Wie Auslandserfahrungen für die Kirchengemeinde fruchtbar gemacht werden können
Weltweite Kirche im globalen Dorf

Von: Bernhard Dinkelaker
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Die Zahl von Pfarrer*innen mit Auslandserfahrungen – ob im Studium oder im Verlauf des Pfarrdienstes erworben – ist vergleichsweise groß. Ihre Erfahrungen sind oft biographisch prägend, doch nach der Rückkehr in den Dienst der Kirche in Deutschland erleben sie, wie schwierig und mühsam es ist, solche Erfahrungen in die alltägliche kirchliche Praxis einzubringen. Bernhard Dinkelaker geht in seinem Beitrag der Frage nach, wie Auslandserfahrungen in der eigenen Kirche fruchtbar gemacht werden können?*


Die Zahl von Pfarrer*innen, ebenso von Mitarbeitenden in unterschiedlichsten Berufsfeldern, von Studierenden und von Freiwilligen, die Auslandserfahrungen machen, ist bemerkenswert groß – ob in ökumenischen und weltmissionarischen Einsätzen, ob in deutschsprachigen Auslandsgemeinden, in der Entwicklungszusammenarbeit, im Friedensdienst, in sozialen Einrichtungen oder an Hochschulen. Ihre Erfahrungen sind vielfach biographisch prägend; nach der Rückkehr in den Dienst der Kirche in Deutschland erleben sie jedoch, wie schwierig und mühsam es oft ist, solche Erfahrungen in die alltägliche kirchliche Praxis einzubringen und fruchtbar zu machen. Was individuell als herausfordernd und bewegend erlebt wurde, ist für Gemeinden und Landeskirchen zunächst fremd und nicht zwingend relevant, möglicherweise nur schwer nachvollziehbar.

Es geht um mehr als um ein pragmatisches Vermittlungsproblem. Es geht um ein tieferes Verständnis der Relevanz eines Horizontes, der vertraute Grenzen von Sprache, Kultur, Tradition, Denk- und Handlungsmustern überschreitet. Und es geht um ein Verständnis der Dynamik, die jeder Spannung zwischen dem Eigenen und dem Fremden zu eigen ist. Die folgenden Anmerkungen und Beobachtungen setzen dabei die Reflexion und Präzisierung zweier Aspekte voraus: Zum einen, was ist mit »meinen Erfahrungen im Ausland« gemeint? Handelt es sich um meine spezifischen, kontextbezogenen Erfahrungen in meinem Arbeitsfeld und/oder um ökumenische, interkulturelle Lernerfahrungen, die über das Konkrete hinausweisen? Zum anderen, wer ist »meine Kirche«? Meine ich die Ortsgemeinde, den Kirchenbezirk/-kreis, die Landeskirche, die Kirchenleitung, die EKD? Ich werde versuchen, diese beiden Fragen differenzierend aufzunehmen.


Persönliche Rückkehrerfahrungen

Meine persönlichen Erfahrungen beziehen sich auf mein Engagement in der Solidaritätsbewegung mit dem südlichen Afrika und in der ökumenischen Bewegung als Student und Vikar, auf einen vierjährigen Einsatz als ökumenisch-missionarischer Mitarbeiter in Ghana, auf Erfahrungen in einer Direktpartnerschaft zwischen Deutschland und Kamerun und in der Zusammenarbeit mit Migrationsgemeinden, ferner auf meine hauptamtliche Tätigkeit als Leiter eines Missionswerks und auf einen mehrmonatigen Lehrauftrag an einer theologischen Hochschule in Kamerun als Ruheständler. In all diesen Jahren waren Reaktionen in Gemeinden, im Freundes- und Bekanntenkreis sowie die von diesen geäußerten Fragen immer wieder von folgenden Merkmalen geprägt:

– Was für mich selbst spannend und aufregend ist, stößt häufig auf wenig Verständnis und auf begrenztes Interesse. Meine Erfahrungen werden eher als exotisch wahrgenommen.

