Wenn Natur als Schöpfung betrachtet wird
Die Herrschaft der Räuber und deren Ende

Von: Rolf Adler
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Natur als Schöpfung zu betrachten – das meint nicht, einen Wissensbestand zu behaupten, der mit naturwissenschaftlichen Einsichten und Hypothesenmustern kompatibel gemacht werden könnte oder müsste. Wer von der Natur als »Schöpfung« spricht, hat etwas von der Ungesichertheit menschlicher Existenz verstanden. Lange Zeit in seiner Geschichte überspielte der Mensch diese Ungesichertheit mit einer Bemächtigung gegenüber der Natur und mit der Ausbeutung ihrer Ressourcen. Wo dieses Selbstverständnis an seine Grenze gelangt, wird die Rede von »Schöpfung« auf neue Weise relevant. Was sie dann für den Menschen und für sein Verhältnis zur Natur wie zu sich selbst bedeutet, erläutert Rolf Adler.*


Theologie und Naturwissenschaft

Markus Mühling schlägt in seiner Arbeit zum inter- und transdisziplinären Dialog von Neurobiologie, Evolutionstheorie und Theologie vor, das Gespräch mit der Besinnung darauf zu beginnen, dass alle Akteure Handelnde seien (14): Die Theologie handelt, indem sie Gott ins Gespräch bringt. Die Naturwissenschaften verfolgen demgegenüber jenen methodischen Atheismus, den Hugo Grotius als methodologische Führung der Naturwissenschaften beschrieben hat. Wo wir uns darauf einlassen, als Handelnde Gestaltung von Weltbezug und Naturbezug zu beschreiben, werden wir kritisch gegenüber solchen Ausgrenzungsroutinen, mit denen Verstehensmodelle das Konfliktparadigma zwischen Naturwissenschaft und Theologie zelebrieren, indem sie sich gegenseitig obskurantistische Tendenzen unterstellen. Obskur kann jede Wissensform und jeder Wissensgehalt werden. Wo Theologie sich weigert, den Schöpfungsglauben als ein Phänomen von Religiosität einer kritisch geführten Betrachtung zu unterziehen, agiert sie nicht nur obskur in ihrer Haltung, sie wird auch methodologisch obskurantistisch. Die Berufung zum Beispiel auf Offenbarung als unzweifelhafte Selbsterschließung Gottes, die das Irritationspotenzial leugnet, das in jedem Übergang von Transzendenz zur Immanenz steckt, ist obskur. Wo Naturwissenschaften auf der anderen Seite einem Szientismus verfallen, der die kreativen (i.S.v. geistig-schöpferisch) Anteile in jedem Forschungs- und Explikationsverhalten leugnet und die nichtempirischen Gewissheiten hinter der Frage ausblendet, wird ebenfalls obskur. Über eine banale Selbstbeglaubigung kommt der Szientist dieser Prägung kaum hinaus.

Wissen wird gegenüber sich selbst blind, wo nicht thematisiert wird, dass jedwede Handlung und Überzeugung auch »in Form von intentionalen Zuständen« (Mühling, 18) Gestalt und Wirksamkeit gewinnt. Naturwissenschaftliche Forschung wird darum einhergehen mit Selbsterforschung. Die intentionalen und motivationalen Zustände brauchen Aufmerksamkeit. Darum gehört die Unterscheidung von Gewissheit und Wissenssicherheit zur Selbstbeschreibung jedweder kritischer Praxis. Auch die Chiffre
G-O-T-T ist prinzipiell unsicher und mit Dunkelfeldern behaftet. Der Gottesbegriff eines Anselm von Canterbury etwa ist gedacht als etwas, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann: »id quo maius cogitari nequit« (Proslogion, Kap.II). Gott ist hier kein übernatürliches Wesen. Er ist eine Denkdimension und/oder die kritische Entfaltung einer Erfahrung. Nach Martin Luther ist G-O-T-T die Erfahrung »etwas [zu] haben, an das ich mein Herz hängen kann«. (M. Luther, Großer Katechismus, Das erste Gebot). Herz ist dabei keine Metapher für den Sitz gefühliger Affektivität, sondern jene Instanz, die die Gesamtheit nicht-empirischer Gewissheiten symbolisiert und dieser Gesamtheit gleichzeitig standhält.


