Schlägt das Pendel um?

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

Im Jahr 1952 veröffentlichte der deutsch-amerikanische Theologe Paul Tillich ein viel beachtetes Buch mit dem Titel »The Courage to Be«. Tillich stand damals – 66jährig – auf dem Gipfel seiner Popularität. Die deutsche Übersetzung mit dem Titel »Der Mut zum Sein« erschien bereits 1953 und wurde in vielen Auflagen nachgedruckt. Liest man das Büchlein in unseren Tagen, so muten Gedankengang und Sprache möglicherweise fremd und unzeitgemäß an. Zudem ist der begrifflich dichte Text nicht gerade einfach zu verstehen. Manche Abschnitte buchstabiert man leichter Stück für Stück durch als dass man sie flüssig herunterliest. Man muss den Kontext seiner Zeit mitdenken: Existentialismus, Logotherapie und Psycho(patho)logie, politische Blockbildung und Kalter Krieg, amerikanischer Fortschrittsglaube und ein Europa, das gerade erst beginnt, sich von den Wunden der Vergangenheit zu er­holen …

Und dennoch: Nicht wenige Gedanken, die Tillich in den sechs Kapiteln seiner Abhandlung entfaltet, kann man als eine schlicht geniale Erfassung seiner Zeit verstehen samt einem ebenso profunden Blick in die Geistesgeschichte von der Antike bis zur Gegenwart wie einer tiefen Vision für die Epoche(n), auf die die Menschheit erst noch zugehen sollte. Ich will ein Beispiel herausgreifen, das mich zwischen der täglichen Zeitungslektüre und den Nachrichten zum politischen Zeitgeschehen der letzten ­Wochen und Monate mehr und mehr beschäftigt.

Der »Mut (zum Sein)« in Tillichs Buch, ist ein Mut gegen die Bedrohungen menschlicher Existenz. Tillich versteht diesen Mut umfassend, d.h. nicht nur im psychologischen oder ethischen Sinn, sondern »ontologisch«, also im letzten Sinne »wirklichkeitsbestimmend«. Insofern zur Struktur menschlichen Seins das Für-Sich-Sein ebenso gehört wir das Eingebundensein in größere Zusammenhänge, weist auch der Mut diese Polarität auf: zwischen »Individuation« und »Partizipation« bzw. zwischen dem »Mut, man selbst zu sein«, und dem »Mut, Teil eines Ganzen zu sein«.

Zu dem Mut, von dem Tillich hier handelt, gehören aber auch manche Strategien, die sich die Menschheit auf ihrem Weg durch die Geschichte zurechtgelegt hat, um den Bedrohungen der eigenen Existenz zu widerstehen. Das Interessante an Tillichs Argumentation ist nun, wie er diese Strategien geistesgeschichtlich herausarbeitet. Dabei geht er »typologisch« vor, d.h. er ebnet Differenzierungen bewusst ein, um die großen ­Linien umso deutlicher aufzuzeigen. Um das Jahr 1950 ist der Mut, Teil eines Ganzen zu sein, durch zwei große politische Ideologien geschwächt: den überwundenen Kollektivismus aus NS-Diktatur und Faschismus und den noch herrschenden Kollektivismus des sowjetischen Kommunismus der Stalin-Ära. Vielleicht muss man nur wenig Prophet sein um vorherzusagen, dass unter diesem Vorzeichen der Mut, Teil eines Ganzen zu sein, als problematische Strategie angesehen und – zumindest in der sog. »freien Welt« – der Mut, man selbst zu sein, umso ausgeprägter hervortreten wird.

In den rund 70 Jahren seit Tillichs Vorlesungen in New Haven erlebten wir einen Individualisierungsschub von atemberaubender Geschwindigkeit – nicht nur im Westen! Und nun? Schlägt das Pendel erneut um? Ist der Mut, man selbst zu sein, ausgelaugt, erschlafft, verbraucht? Sind die leichtsinnige Preisgabe demokratischer Bürgerrechte und das Erwachen neuer rechter Bewegungen Signale eines neuen kollektiven Mutes? Dämmert darin die irrationale Ahnung, genau dies könne den Bedrohungen unseres Menschseins dieser Tage den entscheidenden Widerstand bieten? Und sind die neuen Kollektive im Sinne einer Nation oder eines Volkes überhaupt belastbare Größen im Blick auf die Herausforderungen, die uns betreffen, z.B. angesichts globaler Umwelt- und Klimakrisen oder angesichts eines wachsenden grenzüberschreitenden Migrationsdrucks? Oder wird sich das Ganze irgendwann als Irrweg herausstellen? Ist jemals in der Geschichte aus einem überbetonten Kollektivismus Heil erwachsen? Und wo bleibt die von Tillich angestrebte Balance zwischen Individuation und Partizipation?

Es lohnte sich, hierüber nachzudenken – mit oder ohne Tillich …

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 7/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Zweitausendachtzehn

Artikel lesen
»Liturgie des Widerstands«
Christliches Lernen am Beispiel des Purimfests
Artikel lesen
Slawisch rockende Kirchenmusik
Anmerkungen zu Leoš Janačeks »Glagolitischer Messe«
Artikel lesen
15. Sonntag nach Trinitatis
9. September 2018, Galater 5,25-26; 6,1-3.7-10
Artikel lesen
18. Sonntag nach Trinitatis
30. September 2018, Jakobus 2,1-13
Artikel lesen
Auf dem langen Weg zur konziliaren Gemeinschaft
Zum 70jährigen Jubiläum des Ökumenischen Rates der Kirchen
Artikel lesen
16. Sonntag nach Trinitatis
16. September 2018, Apostelgeschichte 12,1-11
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!