– Aktives Interesse bezieht sich am stärksten auf fremdes Klima und fremdes Essen.

– Viele Menschen ziehen vergleichend eigene Urlaubserfahrungen heran und neigen zu Verallgemeinerungen, wenn etwa von »Afrika« die Rede ist.

– Häufig fokussiert sich das Interesse auf hilfsbedürftige Menschen und auf Möglichkeiten »zu helfen«.

– Immer wieder begegnet mir andererseits eine Idealisierung und Romantisierung von Gesellschaft und Kirche in anderen Kontexten, im Kontrast zur eigenen, als grau erlebten Wirklichkeit.

Diese Beobachtungen sind nicht karikierend und despektierlich gemeint, sondern nüchterne Beschreibung einer Wirklichkeit. Sie illustrieren, weshalb sich viele zurückgekehrte Pfarrer*innen frustriert und mit ihren Erfahrungen allein gelassen fühlen. Zugleich drücken sie eine Ambivalenz aus der Sicht von lokaler Kirche aus:

– Auslandserfahrungen werden immer wieder als persönliches Hobby des Pfarrers/der Pfarrerin wahrgenommen, insbesondere wenn sie zum festen Bestandteil von Predigten werden (»Jetzt ist er wieder bei seinem Thema gelandet«), ohne dass der Bezug zur Lebenswirklichkeit der Menschen vor Ort deutlich wird.

– Vorträge über Auslandserfahrungen werden gern in Programme der Seniorenarbeit oder der Erwachsenenbildung aufgenommen. Damit richten sie sich an eine begrenzte, interessierte Zielgruppe, haben aber wenig nachhaltige Wirkung.

Die Wirklichkeit lässt sich selbstverständlich nicht auf diese Beobachtungen reduzieren. Es gibt Begegnungen, Foren, Arbeitsgruppen und Initiativen, in denen ein engagierter Austausch staatfindet und in denen die Verknüpfung von Information und Handeln gelingt. Die folgenden Überlegungen dienen dazu, solche produktiven Schritte zu beschreiben und zu ermutigen.


Wie geschieht ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen?

Erfahrungen können dort auf fruchtbare, produktive Weise eingebracht werden, wo die Rahmenbedingungen für ökumenisch-missionarisches und interkulturelles Lernen wahr- und ernstgenommen werden und wo ein Verständnis für die Herausforderungen entwickelt wird, die mit solchen Lernprozessen verbunden sind. Wenn es in diesen immer um das »Eigene« und das »Fremde« geht, geht es um sich verändernde Identitäten. In der Begegnung mit Fremdem bleibe ich nicht mehr dieselbe Person. Dies ist immer verbunden sowohl mit Angst als auch mit Neugier, mit Abwehr und zugleich mit Faszination. Das Fremde zwingt zu einem neuen Blick auf bisher scheinbar Selbstverständliches.

Wo ein Lernprozess möglich wird, da verändern sich Einstellungen und Werte, da wird Neues integriert und Differenz respektiert. Theo Sundermeier hat diese Dynamiken in vier Modellen einer »praktischen Hermeneutik« beschrieben:1 Im Gleichheitsmodell wird Differenz negiert oder überspielt. Im Alteritätsmodell wird das Fremde als bedrohlich und/oder als anziehend gesehen, aber es bleibt das grundlegend Andere. Im Komplementaritätsmodell wird das Fremde »angeeignet« als Bereicherung, zur Identitätsfindung, allerdings verbunden mit der Gefahr, es zu instrumentalisieren. Das Begegnungsmodell führt zum Verstehen, zum Respekt vor der Fremdheit des Fremden, zu Übersetzungsprozessen und zur gelebten Konvivenz. Diese Modelle beschreiben nicht einfach Alternativen, sondern Stufen des Verstehens. Sie unterstreichen zugleich, dass solches Lernen mit intellektueller und emotionaler Arbeit verbunden ist. Dafür sind drei Aspekte bedeutsam.