Schöpfung als Chiffre

Theologie und Naturwissenschaften handeln gemeinsam am Weltverhältnis. Epistemologisch und ontologisch geschieht das unter Unsicherheitsbedingungen. Die gemeinsame Frage nach der Natur der Natur geschieht nicht unter klinischem Ausschluss aller Herzensangelegenheiten. Schöpfung ist darum eine Chiffre für transparente Herzensanteile im Naturbezug. Sie zur Sprache zu bringen, ist in gewisser Weise das Geschäft der Bibel. Sie zu denken und denkend zu erhellen ist Aufgabe und Selbstanspruch der Theologie.

Weil Wissen und daraus konstruierte Gewissheiten keine Sicherheit bieten, möchte ich ein paar Zeilen aus einem Song von »Silbermond« zitieren. Sie sind so etwas wie die poetische Explikation einer herzensrelevanten Verunsicherung.

In »Die Mutigen« heißt es:

Es kann sein, dass ich dabei mein’ Kopf riskier
und es kann passieren,
dass ich mit blutigen Händen vor deiner Tür steh’
und vielleicht brauch ich dich dann
um gebrochene Knochen zu richten
doch soweit ich weiß,
sind die mit den guten Geschichten
immer die Mutigen.

Natur lässt sich ohne Zutun des Menschen nicht erklären. Auch liefert Natur keine natürlichen Skalen für Ethik. Mit »Silbermond« würde ich sagen: Wir riskieren Kopf und Kragen, wo wir Natur beschreiben. Wir gehen mit unserer Wissens-Kreativität (Wissensschöpfung) ins Risiko. Wir sind einer Wirklichkeit anheimgegeben, in der unsere Gewissheiten irrtums- und irritationsanfällig sind. Biblische Schöpfungstexte negieren diesen Vorbehalt nicht. Sie versuchen ihn auch nicht zu entmachten. Jeder, der seinen Weltbezug explizit macht, geht das Risiko ein, dass die community das Vertrauen in seine Annahmen verliert. Damit wird ggf. jahrzehntelang professionell kumuliertes Wissen aufs Spiel gesetzt. Im Kontext von kirchlicher Religion stoßen wir auf solche Wissenskrisen z.B. über das Phänomen abnehmender Bindung an historische Manifestationen des Glaubens in Bekenntnis, Dogma und Institution. Die Kirchenkrise ist in ihrem Kern auch ein Akzidenz der Beziehungskrise der Moderne (s.u.).


Konstruierte Wirklichkeit

Wenn man an »seinem« Weltverhältnis arbeitet, Modellwissen und Modelldenken offenlegt, Wirklichkeitskonstruktionen darstellt, dann kann man sich bei so einem Unterfangen »die Knochen brechen«. Sei es, dass man blind wird für die Deutungskompetenz anderer Wissensdomänen. Sei es, dass man sich weigert, seine Deutungsvoraussetzungen und -grenzen zu thematisieren. Sei es, dass die internen Plausibilitätsannahmen der jeweiligen Konzeption unvermittelbar erscheinen. Deutungsverfangenheit und Kontextualität gehören zu den Bedingungen des Menschen und seines Denkens. Auch im Umgang mit Natur.

