiesbadener Nazis.«

Und: »Nach der Reichstagwahl von 14. September 1930: Die NSDAP war mit 18.3 Prozent der Stimmen zur zweit-stärksten Partei nach der SPD aufgestiegen. Sechseinhalb Millionen Deutsche hatten Hitler gewählt, vor zwei Jahren waren es noch 800.000 gewesen. Hitler hatte 50 Mandate vorausgesagt. Nun waren es 107 geworden, und die Nazis hatten nicht genug Kandidaten auf der Liste, um die Mandate zu besetzen. In Wiesbaden wie in den meisten protestantischen Regionen landete die NSDAP sogar auf Platz 1. Der Erfolg beruhte vor allem auf dem Zuspruch der Jugend« (139).

Dann kam der 9. November 1938, den Rest kennen wir schon.


Die Reformation – eine Enttäuschung

Für Juden bedeutete es eine Enttäuschung. Aus der Reformation gegen Autoritarismus und Dogmatismus und Ignoranz ist ein Bewegung entstanden, die – aus unserer Perspektive – nicht viel anders war als die vorherige. Jetzt, wo es kaum mehr Juden in Europa gibt, wo es – meiner Meinung nach – fast zu spät ist, hat man in den Kirchen die jüdische Lehre und die rabbinischen Auslegungen und jüdischen Rituale neu entdeckt, und das ist, sozusagen, gut so. Aber es ändert nichts an der Vergangenheit.

Luther allein trägt nicht die ganze Schuld, aber wenn eine Kirche sich auf einen sterblichen Mann und seine Lehre beruft, muss der ganze Luther in den Blick genommen werden und man darf nicht nur selektiv sein. Ich frage mich, was der Dr. Martin Luther aus Eisleben jetzt denkt und was sein jüdischer Jesus ihm inzwischen beigebracht hat …

 

Über den Autor

Rabbiner Dr. Walter Rothschild, 1984 in London ordiniert, nach sechs Jahren Studium am Leo Baeck-College einschließlich eines Jahres in den Niederlanden und einem Jahr in Jerusalem Rabbiner in Leeds (Nordengland) von 1984 bis 1994, danach Rabbiner in Wien und Mitteleuropa, in Aruba auf den niederländischen Antillen, in Berlin und in verschiedenen liberalen Gemeinden Deutschlands, Landesrabbiner a.D. von Schleswig-Holstein, Promotion über Eisenbahnen im Nahen Osten; »Auf das Leben« (Kurzgeschichten, aus dem Englischen von Mirjam Pressler übersetzt), Goldmann-Verlag 2008, »Der Honig und der Stachel. Das Judentum – erklärt für alle, die mehr wissen wollen«, Gütersloher Verlagshaus 2009, »99 Fragen zum Judentum«, Gütersloher Verlagshaus 2012.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 8/2018

2 Kommentare zu diesem Artikel

23.08.2018
Ein Kommentar von Walter Rothschild


Danke für den Bemerkung. Aber es ist kein Parallel in diesen Sinn. Übrigens - Ich gehe davon aus, Christen schneiden auch den Nabelschnur? Ohne das Kind vorher zu fragen? Ich sehe kein Grund den ganzen Diskussion über Beschneidung wieder zu beleben - wir beschnittene Männer haben sowieso ein gewisser Vorteil, in dem wir einen gewissen Vor-Teil nicht mehr haben....
21.08.2018
Ein Kommentar von Viktor Weber


Schöner Artikel, vielen Dank dafür! Die Kindertaufe abzuwerten und mit einem magischen Ritual zu verbinden, finde ich zu kurz gesprungen. Das verwundert mich insofern, als dass der Autor über die Funktion der jüdischen Beschneidung, die ja auch nicht erst im Erwachsenenalter erfolgt, eigentlich Bescheid wissen müsste und darüber recht leicht eine Parallele zur Taufe hätte ziehen können.

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