Lernen durch Erfahrung

Ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen ist Lernen durch Erfahrung. Was Menschen in fremden Kontexten geprägt und verändert hat, ist erfahrungsgesättigt und schließt alle Sinne ein. Wirklich nachvollziehbar ist dies nur von Menschen, die vergleichbare Erfahrungen gemacht haben. Eine kognitive Vermittlung, selbst wenn sie audiovisuell unterstützt wird, hat eine begrenzte Reichweite. Deshalb ist es wichtig, im Raum der Kirche ökumenisch-missionarische, interkulturelle Erfahrungen zu ermöglichen. Dies ist nicht zwingend mit Reisen und Auslandsaufenthalten verknüpft. Begegnungen unter Einbeziehung aller Sinne sind auch im eigenen Kontext möglich. Dabei macht es einen großen Unterschied aus, ob deutsche Gemeindeglieder, die die Mehrheitsgesellschaft repräsentieren, in der Rolle der Gastgebenden oder in der der Eingeladenen beteiligt sind.


Exemplarisches Lernen

Ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen ist immer exemplarisches Lernen. Globale Gemeinschaft und weltweite Kirche, ihre sprachlich-kulturelle und religiöse bzw. konfessionelle Vielfalt in unterschiedlichen sozioökonomischen und politischen Kontexten kann immer nur beispielhaft in konkreten Beziehungen erfahren werden. Damit spezifische Lernerfahrungen über konkrete Kontexte hinaus fruchtbar gemacht werden können, sind die mit ihnen verbundenen Perspektivwechsel entscheidend. Der veränderte Blick auf das Eigene, auf das scheinbare Selbstverständliche im Licht eines neuen Horizontes öffnet neue Perspektiven in unterschiedlichsten interkontextuellen Begegnungen und Konflikten.


Gelingende Kommunikation

Gelingende Kommunikation ist Voraussetzung für solches Lernen. Sie erfordert sprachliche und interkulturelle Kompetenz, die Sensibilität und Empathie ebenso einschließt wie konstruktive Konfliktfähigkeit. Dazu gehört zum einen die Fähigkeit, über alle Unterschiede hinweg verbindende existenzielle Grundfragen des Lebens zur Sprache zu bringen (die oikoumene als der gesamte bewohnte Erdkreis beruht auf einer gemeinsamen conditio humana), zum anderen kontextuelle Differenzen ernst zu nehmen und wechselseitige Übersetzungsarbeit zu leisten (»incarnation is translation«)2.


Warum ist ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen in der Kirche wichtig?

Kirche ist nur dann Kirche Jesu Christi, wenn sie eine Gemeinschaft der Vielfalt von Sprachen, Kulturen, Weltsichten (world views), von unterschiedlichen Übersetzungen des Evangeliums ist. Dies gilt umso mehr, wenn wir ernst nehmen, dass das Gesicht der Weltchristenheit (World Christianity) immer mehr von Christinnen und Christen des Globalen Südens geprägt ist. Waren vor 100 Jahren 80-90% der Christenheit in Europa und Nordamerika beheimatet, so sind es heute wenig mehr als 30% mit abnehmender Tendenz.3

Zugleich verändern auch in Nordamerika und Europa Migrant*innen aus dem Globalen Süden zunehmend die Christenheit. Auch Ausdrucksformen und Frömmigkeitsstile verschieben sich. Die weltweit am stärksten wachsenden christlichen Gemeinschaften sind charismatisch-pfingstkirchlich geprägt. Was für die Vielfalt der Weltchristenheit gilt, gilt ebenso für eine immer sichtbarer gewordene religiöse Pluralität in allen Weltregionen. Diese Entwicklungen korrespondieren mit tiefgreifenden kulturellen Veränderungsprozessen.