Wir bewegen uns im Mensch-Natur-Verhältnis in einem Wirklichkeitsbereich, in dem sich das Wirklichkeitskonstrukt »Mensch« (in seiner Selbstbeschreibung) in verschiedenen Selbstentwürfen bemüht, das Wirklichkeitskonstrukt »Natur« zu fassen. Der Mensch konstruiert Wirklichkeit dabei nicht nur variabel. Er konstruiert sie auch stets mit mehreren Variablen: Die Natur des Menschen (x1) ist es, nach der Natur (x2) zu fragen entlang des aktuellen Selbstentwurfes (x3) und entlang methodologischer Führung (x4). Das beschreibt nach meinem Dafürhalten eher einen Ereignisraum als eine stringente Handlungssystematik. Und dieser Ereignischarakter von Weltbezug ist zu thematisieren. Es geht um einen Akt, in dem »wahrnehmungsoffene Irritationsbereitschaft« (Hardmeier/Ott, 165) zum guten Hand- und Kopfwerk gehört.

Verblüffend, dass schon der Beter des 19. Psalms um Bewahrung vor Obskurität im Weltverhältnis bittet. Die Himmel erzählen die Ehre Gottes in besonderer Weise. »Ein Tag sagt es dem anderen, und eine Nacht tut es der anderen kund.« (V. 3) Es gibt das innere Gespräch, das Selbstgespräch der Natur. Dieses innere Gespräch der Natur ist gegenüber dem empirischen Sensorium immer auch exklusiv. Natur und Leben sind nicht nur keine bis ins Letzte transparenten Begriffe. Sie sind vor allem auch keine Heilsbegriffe. Unhörbar vollzieht sich ein Teil der Wirklichkeit, »ohne Sprache und Worte und Stimme« (V. 4). Gottes Schöpfung ist keine Topografie der existenziellen Sicherheiten. Schöpfungsreflexion ist irritationsoffene Naturreflexion und Lebensweltreflexion. Wo Natur als Schöpfung betrachtet wird, kann es darum nicht um den Rückzug auf dogmatische Behauptungen gehen, sondern schöpfungstheologisch intendierte Reflexion zielt auf die conditio humana im Kontext einer conditio natura. Sie lässt sich ein auf die Erfahrung purer Angewiesenheit, purer Bitte und reiner Frage: »Wer kann merken, wie oft er fehlet? / Verzeihe mir die verborgenen Sünden. / Bewahre auch deinen Knecht vor den Stolzen, / dass sie nicht über mich herrschen. (V. 13f) In solchem Gebet wirkt Irritationsoffenheit. Das Gebet, das von solcher Irritationsenergie getragen wird, stellt sich da als Form eines angemessenen Weltbezuges. Es geht um Entmachtung heimlicher Motive und um die Entmachtung existenzieller Obskurität. Wer »Schöpfung« sagt, sagt nicht »So ist es!« Wer Schöpfung sagt, fragt: »Wie ist es wirklich?«

Es ist kein Zufall, dass Bach, Haydn, Beethoven, Schütz u.a. an diesem Psalm entlang ihre großen Musiken gesetzt haben. Auch »Silbermond« bemühen sich in ihrem Song um ein Existenzial im Mensch-Natur-Verhältnis. Es geht um die Unbehaustheit und Angewiesenheit derer, die sich Welt erschließen. Gut, wenn es jemanden gibt, der zuweilen die gebrochenen Knochen wieder richten kann.


Irritationsoffenheit

Schöpfungsglauben gestaltet den Naturbezug irritationsoffen. Er inkulturiert Irritationsfähigkeit liturgisch und performativ. Die Sentenz des 23. Psalms »Und ob ich schon wanderte im finstern Tal …« (V. 4) sollte nicht allzu routiniert und ausschließlich als Metapher gedeutet werden. Sie ist im Kern Naturbeschreibung, weil der Erfahrungsbezug ein Naturbezug ist. Die Pointe liegt nicht in geborgener Anlasslosigkeit für Furcht. Die Pointe ist, dass der Mensch sich von einer Natur umgeben weiß, die sich stets ihre exklusive Wirklichkeit bewahrt und darin bedrohlich werden kann.

