Populismus, Fremdenfeindlichkeit und Vorurteile als religionspädagogische Aufgabenstellung
»Die Kreter sind Lügner, böse Tiere und faule Bäuche«

Von: Stefan Scholz
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Schüler*innen sind leicht ansprechbar für populistische Strategien und Fremdenfeindlichkeit – gerade im digitalen Netz. Umso wichtiger ist eine pädagogische, auch religionspädagogische Wahrnehmung dieser Herausforderungen. Stefan Scholz setzt hierbei auf eine »Religionspädagogik der Fremdheit«, die bei der Fremdheit der Gotteserfahrung einsetzt und auf diesem Wege für die Öffnung hin zu einem »Kosmos außerhalb meiner selbst« sensibilisiert.


Zur Logik von »wir und die«, »richtig und falsch«, »rein und unrein«, »Wahrheit und Lüge«

Um es gleich vorwegzunehmen: Das Zitat im Titel stammt nicht von Donald Trump! Ob der 45. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika das griechische Eiland Kreta kennt bzw. was er für ein Verhältnis zu den Insulanern pflegt, weiß ich nicht – offener zu Tage jedenfalls tritt seine Diffamierung mexikanischer Latinos; die eingängige Parole »America first« beschränkt sich eben nur auf die U.S.-Community. Darüber hinaus können in diesem protektionistischen Kalkül auch wir Deutsche missäugig beargwöhnt werden, etwa bezüglich vermeintlicher Handelsüberschüsse oder wenn es um unseren Versuch geht, das Grundrecht auf Asyl umzusetzen. Aber nicht jede Verunglimpfung geht auf Trump zurück, nicht jede Vermutung oder Befürchtung hierzu findet Bestätigung. Vorurteilsforschung als Baustein der Populismusbewältigung kann also auch selbst bisweilen Vorurteilen erliegen und sich bequem in den eigenen eingeschliffenen Vorstellungsräumen einnisten. Eine stereotypen-sensible Betrachtung wird dies berücksichtigen und ihre eigene Offenheit oder Geschlossenheit mitlaufend zu reflektieren haben, um sich nicht in billiger Selbstgefälligkeit zu verfangen.

Noch eine weitere Vorurteilsspur führt ins Leere: Das Eingangszitat entstammt auch nicht dem Mund eines rechtsnationalen osteuropäischen Spitzenpolitikers im Zusammenhang unseliger Debatten um die Verteilungsgerechtigkeit beim innereuropäischen Lastenausgleich, seien es landwirtschaftliche Beihilfen, Schuldentilgungen oder die Zuweisung von Flüchtlingen.

»Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und falsche Bäuche.« – Dieses Diktum findet sich im Neuen Testament, für manche die Heilige Schrift, vielleicht auch Wort Gottes, Kanon (Maßstab!) und dergleichen mehr. Zugleich handelt es sich um ein Zitat: der Titusbrief (1,12) gibt vermutlich einen Ausspruch des Epimenides wider, selbst Bewohner der Insel Kreter(!), Staatslenker und Philosoph im 5., 6. oder vielleicht auch 7. Jh. vor Christus.1

Bedeutung über die Theologie hinaus bekam dieser Vers durch Bertrand Russell: als sog. Kreter-Paradoxon beschäftigt er die philosophische und mathematische Logik bis heute.2 Vollständig nun heißt der Satz:

»Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche.«

Kann eine Aussage über Wahrheit und Lüge richtig sein, wenn sie doch selbst aus dem Mund eines vermeintlich aus Geburtsgründen an die Lüge gefesselten Menschen stammt? Heben sich Lüge und Lüge wieder auf? Und was macht der Kontext mit diesem Satz?

Das Zitat ist eingefügt in eine Aufzählung schlechter Menschen, ein Lasterkatalog, von denen es gleich mehrere im NT gibt.3 Aber mit welcher Intention? Und für das Thema Wahrheit nicht unerheblich ist schließlich, dass der Ausspruch zwar in einem Schreiben steht, das vorgibt, ein Brief des Paulus an seinen Schüler Titus zu sein, ziemlich wahrscheinlich aber erst Jahrzehnte nach dem Tod des Apostels entstanden ist, womöglich also selbst als Lügenbrief, Täuschung, fake news konzipiert worden ist.4 Manche sprechen lieber diplomatisch von einer entliehenen Verfasserschaft oder auch elegant von der Sicherung des paulinischen Erbes durch eine literarische Fiktion5, bestimmt aber hätte es der Titusbrief nicht in den Adelsstand der ntl. Schriftenreihe geschafft, wäre dies im Kanonisierungsprozess der Alten Kirche publik geworden.

