Eine Vergegenwärtigung von Karl Marx zu dessen 200. Geburtstag
»Die Wiedergewinnung des Menschen«

Von: Gebhard Böhm
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Vor 200 Jahren wurde Karl Marx geboren. In seiner Wirkungsgeschichte wurde die Welt in der Tat nicht nur neu interpretiert, sondern verändert – und dies nicht gerade zum Vorteil der Menschen, für deren Sinn- und Seinsverwirklichung Marx kämpfte. Gebhard Böhm erinnert an die Kerngedanken des Werks von Karl Marx und stellt die biblischen und christlich-theologischen Beziehungen heraus.


Gedenken, wem Gedenken gebührt

Vorweg ist zu fragen, ob und ggf. in welcher Hinsicht ein Gedenken an Karl Marx Sinn macht. Denn Gedenken setzt voraus, dass dem, dessen gedacht werden soll, eine gewisse Aktualität zugebilligt wird. Das gilt für Marx heute nicht so selbstverständlich wie vor 50 oder vor 100 Jahren. 2018 scheint es manchem, als habe Karl Marx seine Zeit und seine Aktualität gehabt. »›Marx ist tot – Jesus lebt!‹ - triumphierte der deutsche Arbeitsminister Norbert Blüm, als die Berliner Mauer fiel.«1

Zum 100. Geburtstag 1918 dagegen schien seine Zeit wirklich angebrochen. Ein halbes Jahr zuvor war die Oktoberrevolution in Russland und eine Utopie der Gerechtigkeit und der Befreiung schien Wirklichkeit zu werden. Ein halbes Jahr danach war es auch im Deutschen Reich so weit: Die Monarchie wurde gestürzt und in den Geburtswehen der Weimarer Republik gab es mehrere Versuche, in Deutschland marxistische Räterepubliken zu etablieren. Das Gedenken an Karl Marx hatte aktuelle Gegenwartsbedeutung und – für viele – hohe Zukunftsrelevanz.

1968 – auch da war seine Aktualität unbestritten. Freilich: die Faszination des Marx’schen Denkens ging um 1968 nicht aus vom »real existierenden Sozialismus«, also von den Staaten, die beanspruchten, den Marxismus zu verwirklichen. Marx wurde damals neu und anders wahrgenommen: Er wurde mehr und mehr aus dem Gefängnis des Staats-Marxismus befreit. Die sog. »Frühschriften«2 von Marx kamen ins Bewusstsein und zur Wirkung.3

Das führte im Osten zu Reformbestrebungen, die auf einen »Marxismus mit menschlichem Gesicht« zielten. Im Westen war das die Zeit der Studentenrevolten, der philosophischen Neuentdeckung von Marx, des christlich-marxistischen Dialogs. Marx – so war die Erkenntnis – ist vom Marxismus unterschieden! »Alles, das ich weiß, ist, dass ich kein Marxist bin«, soll Marx – nach einer Überlieferung seines Freundes Friedrich Engels – über sich selbst gesagt haben.4 Marx wurde damals, 1968, entdeckt als Prophet eines anbrechenden »Reichs der Freiheit«5.

Und heute? Die »linke« Zuversicht ist weitgehend geschwunden. Die Aktualität von Marx müsste sich erweisen in der Auseinandersetzung mit ihm, mit seinem humanistisch-emanzipatorischen Impetus, mit seinen Analysen und Visionen, im »ehrliche(n), solidarische(n) Gespräch mit Karl Marx«6, dessen »Kapital« (1867) ebenso zum Weltkulturerbe zählt wie das von ihm verfasste »Kommunistische Manifest« (1848).


Am Anfang steht die Empörung

»Es ist Tatsache, daß der Grundbesitz in Schottland durch die Entwicklung der Industrie neuen Wert erhielt, diese Industrie eröffnete der Wolle neue Märkte. Um die Wolle im großen Maßstabe zu produzieren, mußte man das Ackerland in Weideland umwandeln. Um diese Umwandlung zu bewirken, mußte man die Güter konzentrieren. Um die Güter zu konzentrieren, mußte man die kleinen Pachtungen abschaffen, Tausende von Pächtern aus ihrer Heimat verjagen und an ihre Stelle einige Hirten setzen, die Millionen von Schafen bewachen. So hatte der Grundbesitz in Schottland infolge sukzessiver Umwandlungen das Resultat, daß Menschen durch Hammel verdrängt wurden.«7