Schöpfungsglauben beschwört nicht einen schöpferischen Urakt Gottes und verteidigt ihn gegen Empirismus und Konstruktivismus. Schöpfungsglauben ist ein schöpferischer Akt gegenüber einer Natur, die sich ins Selbstgespräch zurückzuziehen vermag. Die darin zutage tretende Kontingenz im Naturverhältnis ist existenziell. Schöpfungsglauben ist schöpferisch, wie es jede menschliche Betrachtung und Beschreibung ist. Denken begegnet und thematisiert sich selbst und wird reif für prinzipielle Fallibilität und Angewiesenheit als conditio humana.


Existentielle Unsicherheit

Der Mensch existiert in einer fundamentalen Prekarität sowohl innerhalb seines Selbstverhältnisses als auch innerhalb seines Naturverhältnisses. Wissen ist soziale Konstruktion. Wissen ist der Teil des Erkennens, zu dem wir uns ins Vertrauen ziehen lassen. Es ist einer schöpfungstheologisch geführten Beziehungskonzeption von daher nicht vorzuwerfen, sie würde Wirklichkeit unter vagen Vertrauensaspekten (Gott) konstruieren. Jedes Wissen ist konstruiert. Epistemologisch betrachtet ist Wissen immer getragen durch eine mehr oder weniger explizite Zuversicht in die Annahme, dass ein Modell Wirklichkeit abbilden würde.

Wir reden heute über diesen epistemologischen Vorbehalt inmitten der Götterdämmerung der Moderne. Die Moderne schmückte sich einst mit dem Signum einer grenzenlos erwartbaren Aufklärung entlang objektiver Wissensbestände. Damit einher ging der Primat einer instrumentellen Rationalität abendländischer (okzidentaler) Prägung. Dieses Konzept verliert gegenwärtig dramatisch an Prägekraft. Wir erleben wieder Kontingenz in unserem Naturverhältnis. Gerade im Mensch-Natur-Verhältnis führt uns diese Erfahrung in die Krise eines ehemals unangefochtenen dominanten Lebenswissens. Instrumentell ausgerichtete Herrschaft über das Beziehungsgeflecht des Lebens, z.B. als Projekt totaler Substitution von Naturkapital und/oder als triviale Einverleibung von Naturressourcen, sackt seufzend in sich zusammen. Das moderne Weltbemächtigungskonzept ist angegriffen von einem großen »Unhaltbarkeitsgefühl« (Rüdiger Safranski). Viele programmatische Entwürfe wirken wie hilflose Zivilisationsseufzer angesichts einer überbordenden Komplexität.


Schwächelnde Bemächtigungsgeste der Moderne

Im Kontext einer schöpfungstheologischen Betrachtung der schwächelnden Bemächtigungsgeste der Moderne könnte man sagen, dass Zivilisation sich blind gemacht hat gegenüber dem biblischen Hinweis, dass instrumentelle Orientierung als Selbstrettungsakt immer mit einer großen Not verbunden ist. Die Bibel erzählt, dass der Mensch, als er sich seiner selbst bewusst wird, sich als Mangelwesen erkennt (Gen. 3,7ff). Schambehaftet antwortet er auf diese Prekarität mit der Anverleibung (Hartmut Rosa) von Natur. Er baut Blätter in Kleidung um. Wer dem spirituellen Hintergrundrauschen dieser Erzählung Gehör schenkt, wird nicht so leicht in die Versuchung geraten, instrumentelle Orientierung und Anverleibung zum Freiheitskonzept zu stilisieren, wie es in der Moderne geschehen ist. Instrumentelle Orientierung ist und bleibt die Strategie des Mangelmenschen.

Wer um die Komplementarität von Mangel und Bewältigung weiß, wird erkennen, dass dem Mangel nur solange begegnet werden kann, wie es Bewältigungsressourcen überhaupt gibt. Dieser irritierende Ernst im Bemächtigungsverhältnis ist empfänglich für schöpferische Aufklärung. Schöpfungsglaube ist spirituelles Potenzial gegen kleptokratische Fehlorientierungen. Mangelbewältigung ist intentional fehlerhaft konstruiert, wo sie zu einem sich selbst tragenden und beschleunigenden Befreiungsprozess stilisiert wird. Dagegen helfen würde schon eine schlichte Grenznutzenreflexion. Ein Mehr an Quantität ist nicht gleich einem Mehr an Nutzen.

