Johannes Raus pietistische Prägungen als Predigersohn
»Kampf ist für mich nicht das einzige Kriterium des Politischen«

Von: Matthias Hilbert
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Der Predigersohn Johannes Rau (1931-2006) war bekennender Christ und als nordrheinwestfälischer Ministerpräsident und späterer Bundespräsident bei den Menschen sehr beliebt. Was ihn als Menschen, Politiker und Christen positiv auszeichnete, hat ohne Zweifel seine Wurzeln in seinem frommen Elternhaus gehabt, wie Matthias Hilbert in seinem ­Porträt schildert.


Nachdem am 16. Januar 1931 Helene Rau in Wuppertal ihr drittes Kind zur Welt gebracht hatte – es war ein Junge –, telegrafierte ihr Mann, der sich zu der Zeit im Lipperland aufhielt, der Mutter kurz und knapp: »Lukas 1,13.« Diese schlägt die angegebene Bibelstelle auf und liest: »Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Denn dein Gebet ist erhört, und dein Weib Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, des Namen sollst du Johannes heißen.«

Helene Rau und ihr Mann Ewald sind bibelfeste Leute. Das ist auch kein Wunder, ist doch Ewald Rau beim Deutschen Hauptverein des Blauen Kreuzes als Vereinssekretär angestellt. Man könnte seine Funktion auch als Reiseprediger bezeichnen. Die in der Regel dem Pietismus nahestehenden Mitglieder des Blauen Kreuzes versuchen, alkoholkranke Menschen zu einem abstinenten Leben aus der Kraft des christlichen Glaubens zu verhelfen. Ewald Rau besucht diese Blaukreuz-Kreise landauf und landab, berät und ermuntert ihre Mitglieder, unter denen nicht wenige Ex-Alkoholiker sind, und predigt auf ihren Veranstaltungen das Wort Gottes. Er muss ein sehr begabter Verkündiger gewesen sein, dem »das Predigen mit Vollmacht und ohne Diplom« (Johannes Rau) Passion war und der seine Predigten mit anschaulichen Beispielen und Geschichten auszuschmücken verstand. In den letzten Jahren seines Lebens war er sogar als freier Evangelist tätig.


Die Kirche Jesu ist kein mittelständisch-religiöses Unternehmen

Ewald Rau war eines Tages »mit einer bewussten Entscheidung Christ geworden«. Neben seiner ursprünglichen Tätigkeit als Kaufmann mit einem eigenen Textilgeschäft besuchte er die Bibelstunden frommer Kreise und half dort bevorzugt als Laienprediger aus. Schließlich gab er sein Geschäft auf und folgte Gottes Ruf in die Arbeit des Blauen Kreuzes. Das Einkommen, das er hier bei seiner aufopfernden Tätigkeit erhält, ist nur knapp bemessen. Nicht immer ist es leicht, die Familie mit ihren am Ende fünf Kindern durchzubringen. Zumal sich immer wieder auch Gäste der unterschiedlichsten Art in seiner Wohnung einfinden.

»Da waren«, so Johannes Rau später in seinen Erinnerungen an seine Eltern, »nicht nur die Kollegen mit unterschiedlichen akademischen Weihen oder ganz ohne sie, nicht nur die sprichwörtlich gut betuchten Barmer oder Elberfelder Fabrikanten und Kaufleute, sondern eben auch die ›verkrachten‹ Existenzen, die ›geretteten Trinker‹, die von der Bahnhofsmission Mitgebrachten ohne festen Wohnsitz, denen wir Jungen einmal für eine Nacht zu weichen hatten oder die mit bei Tisch saßen. Das war interessanter als kulinarische Küche, die wir uns nicht leisten konnten. Jedenfalls haben wir gelernt, dass die Kirche Jesu Christi kein mittelständisch-religiöses Unternehmen ist, sondern dass die ›Mühseligen und Beladenen‹ dazugehören und dass die, denen Jesus sich zuwendet, nicht nur so aussehen, wie Schnorr von Carolsfeld sie gemalt hat.« Auch konnte es immer wieder einmal passieren, dass der Vater die Kinder am Sonntagmorgen ermunterte: »Bringt heute mit, wen ihr liebhabt!«