Ein eurozentrisches Bild von Kirche und Theologie

Vor diesem Hintergrund ist ein eurozentrisches Bild von Kirche und Theologie obsolet. In der Interpretation der genannten dramatischen Veränderungen der vergangenen 100 Jahre können zwei problematische Tendenzen benannt werden: Zum einen, wenn »westliche« Maßstäbe immer weniger als normativ wahrgenommen werden, wenn Kontextualität nicht nur ein Merkmal von sog. Dritte-Welt-Theologien ist, sondern ebenso von jeder »westlichen« Theologie, dann könnte mit Hinweis auf unüberwindliche kontextuelle Differenzen jede interkontextuelle Theologie ad absurdum geführt werden. Die Folge wäre eine wechselseitige Immunisierung gegen kritische Anfragen aus anderer Perspektive. Die andere Gefahr wäre die Verfechtung einer globalisierten Theologie, die Unterschiede von Kultur und Sprache nivelliert und der Logik eines neoliberalen Marktes folgt. Kontextualität ernst zu nehmen, erfordert jedoch die Kärrnerarbeit ökumenisch-missionarischen, interkulturellen Lernens. Dagegen käme die Proklamierung eines »reinen«, kontextunabhängigen Evangeliums, so der afrikanische Theologe Lamin Sanneh, der Suche nach dem Kern einer Zwiebel gleich. Übrig bliebe nur ein Abstraktum.4


Sonderfall deutsche Landeskirchen

Deutsche Landeskirchen sind per definitionem territoriale Provinzkirchen, Ergebnis einer europäischen Christentumsgeschichte, geprägt durch eine staatskirchliche Tradition, begründet im römischen Imperium und in der Germanenmission, sowie durch die deutsche Konfessionsgeschichte. Dies ist eine beschreibende, nicht wertende Feststellung, die Veränderungsprozesse seit der Französischen Revolution anerkennt (mit unterschiedlichen Konsequenzen in verschiedenen europäischen Ländern und in Deutschland selbst und mit einer eigenen Dynamik in Nordamerika). Dennoch wird im Horizont der weltweiten Christenheit deutlich, dass deutsche Landeskirchen einen Sonderfall darstellen, und dass sie sich schwertun, die Engführung auf ihre ethnisch-deutsche Identität zu überwinden.5 Ekklesiologisch eröffnen Erfahrungen in anderen Kirchen, ob in Europa oder in anderen Kontinenten, den Blick für innovative Möglichkeiten. Dazu gehören Fragen des Gemeindeverständnisses und Fragen von christlichem Zeugnis in einer langen Geschichte gesellschaftlicher Minderheiten in konfessioneller und religiöser Pluralität.


Säkularisierung und postchristliche Gesellschaften

Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, die unter Stichworten wie »Säkularisierung« und »postchristliche Gesellschaften« diskutiert werden, erfordern die Wahrnehmung des weltweiten Horizonts, damit eine eurozentrische Engführung vermieden wird, etwa die Prognostizierung eines weltweiten Bedeutungsverlustes von »Religion«. Deutsche religionssoziologische Studien, wie etwa die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen, können in einem neuen Licht erscheinen, wenn internationale Vergleichsuntersuchungen herangezogen werden,6 und wenn die soziologischen Grundkategorien und Indikatoren auf das zugrundeliegende Vorverständnis hin überprüft werden. Dies gilt zum Beispiel für das Verständnis von Konzepten wie »Religion«, »Spiritualität«, »Säkularität« etc.,7 die in unterschiedlichen Kulturen und Sprachen sehr unterschiedlich konnotiert und gefüllt sind.


Mission und »reverse mission«

Für ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen im Raum der Kirche gilt, dass Erfahrungen aus anderen Kontexten nie als Blaupausen und Kopiervorlagen dienen können. Sie erfordern eine wechselseitige kritische Auseinandersetzung. Dies gilt nicht zuletzt für die Diskussion um eine »reverse mission« und das Ziel einer Re-Christianisierung Europas, wie sie in manchen Migrationsgemeinden verstanden wird. Praktische Erfahrungen machen deutlich, dass Evangelisationsstrategien, die in vielen afrikanischen Ländern gesellschaftlich akzeptiert sind, in Europa vielfach Befremden und Widerstände hervorrufen. Wechselseitige kritische Wahrnehmung setzt jedoch Gesprächsbereitschaft und Gesprächsfähigkeit voraus. Wo dies der Fall ist, öffnen sich neue und kreative Perspektiven.8