Aber über das Ökonomische hinaus tun sich hier auch soziologische Deutungsräume auf. Hartmut Rosa beschreibt eine resonanzgeführte und darin gelingende Naturbemächtigung nicht mehr als kruden An- oder Einverleibungsprozess. Er kreiert den Begriff der Anverwandlung und insistiert auf das Dialogische im Mensch-Natur-Verhältnis. Schön, dass dieser qualitative Aspekt der Beziehungshaftigkeit wieder stärker in den Blick der Soziologie rückt, die sehr quantitativ geworden ist. Für uns Theologen ergeben sich hier schöne Anknüpfungen.


Die Herrschaft der Räuber

Wo Anverleibung als nicht-reflexive und sich selbst beglaubigende Zivilisationsstrategie konzipiert wird, gerät sie schnell an den Rand der Kleptokratie. Die Herrschaft der Räuber im Mensch-Natur-Verhältnis beginnt dort, wo situative Mangelbewältigung als freiheitliche Überwindung des Mangels fehlgedeutet wird. Wo Mangel nicht mehr als Ausdruck einer basalen Angewiesenheit erkannt wird, wird Beschaffung zum zügellosen Angriff auf die Natur. Ökonomie als Beschaffungs- und Bewahrungswissen wird nicht nur obskur in ihren Selbstbeglaubigungen. Sie wird obszön in ihrer Haltung. Zivilisatorisch initiierte Naturvergessenheit ist im Kern kein Umweltproblem; sie ist das Innenweltproblem einer irritationstauben Spezies. Es geht um den Verlust empathischer Wirklichkeitsfähigkeit. Hier erkenne ich den Kern dessen, was Max Scheler (199) als Gestaltblindheit, Seelenblindheit oder auch Seelentaubheit beschrieben hat.


Gefahren einer Naturvergessenheit

Wo Natur als Schöpfung betrachtet wird, kommt die prinzipielle Kohärenz von Mangel und Ressourcenbeschaffung in den Blick. Beschaffung gerät in das Licht von Bedürftigkeit. Die soziale Implikation solcher Bedürftigkeit manifestiert sich in der Frage nach Gerechtigkeit. Wenn Mangel eine Grundkonstante im Naturverhältnis ist, ist es die Bewältigung auch. Hier beginnt die Nachhaltigkeitsfrage existenziell zu werden. Sie stellt sich nicht erst im Kontext politisch elaborierter Öko-Programmatiken, sondern als Lebensfrage.

Naturvergessenheit als Abhängigkeitsvergessenheit ist nicht nur ein Defizit am individuellen Mensch-Natur-Verhältnis innerhalb einer kulturellen Konzeption. Naturvergessenheit wird zum transversalen Thema der Weltgemeinschaft. In dieser Dimension ist sie als soziale Frage politisch zu gestalten. Nicht ohne Grund wird »der Gerechte« im 1. Psalm des Psalters in eindrücklicher Bedingungsmetaphorik besungen: »Der [der Gerechte] ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, gerät ihm wohl.« (V. 3) Gerechtigkeit hat nur dort eine Chance, wo der Baum ans lebensspendende Wasser reicht. Gerechtigkeit und Beziehung sind einander bedingend.