Dass Gebet, Bibellese und Andacht zum Alltag gehörten, war für die Rau-Kinder etwas völlig Normales: »Für uns gehörte das, was heute wie ein altmodisches Ritual zu wirken scheint, zum Lauf des Tages wie Waschen und Essen, wie Spielen und Schlafen: dass man den Tag am Morgen unter die ›Losungen‹ (der Herrnhuter) stellte, das ›Tischgebet und Schriftauslegung‹ zur Mahlzeit gehörten wie Messer und Gabel und dass man manchmal sehnsüchtig schielte, wie lang die Auslegung wohl heute sei und was dem Autor an scheinbar Belanglosem wohl einfiel« (Johannes Rau). Verfehlungen der Kinder wurden bestraft, doch differenzierte dabei der Vater: besonders rügens- und strafwürdig fand er solche, die gegen das Liebesgebot verstießen.


Christen, die nicht lachen können, sind zum Weinen

Es ist verständlich, dass für Ewald Rau als Blaukreuzler Alkohol tabu ist. Doch auch Theater- und Kinobesuch, Rauchen und Tanzen sind in den pietistisch-frommen Kreisen Wuppertals verpönt. Johannes Raus Eltern machen da keine Ausnahme. Auch wenn sich die Kinder an diesen Verboten reiben, so ist doch eine gesetzliche Enge oder gar mangelnde Lebensfreude und -bejahung nicht der Grundton, den sie daheim erleben. Vielmehr geht es zuhause ausgesprochen fröhlich und diskussionsfreudig zu. (»Wir lieben ihn«, schreibt Johannes Rau als 22-Jähriger in der christlichen Jugendzeitschrift »Jungenwacht« über seinen Vater, »und machen das ›Generationenproblem‹ unter uns aus.«)

Dass sein Vater »Christen, die nicht lachen können, zum Weinen fand«, wird sein Sohn später immer wieder zitieren. Seiner Mutter bescheinigte Johannes Rau »eine profunde pietistische Haltung ohne geistige Enge«. Sie sei eine Frau gewesen, »die ihren Kindern viel Proviant für das Marschgepäck des Lebens mitgegeben« habe. (»Wir haben noch Lieder und Gedichte auswendig gelernt.«) Nein, engherzig und kleingeistig waren Ewald und Helene Rau nicht. Dass in ihrer Wohnung das Psalmwort »Du stellst meine Füße auf weitem Raum« an der Wand hängt, ist durchaus typisch für ihr Glaubens- und Lebensverständnis.

Auch pflegte Ewald Rau freundschaftliche Kontakte zu Christen anderer Benennungen. Er predigte nicht nur in Kirchen und in den Sälen kirchlicher Gemeinschaften, sondern auch in freikirchlichen Kapellen. Johannes Rau selbst besuchte als Jugendlicher gerne die Gottesdienste und die Jugendgruppe der Freien evangelischen Gemeinde in Wuppertal-Barmen und nahm an ihren Jugendfreizeiten teil. Als diese Gemeinde 2004 ihr 150. Gemeindejubiläum feierte, meinte er in einem Interview mit der FeG-Zeitschrift »Christsein Heute« rückblickend: »Heute bin ich 73 Jahre alt. Und je älter ich werde, desto wichtiger werden für mich diese Jahre. Mein kirchlicher Hintergrund ist diese Mischung aus lebendiger Volkskirche und pietistischer, freikirchlicher Frömmigkeit. Für mich ist das ein Glücksfall gewesen. Ich bin nie ein Pietist wie die Gestalten geworden, die nicht mehr lachen können. Aber ich bin auch nie weggekommen von dieser ursprünglichen Frömmigkeit. Nehmen Sie ihr altes Gesangbuch, den Gemeindepsalter. Das hatte Lieder wie ›Stark ist meines Jesu Hand‹ (…) oder ›König, gib uns Mut und Klarheit‹. Das sind Sachen, die haben mich mein Leben lang begleitet. Oder solche Lieder von Hermann Heinrich Grafe und Brockhaus (freikirchliche Liederdichter – M.H.). Die hatten doch Qualität. Und die wird eben dann deutlich, wenn man wie ich auf dem Operationstisch im Krankenhaus liegt und mehr Angst vor der ärztlichen Diagnose hat als vor der nächsten Spritze.«


