Zu den Wirkungen des neoliberalistischen Gesellschaftskonstrukts auf die evangelische Kirche
Kirche im Zeitalter des Neoliberalismus

Von: Frank Weyen
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Das neoliberalistische Wirtschaftsmodell hat seinen Siegeszug durch die westlichen Gesell­schaften ungebremst vollzogen. Die Kirchen blieben davon nicht verschont. Frank Weyen stellt in seinem Beitrag zunächst die Grundlagen neoliberalistischen Denkens dar. In einem zweiten Schritt arbeitet er heraus, wie neoliberalistische Denk- und Gestaltungsformen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen Einzug hielten, um daran anschließend zu skizzieren, zu welchen absehbaren Konsequenzen diese Strategien in der Kirche führen werden.




1. Der Neoliberalismus als Bezugshorizont der Postmoderne

Schaut man auf die Bemühungen von Kirchengemeinden im deutschsprachigen Raum, mit unterschiedlichen Aktivitäten, Anreizen, und Methoden die Menschen zur Teilnahme an kirchlichen Veranstaltungen und Gottesdiensten zu bewegen, also »zum Glauben zu reizen«1, so scheint es, dass die Menschen, die in der Kirche, in welcher Funktion auch immer tätig sind, eines verbindet: Als Kinder ihrer Zeit unterliegen sie offenbar auch den Wirkungshorizonten ihrer Zeit. Mithilfe ihrer individuellen Auffassungen vom Leben in einer weltanschaulich neutralen Demokratie wenden diese das neoliberale Gesellschaftskonstrukt mittlerweile und augenscheinlich auch auf die Optimierbarkeit kirchlicher Strukturbedingungen an.2

Vordergründig betrachtet treibt die Situation der Kirchen in Europa spätestens seit Beginn der Postmoderne in der 1960er Jahren ein Modus der dekonstruktivistischen Erosion in ihrer Mitglieder- und, daraus folgend, in ihrer Organisationsstruktur um. Dies führt bis heute dazu, dass unterschiedliche Beschreibungen und Vermutungen zur Situation der Kirchen unternommen wurden, um wenigstens einigermaßen verstehbar zu machen, was religiös eigentlich los ist mit den Menschen unserer Zeit. Sichtbares Zeichen sind dazu die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchungen oder auch Milieustudien über die Kirchenmitglieder in den Kirchengemeinden wie diese in der Zürcher Kantonalkirche im Jahre 20123 oder in der Württembergischen Landeskirche entwickeln worden sind.

Im Folgenden soll daher der Hypothese argumentativ Nachdruck verliehen werden, dass das neoliberalistische Gesellschaftskonstrukt in der Kirche die Erosion ihrer Mitgliedschaftssituation sowie ihrer Struktur- und Optimierungsbestrebungen zumindest begünstigt, wenn nicht sogar heraufbeschworen hat. Um aber zu verstehen, was diese Ideologie eigentlich auszeichnet, soll zunächst eine kurze Einführung in die grundlegenden Theoriegedanken dieser Gesellschaftskonstruktion vorgenommen werden. Zur Verdeutlichung wird daher in einem ersten Schritt der Neoliberalismus als politische Wirtschaftsideologie unserer Tage auch vor dem Hintergrund seiner Entstehung und politischen Umsetzung im 20. Jh. dargestellt.4 In einem zweiten Schritt wird die Einbettung neoliberalistischer Konstruktionen in kirchlichen Debatten und Verlautbarungen herausgearbeitet, um drittens die absehbaren Konsequenzen zukünftiger weiterer Optimierungskaskaden zu skizzieren.


2. Das Phänomen »Wirkungshorizont« – eine Begriffsdefinition

Das gängige Alltagswort für den deutschen Begriff »Wirkungshorizont« ist das englische Wort »Trend«. So könnte dieser Beitrag auch unter dem Titel: »Kirche in den Trends ihrer Zeit« stehen. Doch mit der Wahl der deutschen Übersetzung des Trendwortes »Trend« wird zugleich verdeutlicht, dass es nicht nur um die Beschreibung von Modernität und Fortschritt geht, sondern in der Forschung zu den Wirkungshorizonten geht es vielmehr um die Mehrschichtigkeit von Interferenzen. Es geht also um Umwelteinflüsse, Modernität, dogmatisch-ethische Prägungen, Lifestyle, biblisch-theologische, philosophische, soziologische und gesellschaftswissenschaftliche, organisationswissenschaftliche und politische Auswirkungen, oder besser Einwirkungen, denen die Kirche, und mit ihr die Kirchengemeinden vor Ort, unterliegen.