In der europäischen Kirchengeschichte waren die innovativsten und kritischsten Köpfe immer wieder diejenigen mit einem weiten ökumenischen Horizont. Beispiele sind etwa Nikolaus Graf Zinzendorf und die Gebrüder Wesley, nicht zuletzt Dietrich Bonhoeffer. Die Verfechter der Beendigung des Sklavenhandels, die Abolitionisten, waren diejenigen, die sich der Weltmission verpflichtet sahen, im Gegensatz zur offiziellen Kirche. Wenn die Missionserklärung des Ökumenischen Rates von 2012 »Gemeinsam für das Leben« von der »Mission von den Rändern« spricht,9 dann spiegelt sich darin eine zweitausendjährige Kirchengeschichte, die immer wieder geprägt war von überraschenden Aufbrüchen dort, wo sie nicht erwartet waren. Und diese Aufbrüche hatten immer mit dem Überschreiten von Grenzen und mit christlichem Zeugnis im Kontext von Fremdheit durch Migration, Peregrinatio, Flucht, Exil zu tun.


Handlungsmöglichkeiten

Vor dem Hintergrund dieser grundsätzlichen Überlegungen ergibt sich eine Fülle an Handlungsmöglichkeiten. Dabei möchte ich Handlungsansätze und Handlungsebenen unterscheiden.


Handlungsansätze

– Der wichtigste Ansatz ist der, Erfahrungen durch interkulturelle Begegnungen mit Menschen zu ermöglichen, vor allem vor Ort in Gottesdiensten und im Gemeindeleben. Dies kann durch die Einbeziehung ökumenischer Gäste geschehen, durch Kontakte mit Migrationsgemeinden, durch Kontakte zu Geflüchteten, ebenso durch interreligiöse Begegnungen auf der Ebene eines »Dialogs des Lebens«. Diese setzen gewachsene Vertrauensbeziehungen durch einzelne Personen voraus. Ein weites Feld von Möglichkeiten bieten (sorgfältig geplante und begleitete) Reisen, Partnerschaftsbegegnungen, meist mit hohem ehrenamtlichem Engagement verbunden, die Begleitung von ökumenischen Freiwilligeneinsätzen junger Menschen, die Begleitung von ökumenischen/missionarischen Mitarbeitenden im Ausland durch die Heimatgemeinden.

– Es gilt, Gelegenheiten im kirchlichen Leben wahrzunehmen, so im Kirchenjahr das Erscheinungsfest, den Weltgebetstag, das Pfingstfest, Feste und Tage der »weltweiten Kirche«, wie sie in verschiedenen Landeskirchen Tradition haben. Partnerschaftssonntage, Gemeindefeste, Missionssonntage, die Interkulturelle Woche bieten Möglichkeiten, konkrete Kontexte mit lebendigen Erfahrungen exemplarisch vorzustellen, verbunden mit Gästen, mit Projektunterstützung, mit Öffentlichkeitsarbeit. Eine vertiefte thematische Auseinandersetzung kann in Kirchengemeinderäten/Presbyterien, in Bezirks-/Kirchenkreissynoden und in Landessynoden geschehen, wenn dafür Raum gegeben wird.

– Der Religions- und Konfirmandenunterricht bietet viele Chancen für projektorientierten Unterricht und Erfahrungslernen. Didaktisches Material gibt es in Fülle über die ökumenisch-missionarischen Dienste in den Landeskirchen, über Missionswerke, Brot für die Welt, Misereor etc., ebenso die Möglichkeit, Personen einzuladen, die authentisch Erfahrungen weitergeben.

– Ein weites Feld eröffnet sich durch die Beteiligung an Initiativen und Aktionen. Dazu gehören Fair Trade, Kampagnen im konziliaren Prozess (von konkreten Advocacy-Aktionen bis zur Sammelaktion von Handys), das Engagement in der Arbeit mit Geflüchteten (Sprachunterricht, Asylcafé, Alltagsbegleitung), Oikocredit, amnesty international etc.