Einspruch gegen nationalsozialistisches Gedankengut

Johannes Raus Heimatgemeinde aber war die Reformierte Kirche in Barmen-Gemarke gewesen, wo seine Eltern wohnten. Hier ist er getauft worden, hier besuchte er den Kindergottesdienst und den Schülerbibelkreis. Und hier wurde er auch besonders geprägt durch den Gemeindepfarrer Karl Immer, der so mutig gegen die Irrlehren der nationalsozialistischen »Deutschen Christen« Einspruch erhob und einer der führenden Männer der »Bekennenden Kirche« war. Er hatte 1934 zur Bekenntnissynode nach Barmen eingeladen, auf der unter der entscheidenden Mitwirkung des Theologen Karl Barth die Barmer Theologische Erklärung verabschiedet wurde, in der es gleich am Anfang unmissverständlich hieß: »Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.«

Bei den Nazis ist der couragierte Pfarrer verhasst. »Hier wohnt der Volksverräter Karl Immer«, schmieren sie an das Pfarrhaus. Johannes Rau und seine Geschwister gehen bei den Immers ein und aus. Es bilden sich Freundschaften zwischen den Kindern des Pfarrers und des Blaukreuz-Predigers. Besonders Johannes wird von den Pfarrersleuten wie ein eigenes Kind behandelt. Wenn der schwer herzkranke Immer seinen vom Arzt verordneten täglichen Spaziergang macht, wird er oftmals von dem Rau-Sohn begleitet.

Ewald Rau selbst ist wie viele Pietisten seiner Zeit ein eher unpolitischer Mensch. Zwar hängt auch bei ihm wie in so vielen deutschen Haushaltungen ein Bild des »Führers« an der Wand. Es ist aber irgendwie anders als die Bilder, die Johannes in anderen Wohnungen sieht: Es zeigt Hitler, wie er vor der Garnisonskirche in Potsdam eine artige Verbeugung vor dem damaligen Reichspräsidenten Hindenburg macht. Auf die Frage des Sohnes, warum bei ihnen gerade dieses Bild hängen würde, lautet des Vaters bezeichnende Antwort: »Weil dies das einzige Bild ist, wo der Führer sich vor jemandem verneigt.« Johannes Rau attestiert seinem Vater, dass für ihn »das Evangelium immer über staatlichen Veranstaltungen stand«. So bestand er auch bei seinen Kindern darauf, dass sie sonntags den Kindergottesdienst besuchten. Dabei konnte es geschehen, dass sie »mit dem Gesangbuch unter dem Arm« an Schulkameraden vorbeiziehen mussten, die gerade beim HJ-Fähnlein angetreten waren. ­Keine einfache Situation für die Kinder des Predigers.


Wenn Christen nicht nur weggeblickt hätten

Am 9. November 1938 bekommt der siebenjährige Johannes mit, wie in der sog. »Reichskristallnacht« in seiner Heimatstadt die Synagoge in Flammen steht. Verstört fragt er irgendjemanden, warum das Gebäude brennt. Die Antwort jenes Erwachsenen bleibt dem Kind unvergessen: »Das sei das Haus der Juden, und Gottes Wort werde da schon lange nicht mehr richtig verkündet.« Als Rau dieses Erlebnis Jahrzehnte später in einer Predigt in der Kölner Antoniterkirche erzählte, fügte er nachdenklich an: »Nicht nur das Brennen der Synagogen war das Schreckliche an diesem Abend damals, sondern auch dass die Menschen – Menschen wie Sie und ich – bloß zugeschaut oder ganz weggeblickt haben. Was wäre gewesen, wenn die Christen nicht bloß weggeblickt hätten? Was wäre gewesen, wenn das Gewissen der Welt, auch der christlichen Welt, geschärft gewesen wäre und wenn der spätere Satz Dietrich Bonhoeffers Wirklichkeit gewesen wäre, dass nur der gregorianisch singen dürfe, der vorher für die Juden geschrieen hätte?«

