24. Juni 2018, 1. Petrus 1,8-12
Johannistag

Von: Herbert Dieckmann
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Ein Heilmittel in überreizter Gesellschaft


Fremd im eigenen Land

Am Ende des 1. Jh. n. Chr. geraten die kleinasiatischen »Christianer« (4,16) in eine schwere Krise. Sie grenzen sich vom kultischen und sozialen Leben der Mehrheitsgesellschaft strikt ab und werden dadurch stigmatisierte und kriminalisierte Fremde im eigenen Land. In dieser Überlebenskrise leiht sich ein Kirchenleiter die Autorität des Apostels Petrus und schreibt den Gemeinden in Kleinasien als »Gesandter Christi« einen Hirtenbrief, mit dem nach biblischer Überzeugung nun Christus selbst zu den bedrängten Christen kommt und ihnen sein lebendiges Wort (1,23), Gottes Hoffnung, Heimat und Heil vergegenwärtigt, was ihr Leiden tatsächlich verändert: aus sinnloser, fremdbestimmter Drangsal wird sinnvolles, selbstbestimmtes Leid, weil Gott ihm mit seiner Erwählung Sinn verleiht und Teilhabe schenkt an Christusleid und Christusherrlichkeit. So entdecken die Glaubenden ihren atemberaubenden Weg von der Freude trotz des Leides über die Freude im Leid zur schier unglaublichen Freude wegen des Christen-Leides.


Die neue Lebensperspektive: eine Freude, die durch nichts zu widerlegen ist

Dieses wirkmächtige Christuswort, das Christen-Leid wirklich verwandelt, indem es uns Gottes Heil erneut erleben lässt, prägt auch unser zweifach untergliedertes Predigtwort in 1,8-12:

Beglückende Gegenwart des zukünftigen Heils (1,8+9)

Weil sie Jesus Christus nicht »sehen«, seinen Schutz nicht spüren, fühlen sich die bedrückten Gemeinden alleingelassen – wie einst die Jünger im Sturm vom schlafenden Jesus (Mt. 8,23-27). Doch dieses »Verlassenheitsleid« der Gemeinde wird überstrahlt von ihrer Liebe und ihrem Vertrauen zu Jesus Christus und von ihrem überirdischen Freudenjubel, »weil der, an den sie glaubt, trotz seiner Unsichtbarkeit anwesend ist«, und sie auch ihr zukünftiges Heil als so gewiss erlebt, dass sie es schon als gegenwärtiges erfährt (Vahrenhorst).

Diese bereits gegenwärtige Erfahrbarkeit der zukünftigen Rettung (soteria), die den ganzen Menschen betrifft, ist homiletisch – vielleicht mit Verweis auf Jesu »heilungsorientierte« Antwort zur Messias-Anfrage des Täufers (Mt. 11,5) – unbedingt festzuhalten. Und zwar unabhängig davon, ob man nun »psychoon« mit »der Seelen« übersetzt, wie z.B. Lutherbibel, Zürcher oder Feldmeier vorschlagen, oder mit der Einheitsübersetzung, Brox oder Vahrenhorst als griechisches Äquivalent zum hebräischen Wort näfäsch versteht und mit »Leben« wiedergibt.

Gottes einzigartige Wertschätzung der gegenwärtigen Gemeinde (1,10-12)

So wertvoll und einzigartig sind die von 1. Petr. angeredeten Gemeinden für Gott, dass das Verkünden, Suchen und Forschen aller bisherigen Propheten nach der Heilsbotschaft von Leid und Herrlichkeit Christi allein der gegenwärtigen Christengeneration dienen soll. Sogar die Engel bestaunen fast neidvoll dieses Privileg.


Christen in der Minderheit

Die Predigt darf nicht unseren großen Abstand zur Kirche des 1. Petr. verschweigen: keine Verfolgung, keine Naherwartung, keine Freude über christliches Leid! Weltweit gesehen sind Christen allerdings immer noch die am häufigsten verfolgte Religionsgruppe. Und wer heute als Christ z.B. Rechtspopulisten und Neonazis öffentlich entgegentritt, muss schon mit Bedrohungen rechnen. Doch Vorbild wird der 1. Petr. für uns aus einem anderen Grund: seine Gemeinden passen sich weder der Mehrheit an, noch verschwinden sie in eine Subkultur. Selbstbewusst kommunizieren sie ihre christliche Andersartigkeit in der Mehrheitsgesellschaft und werben so – übrigens sehr erfolgreich – für unseren Glauben an Jesus Christus.

Damit ermutigen sie uns, auch unsere Hoffnung auf Gottes Heil unserer so tief gespaltenen und überreizten Gesellschaft aufzuzeigen – als wirksames Heilmittel gegen Weltuntergangsangst, Fremden- und Minderheiten-Hass, Leistungsdruck oder Konsumzwang, Unbarmherzigkeit im Umgang mit sich und anderen. Vielleicht könnten auch wir dafür fiktive Briefe oder Reden von bekannten Christen wie Bonhoeffer, den Geschwistern Scholl, Johannes XXIII o.a. erfinden, wie Susanne Schöllkopf vorschlägt (s. Predigtmeditationen im christl.-jüd. Kontext, 2017, 267).


Lieder

EG 141 »Wir wollen singen ein’ Lobgesang«
EG 398 »In dir ist Freude in allem Leide«
EG 455 »Morgenlicht leuchtet«

Herbert Dieckmann

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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