Dem, der diese Darstellung zynisch finden sollte, entgegnet Marx: »Man schreie nicht zu sehr über den Zynismus. Der Zynismus liegt in der Sache und nicht in den Worten, welche die Sache bezeichnen.«8 Eine Situation ist freilich zynisch zu nennen, in der das Gewinnstreben der einen die anderen in die Armutsmigration treibt. Indem Hammel die Menschen verdrängen, wird die Not der Armen bewirkt und ihre Würde zerstört, weil die Armut, in der sie leben, eine »künstlich produzierte Armut« ist, nicht eine »naturwüchsig entstandene«9: der Arme ist arm nicht wegen des Schicksals, sondern aufgrund der gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Verhältnisse.

Den Zynismus der Situation wahrzunehmen setzt freilich voraus, dass man nicht »Profit« für das einzige Kriterium des Wirtschaftens hält, sondern dass man eine Ahnung10 davon hat, dass Menschen, gerade auch arme Menschen, eine Würde haben, die den ökonomischen Wert aller Hammel unendlich übersteigt, eine Würde, die durch keinen wirtschaftlichen Nutzen außer Kraft gesetzt werden darf.

Eine solche Ahnung ist in der Bibel gegeben, die in der jüdisch-rabbinischen Familientradition von Marx zentrale Bedeutung hatte: Hier wird der Mensch, gerade auch der Arme, als Ebenbild Gottes gewürdigt. Eine solche Ahnung von der Würde des Menschen hat auch das Grundgesetz: »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« Dieser Satz besagt, dass zum Menschen die »Idee der Menschenwürde« gehört. Art. 1 des Grundgesetzes ist daher hochzuhalten und unendlich wertzuschätzen.

Aber dieser Satz, dass die Würde des Menschen unantastbar sei, hat das Problem, dass er nicht übereinstimmt mit der Erfahrung. Dieser Artikel ist als Feststellung falsch. Als Feststellung richtig ist allein dies, dass die Menschenwürde derer, die durch Hammel verdrängt werden, zumindest angetastet, wenn nicht zerstört ist. Würde ist nämlich etwas, das sich zwischen Menschen ereignet: im Würdigen. Daher ist Würde auch etwas, das zwischen Menschen verlorengehen, verweigert und zerstört werden kann durch Entwürdigung, die zugefügt, oder auch durch Würdigung, die vorenthalten wird.


Idee und Wirklichkeit

Diese Unterscheidung der »an sich« richtigen Idee der Menschenwürde von der bestehenden Realität ist gewissermaßen der Schlüssel zum Denken und dann zum ganzen Bemühen von Karl Marx.

Es geht Marx um den kritischen Blick auf die Realität der Menschen, und das heißt: weil der Mensch nicht ein Begriff, eine Idee, ein Abstraktum ist, geht es Marx um die Gesellschaft, in der der Mensch seine konkrete, leibliche, soziale Wirklichkeit hat. Der Mensch ist nicht einzelgängerisches Natur-Tier, er ist auch nicht leibniz’sche Monade, er ist ein in Gemeinschaft lebendes und durch Gemeinschaft geprägtes Wesen. Marx fasst das in diese Worte: »In seiner Wirklichkeit ist (der Mensch) das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.«11

Aber was bzw. wie sind die gesellschaftlichen Verhältnisse? In den gesellschaftlichen Verhältnissen leben Arme und Reiche – in Marxens Terminologie: Kapitalisten und Proletarier – zusammen; und doch leben sie in keiner Weise gemeinsam. Denn die »bürgerliche Gesellschaft« ist alles andere als eine »Gemeinschaft«, die von einem gemeinschaftlichen Interesse getragen würde. Das Wesen der bürgerlichen Gesellschaft besteht vielmehr darin, dass jeder sein eigenes Interesse so effektiv wie möglich verfolgt und auf seinen eigenen Nutzen aus sein will. Jeder ist sich selbst der Nächste. Die »bürgerliche Gesellschaft« ist ein Zusammenschluss von Egoisten. Nüchtern-beschreibend, sachlich-feststellend formuliert Marx: »Das praktische Bedürfnis, der Egoismus ist das Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft.«12

Daher besteht formal die Freiheit des Einzelnen in der Gesellschaft in dem Recht, »alles zu tun und zu treiben, was keinem andern schadet«13 Das wäre zugleich eine Anerkennung und eine Zähmung des Egoismus. Doch gilt diese Begrenzung des Egoismus nur formal und keineswegs in jeder Beziehung – vor allem nicht in der Beziehung zu denen, die faktisch rechtlos sind, z.B. heute zu Kinderarbeitern in der Teppichindustrie und in den Steinbrüchen Indiens oder zu Angehörigen künftiger Generationen.