In der Nacht vom 29. auf den 30. Mai 1943 fliegen die Alliierten verheerende Luftangriffe auf Wuppertal. Ewald Rau ist bereits 1939 eingezogen worden und wird neben anderen Kriegsschauplätzen auch an der Ostfront eingesetzt. Die Bombennacht erlebt er in seiner Heimatstadt während eines Heimaturlaubes mit. Er sitzt mit seiner Familie im Luftschutzkeller. Da wird in der Nähe ein Haus getroffen. Er verlässt den Luftschutzkeller und hilft mit seinen Söhnen in der durch die Phosphorbomben und die vielen Brände taghellen Nacht beim Löschen. Johannes bekommt durch die Bombenabwürfe schreckliche Dinge mit: »Schreiende, sterbende Menschen, Tote, zum ersten Mal in meinem Leben. (…) Vor dem Konsum hatten sie die verkohlten Leichen aufgestapelt.« Am Tag nach dem Bombenangriff lässt der Vater seine um den Tisch versammelte Familie wissen, was ihm ein Kriegskamerad gesagt habe: »Es gibt in Russland und Polen Lager, in denen Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten gefoltert werden, die nennt man Konzentrationslager.« Johannes Rau: »Ich werde diesen Morgen nie vergessen. Ich war erst zwölf. Wir wurden beschworen, darüber nie zu reden. Deshalb gab es für mich nach ’45 keinen Rückweg ins Nationale.«


Ein schwerer Fehler in jungen Jahren

Ewald Rau kehrt 1945 schwer verwundet aus dem Krieg heim. Die Familie durchzubringen, fällt schwerer denn je. Dennoch können er und seine Frau nicht anders, als sich auch jetzt denen zuzuwenden, die ihrer Hilfe bedürfen. Sie pflegen nicht nur eine krebskranke Person, sondern nehmen auch noch zwei ostpreußische Flüchtlingskinder bei sich auf. Und wiederum stellen sich immer wieder Bedürftige zum Mittagessen bei den Raus ein. Diesmal sind es vor allem Zigeuner, die in der Nähe campieren und die Ewald Rau aufgesucht hat.

Ihr Sohn Johannes muss wegen einer Tuberkuloseerkrankung für drei Monate in eine Lungenheilanstalt. Danach besucht er weiter das Gymnasium. Doch die kriegsbedingten Unterrichtsausfälle und Schulwechsel haben dem pubertierenden Jungen nicht gut getan. (»Ich interessierte mich mehr fürs Lyzeum als fürs Gymnasium.«)

Der Vater ist als Evangelist häufig unterwegs. Wenn er zurückkommt, erkundigt er sich nach den Schularbeiten des Jungen. So auch an einem Septemberabend 1946. Doch diesmal war Johannes auf die Rückkehr seines Vaters nicht vorbereitet. Er muss gestehen, dass er die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Auch in den vergangenen Tagen nicht. Da beschließt Ewald Rau kurz entschlossen, dass sein Junge sich vom Gymnasium abmelden könne: »›Wenn du schon nicht richtig lernst, kannst du auch etwas Sinnvolles tun.‹ Am Tag darauf ging ich das letzte Mal in mein Gymnasium. Damals habe ich das als sehr befreiend empfunden. Aber später wusste ich, dass es einer der Fehler war, die ich kein zweites Mal begehen würde.«

Schon früh hatte Johannes Rau eine Leidenschaft für Bücher entwickelt und begonnen, sich eine eigene kleine Bibliothek zusammenzustellen. Was liegt also näher, als nach einem Beruf Ausschau zu halten, der mit dieser Bücher-Leidenschaft kompatibel erscheint! So gelingt es dann auch dem Vater, ihn bei dem christlichen Emil Müller Verlag unterzubringen, wo er eine Lehre zum Verlagsbuchhändler absolviert. Auch nach seiner Lehrzeit arbeitet Johannes Rau weiter für den Verleger Müller, bereist im Land die evangelischen Buchhandlungen, hält und knüpft Kontakte zu Buchautoren. Und er fängt selbst an zu schreiben. So verfasst er etwa Artikel für die »Jungewacht«, der monatlich erscheinende Zeitschrift der Schülerbibelkreise. Sogar im Feuilleton-Teil der Wuppertaler »Westdeutschen Rundschau« erscheinen Veröffentlichungen von ihm, wie etwa Buchrezensionen oder Theater- und Konzertkritiken.


