22. Juli 2018, 1. Korinther 6,9-14.18-20
8. Sonntag nach Trinitatis

Von: Mark Meinhard
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Gegen einfache Antworten

I

Paulus hatte es nicht leicht mit seinen Gemeinden. Keine war wie die andere. Ein Phänomen, das wir heute gerne vergessen, wenn wir unsere Kirchenreformprogramme aufstellen. Jede Gemeinde ist geprägt – auch von der Geschichte, aus der sie entstanden ist und dem Umfeld, in welchem sie lebt.

Korinth gehörte sicherlich zu den schwierigeren: Ein »melting pot« von verschiedensten Kulturen und Ideen, Menschen aus aller Welt trafen hier aufeinander. Möglicherweise gab es im großen Tempel der Aphrodite sogar eine Art von Prostitution. Und auch dort predigt Paulus die Freiheit, die Christus bringt. Und auch dort finden sich Menschen zu einer Gemeinde zusammen. Es ist ja auch eine große Neuigkeit, die mit dem Christentum kommt: Gleichheit zwischen Herr und Sklave. Kind und Frau dürfen auch zur Gemeinde gehören. Alle sind Kinder Gottes und gleich viel wert.

Aber die Botschaft fällt in Korinth auf einen anderen Boden, als in den übrigen Gemeinden. Paulus hat plötzlich zu tun mit »überspannten Enthusiasten des Pneumaglaubens« (so nennt sie z.B. Christian Wolff) – Menschen, die meinen, in ihrer neuen Freiheit könnten und dürften sie nun plötzlich alles. Keine Grenze und keine Regel mehr, die sie binden könnte. Paulus muss das korrigieren: Nein, Christen sind nicht völlig enthemmt und geistig so überhöht, dass dem Körper nichts mehr schaden kann.

Paulus versucht, den richtigen Ort in der Heilsgeschichte zu finden: »Ihr seid noch nicht am Ziel, ihr seid noch nicht vollkommen, ihr lebt noch in dieser Welt, als Teil dieser Welt und seid doch schon ein Stückchen außerhalb dieser Welt.« Deswegen stellt er in die Mitte seiner Worte: »Alles ist erlaubt, aber es dient nicht alles zum Guten. Nichts soll mich gefangen nehmen.« Ich muss beweglich bleiben in meinem Denken und in meinem Tun.


II

Ja, es ist also wahr: die Christen sind die freiesten Geschöpfe, die man sich vorstellen kann. Mir kann nichts schaden im geistigen Sinne. Für die Korinther war es eine Frage: Dürfen sie Fleisch essen, welches für Götzen geopfert worden ist? Natürlich dürfen sie das, denn wir wissen: Götzen haben keine Macht. Aber aufpassen: Wenn ein Bruder, eine Schwester bei dir ist, die Angst hat und sich nicht sicher ist, dann lass es um ihretwillen und verzichte auf dieses Fleisch.

Ein Beispiel von heute: Kann mir ein umgedrehtes Kreuz schaden oder ein Satanssymbol Schlechtes zufügen? Nein, natürlich nicht: Diese Zeichen haben keine Kraft und dahinter steht keine Macht, die nicht in Christus schon längst besiegt wäre! Erinnern wir uns an das Osterlachen: Am Ostersonntag wird der Teufel ausgelacht – er hat seine Macht endgültig verloren.

Ich persönlich muss lächeln über Gläserrücken und Pendeln, über Karten Befragen und Sterne Deuten. Aber: Wenn ich merke, dass es meinem Bruder und meiner Schwester Angst macht, dann sei vorsichtig um des Bruders und um der Schwester willen.


III

Also auch hier wieder: Wir sind frei, freier, als wir uns das manchmal eingestehen würden, denn allzu gerne binden wir uns an Regeln und Vorschriften, von denen wir glauben, sie würden uns zum Heil führen. Aber ich soll auf meinen Nächsten achten! Und wer ist der Nächste? Der Schwächere an meiner Seite. Der Leidende. Der Kranke. Der, der seinen Trost verloren hat. Der, der nicht weiß, wie es weitergehen soll im Leben. Der, der seine Hoffnung verloren hat.

Es ist die Beziehung zwischen Mensch und Gott und zwischen Mensch und Mensch, von der Christus redet. Und Beziehung ist lebendig, ist einmalig – sie lässt sich nicht in Regeln fassen, nicht in Kategorien pressen. An den Früchten also sollt ihr sie erkennen. Wir können sie nicht finden, diese Früchte, in einem Handbuch, das von Menschen geschrieben wäre. Kein einfaches Schwarz-Weiß-Schema. Wir müssen erkennen, dass diese Früchte selbst lebendiger Umgang sind. Dass diese Früchte lebendige, von Gott geführte und gewollte Beziehung zu meinen Mitmenschen ist. Wandelbar und in jeder Situation einmalig und anders. Wir sind befreit worden von Gott – das ist unser größtes Gut. Aber wir sind befreit worden auf den Nächsten hin, nicht zu Regelwerk oder zu Dogmatismus, nicht zu Rechthaberei und falscher Frömmigkeit. Nicht zu Erfolgsgläubigkeit und nicht zu Gesundheitsbeweisen, sondern auf den Schwachen hin, der uns braucht. Auf den Armen hin, an dem wir vorübergehen. Auf den Traurigen hin, der allen Mut hat fahren lassen. Dort sollen wir Zeugen sein Jesu Christi. Dort sollen wir seine Botschaft leben. Dort dürfen wir von dem Geschenk, das wir selber erhalten haben weitergeben. Diese Früchte sind es die das Christentum lebendig machen.


Mark Meinhard

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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