Recht auf Egoismus?

Deutlichster Ausdruck dieses »Rechts auf Egoismus« ist »das Menschenrecht des Privateigentums, also das Recht, willkürlich (à son gré), ohne Beziehung auf andere Menschen, unabhängig von der Gesellschaft, sein Vermögen zu genießen und über dasselbe zu disponieren, das Recht des Eigennutzes14

»Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes (aber) ist das Geld15 Das Geld ist vorrangiges Medium, dessen sich der Egoismus bedient: »Was ich nicht bin, das kann ich durch Geld sein.«16 »Was durch das Geld für mich (erreichbar) ist …, das bin ich, der Besitzer des Geldes selbst. So groß die Kraft des Geldes, so groß ist meine Kraft. … Ich bin häßlich, aber ich kann mir die schönste Frau kaufen. Also (ist) … die Wirkung der Häßlichkeit, ihre abschreckende Kraft, durch Geld vernichtet.«17 Und das gilt für alles andere auch, für Ehre, Sicherheit und Macht: »Ich, der ich durch das Geld alles, wonach ein menschliches Herz sich sehnt, vermag, besitze ich nicht alle menschlichen Vermögen?«18 Das Geld besitzt »die Eigenschaft, alles zu kaufen, … alle Gegenstände sich anzueignen«19 – und nicht nur Gegenstände! Das Geld »ist der Kuppler zwischen dem Bedürfnis und dem Gegenstand …«20 »Es ist die allgemeine Hure ...«21.

Marx wählt für die Funktion des Geldes Begriffe aus der gewerblichen Unsittlichkeit als Metaphern! Durch Geld wird wie die Liebe so auch alles andere käuflich.


Alles wird Ware

Aber nicht nur in meinen persönlichen Lebensverhältnissen ist Geld Medium, Mittel des Egoismus. Auch in der Gesellschaft bewertet das Geld alles und entwertet es zugleich. Das Geld ist die Maßeinheit für »Wert«. Indem aber die Dinge und die Dienstleistungen auf ihren bloßen »Geldwert« reduziert werden, verlieren sie ihren eigentlichen Wert, ihre wahre Würde. Sie werden zur Ware22, und weil alles in Geldwert gefasst wird, gilt: »Der Reichtum der Gesellschaften, in welchen kapitalistische Produktionsweise herrscht, erscheint als eine ungeheure Warensammlung23 Dadurch wird »(i)n letzter Instanz«24 auch der Mensch zur Ware.

Alles, das Ware ist, jede Sache, jede Arbeit, jedes Können hat seinen Preis. Der Preis einer Sache oder einer Dienstleistung entspricht freilich keineswegs ihrem Wert. Der Preis ist vielmehr das, was sich in der Konkurrenz des Marktes durchsetzen lässt. Das ist jedem deutlich an der Entwicklung der Grundstücks- und Immobilienpreise und der Mieten, aber auch in Löhnen und Gehältern ist das anschaulich: für manche, gemeinschaftlich wertvolle Tätigkeit wie z.B. die der Erzieherinnen lässt sich kein hoher Lohn durchsetzen, während es bei anderen Tätigkeiten nach oben keine Grenze gibt.

Aufgrund der Konkurrenz aber, in der alle zueinander stehen, ist kein Preis und kein Lohn fest und verlässlich: »Das Wertverhältnis aller Dinge (und aller Arbeit – G.B.) gegeneinander (verändert sich) täglich und stündlich25

»In diesem fortwährenden Auf und Ab muß jeder suchen, den günstigsten Augenblick zum Kauf und Verkauf zu treffen, jeder muß Spekulant werden, d.h. ernten, wo er nicht gesät hat, durch den Verlust anderer sich bereichern, auf das Unglück anderer kalkulieren oder den Zufall für sich gewinnen lassen.«26 »Wo bleibt in diesem Strudel die Möglichkeit eines auf sittlicher Grundlage beruhenden Austauschs?«27, fragt Engels und spricht konsequent von »scheußlicher Unsittlichkeit dieses Systems«28.