Wer nicht handelt, ist dem Mitmenschen kein Nächster

1950 hat Rau ein folgenreiches politisches Schlüsselerlebnis. Bei einem Pfingstreffen der Schülerbibelkreise in Marburg lernt er den Innenminister und bekennenden Christen Gustav Heinemann (damals CDU) kennen. Heinemann wirbt in seinem Vortrag und der anschließenden Diskussion für ein politisches Engagement der Christen. Seine Kernthese lautet: »Für Christen ist der Verzicht auf politische Verantwortung nicht erlaubt, ja er ist nicht möglich; denn der, der nicht handelt, lässt sich behandeln, und der, der nicht handelt, ist dem Mitmenschen kein Nächster.« Der 19jährige Rau ist von der Person und der Argumentation des Redners tief beeindruckt.

Anfang Dezember 1952 erhält Rau von der »Westdeutschen Rundschau« den Auftrag, aus Anlass der soeben gegründeten Gesamtdeutschen Volkspartei (GVP) ein Gespräch mit dem Wuppertaler Wirtschaftsberater (und engagierten Christen) Adolf Scheu zu führen, der wie der inzwischen aus der CDU ausgetretene Gustav Heinemann zu den Mitbegründern dieser neuen Partei gehörte. Wie einst Heinemann so versteht es auch Scheu, den aufgeweckten Predigersohn von der Plausibilität und Notwendigkeit einer aktiven politischen Betätigung der Christen zu überzeugen. Und auch Scheu selbst ist höchst angetan von dem an politischen Fragen auffallend interessierten jungen Mann und nimmt ihn am Abend mit nach Essen, wo der Landesverband der neuen Partei gegründet werden soll. In der Anwaltskanzlei Heinemanns trifft Rau nicht nur den Ex-Bundesinnenminister, sondern auch die frühere Abgeordnete der Zentrumspartei Helene Wessel und den Rechtsanwalt Diether Posser, der später Justizminister in Nordrhein-Westfalen und ein besonders guter Freund von Rau werden sollte. So wurde dieser 2. Dezember ein sehr denkwürdiger Tag in seinem Leben. Er war nicht nur Gründungsmitglied des neuen GVP-Landesverbandes geworden, sondern auch »Vorsitzender und – zunächst einziges – Mitglied meines Kreisverbands«.


Gegen Wiederbewaffnung und NATO-Mitgliedschaft

Gut ein Jahr später, am 15.12.1953, kommt Raus Vater im Alter von erst 55 Jahren auf tragische Weise bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Es ist ein herber Verlust für Frau und Kinder. Johannes Rau hat seinen Vater hochgeschätzt und ihn sehr geliebt. Noch als Ministerpräsident stand auf seinem Schreibtisch dessen Foto.

Kurz vor dem Tod seines Vaters hatte er von dem bekannten CDU-Politiker Hermann Ehlers das Angebot erhalten, in dem von ihm gegründeten Jugenddienst-Verlag in Oldenburg an verantwortlicher Stelle mitzuarbeiten. Da starb plötzlich Ewald Rau. Der Sohn fühlt sich seiner verwitweten Mutter verpflichtet und teilt Ehlers mit, dass er sie nicht verlassen könne. Daraufhin mietet Ehlers kurzentschlossen zwei Zimmer in Raus elterlicher Wohnung und lässt das Verlagsmaterial nach Wuppertal bringen. Auf diese Weise erhält Helene Rau eine kleine Miete und ihr Sohn kann überdies bei ihr wohnen bleiben. Noch im selben Jahr übernimmt Rau nach dem frühen Tod von Ehlers die Verlagsleitung.

Gleichzeitig ist er als Jungpolitiker überaus aktiv. Er wirbt mit Heinemann und den anderen Mitstreitern aus der GVP für die Neutralität der jungen Bundesrepublik, um so die Chance einer Wiedervereinigung Deutschlands nicht aufs Spiel zu setzen. Entschieden spricht er sich gegen die von Adenauer forcierte Wiederbewaffnung und NATO-Mitgliedschaft Westdeutschlands aus und setzt sich vehement für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ohne Gewissensprüfung ein.

