5. August 2018, Jesaja 62,6-12
10. Sonntag nach Trinitatis

Von: Rainer Oechslen
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Gott keine Ruhe lassen

I

Israelsonntag, Gedenktag der Zerstörung Jerusalems. – Der 9. Aw, der jüdische Gedenktag, ein Trauertag, fällt dieses Jahr auf den 22. Juli. Der Ton des lutherischen Gottesdienstes am 5. August ist auf Erwartung gestimmt: »O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt … Lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte« – die »gesuchte und nicht mehr verlassene Stadt«.

Liedstrophen tauchen auf: »Jerusalem, du hochgebaute Stadt, wollt Gott ich wär’ in dir …« (EG 150). »Ein jeder sein Gesichte mit ganzer Wendung richte, fest nach Jerusalem …« (EG 393,3). Da wird Jerusalem zum eschatologischen Symbol. Aber die irdische Stadt hat auch ihr Recht. »In deinen Mauern will ich stehen, du freie Stadt Jerusalem, in deinen Mauern kann ich atmen …«. Friedrich-Wilhelm Marquardt ist es so ergangen. Er konnte frei atmen in Jerusalem.


II

Fast immer habe ich, wenn ich auf der Kanzel von »Israel« sprach, das biblische Volk gemeint – das Israel, das »aus Ägypten zog« (Ps. 114,1). Die Entdeckung des »Jüdischen im Christentum« (Norbert Lohfink), des »Überschusses des Alten Testaments« (Kornelis Heiko Miskotte) wurde für mich sehr wichtig.

Wenn ich außerhalb des Gottesdienstes »Israel« sagte, dann meinte ich meist den Staat, der heuer 70 Jahre alt wird. Als Zwölfjähriger erlebte ich während des Sechs-Tage-Krieges im Juni 1967 die Sympathie für Israel in weiten Teilen Deutschlands, auch in meinem Elternhaus – ein seltsames Phänomen, 20 Jahre nach der Schoa. Seit Schamir, Scharon und Netanjahu aber wurde mir die Politik ­Israels immer mehr suspekt.

Ich schreibe diese Zeilen Anfang Mai 2018. Vor wenigen Tagen hat Donald Trump das Atomabkommen mit Iran aufgekündigt – auch auf das unentwegte Betreiben Netanjahus hin. Die Siedlungspolitik geht immer weiter. Eine Zwei-Staaten-Lösung erscheint inzwischen fast unmöglich. Wie sollte ein Palästina aussehen, das von den israelischen Siedlungen kreuz und quer zerrissen wird? Und Mahmud Abbas hat gerade das »Sozialverhalten« der Juden als Ursache der Schoa bezeichnet.


III

Schon die bloße Nennung vergleichbarer Ereignisse und Zusammenhänge kann in manchen Kreisen unserer Kirche heftige Emotionen auslösen. Zwar wird einem – theoretisch – das Recht eingeräumt, Israels Politik zu kritisieren, aber der Verdacht des Antisemitismus ist dann doch schnell bei der Hand.1 Auf der anderen Seite ist man schnell gekränkt, wenn man Zweifel an der Politik der Palästinenser ausspricht. Israel und Jerusalem sind zum Zankapfel der Politik und der evangelischen Kirchen geworden, zu einem Thema, das irenische Leute lieber vermeiden.

Und doch ist Israelsonntag, und die meisten Hörerinnen und Hörer unserer Predigten werden bei »Israel« weder an das AT denken noch an die Zerstörung des Tempels im Jahr 70, sondern eben an den Staat Israel und seine Politik. Sie werden auch nicht an Amos Oz denken, der in einem Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« gesagt hat: »Die Besatzung im Westjordanland ist sehr schlecht. Sie ist eine gefährliche Krankheit, aber es ist weder Apartheid noch Kolonialismus. Meine zionistischen Eltern kamen nicht nach Israel, um das Land auszubeuten, reich zu werden und nach Europa zurückzukehren … Die Besatzung ist schrecklich, sie ist eine einzige große Katastrophe. Wenn du einen 18-jährigen jungen Mann, aus gutem Elternhaus, humanistisch erzogen, geduldig, weltoffen, Dienst schieben lässt in den besetzten Gebieten … dann zerstörst du das Kind.«2


IV

Was sollen wir also predigen? Es hilft nichts: Jerusalem ist der Ort, an den die USA ihre Botschaft verlegen – aus Gründen, die viel mit der amerikanischen Innenpolitik und wenig mit Leuten wie Amos Oz zu tun haben. Jerusalem ist zugleich der irdische Ort einer eschatologischen Verheißung, ein Sehnsuchtsort. Diesen Widerspruch, die unterschiedlichen Assoziationen, die sich mit den Worten »Israel« und »Jerusalem« verbinden, sollten wir benennen. Wenn es Frieden in dieser Welt geben soll, dann nur, wenn auch Jerusalem zum Frieden kommt.

Darum lasst »uns den Herrn erinnern, ohne uns Ruhe zu gönnen«, an seine Verheißungen für diese Stadt. Dass Gott Getreide und Wein nicht mehr den Feinden zu essen und zu trinken geben wird, das gilt auch für die Palästinenser, deren Ölbäume gerodet wurden von »18-Jährigen«, die man »zerstört«, wenn man ihnen solche Aufgaben gibt.

Die Situation Tritojesajas und seiner Gemeinde ist: Gott hat seine Verheißung gegeben – und es geschieht nichts. Es ist dies auch die Situation derer, die Jerusalem lieben und ihm Frieden wünschen. Der dritte Jesaja zieht die Botschaft seiner Vorgänger hinein in diese Situation, legt sie aus, wendet sie an in der allgemeinen Trostlosigkeit. Das sollen auch wir tun: Gott »keine Ruhe lassen«.

Die Jüdin Hilde Domin hat geschrieben:

Nicht müde werden
sondern dem Wunder

leise

wie einem Vogel

die Hand hinhalten.


Anmerkungen:

1 Zum muslimischen Antisemitismus, der in diesen Monaten ebenfalls heftig diskutiert wird, vgl. David Ranan, Muslimischer Antisemitismus. Eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden in Deutschland?, Bonn 2018.

2 SZ Nr. 107 vom 11.5.2018.


Rainer Oechslen

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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