– In der verbalen, kognitiven Vermittlung empfehlen sich narrative, persönliche ­Formen des »Storytelling«. Spannende Erfahrungen werden im ökumenischen Bibel­teilen gemacht, z.B. im Austausch in Direktpartnerschaften.10

Alle genannten Beispiele zeigen, dass der Pfarrer oder die Pfarrerin mit Auslandserfahrung nicht in erster Linie als »Referent*­in« und »Expert*in« zu einem bestimmten Kontext gefragt ist, sondern als »enabler«, als Person, die Räume für ökumenisch-missionarisches, interkulturelles Lernen schafft.


Handlungsebenen

Kirchengemeinde: Gottesdienste und Gemeindeaktivitäten mit Begegnungen und lebendigen Erfahrungen in der ganzen Breite der oben genannten Handlungsansätze

Kirchenbezirk/-kreis: Direktpartnerschaften, Beauftragte und Arbeitskreise zu Mission, Ökumene, Erwachsenenbildung etc., Bezirks-/Kreissynoden zu ökumenisch-missionarischen und interkulturellen Themen, interreligiöse Begegnungen, z.B. am Tag der Moschee, gastgebende Rolle für Feste (in Württemberg z.B. das jährliche Landesmissionsfest und Gustav-Adolf-Fest)

Landeskirche: Verbindung mit den jeweiligen Referaten/Dezernaten in den Kirchenleitungen, mit den landeskirchlichen Diensten für Mission, Ökumene und Entwicklung, mit Missionswerken, mit der internationalen Jugendarbeit auf landeskirchlicher Ebene, mit dem Gustav-Adolf-Werk, mit Akademien; landeskirchliche Tagungen, Studientage, Feste, Vernetzung mit landeskirchlichen Arbeitskreisen und Arbeitsfeldern (z.B. Frieden, Islam, Orthodoxie, Lateinamerika, Asyl, Brot-für-die Welt-Botschafter*innen etc.)

EKD: eher spezifische Kompetenzen in EKD-Gremien, Brot für die Welt, bundesweite institutionelle und unabhängige Vernetzungen im Bereich Mission, Ökumene, interkonfessionelle und interreligiöse Beziehungen.


Persönliches Fazit

An Möglichkeiten, persönliche Erfahrungen im ökumenisch-missionarischen und interkulturellen Horizont fruchtbar zu machen, fehlt es nicht. Es geht darum, gemäß den eigenen Kompetenzen und auch Kapazitäten im Pfarramt Prioritäten zu setzen. Meine eigene Erfahrung ist es, dass auf allen Handlungsebenen grundsätzliche Bereitschaft vorhanden ist. Die Zahl von Menschen, die eigene interkulturelle Erfahrungen gemacht haben, ob im In- oder Ausland, und die Interesse an Reflexion und an konkreter Beteiligung haben, ist viel größer als auf den ersten Blick sichtbar. Interesse wird geweckt, wo Lernerfahrungen persönlich, konkret und lebendig geteilt werden.

Um als Pfarrer oder Pfarrerin nicht nur durch individuelles persönliches Engagement Erfahrungen einzubringen und punktuell zu wirken, sondern zu zukunftsweisenden, innovativen Schritten in den Landeskirchen beizutragen, sind Netzwerke von Menschen notwendig, welche ähnliche Erfahrungen, Anliegen und Visionen teilen. Ähnlich wie in anderen, verwandten Bereichen, z.B. Diakonie, Ökologie, Frieden, Missionarische Dienste u.a., braucht es Netzwerke von Menschen mit spezifischer Kompetenz, die stellvertretend in der Landeskirche wirken können, ob institutionell eingebunden oder in unabhängigen Initiativen, die aber in Verbindung mit anderen Bereichen das Ganze im Auge haben.