Besonders prekär wird dieser Tatbestand durch den pragmatischen Anspruch, dass sich der Titusbrief gemeinsam mit dem 1. und 2. Timotheusbrief die Form eines summarischen Testaments des Paulus gibt und Andersdenkende in deftiger Polemik mit Ketzerhüten versieht. So auch hier im Kontext des eingebetteten Epimenides-Zitates: »Denn es gibt viele Freche, unnütze Schwätzer und Verführer, besonders die aus den Juden, denen man das Maul stopfen muss, weil sie ganze Häuser verwirren und lehren, was nicht sein darf, um schändlichen Gewinns willen. Es hat einer von ihnen gesagt, ihr eigener Prophet: Die Kreter sind immer Lügner, böse Tiere und faule Bäuche. Dieses Zeugnis ist wahr. Aus diesem Grund weise sie scharf zurecht, damit sie gesund werden im Glauben und nicht achten auf die jüdischen Fabeln und die Gebote von Menschen, die sich von der Wahrheit abwenden. Den Reinen ist alles rein; den Unreinen aber und Ungläubigen ist nichts rein, sondern unrein ist beides, ihr Sinn und ihr Gewissen. Sie sagen, sie kennen Gott, aber mit den Werken verleugnen sie ihn; ein Gräuel sind sie und gehorchen nicht und sind zu allem guten Werk untüchtig.« (Tit 1,10-16)


Populismus als religionspädagogische Herausforderung

Einteilungen in »wir und die«, »richtig und falsch«, »rein und unrein« oder auch »Wahrheit und Lüge« haben ihre Zeit und sind doch ebenso zeitlos. Anhand des aufgerufenen biblischen Beispiels wollte ich zu Beginn kurz anzeigen, wie Religion, hier die frühe christliche Kirche, selbst ihre eigene Geschichte hat mit sprachlichen Verunglimpfungen im Zusammenhang zumindest mit Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilen. Am Ende meiner Darlegungen wird dafür der Begriff Hate Speech verwendet. Inwiefern auch Populismus mit am Werk ist, lässt sich zunächst nicht so einfach beantworten. Hierzu muss erst definitorisch gearbeitet und müssen anachronistische Kurzschlüsse überwunden werden.

Mein Thema ist aber nicht vorrangig ein biblischer Text und seine komplexe Wirkungsgeschichte, sondern die diffuse politische und semipolitische Großwetterlage in ihrer Bedeutung für religionspädagogische Bildungsprozesse, ein diskursives Gewimmel um einen neuen politischen Stil oder vielleicht besser Unkultur, die sich nicht nur im Phänomen Donald Trump manifestiert, sondern auch in europäische sowie weitere außereuropäische Parlamente Einzug gehalten hat.6 Neben Parteiungen und Bewegungen wie der Front National in Frankreich, Fidesz in Ungarn, Voor de Vrijheid in den Niederlanden oder Perussuomalaiset in Finnland sind es in Deutschland vor allem Pegida und die AfD, welche populistische Konturen weit hinein in das gesellschaftliche Bewusstsein transportiert haben. Besonders augenfällig zeigt sich dies an Ergebnis und Verarbeitung der letzten Bundestagswahlen im September 2017.7 Die mediale Aufmerksamkeit, welche dem Populismus hierbei eingeräumt wird, wirkt direkt und indirekt auch auf den schulischen Religionsunterricht ein und bestimmt ebenso Schüler*innen in ihrem Denken und Handeln mit. Populismus kann verängstigen und wird als Bedrohung empfunden – Populismus findet aber auch Zustimmung bei Schüler*innen, wenn sie eigene Problemwahrnehmungen durch populistische Organisationen artikuliert sehen oder gar als bearbeitet wahrnehmen.