Da die GVP bei der Bundestagswahl am 6.9.1953 nur enttäuschende 1,2% der Stimmen erhalten hatte, stellte sich vor der Bundestagswahl 1957 die Frage, ob es überhaupt Sinn mache, als Splitterpartei an der Wahl teilzunehmen oder ob man im Kampf gegen die atomare Aufrüstung und für eine andere Deutschlandpolitik (als die von Adenauer betriebene) die Kräfte nicht besser bündeln und der SPD beitreten sollte. Diese Option lag auch insofern nahe, als die SPD gerade dabei war, sich zu einer modernen Volkspartei zu entwickeln und eine pragmatische Position zur sozialen Marktwirtschaft und ein revidiertes Verhältnis zum Christentum anstrebte. Nachdem es zu vorbereitenden Treffen und konkreten Vereinbarungen zwischen führenden SPD- und GVP-Politikern gekommen war, löste sich die Heinemann-Partei im Mai 1957 auf. Viele ihrer Mitglieder traten zur SPD über. Einer von ihnen ist Johannes Rau.

Dabei mag auch folgende Erkenntnis mitgespielt haben, die Johannes Rau viele Jahre später in Hinblick auf das Verhältnis von Sozialismus und Christentum so formulierte: »Die Arbeiterbewegung und der Sozialismus sind entstanden, als die Kirchen sich fast ausschließlich um der Seelen Seligkeit kümmerten und die Fragen nach den Ursachen der Not der arbeitenden Klassen nicht stellten in ihrer babylonischen Gefangenschaft. Untertänige Treue zum König und zur Obrigkeit ließen die Kirchen blind sein für die sozialen Fragen. Die Sozialisten wandten sich enttäuscht ab von den Kirchen und stellten gegen das Christentum trotzig den humanistischen Atheismus der Arbeiterbewegung. Bis heute wirkt in manchen Gruppen dieser alte Streit fort. Aber er ist geschichtlich zu erklären und zu überholen. Die Zeit ist gekommen, die Erfahrungen aus den Gefängnissen der Hitlerzeit zu verallgemeinern. Da fanden sich die Gegner des Naziregimes in der Haft, Christen, Sozialdemokraten und Kommunisten.«


»Versöhnen statt spalten«

In der SPD macht Rau schnell Karriere: 1958 jüngster Abgeordneter seiner Partei im nordrhein-westfälischen Landtag, 1967 Fraktionsvorsitzender der SPD, 1970 Minister für Wissenschaft und Forschung in NRW, 1977 SPD-Landesvorsitzender. Von 1978-1998 ist er Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen. 1999 wird er zum Bundespräsidenten gewählt.

Wenn man der Frage nachgeht, was für den Christen und Politiker Johannes Rau typisch gewesen ist, so sei zunächst auf sein Motto »Versöhnen statt spalten« hingewiesen. Nachdem der SPD-Vorstand ihn für die Bundestagswahl 1987 zum Spitzenkandidaten vorgeschlagen hatte, betonte er vor den Führungsgremien seiner Partei: »Versöhnen statt spalten – heißt der Grundsatz, von dem wir uns leiten lassen wollen. (…) Ihr wisst: Freund-Feind-Denken ist nicht meine Sache. (…) Auch wenn wir sagen müssen: In einer sich rasch verändernden Gesellschaft sind Auseinandersetzungen nur zu natürlich. Sie müssen nach fairen Spielregeln ausgetragen werden. (…) Kampf ist für mich nicht das einzige Kriterium des Politischen. (…) Der überkommenden Vorstellung, der Krieg sei der Vater aller Dinge, setze ich die Einsicht entgegen, dass die Menschen verkommen, wenn sie die Freundschaft, die Brüderlichkeit, die Geschwisterlichkeit vergessen.« Rau war ein zum Dialog bereiter Politiker, der den Andersdenkenden ernst nahm und respektierte, der ihn »mitnehmen« und argumentativ überzeugen wollte.