Kapitalismus und Klassenkampf

In einem System der Konkurrenz ist jeder, der mitspielt, immer zugleich möglicher Gewinner und möglicher Verlierer. Hier wird alles – auch im persönlichen Leben: das eigene Können, Beziehungen, Fitness, gutes Aussehen – zum bloßen Mittel für einen Zweck, nichts hat seinen Sinn in sich. Ebenso ist für den »Kapitalisten« alles instabil und notwendigerweise mit ständigen Krisen verbunden. »Die Konkurrenz setzt … Kapital gegen Kapital … nach dem Recht des Stärkeren … Diese Zentralisation des Besitzes ist ein dem Privateigentum … immanentes Gesetz …; die Mittelklassen müssen immer mehr verschwinden, bis die Welt in Millionäre und Paupers, in große Grundbesitzer und arme Tagelöhner geteilt ist.«29

Die Kapitalisten – einerseits sind sie also Handelnde, andererseits aber handeln sie als Getriebene. Treibende Kraft ist das Kapital. Der Kapitalist kann – bei Strafe seines Untergangs – gar nicht anders als nach den Gesetzen des Kapitals handeln: Profit oder Ruin – das ist die Alternative. Wer nicht dem Gott des Marktes, dem Profit, gehorcht, den frisst der Markt.

Es wäre daher kurzschlüssig, die in ökonomischen Auseinandersetzungen agierenden Personen mit moralischen Kategorien zu beschreiben. Es geht hier – unabhängig von der moralischen Qualität der Personen – um strukturelle Fragen, die Marx in diesen berühmten Satz fasst: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«30

In diesem Satz ist ein zentraler Marx’scher Begriff benannt: »Klassenkampf«. Das ist für Marx kein Kampfbegriff. Er hat vielmehr analytische Bedeutung. Marx versucht damit zu erfassen, was in der Geschichte im Kern vorgeht.

Der Marx’sche Begriff der Klasse – und daher auch des Klassenkampfes – orientiert sich an diesem konkreten Kriterium: an der Verfügung über Produktionsmittel. Diejenigen, die über bestimmte Produktionsmittel verfügen, bezeichnet er als »Klasse«. Und entsprechend bilden andere Menschen, die nicht über diese Produktionsmittel verfügen, eine andere, gegenüberstehende Klasse: sie verfügen nur über ihre eigene Arbeitskraft.


Produktionsmittel

In der vorindustriellen Zeit des Feudalismus – wie im Übrigen auch in der Bibel31 – war das bedeutsamste Produktionsmittel das Land. Diejenigen, die in großem Maße über Land verfügten, die Grundherren, standen – in Marxens Begriff – als »Klasse« den Landarbeitern, einer anderen »Klasse«, gegenüber. Das alltägliche Gegenüber von Grundherren und Landarbeitern versteht Marx als »Klassenkampf«. Zu gewaltsamen Formen des Klassenkampfes konnte es immer dann kommen, wenn Herren ihre Interessen so durchsetzten, dass die Lebensmöglichkeiten des ohnmächtigen Gegenübers völlig unerträglich wurden, wie beispielsweise beim Bauernkrieg von 1525.

Mit der Erfindung der Dampfmaschine im 18. Jh. gab es eine ganz grundlegende Veränderung der Produktionsmittel und diejenigen, die über die neuen Produktionsmittel – Maschinen, Fabriken – verfügten, bildeten die neue »Klasse« der sog. »Bourgeoisie«. Ihr gegenüber stand die Klasse derer, die über nichts verfügten als über ihre Arbeitskraft – die »Proletarier«.

Es ist klar: Da Produktionsmittel nicht von alleine produzieren, sind beide Seiten aufeinander angewiesen. Die Proletarier sind darauf angewiesen, dass sie Arbeit haben an Produktionsmitteln, die anderen gehören, denn nur durch den Lohn, den sie dafür bekommen, können sie zu ihrem Lebensunterhalt kommen. Die Besitzenden, die Kapitalisten andererseits sind darauf angewiesen, dass Arbeiter ihre Produktionsmittel bedienen, denn nur durch deren Arbeit sind die Produktionsmittel produktiv und bringen Profit.