Naturvergessenheit als Beziehungsvergessenheit ist ethisch zu werten als ein Defizit im Mensch-Mensch-Verhältnis und im Mensch-Tier-Verhältnis. Beziehungsvergessenheit birgt große Irrtumsrisiken. Wissen ist »Teilhabe des Seienden am Sosein des anderen«, wie Max Scheler (251) es beschreibt. Wenn er recht hat, dann ist vergessenes Verhältniswissen vergessene Teilhabefähigkeit. Und das heißt hier: Der Mensch hat vergessen, dass er selbst ein Stück Natur ist und darum an das Netzwerk des Natürlichen gebunden bleibt. Das erleben wir, wenn wir Natur im gesellschaftlichen Diskurs mehr mit »Sterben«, »Rückgang« und »Bedrohung« konnotieren als mit Lebenspotenzialität. Artensterben, Bienensterben, Waldsterben, Klimawandel, steigende Meeresspiegel, Orkane usw. sind nicht nur objektive Naturphänomene. Sie sind heute auch und vor allem semantische Marker einer negativen Hermeneutik vor dunklen Erwartungshorizonten. Wollten Menschen heute beschreiben, mit welchen Potenzialitäten sie es in ihrem Naturverhältnis zu tun haben, müssten sie Deutungskritik betreiben. Negativhermeneutik im Verhältnis zur Natur ist dem populären Diskurs vertrauter als eine ermutigende Positivhermeneutik.

Das Symbol der Schöpfung ist in meinen Augen eine Ressource zu einer positiven Verhältnis- und Beziehungshermeneutik und damit für Zukunftsfähigkeit und Zukunftsfreudigkeit. Dass Schöpfung als Symbol so wenig präsent ist, hängt auch damit zusammen, dass wir für positive Hermeneutiken immer weniger empfänglich und somit auch ausdrucksfähig werden.


Der Verlust der Lebensgrundlagen

Wo der Mensch sich gegenüber dem Reproduktions- und Ordnungspotenzial der Natur unangepasst zeigt, schwächt er die Potenzialität, der er sich selbst verdankt. Natur verhält sich proportional zur Unangepasstheit des Menschen. Sie reagiert allerdings nicht mit einer Steigerung ihrer biotischen Potenzialität, sondern mit der Steigerung von Nichtsein oder Nichtwerden. Es gibt eine Unangepasstheit der Natur gegen das Unangepasste im zivilisatorischen Verhältnis. Natur verliert Potenzialität und damit verliert die Menschheit Lebensgrundlagen.

In dieser Unangepasstheit der Natur gegen das ihr gegenüber Unangepasste erkenne ich ein zentrales Muster der Natur. Die teleologische Orientierung der Natur heißt nicht: Alles wird bleiben! Sondern sie heißt: Proportionalität von negativer Potenzialität gegenüber unangepasstem Handeln und Verhalten. Schöpfungsglaube in Gestalt des Beziehungsnarrativs wäre missverstanden, wo er als vage Hoffnung gegen das scheiternde Vergehen gedeutet würde. Die in der Volksfrömmigkeit verbreitete Hoffnung auf einen unerschöpflich-rettenden Akt des Schöpfers, der den Menschen beziehungstreu überwindet, muss sich fragen lassen, ob sie die Selektion des Unangepassten zur Kenntnis genommen hat.


Der Akt des Vertrauens

Über das Sein der Natur »an sich« kann wenig gesagt werden. Und das wird auch so bleiben, selbst wenn die Wissenschaft Natur immer weiter analytisch durchdringt. Dem Menschen ist es nicht möglich, »Sein an sich« ohne Verfangenheit in Modellvorstellungen und -konstruktionen zu entdecken. Dem Menschen begegnet die Natur deutungsverfangen. Das Risiko zivilisatorischer Fehlkonstruktionen ist gegeben. Auf dem Weg durch sein Naturverhältnis und Naturwissen orientiert sich der Mensch darum auch immer an »big storys« gegen seine Erblindungsgefahr. Es braucht Geschichten, die es mit der Fallibilität jeder Gewissheit aufnehmen können und die dennoch Sinnvertrauen in die Geschichte des Naturverhältnisses stärken.