Besonders am Herzen lag Rau zeitlebens das Verhältnis zu den Juden und dem Staat Israel. Mehr als 30mal führten ihn Reisen in dieses Land des Nahen Ostens. Hier schätzte und liebte man ihn als verlässlichen Freund und guten Ratgeber. Im Jahr 2000 spricht Rau als erster deutscher Bundespräsident in der Knesset. Nach seinem Tod Anfang 2006 würdigte ihn der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, mit den Worten: »Es waren Leute wie Johannes Rau, die uns allmählich überzeugt haben, dass ein anderes Deutschland auch andere Deutsche bedeutet, dass wir den Deutschen vertrauen, mit ihnen gemeinsam die Vergangenheit analysieren und eine bessere Zukunft gestalten können.« Primor attestierte dem Verstorbenen, dass er das israelische Verhältnis zu Deutschland »mit viel Geduld allmählich entkrampft« habe und dass »keiner so erfolgreich (war), wenn es darum ging, menschliche Beziehungen aufzubauen, wie Johannes Rau«. Doch auch die Palästinenser brachten Rau Wertschätzung entgegen. So verlieh ihm Palästinenserführer Arafat im Februar 2000 für sein Engagement für den Frieden im Nahen Osten die Medaille »Bethlehem 2000«.


Die Welt zuerst menschlicher machen, nicht christlicher

Die eschatologische Erwartung, dass Christus wiederkommen und »alles neu« machen wird, war für Johanes Rau kein Grund, die Welt – so wie sie ist – im Argen zu belassen. Ganz im Gegenteil. Zwar war für ihn »das himmlische Jerusalem, von dem die Offenbarung in einer Fülle fremder und faszinierender Bilder erzählt, der erhoffte Ort, wo dem Volk Gottes noch eine Ruhe ist, wo das Getriebe nicht das Letzte ist, wo gewiss ist, dass noch etwas kommt. Aber unser Leben«, so seine Meinung, »soll bestimmt sein davon, dass wir wegen der Hoffnung, dass noch etwas kommt, die Welt verändern und sie erst einmal menschlicher machen, nicht zuerst christlicher. Wenn sie denn menschlicher ist und wenn wir Stück für Stück etwas von diesem Abglanz (…) in das Leben derer neben uns (bringen), derer, die uns anvertraut sind, dann wird auch der erkennbar (…), der gesagt hat: ›In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.‹ Nicht damit wir sie abschütteln, diese Welt, nicht dass wir nach Art dieser Welt leben, sondern dass wir sie entdecken als Gottes geliebte Welt. Da soll sein Reich beginnen, und wir sollen dabei helfen.«

Dabei blieb Rau Realist. So äußerte er einmal: »Ja. Wir sollen auf den neuen Himmel und die neue Erde warten, statt den Versuch zu machen, den Himmel auf der Erde zu versprechen und zu schaffen. Alle, die das versucht haben, haben den Himmel versprochen und die Hölle gebracht. Wer glaubt, weiß aber auch, dass es lohnt, diese Welt menschlicher und menschenwürdiger zu machen – auch deshalb, weil Gott Mensch geworden ist.« Politik war für Rau nach einem Wort von Hannah Ahrendt »angewandte Nächstenliebe, angewandte Liebe zur Welt«.


Politik als angewandte Nächstenliebe

Johannes Rau ging mit seinem christlichen Glauben nicht hausieren. Schon früh hatte er darauf hingewiesen, dass er nicht in der Politik tätig sei, weil er »ein Missionsfeld suche«. Auch war er sich als Ministerpräsident und späterer Bundespräsident stets bewusst gewesen, dass er ein Präsident für alle Bewohner seines Landes sei, für Christen, wie für Nichtchristen. Vereinnahmen – von wem auch immer – ließ er sich nicht. Aber er wollte für die Menschen da sein. Man spürte ihm ab, dass er sie liebte und ihm ihre Sorgen nicht gleichgültig waren. Was er an seinem Vater wahrgenommen und von ihm gelernt hatte – dass nämlich der christliche Glaube über den Bereich der Innerlichkeit hinausgeht und auch zu praktischen Konsequenzen führt im Verhältnis zum Mitmenschen, dem »Nächsten« –, das versuchte er umzusetzen in seinem politischen Tätigkeitsfeld.