Entscheidend wird es bleiben, Auslands­erfahrungen aus der exotischen Nische zu holen und die Verbindung zur einen weltweiten Kirche in einer globalisierten Welt authentisch plausibel und erlebbar zu machen.


Anmerkungen:

* Überarbeitete Fassung eines Referats bei einem Studientag in Stuttgart am 5. April 2017 mit Pfarrer*innen der württ. Landeskirche, die im Ausland tätig waren

1 Sundermeier, Theo (1996): Den Fremden verstehen. Eine praktische Hermeneutik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

2 Walls, Andrew F. (1996): The Missionary Movement in Christian History. Studies in the Transmission of Faith. Maryknoll, N.Y., Edinburgh: ­Orbis Books; T&T Clark, 26

3 S. z.B. Johnson, Todd M., et. al. (2016): Christianity 2016: Latin America and Projecting Religions to 2050. International Bulletin of Mission ­Research, Vol. 40 (1), 26

4 Sanneh, Lamin O. (1993): Encountering the West. Christianity and the Global Cultural Process: The African Dimension. London: Marshall Pickering, 117

5 Protestantische Minderheitskirchen in Frankreich und Italien, auch Kirchen in England, den USA und Kanada, selbst Freikirchen in Deutschland sind mittlerweile in weit höherem Maß Spiegelbilder der gesellschaftlichen kulturellen Pluralität als dies in deutschen Landeskirchen der Fall ist.

6 Vgl. Pollack, Detlef (2015): Religion in der Moderne. Ein internationaler Vergleich. Frankfurt/M.: Campus. In der Religionssoziologie wird die ­Diskussion international geführt von J. Casanova, Ch. Taylor, D. Chakrabarty u.a., in Deutschland zwischen D. Pollack und H. Knoblauch.

7 H. Knoblauch versucht, über die Konzepte »populare Religion« und »populäre Spiritualität« die fließenden Grenzen zwischen »Religion« im engen, institutionellen Sinn und ungebundenen Formen von »Spiritualität« zu beschreiben (Knoblauch, Hubert (2009): Populäre Religion. Auf dem Weg in eine spirituelle Gesellschaft. Frankfurt/M., New York, NY: Campus).

8 Beispiele sind Erfahrungen der Zusammenarbeit von landeskirchlichen Beauftragten mit Migrationskirchen, insbesondere in theologischen Ausbildungsprogrammen für Leitende von Migrationsgemeinden, angeboten von Landeskirchen und Missionswerken. Neue Formen der Gemeinschaft entstehen z.B. in der Jugendarbeit mit jugendlichen Migrant*innen der zweiten Generation.

9 https://www.oikoumene.org/de/resources/documents/commissions/mission-and-evangelism/together-towards-life-mission-and-evangelism-in-changing-landscapes?set_language=de

10 Die Evangelische Mission in Solidarität (EMS) hat seit 2006 drei Projekte »Die Bibel mit den Augen Anderer lesen« durchgeführt, an denen sich zahlreiche Gruppen aus unterschiedlichen Kontinenten, Ländern, Kirchen, Traditionen beteiligt haben, mit intensivem Austausch in interkulturellen Tandems und mit abschließenden internationalen Bibelworkshops.

 

Über die Autorin / den Autor:

Pfarrer i.R. Dr. Bernhard Dinkelaker, Jahrgang 1950, Pfarrer der Evang. Landeskirche in Württemberg und Diplompädagoge, Studium in Tübingen, Münster/Westf., Birmingham und Heidelberg, Promotion in Interkultureller Theologie/Missionswissenschaft; stellv. Heimleiter in der Bruderhaus-Diakonie in Reutlingen, Vikariat in Ludwigsburg, ökumenischer Mitarbeiter in der ökumenischen Stadt- und Industriemission in Tema/Ghana, Gemeindepfarrer in Göppingen-Hohenstaufen, Afrikareferent und Generalsekretär der Evang. Mission in Solidarität (EMS), im Ruhestand Gast­dozent in Kamerun und Indien.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 6/2018

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