Wie können religionspädagogische Strategien zur Bearbeitung von populistischer Fremdenfeindlichkeit und Vorurteilsstreuung aussehen? Zentrale Bausteine hierzu sind nach meiner Überzeugung eine bewusst politische und Demokratie stützende Religionspädagogik sowie eine Religionspädagogik der Fremdheit. Ich werde zunächst kurz beleuchten, wie das Verhältnis von Religionspädagogik zu »politics« formuliert werden kann. Im Anschluss werde ich so ausführlich wie nötig das Populismus-Phänomen skizzieren. Die Bewältigung der damit verbunden Herausforderungen konturiere ich zunächst auf mehr theoretischer Ebene mit dem Ansatz einer Religionspädagogik der Fremdheit. Und die Vorstellung eines Material-Entwurfs zum Umgang mit Hate Speech wird die unterrichtliche Praxis in den Blick nehmen.


Verflechtung: Religionspädagogik und Politik8

Religionspädagogik hat es ganz allgemein mit der Verbindung von Theologie und Bildungsprozessen zu tun, sie ist ein Dazwischen, eine komplexe Vernetzung verschiedener theologischer und erziehungswissenschaftlicher Disziplinen und gesellschaftlicher Verortungen und Bezugnahmen. Wichtigster Lernort ist der schulische Religionsunterricht, daneben die Gemeindepädagogik und weitere Spielarten der Erwachsenenbildung, Hochschuldidaktik usw. Politisch ist die Religionspädagogik bereits durch die besondere Verfasstheit des Religionsunterrichts in Deutschland, weiter aber auch aufgrund betreffender religionspädagogischer Themenstellungen und Situationsbezüge.9

Mit Thomas Mayer lassen sich drei politische Dimensionen unterscheiden, die ineinandergreifen und nur analytisch zu trennen sind, dabei insgesamt einen weiten Politikbegriff definieren10: Die Polity-Dimension rekurriert auf die politische Kultur, Institutionen, Akteure, Verfassungen etc. während die Policy-Dimension die inhaltlichen Aspekte, Themen, Debatten und Diskursereignisse umfasst und schließlich die Politics-Dimension den Prozess der Durchsetzung politischer Programme beschreibt. Aus vielleicht folgenden drei Gründen kommen in der Religionspädagogik politische Dimensionen besonders in den Blick:

1) Jugendliche sind die wichtigste Zielgruppe religionspädagogischer Unternehmung: Jugendliche leben gewollt und ungewollt in politischen Bezügen. Selbst wer heute in einer noch so strengen kirchlichen Klosterschule o.ä. erzogen wird, ist kaum abgeschottet bis abgeschirmt genug, als dass er und sie fern von seiner und ihrer Umwelt, globalen Einwirkungen oder sonstigen gesellschaftlichen Entwicklungen aufzuwachsen vermag. Auch das bisweilen Jugendlichen unterstellte Desinteresse an Politik ist zu pauschal. Insbesondere die Langzeitstudien der Shell-Stiftung zeichnen hier ein anderes Bild und fordern zur Differenzierung auf.11

2) Religionsunterricht ist gemischte Angelegenheit zwischen Kirche und Staat: Kein anderes Unterrichtsfach wird im gleichen Maß wie der Religionsunterricht durch staatliche Vorgaben begründet und reglementiert.12 Nach Art. 7 (Grundgesetz) ist der Religionsunterricht ordentliches Lehrfach. Der RU ist also keine kirchliche Veranstaltung in der Schule. Er steht unter der Aufsicht des Staates, wird aber inhaltlich von den Kirchen verantwortet. Dabei unterstützt er einerseits die nach Art. 4 (Grundgesetz) verbürgte Religionsfreiheit, hier die positive Religionsfreiheit, also das Recht zur Pflege und Ausübung der eigenen Religion. Zum anderen ist der Staat an einem RU interessiert, der einen Beitrag zur Werteorientierung der demokratischen Gesellschaft leistet. Damit ist der RU eines der auffälligsten Beispiele für die sog. hinkende Trennung von Staat und Kirche: Beide sind zwar getrennt, nicht aber diastatisch geschieden wie etwa im laizistischen Frankreich, vielmehr kooperieren sie im gegenseitigen Interesse miteinander.13

3) Stichwort Wertebildung: Der Religionsunterricht wird gesellschaftlich freilich nur dann als wertvolle Institution zur Wertebildung14 wahrgenommen und vom Staat gefördert, wenn er sich an einer umfassenden allgemeinpolitischen, nicht parteien-spezifischen Bildung beteiligt und dabei auf Autonomie und Mündigkeit des Einzelnen ausgerichtet ist.