Wie sein Vater, so waren auch ihm die »Losungen der Brüdergemeine« täglicher Begleiter. Bei christlichen Veranstaltungen sang er die Kirchen- und Gemeinschaftslieder kräftig und in der Regel auswendig mit. Zitate aus der Bibel anzuführen fiel ihm nicht schwer. Auch das fröhliche Wesen hatte er vom Vater. Sein Repertoire an Anekdoten und Witzen war unerschöpflich. Doch anders als sein Vater trank der Sohn auch gerne sein Bier, liebte das Skatspiel in geselliger Runde über alles und war ein notorischer Raucher.

Anderen aufgedrängt hat Rau seinen Glauben nicht. Er hat ihn aber auch nicht verleugnet oder verschämt versteckt. Davon zeugt nicht nur sein Engagement in der evangelischen Kirche selbst – so war er über viele Jahre Mitglied der Synode der Evang. Kirche im Rheinland –, davon zeugen auch seine Predigten, die er in Kirchen oder auf Kirchentagen hielt, sowie so manches Interview. Manche kirchliche Entwicklungen sah er durchaus kritisch. So wünschte er sich etwa von den Kirchen »Selbstbewusstsein und eine unverwechselbare Botschaft. Sie soll nahe bei den Menschen sein, (…) Christen, die nicht mehr trösten und nicht mehr stärken, die im Alltag nicht mehr erkennbar sind um ihrer Botschaft willen, werden auch mit ihren öffentlichen Worten und ihren großen Veranstaltungen (…) nur noch die Redaktionen und die Agenturen erreichen, nicht aber die Herzen der Hörer und Leser, um die es doch geht.«


Toleranz ist nicht Beliebigkeit

Besonders deutliche Worte fand Rau, als er als Bundespräsident im Oktober 2003 junge Christen empfing, die von Politikern, die dem Gebetsfrühstückskreis im Bundestag angehörten, zu einem »Wochenende der Begegnung« eingeladen worden waren. Dabei monierte er Predigten in evangelischen Gottesdiensten, die wirkten, als ob religiöse Aufsätze abgelesen würden, und hielt es geradezu für gefährlich, wenn der Verkündiger das Ergebnis seiner Zeitungslektüre quasi als Gottes Wort ausgeben würde. Auch könne er als Christ nicht – wie er es bei einer Pfarrerin erlebt habe – beten: »Guter Gott, lieber Allah«. Er bestritt, dass alle an denselben Gott glauben würden, und bekannte, dass er persönlich bei der Lektüre der Bibel zum gleichen Ergebnis komme, wie es Petrus in der Apg. formuliert habe: dass es »in keinem andern Heil gebe als in Jesus Christus«. Er habe aber Respekt vor allen Menschen, die anderes glaubten. Auch seien Christen nicht besser als andere Menschen.

Gleichzeitig betonte Rau, dass zwischen den Anhängern aller Religionen Toleranz herrschen müsse. Doch dürfe diese nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden – so als ob es egal sei, was jeder einzelne glaube. Jedenfalls könne der interreligiöse Dialog nur gelingen, wenn jeder selber wisse, was genau er glaube.

Bis zum 30. Juni 2004 war Johannes Rau Bundespräsident. Dann endete seine Amtszeit. Auf seinen Wunsch hin spielte das Heeresmusikkorps der Bundeswehr beim Großen Zapfenstreich Bachs »Jesus bleibet meine Freude«. Doch den Ruhestand genießen konnte er krankheitsbedingt nicht mehr. Auch eine Herzoperation brachte nicht den erhofften Erfolg. Im Gegenteil. Schließlich stirbt Rau erschöpft am 27. Januar 2006 in Berlin. Einer seiner politischen Weggefährten, Bodo Hombach, hatte den Schwerkranken noch acht Tage zuvor an dessen 75. Geburtstag sprechen können. In seinem Nachruf erwähnte Hombach, dass Rau ihm dabei mitgeteilt habe, dass es mit ihm zu Ende gehe. »Aber wie er das sagte«, so Hombach, »lässt mich nun über die Kraft des christlichen Glaubens neu nachdenken.« Rau selbst hatte einmal in einer Predigt gemeint, dass »am Ende unsres Lebens nicht gähnende Leere wartet, sondern der Herr, an dessen Liebe wir erinnern«.

 

Über den Autor

Matthias Hilbert, Lehrer i.R. und Buchautor; zuletzt: »Fromme Eltern – unfromme Kinder? Lebensgeschichten großer Zweifler« (chrismon).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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