Das sieht zunächst aus wie eine »Win-Win-Situation«: Zwei tun sich zusammen und beide haben einen Nutzen davon. In Wahrheit besteht hier jedoch – so die Analyse von Marx – eine ganz ungleiche Situation der Ausbeutung. Denn der, dem die Produktionsmittel gehören, verfügt am Ende über die Produkte. Ihm gehören die Produkte – der Arbeitende aber bekommt einen Lohn. Die Differenz zwischen dem durch die Arbeit geschaffenen Wert und dem für die Arbeit gezahlten Lohn macht den Profit aus, den Marx »Mehrwert« nennt. Der aber steht dem zu, der über die Produktionsmittel verfügt. Der Arbeiter jedoch wird bloßes Mittel zum Zweck der Vermehrung des Kapitals eines anderen.


Arbeit und Gewinn

Die Interessen sind also gegenläufig: Während die einen, die Proletarier, Arbeit suchen, um überhaupt leben zu können, suchen die Bourgeois Gewinn, v.a., um sich im Konkurrenzkampf mit anderen Bourgeois behaupten zu können. Denn untereinander stehen die Kapitalisten in permanenter Konkurrenz. Diese Konkurrenz ist die Unfreiheit des Kapitalisten. Würden einem Kapitalisten die Lebensverhältnisse »seiner Proletarier« am Herzen liegen, wären durch die Konkurrenz des Marktes klare Grenzen seiner Menschenfreundlichkeit gesetzt: Es sind die Bedingungen des Systems, die die Verhältnisse bestimmen, und nicht die moralischen Qualitäten der Handelnden. Der Markt diktiert die Bedingungen.

Hier ist allerdings nun doch zu diesem Punkt abschließend diese Differenzierung unerlässlich: Der »Klassenkampf der Kapitalisten«, der »Klassenkampf von oben« zielt ausschließlich auf die Hervorbringung von ökonomischen Werten, von Profit, wie bei den Hammeln in Schottland und den kleinen Pächtern. Der »Klassenkampf des Proletariates«, der »Klassenkampf von unten« dagegen ringt um das Leben und die Würde der in der kapitalistischen Wirtschaft entwürdigten, von wolltragenden Hammeln verdrängten Menschen. Während der »Klassenkampf von oben« in seiner Orientierung also völlig unmoralisch ist, hat der »Klassenkampf von unten« durchaus ethische Implikationen.32

Mit dieser Unterscheidung ist gewiss nicht behauptet, dass die Armen, die Ausgebeuteten allesamt gute Menschen seien und die Kapitalisten, die Reichen alle böse. (Biblisch gesprochen: Über die moralische Beschaffenheit des armen Lazarus in Jesu Gleichnis, Lk. 16,19ff, wissen wir so wenig Bescheid wie über die des reichen Mannes in dieser Geschichte.) Mit dieser Unterscheidung ist vielmehr klar, dass es hier um die ganz grundsätzliche Frage der ethischen Verantwortbarkeit des ökonomischen Systems insgesamt geht.


Der Preis des Fortschritts

Es gibt freilich eine verbreitete Auffassung des Wirtschaftens, die für diese Frage überhaupt nicht zugänglich ist, weil für sie Profit alternativlos einziges Kriterium und einziger Sinn von Ökonomie ist. Marx verweist auf Ökonomen wie Adam Smith (1723-1790) und David Ricardo (1772-1823), die Wirtschaft ausschließlich ökonomisch, an Gewinnen orientiert, verstehen: »Das Elend ist in ihren Augen nur der Schmerz, der jede Geburt begleitet in der Natur wie in der Industrie.«33 Damit wird Verelendung und Entwürdigung für unumgänglich erklärt im Zusammenhang mit dem vermeintlich übergeordneten Ziel des Profits: Das ist der Preis des Fortschritts, dass manche abgehängt werden und unter die Räder kommen.

Diese von Smith, Ricardo und von der neoliberalen Wirtschaftstheorie insgesamt vertretene Sicht beurteilt Ökonomie nur aus binnenökonomischer Perspektive: Wirtschaft funktioniert erfolgreich, wenn Kapital noch mehr Kapital hervorbringt.