Gute Geschichten sind nicht die, die sich gegen das Wissen um Kontingenz sträuben und das Menschsein axiomatisch für überlebensgesichert erklären. Gute Geschichten sind die, die fähig machen zur Beschreibung von Prekarität. Es geht nicht um Übernahme von Glaubenssätzen anstelle von Sachverhalten. Es geht um die Annahme von irdischer Existenz (von Staub genommen, zu Staub werdend). Schöpfungsgeschichten sind Narrative aus dem existenziellen Nahbereich. Sie sind keine kosmologischen oder kosmogenen Gewissheiten. Natur muss man als Schöpfung betrachten wollen, man erkennt sie nicht als solche. Natur als Schöpfung anerkennt man!

Wo Natur als Schöpfung thematisiert wird, wird der Betrachter in seinem Verhalten und Verhältnis thematisiert. Es geht nicht um epistemologische Vorbehalte gegen empirisches Wissen. Das Konfliktparadigma in der Verhältnisbestimmung von Naturwissenschaft und Theologie ist trivial. Es geht auch nicht darum, in einer großen theologischen Geste das positivistische Ideal zu entmachten. In den Narrativen artikuliert sich der Glaube als Erlebnisfähigkeit für Kontingenz. Im Glauben als Akt des Vertrauens lokalisiert sich der Mensch in einer Natur, die von sich aus nichts preisgibt und an den existenziellen Orten ins Selbstgespräch zurückfällt. Wer Natur als Schöpfung beschreibt, fabriziert keine Ergebnisse im Kontext konkurrierender Wirklichkeitsannahmen. Wer Natur als Schöpfung betrachtet, erarbeitet im Mensch-Natur-Verhältnis eine pragmatisch performative Orientierung auf Vertrauen hin. Er arbeitet damit an einem Ort existenzieller Angewiesenheit, der das Schweigen der Natur und das Geworfensein auf Wirklichkeitskonstruktionen mit sich bringt.


Schöpfungsglaube

Ein naturwissenschaftliches Erkenntnisinteresse lässt sich nicht mit einem Beziehungsnarrativ befriedigen. Die Sinnfrage im Raum existenzieller Angewiesenheit ist nicht mit einem Molekülmodell zu beantworten. Beides wären Antworten, die den Fragenden zutiefst beschämen würden und den Antwortenden in seiner Resonanzlosigkeit entlarven. Wer fragt, was die Natur ist, die einem das Leben schenkt und es gleichzeitig bedroht, der fragt nach mehr als nach biochemischen Sachverhalten. Die Frage nach Sinn ist zwar die Frage nach Erfahrungswirklichkeiten jenseits des Beobachtbaren, aber nicht jenseits des Beschreibbaren. Hier stimme ich der Einschätzung Paul Tillichs zu, dass Schöpfungsglaube keine Funktion der Natur sei, sondern eine Dimension.

Nach William James (67f) ist Religion »die Gesamtreaktion des Menschen auf das Leben«. Religion schließt damit sowohl seine Selbsterhellung als auch die Erhellung des Naturverhältnisses ein. Schöpfungsglaube ist Lebensthematisierung in der Mensch-Natur-Dimension. Schöpfungsglaube als Thematisierung des Lebens im Mensch-Natur-Verhältnis ist nicht nur die Thematisierung von Bedürftigkeit, sondern immer auch die Thematisierung von Lebenssinn. Mit der Erkenntnis, dass die Natur über sich selbst und damit auch über den Menschen schweigt (Selbstgespräch), kann sich der Mensch von der Frage nach dem Sinn ebenso wenig dispensieren, wie er sich von der Frage nach Sittlichkeit dispensieren kann.

Die Autoren der Bibel betrachteten Natur nicht als Schöpfung, weil sie unfähig waren, Kontingenz im natürlichen Lebensgeflecht zu ertragen. Das Gegenteil ist der Fall. Schöpfungsglauben thematisiert eine Prekarität, die im Kontext biologischer Fragilität Leben mit Beziehungsbewusstsein ausstattet. Menschliches Naturverhältnis wird immer fragil bleiben, wo das lebendige Verhältnis in ein umfassendes Verständnis überführt werden soll. Mit dem Begriff der »Natur« wird nicht das Leben begriffen, sondern eine dynamische Wirklichkeit. Mit »Schöpfung« wird diese Vorläufigkeit in ihren irritationsoffenen Sinngehalten vergegenwärtigt. Es braucht Mut, um sich dem Geschehen zuzuwenden, das unser Menschsein umgibt.