Soweit einige Hinweise allgemein zum Religionsunterricht als wichtigstem Zielort religionspädagogischer Bemühung in seinen (gesellschafts-)politischen Verhältnisbezügen. Ich gehe nun nicht weiter ein auf theologische Begründungen einer politischen Religionspädagogik15 sondern komme zum Populismus-Begriff in seiner Bedeutung für religionspädagogische Bildungsprozesse.


Verwirrung: Was eigentlich ist Populismus?

Viele Darstellungen zum Populismus beginnen mit dem Hinweis, dass der Begriff schillernd, unscharf, vielgestaltig – ja sogar impressionistisch16 ist. Bis zu einem gewissen Grad vielleicht ist Politik immer populistisch, zumindest in Demokratien, denn politische Handlungen sind nachhaltig auf die Zustimmung breiter Bevölkerungsanteile angewiesen17. Jan-Werner Müller, dessen Essay18 ich hier weitgehend folge, beginnt seine Abhandlung zu Begriff und Erscheinung des Populismus mit einer Negativabgrenzung, indem zunächst konturiert wird, was er nicht als Populismus versteht, Müller nennt dies »die falschen Fährten«:19 Populismus lässt sich nicht ohne weiteres an einer bestimmten Wählerschaft erkennen. Es sind – allen Klischees zum Trotz – nicht unbedingt die Underdogs oder das Kleinbürgertum, die ihre Zuflucht bei Populisten suchen. Weiter handelt es sich bei populistischen Politikern nicht zwangsläufig um die großen Vereinfacher. Anti-Intellektualismus muss nicht notwendig ein Kennzeichen populistischen Stils sein. So galt unter ungarischen Studierenden zeitweise gerade Jobbik als beliebteste Partei. Und um alle Verwirrung perfekt zu machen, verabschiedet Müller Orientierung schaffende Einteilungen wie politisch links und rechts in Bezug auf das Populismusthema. Während in Europa Populisten eher »rechts« verortet werden, ist in den USA der Begriff »Populists« als Selbstbezeichnung einer antikapitalistischen Bewegung anzutreffen, die sich als main street im Kampf gegen die wall street versteht.20

Nach Müller ist Populismus »eine ganz bestimmte Politikvorstellung, laut der einem moralisch reinen, homogenen Volk stets unmoralische, korrupte und parasitäre Eliten gegenüberstehen – wobei diese Art von Eliten eigentlich gar nicht wirklich zum Volk gehören.«21 Konstitutive Bestandteile von Populismus sind somit Elitekritik22 sowie der Anspruch, selbst die Leitung, Verkörperung und Ausdrucksform des Volkswillens zu sein23, dies freilich in aller Ausschließlichkeit.24 Darin erst kommen Brisanz und Demokratiefeindlichkeit des Populismus nach Müller ganz zur Geltung. Diese ausschließliche Reklamation des Volkswillens lässt alle innergesellschaftlichen Gruppen, die daran Kritik üben, zu Feinden des vermeintlichen Volkes werden. Diskreditierung bis Ausschaltung der Gegner bilden daher strategische und zumeist intransparente Aufgabenbereiche der populistischen Agenda. Die Aushöhlung der Demokratie und die Einbringung diktatorischer Momente weisen somit zuallererst die Gefahr populistischer Bewegungen aus. Dies zeigen die konkreten Beispiele in den Ländern, wo populistische Bewegungen die Regierungsmacht übernommen haben. Die mitlaufende Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas freilich ist mehr als nur eine Begleiterscheinung.

Es ist naheliegend, dass sich im Zeichen von Populismus schon aufgrund der heftigen Agitation Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit verschärfen können, die es freilich auch vorher gab und jenseits davon gibt. Der Religionsunterricht bleibt davon nicht unberührt. Daher sehe ich neben der Einübung, Vertiefung oder auch Grundlegung von demokratisch-aufgeklärten Prinzipien (Stichwort: Menschenrechte) in der kritischen Bearbeitung von Vorurteilen und der Überwindung von Fremdenfeindlichkeit zentrale religionspädagogische Aufgaben für die Bekämpfung von Populismus: Eine Religionspädagogik der Fremdheit kann dabei als wichtige Theorie-Basis fungieren.