Aus der Erkenntnis aber, dass der Kapitalismus dem Kapital und nicht der »Verwirklichung des Menschen« diene, ergibt sich für Marx die Herausforderung, an Veränderungen zu arbeiten, die Gerechtigkeit, Freiheit und Würde herbeiführen. Der Schlüsselsatz steht in den frühen »Thesen über Feuerbach«: »Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an, sie zu verändern.«34 Philosophie muss »Kritik« der bestehenden unvernünftigen Verhältnisse sein. Sie darf aber nicht nur in klugen Gedanken die dumme Wirklichkeit kritisieren.35 Die Philosophie stellt, indem sie in einer verkehrten Welt vernünftig – und d.h. revolutionär – denkt, die intellektuellen Waffen bereit für die Veränderung der Welt.36


Die Veränderung der Welt

Das Ziel der Veränderung aber war Marx klar: Es gilt, »alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist.«37

Das ist ganz und gar konstruktiv zu verstehen, denn den so beschriebenen Verhältnissen setzt Marx als Ziel ist die »völlige Wiedergewinnung des Menschen«38 entgegen. Es geht um das, was der österreichische Ökonom Josef Schumpeter (1883-1950) »schöpferische Zerstörung«39 genannt hat. Weil Marx die Vernichtung der Menschlichkeit, die Entwürdigung des Menschen strukturell in den ökonomischen Verhältnissen begegnet, geht es ihm vorrangig um den Umsturz eben dieser ökonomischen Verhältnisse.

Diese Verhältnisse aber sind – so hatte er es analysiert – durch den Privatbesitz an den Produktionsmitteln bestimmt. Logischerweise sieht Marx daher den Weg aus Ausbeutung und Verelendung in der Aufhebung eben dieses Privatbesitzes an den Produktionsmitteln und ihrer Überführung in den Gemeinbesitz der Gesellschaft.

Dazu zwei Bemerkungen: Zum einen: Der private Besitz der Produktionsmittel hat sich seit der Zeit von Marx grundlegend gewandelt. Einst war der Unternehmer der, der die Produktionsmittel besaß und die Produktion führte. Man spricht daher vom »Eigentümer-Unternehmer«. Heute sind es Investoren, Anleger, die die Produktionsmittel besitzen. Sie führen nicht die Produktion. Das besorgen – zumindest in vielen Fällen – Manager, »angestellte Unternehmer«. Was einst zusammenfiel, Besitz und Führung des Unternehmens, ist längst auseinandergefallen. Der Kapitalismus setzt nicht den »freien Unternehmer« voraus, der Kapitalismus setzt nur das Kapital voraus, das auf Vermehrung aus ist – und das sich zum Zweck der Kapitalvermehrung der Produktionsmittel bedient. Während der »Eigentümer-Unternehmer« ein Langzeit-Interesse an seiner Firma hat, hat der Finanzinvestor ein Kurzzeit-Interesse an Profit. Jürgen Kocka betont, dass so orientierter »Finanzkapitalismus« keinen »Sinn« hat, der über das bloße »Ziel der Bereicherung hinausweist«40. Er spricht daher von »strukturierter Verantwortungslosigkeit«41.

Und zweitens: Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel ist für Marx nicht dogmatisches Ziel; Ziel ist die Verwirklichung des Menschen. Das Ziel, die Verwirklichung des Menschen, ist nicht zu diskutieren, die Mittel zur Erreichung dieses Ziels dagegen können nie undiskutiert dogmatisch Gültigkeit haben. Einen Kommunismus, der nur die Vergesellschaftung der Produktionsmittel verwirklichen wollte, darüber aber das Ziel der Verwirklichung des Menschen, also Freiheit, Gerechtigkeit aus den Augen verlieren würde, nennt Marx einen »rohen und gedankenlosen Kommunismus«42. Man mag da durchaus an die DDR denken!


Verwirklichung des Menschen

Wenn sich gezeigt hat, dass ein solcher »roher und gedankenloser Kommunismus« der Verwirklichung des Menschen nicht dient, stellt sich doch in verschärfter Weise die Frage, wie denn dann der Kapitalismus zu zähmen sei, wie dann die Verwirklichung des Menschen gefördert werden könne, damit nicht am Ende doch nur die »strukturierte Verantwortungslosigkeit« triumphiert. Vor diese Frage stellt das Gedenken an Karl Marx heute.