Mutgeschichten

Insofern sind die mutigen Geschichten von singulärem Anfangsimpuls (Chiffre dafür = G-O-T-T) und Ordnung (Gen. 1,1-2,4) keine Flucht aus den prekären Erfahrungen. Sie sind die Hinwendung, die einer existenziellen Flaute nicht nur mit einem Narrativ begegnet, sondern solcher Obdachlosigkeit und Flaute im Narrativ selbst Gestalt verleiht. Solche Hinwendung beabsichtigt nicht, Gewissheit und Sicherheit zu vermitteln. Die Chiffre »Schöpfung« richtet sich nicht auf die Bereiche des Lebens, die sich instrumentell gut modellieren lassen, sondern Schöpfungsglaube richtet sich auf die Bereiche, die sich menschlicher Modulation entziehen. Das Ordnungsschema eines Sieben-Tage-Schöpfungswerkes ist kein kosmogener Sachverhalt, den es naturwissenschaftlich zurechtzurücken gilt, sondern in diesem Narrativ drückt sich ein Erfahrungsgehalt aus. Er deklariert Eingebundenheit in eine Ordnung aus Bedürftigkeit und Angewiesenheit. Und diese Ordnung ist nicht instrumentell auf Freiheit hin umzupolen, sondern diese Ordnung ist allenfalls zu bewältigen.

Nicht nur praktisch-evaluative Fragen im nahen Umfeld des Modellaufbaus, sondern bereits Unterschiede in Bezug auf die Angemessenheit von Modellen und Begriffen und damit von Auffassungen von der Welt stehen im Rahmen eines aktiven Weltbezuges immer mit zur Debatte. (Rahel Jaeggi, 27). Das gilt für jede Form des Wissens.

Die Natur als Schöpfung betrachtet und erzählt – das ist ein sinnvoller und sinnreicher Weltbezug. Schöpfung ist eine gute Geschichte des Mutes zum Leben in der Naturbeziehung. Wo Natur als Schöpfung betrachtet wird, wird die Natur selbst zum Mutanfall Gottes, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann.


Literatur

Canterbury, Anselm von: Proslogion, Kap. II (http://12koerbe.de/pan/proslog.htm) (Zugriff: 08.12.2017)

Hardmeier, Christof/Ott, Konrad: Naturethik und biblische Schöpfungserzählung. Ein diskurstheoretischer und narrativ-hermeneutischer Brückenschlag. Stuttgart 2015

Jaeggi, Rahel: Kritik von Lebensformen, Berlin 20142

James, William: Die Vielfalt religiöser Erfahrung. Eine Studie über die menschliche Natur. Frankfurt/M. 1997

Luther, Martin: Großer Katechismus. In: Unser Glaube. Die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche, Gütersloh 1986, 595, Ziff. 587

Mühling, Markus: Resonanzen: Neurobiologie, Evolution und Theologie. Evolutionäre Nischenkonstruktion, das ökologische Gehirn und narrativ-relationale Theologie (Religion, Theologie und Naturwissenschaft, Bd. 30, hg. von Christina Aus der Au u.a.), Göttingen 2016

Rosa, Hartmut: Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung, Berlin 20175

Scheler, Max: Die Wissensformen und die Gesellschaft. Bern 1980³


Anmerkung:

* Vortrag an der Evang. Akademie Loccum (10.12.2017).

 

Über die Autorin / den Autor:

Pastor Rolf Adler, Umweltbeauftragter der Evang.-luth. Landeskirche Hannovers und der Evang.-luth. Landeskirche in Braunschweig.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

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