Theoretische Basis: Religionspädagogik der Fremdheit

Der Umgang mit dem Fremden gehört zu den alltäglichen Leistungen, die uns das Leben in der Spätmoderne abverlangt und vielleicht ist der Populismus auch eine Kapitulationsanzeige hinsichtlich der Bewältigung von Alterität.25 Das Lernen des Umgangs mit dem Fremden als Einübung in pluralistische Gesellschaftsmuster wird damit zu einer zentralen Querschnittsaufgabe von Erziehung und Bildung insgesamt – der RU steht hierfür nur exemplarisch neben Fächern wie Sozialkunde, den (Fremd-)Sprachen, Ethik usw. Bis zum Aufkommen der cultural studies ab etwa den 1970er Jahren wurde im wissenschaftlichen Diskurs vornehmlich vom Anderen gesprochen, weniger vom Fremden. Das Fremde wurde nachrangig thematisiert und als Sonderfall, als Extrem des Anderen wahrgenommen.26 Es gehört zu den tiefen gesellschaftlichen Veränderungen unserer Zeit, dass das Fremde zum Normalfall des Anderen geworden ist. Dies macht es der Produktion von Vorurteilen, Verschwörungen etc. so einfach und die Frage nach dem Verstehen und nach Möglichkeiten des Umgangs mit dem Fremden so dringlich und brisant.

Die Kategorie der Fremdheit ist heute in der Religionspädagogik gut etabliert. Norbert Mette zählt zu den wichtigsten Impulsen hierfür die Religiöse Erziehung und Bildung nach Auschwitz, d.h. den Umgang mit dem abgründig Unbegreiflichen, das Ökumenische Lernen, d.h. die Einübung in ein pluralitätsfähiges Christentum, die Pädagogik und Theologie der Befreiung, d.h. das Lernen von und mit fremden geografischen Kontexten in ihrer Dependenz zu uns sowie die Feministische Religionspädagogik, d.h. die Bearbeitung der Geschlechterdifferenz.27 Ganz ähnlich benennt Rudolf Englert als wesentliche Triebkräfte einer Religionspädagogik der Fremdheit das historische Lernen, d.h. den Umgang mit historisch anderen Kontexten, das interreligiöse Lernen, d.h. eine Erweiterung des ökumenischen Lernens und insgesamt das ethische Lernen, d.h. die Einübung in eine Haltung der Anerkennung des Anderen.28

Zugleich ist Fremdheit auch eine zutiefst theologische Kategorie. Die Gotteschiffre ist dafür der zentrale Fluchtpunkt, welcher der Fremdheit eine entscheidende Bedeutung für die Theologie und somit auch für die Religionspädagogik zusprechen kann. Denn Rede von Gott und Reden zu Gott heißt immer auch Reden mit und von einem nicht identifizierbaren Fremden. Theologisch-religionspädagogische Rede ist im Konzert der Wissenschaften zunächst Diskurs über den Anderen, dessen Andersheit zugleich diesen Diskurs konstituiert (um eine mögliche Grenzziehung zur Religionswissenschaft zu benennen).

Der Religionspädagogik eignet also ganz originär eine zentrale Alteritätserfahrung aufgrund ihres Gottesbezugs. Nicht zuletzt von hier aus plädiere ich für eine neue Betonung der Fremdheit Gottes, welche die Unverfügbarkeit Gottes wahrt und am Beispiel des Aushaltens und dem Nebeneinander verschiedener Gottesbilder Pluralität als Prävention vor Fremdenfeindlichkeit einzuüben hilft. Eine Religionspädagogik der Fremdheit ist folglich hochethisch. Denn sie bringt die Würde, die Unantastbarkeit und den Schutz vor Verdrängung und Vereinnahmung zum Ausdruck. Ob freilich der/die/das Andere in den einzelnen Fremdheitsbezügen wertgeschätzt werden kann, entscheiden diskursiv auszuhandelnde Relevanzkriterien. Aber eine Sensibilisierung für den Kosmos außerhalb meiner selbst unterstützt ganz sicherlich den Kampf gegen Fremdenfeindlichkeit und wirkt Vorurteilsbildungen vor, ein wichtiger Baustein, um Populismus nachhaltig entgegentreten zu können. – Wie nun kann exemplarisch konkret die unterrichtliche Praxis zum Umgang mit Populismus gestaltet werden?