Den Weg dahin zu suchen, dass die Gesellschaft nicht Schauplatz des Krieges aller gegen alle ist, nicht das Feld der allgemeinen gnadenlosen, anarchischen Konkurrenz – diesen Weg zu suchen, das ist die Herausforderung. Denn »erst in der Gemeinschaft existieren für jedes Individuum die Mittel, seine Anlagen nach allen Seiten hin auszubilden; erst in der Gemeinschaft wird also die persönliche Freiheit möglich.«43 Wenn die Wege zu diesem Ziel bislang nicht gefunden sind, so bleibt das Ziel doch bestehen.

Was Marx dazu gedacht, analysiert und entworfen hat, ist – nach seiner eigenen Auffassung – nicht Rezept44 für einen idealen Endzustand, das man nun einfach befolgen könnte. Alles ist Experiment, weil es um das Noch-Nie-Dagewesene geht. Es ist Neuland, für das es keine Karte gibt: »Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben (wird). Wir nennen Kommunismus die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.«45

Marx ist mit seinem Denken also bei einer Philosophie angekommen, in der das Denken Praxis wird, in der es nicht mehr nur darum geht, das Richtige zu denken, sondern das Verändernde zu tun: die Erniedrigten zu erheben, die Geknechteten zu befreien, die Verlassenen zu integrieren.

Man müsste schon seltsam blind sein, würde man nicht wahrnehmen, dass diese politisch-revolutionäre Forderung eine erstaunliche Parallele im biblischen Glauben hat. Maria singt im Magnificat davon: »Er, Gott, stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.« (Lk. 1,52f)46 Es ist die Urerfahrung des Glaubens Israels, dass Gott im Exodus die »Verhältnisse« umgeworfen hat. Und das zieht sich durch die Bibel bis zum letzten Buch, der Offenbarung des Johannes. Das ist der Bibel immanent. Und es kann – wie in der »Theologie der Befreiung« – durch die Auseinandersetzung mit Karl Marx wohl auch der Theologie deutlich werden, dass es Sache des Glaubens ist, nicht nur Barmherzigkeit zu üben (was freilich schon viel ist!), sondern inhumane Verhältnisse in praktischem Engagement umzuwerfen, um strukturell Gerechtigkeit zu schaffen.47 Denn es »kömmt« nicht nur darauf an, Richtiges zu glauben, sondern vor allem darauf, das Rechte zu tun.


Anmerkungen:

1 Franz Segbers, Fetisch und Götzendienst, in: Zeitzeichen 1/2018, 27.

2 Karl Marx, Die Frühschriften, Hg. Siegfried Landshut7, 2004.

3 Über die Bedeutung der sog. Frühschriften, also der Arbeiten vor Abfassung des »Kommunistischen Manifestes« (1848), gab und gibt es eine kontroverse Diskussion. Auf der einen Seite steht die These, dass Marx in dieser frühen Phase »noch nicht (als) marxistischer Denker« zu sehen und daher die Frühschriften aus dem Kanon der »klassischen« Schriften auszuschließen seien. Auf der anderen Seite steht die Überzeugung, dass Marxens »Grundintention und der Sinn seiner kritischen Theorie angemessen nur erfaßt werden (kann), wenn man von den Frühwerken ausgeht.« (Iring Fetscher (Hg.), Karl Marx/Friedrich Engels, Studienausgabe Bd. I, 1966/1997, 10f).

4 Bert Sander (Hg.), Marx zum Vergnügen, 2012, 176

5 Vgl. Friedrich Engels, Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft, in: StA I,177.

6 Bruno Kern, Subversives Potential, in: Zeitzeichen 1/2018, 24.

7 Frühschriften, 576.

8 A.a.O., 556f.

9 Frühschriften, 290.

10 Vgl. S. Landshut: »Nur aus der im voraus sicheren Idee der Bestimmung des Menschen ergibt sich sein augenblicklicher Zustand als ein mangelhafter, ist der Mensch sich selbst ein Fremdes, sich, d.h. seiner eigentlichen Bestimmung gegenüber. Ohne jenen Begriff des wahren Seins des Menschen muß also die Kritik der bestehenden Wirklichkeit unverständlich bleiben« (Einleitung zu den Frühschriften, 45f).