Unterrichtliche Praxis zur Populismusbewältigung: Umgang mit Sprache am Beispiel von Hate Speech

Unterrichtshilfen zu politischer Bildung, zum Umgang mit Vorurteilen oder zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit sind bequem im Internet abrufbar. Sie sind aktuell und oft kostenfrei, allerdings sind Entwürfe zum Thema Populismus bisweilen nicht dezidiert für den Religionsunterricht vorgesehen, sondern generell gehalten und müssen spezifiziert eingepasst werden. Als konkretes Beispiel wähle ich den Unterrichtsentwürf »Hass in der Demokratie begegnen«29, verantwortet von der Freiwilligen Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V. (FSM30). Der Entwurf bietet vier Module, die hintereinander geschaltet oder auch einzeln im Unterricht eingesetzt werden können: Modul 1 (Demokratie) stellt grundlegende Fragen zum Leben in der Demokratie und emanzipiert Jugendliche, diese aktiv mitzugestalten. Modul 2 (Rechtsextremismus online) führt in Begriff, Strukturen und Mechanismen von Rechtsextremismus sowohl online als auch offline ein und unterstützt Jugendliche dabei, Anwerbestrategien zu erkennen und ihnen zu widerstehen. Modul 3 (Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit) informiert über vorurteilsbasierte Ausgrenzungen und diskutiert den Einfluss aktueller Netzkultur. Schließlich nimmt Modul 4 (Hate Speech) die Sprache in den Blick, indem sie deren Mitwirkung bei Gewalt und Diskriminierung herausarbeitet und Jugendliche darüber informiert, wie sie mit ihr umgehen, sich dagegen zur Wehr setzen und letztlich für Demokratie einstehen können. Gerade dieser Ansatz in Modul 4 erscheint mir interessant, nimmt er Populismus nicht direkt anhand konkreter Gruppierungen in den Blick, sondern rückt die dahinterliegenden Strukturen von Verunglimpfung und Ausschließung und demokratiefeindlicher Kommunikation ins Bewusstsein. Somit bleibt er nicht auf Einzelphänomene beschränkt.

Die Debatte um Hate Speech ist vor allem durch die US-amerikanische Auseinandersetzung um Trumps Twitter-Auftritte geprägt. Das deutsche Gegenstück »Hassrede« ist dagegen kaum etabliert. Der englische Begriff hat sich zudem auch im Deutschen durchgesetzt und dient als Oberbegriff für das Phänomen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und Volksverhetzung.31

Nach einer Sequenz zu Wesen und Verständnis von Demokratie folgt eine Einführung in das Phänomen Hate Speech und dessen Rückkoppelung in die Lebenswelt der Schüler*innen. Eine stärker handlungsorientierte Einheit vertieft das Thema und lotet den eigenen Handlungsspielraum aus und eine ausführliche Abschlussdiskussion soll noch einmal den Zusammenhang von Hate Speech, Ausgrenzung, Diskriminierung und Demokratiefeindlichkeit hervorheben.

Hate Speech wird hier nicht nur mit nüchternen Definitionen bedacht, sondern ganz praxisorientiert anhand eines Chat bei facebook von Claudia Roth, Bundesabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen analysiert.32 Den Chat eröffnet deren Statement zu Conchita Wurst, Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2014 in Kopenhagen: »Conchita ist ohne Wenn und Aber meine Königin der Herzen! Sie ist Europa!!!«. Darauf folgt ein Foto von Conchita Wurst sowie einige Kommentare mit stark beleidigendem Inhalt: z.B. »Eklige sau genau wie Frau Roth« oder ­»Sorry Claudia … ›Es‹ ist nicht Europa … aber Ihr seit beide Planet der Affen!!«


Die Schüler*innen sollen nun die einzelnen Kommentare reflektieren und sich anhand dieses Beispiels konkret damit auseinandersetzen, wozu sprachliche Diskriminierung dient, welche Ausgrenzungen und Entwürdigungen sie bewirkt und inwiefern hier demokratische Prinzipien verletzt werden.

Ein großer Vorteil dieser Materialhilfe liegt in der bewussten Einbeziehung der digitalen Welt. Dadurch kann nicht nur die Motivation der Schüler*innen positiv beeinflusst, sondern auch der Zusammenhang von Populismus und Medien sowie die subtile Verschränkung von online/offline herausgearbeitet werden. In religionspädagogischer Perspektive können nun weiter eine Vertiefung hinsichtlich christlicher Kommunikationsregeln im Umgang mit dem Anderen33 ausgelotet als auch anhand des Eingangszitats im Titel Formen christlicher Unkultur selbstkritisch in den Blick genommen werden. Damit sind Möglichkeiten einer fachspezifischen Einbettung dieses Ansatzes angedeutet.

Die Bekämpfung von Populismus ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und Schule kann immer nur im Rahmen ihrer Möglichkeiten hierzu Schüler*innen eine Plattform zu Bewusstseinsbildung und eigener Auseinandersetzung bieten. Der Religionsunterricht ist ein Teil davon.34


Anmerkungen:

1 Vgl. zur nur fragmentarischen Kenntnis über Epimenides A. Zaykov: Epimemdes’ activities in Sparta, in: Journal of Ancient History. Moscow 2002 (4), 110-130.

2 Vgl. B. Russell: Mathematical Logic as Based on the Theory of Types, in: American Journal of Mathematics (30), 1908/3, 222-262.

3 Zu den Lasterkatalogen im NT knapp: L. Bormann: Ethik und Politik, in: ders., Neues Testament. Zentrale Themen, Neukirchen-Vluyn 2014, 315-336, 325-328.

4 Zur Diskussion siehe einführend M. Frenschkowski: Pseudepigraphie und Paulusschule. Gedanken zur Verfasserschaft der Deuteropaulinen, insbesondere der Pastoralbriefe, in: F.W. Horn (Hg.): Das Ende des Paulus. Historische, theologische und literaturgeschichtliche Aspekte, Berlin/New York, 2001, 239-272.

5 Belege bei A.D. Baum: Pseudepigraphie und literarische Fälschung im frühen Christentum. Mit ausgewählten Quellentexten samt deutscher Übersetzung, Tübingen 2001.

6 Siehe als Überblick: N. Werz: Populismus. Populisten in Übersee und Europa, Wiesbaden 2003, sowie R. von Thadden/A. Hofmann (Hg.): Populismus in Europa – Krise der Demokratie?, Göttingen 2005.

7 Nicht nur schaffte es die AfD aus dem Stand erstmals in den Bundestag, sondern belegte dort auch mit 12,6 % Platz 3 im Parteienranking. Im Freistaat Sachsen kam die AfD mit 27 % sogar auf Platz 1 noch vor der CDU mit 26,9 %.

8 Vgl. insgesamt T. Schlag: Horizonte demokratischer Bildung. Evangelische Religionspädagogik in politischer Perspektive, Freiburg i. Br. u.a. 2010; B. Grümme: Religionsunterricht und Politik, Stuttgart 2009.

9 Hier wäre an Inhalte zu denken wie z.B. Glaube und Gesellschaft; Kirche und Geld; Christ*innen in der Einen Welt, u.v.m.

10 T. Mayer: Was ist Politik?, Wiesbaden 2006, 41-51, vgl. B. Grümme: Religionsunterricht und Politik, 23-26. Siehe auch weiterhin H. Arendt: Was ist Politik?, München 1993.

11 Siehe knapp die Zusammenfassung der shell-jugend-studie 2006, 6 [online!].

12 Zur rechtlichen Ordnung von Staat und Religion siehe P. Unruh: Religionsverfassungsrecht, Baden-Baden 20122.

13 Siehe ausführlich V. Wick: Die Trennung von Staat und Kirche. Jüngere Entwicklungen in Frankreich im Vergleich zum deutschen Kooperationsmodell, Tübingen 2007.

14 Siehe vertiefend K. Lindner: Religionsunterricht – das »Wertefach« in der Schule?, in: U. Kropač/G. Langenhorst (Hg.): Religionsunterricht und der Bildungsauftrag der öffentlichen Schulen. Begründung und Perspektiven des Schulfaches Religion, Babenhausen 2012, 131-146.

15 Stichworte hierzu wären u.a. Öffentliche Theologie und civil religion, siehe hierzu F. Höhne: Öffentliche Theologie. Begriffsgeschichte und Grundlagen, Leipzig 2015.