11 Frühschriften, 403.

12 Frühschriften, 270.

13 A.a.O., 258.

14 A.a.O., 259.

15 A.a.O., 270. – Man beachte die religiöse Terminologie!

16 S. Landshut, Einleitung, a.a.O., 50.

17 Frühschriften, 368f.

18 A.a.O.

19 A.a.O., 367.

20 A.a.O.

21 A.a.O., 369.

22 »Das Geld erniedrigt alle Götter des Menschen – und verwandelt sie in eine Ware.« in: Frühschriften, 270f.

23 Das Kapital, Berlin 1932, 49. Mit diesem Satz eröffnet Marx sein Werk.

24 F. Engels, Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie, StA II, 34.

25 A.a.O., 28.

26 A.a.O., 28f.

27 A.a.O., 29.

28 A.a.O., 37.

29 A.a.O., 34f.

30 Kommunistisches Manifest, in: Frühschriften, 594.

31 Der Bedeutung des Landes als vorrangiges Produktionsmittel entspricht auf der einen Seite das theologische Verständnis des Landes als Eigentum JHWH (Lev. 25,23), auf der anderen Seite resultieren daraus die differenzierten rechtlichen Regelungen zum Umgang mit dem Land (z.B. Lev. 25).

32 Analytische Begriffe – hier: Klassenkampf – sind bei Marx »gleichzeitig moralische Kategorien« (Mathias Greffrath, Marx war schon ziemlich genial, in: Zeitzeichen 1/2018, 36). Sie sind zwar keine ethischen Begriffe, sie haben aber für ethische Beurteilung und für entsprechendes Handeln orientierende Bedeutung.

33 Frühschriften, 580f.

34 Frühschriften, 404.

35 Die »kritischen Philosophen« erinnert Marx daran, dass »sie die wirklich bestehende Welt keineswegs bekämpfen, wenn sie nur die Phrasen dieser Welt bekämpfen.« (Frühschriften, 409)

36 »Die Philosophie kann sich nicht verwirklichen ohne die Aufhebung des Proletariats, das Proletariat kann sich nicht aufheben ohne die Verwirklichung der Philosophie.« (Frühschriften, 291)

37 Frühschriften, 283. Marx qualifiziert diese Forderung – in Anlehnung an Immanuel Kant – als »kategorischen Imperativ«, d.h. als eine unbedingte Forderung, die keiner Begründung bedarf, sondern in sich selbst begründet ist.

38 Frühschriften, 290.

39 S. Nils Ole Oermann, Wirtschaftsethik, 2015, 82.

40 Jürgen Kocka, Geschichte des Kapitalismus, 2013, 22017, 98.

41 Jürgen Kocka, a.a.O., 91.

42 Frühschriften, 307.

43 Frühschriften, 468.

44 Engels: »Schablone« – Brief vom 5. Juni 1890 (StA I, 219).

45 Frühschriften, 430.

46 S. Michael Ramminger/Franz Segbers (Hg.): »Alle Verhältnisse umzuwerfen … und die Mächtigen vom Thron zu stürzen.« – Gemeinsames Erbe von Christen und Marx, Hamburg/Münster, 2018.

47 »Das Bekenntnis zum biblischen Gott wird angesichts von Marx’ Kritik nur dann glaubwürdig sein können, wenn es sich als Sinnressource für die Bekämpfung jener gesellschaftlichen Zustände erweist, die unsere Zivilisation insgesamt in den Abgrund zu reißen drohen.« (Bruno Kern, Subversives Potential, in: Zeitzeichen 1/2018, 26)

 

Über den Autor

Pfarrer i.R. Gebhard Böhm, Jahrgang 1948, 1966-1971 Studium der Theologie in Tübingen, und Göttingen, Pfarrer der Württ. Landeskirche, ab 1984 im Religionsunterricht am Gymnasium, 1993 Studiendirektor der staatlichen Schulaufsicht, ab 2003 im Evang. Oberkirchenrat Stuttgart, seit 2012 im Ruhestand; Engagement bei Oikocredit (seit 1980); diverse theologische Publikationen, u.a. »Versuchung und Chance – der Glaube und das Geld« (Fromm-Verlag 2016).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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