16 So Hans-Jürgen Puhle: ders.: Zwischen Protest und Politikstil: Populismus, Neo-Populismus und Demokratie, in: N. Werz (Hg.), Populismus: Populisten in Übersee und Europa. Opladen 2003, 15-43, 17.

17 Vgl. R.T. Baus (Hg.): Zur Zukunft der Volksparteien, Berlin 2009, und D. Van Reybrouck: Für einen anderen Populismus. Ein Plädoyer (Essay), Göttingen 2017.

18 J.-W. Müller: Was ist Populismus? Ein Essay, Berlin 2016.

19 Siehe zum Folgenden: a.a.O., 29-42.

20 Müller verweist darauf, dass in den USA gerade ein Bernie Sanders mit durchaus positivem Anklang als Populist bezeichnet werden kann (abgeschwächt gilt dies auch für Hillary Clinton!) (a.a.O., 39).

21 A.a.O., 42.

22 A.a.O., 43. So auch neben vielen anderen F. Hartleb: Die Stunde der Populisten. Wie sich unsere Politik trumpetisiert und was wir dagegen tun können, Schwalbach 2017, 62 (Schaubild!).

23 Müller, Populismus, 44. Siehe hierzu auch: Institut für Staatspolitik (Hg.): Die Stunde des Populismus. Das Volk, die Elite und die Krise der Repräsentation, Albersroda 2017.

24 Müller, Populismus, 44.

25 Vgl. M. Gebhardt: Alterität und Menschenrechte. Webfehler in der juridico-politischen Matrix, Berlin 2016.

26 So z.B. bei E. Lévinas: Die Zeit und der Andere. Übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Ludwig Wenzler, Hamburg 2003 (orig. 1948).

27 N. Mette: Religionspädagogik, Düsseldorf 1994, 46ff.

28 R. Englert: Religionspädagogik 1995. Ein Literatur- und Situationsbericht, in: Jahrbuch der Religionspädagogik, Bd. 12 (1995), Neukirchen-Vluyn 1996, 237-266, 252ff.

29 Zum Folgenden siehe: http://www.medien-in-die-schule.de/unterrichtseinheiten/hass-in-der-demokratie-begegnen [16.01.2018].

30 http://www.fsm.de/de [16.01.2018].

31 A.a.O., 34.

32 Primärquelle: http://www.facebook.com/Roth mit http://www.medien-in-die-schule.de/unterrichtseinheiten/hass-in-der-demokratie-begegnen [15.01.2018], 82.

33 Vgl. in bibelwissenschaftlicher Perspektive: S. ­Luther: Sprachethik im Neuen Testament. Eine Analyse des frühchristlichen Diskurses im Matthäusevangelium, im Jakobusbrief und im 1. Petrusbrief , Tübingen 2015.

34 Ich danke den Teilnehmenden folgender Veranstaltungen für alle Anregungen und kritischen Diskussionen: Seminar »Populismus und Politische Religion« im SoSe 2017 und GPM-Studientag 2017 an der FAU Erlangen-Nürnberg.


 

Über den Autor

Dr. habil. Stefan Scholz, Jahrgang 1971, Promotion in Erlangen (Neues Testament), Habilitation in Osnabrück (Religionspädagogik), Forschungen zu Hermeneutik, Digitaler Kultur und Bibeldidaktik, Pfarrer im Schuldienst und Dozent für Religionspädagogik in Erlangen und Nürnberg.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

15.08.2018
Ein Kommentar von Walter Ranft


Ein Autor, der m.E. seiner eigenen Aufgabenstellung so gut wie nicht gerecht wird: Differenzierte Wahrnehmung von Wirklichkeit, Verstehen von Unterschiedlichkeit, Akzeptanz von Verschiedenheit, das Geltenlassen der Fremdheit dessen, was "mir" fremd schein, ist und möglicherweise bleibt etc. Wer sich anschickt, auf seine Fahnen zu schreiben, was zu bekämpfen ist (= nicht gedacht, nicht empfunden, nicht thematisiert, nicht diskutiert werden darf, letztlich also auch nicht auszuhalten wäre) weist der Religionspädagogik in Wirklichkeit die Aufgabe einer Propagandaveranstaltung zu und leistet dem "Verstehen" den geringsten Dienst. Nur soviel hier zu diesem Beitrag, zu dem auch sonst eine Menge mehr zu sagen wäre ...

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