Daher erscheint das deutsche Pendant »Wirkungshorizonte« geeigneter, um auszudrücken, worum es geht: Es geht vor allem um die Einwirkungen, unter denen sich Kirche und Kirchengemeinden täglich befinden. Das bedeutet, dass dabei ihre gesellschaftliche Verankerung in ihrem lokalen Umfeld, das auf diese einwirkt, ebenso in den Fokus gerät, wie sog. Mega-Trends, die als gesamtgesellschaftliche Wirkungshorizonte die Verhaltensmuster der aktuell in einer Gesellschaft lebenden Menschen prägen und zwar in einem umfassenden soziologischen Sinne und damit interferentiell. Denn die Erforschung von Trends bzw. von Wirkungshorizonten hat mit der Wahrnehmung soziokultureller Strömungen zu tun. Diese »bezeichnen Veränderungen im Denken, Fühlen und Handeln, Veränderungen der Lebensziele und Werte, sie [artikulieren] (...) neue Bedürfnisse, Wünsche nach Veränderung oder sind Ausdruck von Anpassungsleistungen an veränderte Rahmenbedingungen«.5


3. Zur Ideologie des Neoliberalismus

Das als Neoliberalismus bezeichnete Gesellschaftskonstrukt unserer Tage strebte zu Beginn des 20. Jh. zunächst einen neuen Liberalismus an, der zwischen Kommunismus und Kapitalismus als »Dritter Weg« angesiedelt sein sollte.6 Der deutsche Neoliberalismus der 1930er Jahre, mit seiner damals eher noch ordoliberalen Ausrichtung, bildete die wesentliche theoretische Grundlage der »Sozialen Marktwirtschaft«, wie sie vor allem im Nachkriegsdeutschland als sog. »Rheinischer Kapitalismus« seine Ausprägung gefunden hatte.7 Ideologisch standen der Wirtschaftswissenschaftler Friedrich August von Hayek aus Wien sowie Milton Friedman aus Chicago hierfür Pate.


3.1 Kennzeichen des Neoliberalismus

Wesentliches Kennzeichen des Neoliberalismus ist die Deregulierung zunächst der Wirtschaft und dann folgend aller Gesellschaftsbereiche bei gleichzeitiger Regulierung des Arbeitsmarktes durch Aufweichung des Arbeitnehmerkündigungsschutzes oder der 35-Stunden-Woche usw. Der Staat wird dabei auf seine Kernfunktionen begrenzt und soll ausschließlich den Freihandel begünstigen, bewahren und mithilfe staatlicher Autorität vor Einschränkungen oder Angriffen schützen. Alle Gesellschaftsbereiche sollen dabei unreguliert existieren können, Handelsbeschränkungen werden beseitigt. Das freie Spiel der ökonomischen Kräfte soll ein Staat im neoliberalistischen Sinne uneingeschränkt ermöglichen. Ziel dessen sind die Gewinnmaximierung und der totale Konsum. Handelshemmnisse jeder Art sollen beseitigt werden. Die Politik hat die Rolle eines Erfüllungsgehilfen für die umfassenden profitablen Ziele der Neoliberalisten einzunehmen.8 Dabei werden alle Bereiche gesellschaftlichen und privaten Lebens diesen Zielen untergeordnet.9

Der Neoliberalismus hat also bis heute zu einer grundlegenden Veränderung des wirtschaftlichen, politischen und privaten Lebens weltweit geführt. »Der sozialpolitische Dreiklang neoliberaler Modernisierer lautet im Grunde: Entstaatlichung, Entsicherung und Entrechtung jener Menschen, die entweder unfähig oder nicht willens sind, auf dem (Arbeits-)Markt ein ihre Existenz sicherndes Einkommen zu erzielen.«.10

Weltweit geht es seit den 1990er Jahren um die Verschlankung von Unternehmensstrukturen sowie von öffentlichen Verwaltungen unter Kostenminimierungsaspekten. Zugleich ist dies ein Beitrag zu Massenarbeitslosigkeit, Armut und Verelendung ganzer Bevölkerungsgruppen, Reduzierung von Unternehmenssteuern, Schuldenbremsen, Haushaltsdisziplin, Niedrigzinsen und Enthortung von Privatvermögen durch Umverteilung zugunsten des Großkapitals.11

Der »Schlanke Staat« ist dabei ebenso ein Kampfbegriff wie die Auslagerung hoheitlicher Aufgaben in die Privatwirtschaft, beispielsweise Reisekontrollen an Flughäfen oder die Verkleinerung der Polizei oder der Armee durch Aufhebung der allgemeinen Wehrpflicht.12 Ziel dessen ist ein quantitatives Wachstum, das ökonomisch mithilfe von Qualitätssteigerung und Selbstoptimierung erreicht werden soll.


3.2 Gezielte neoliberalistische Informationsvermittlung

Wohl auch die evangelische Kirche hat sich dem geschilderten marktbedingten Optimierungs- und Kostensenkungstrend nicht aktiv entzogen, sondern ist diesem beispielsweise im München-Programm, das von der Unternehmensberatungsfirma McKinsey für die Kirchengemeinden auf dem Stadtgebiet Münchens »pro bono« durchgeführt worden war, aufgesessen. Die Optimierungsbestrebungen, die im evangelikal-pietistischen Spektrum in den Schriften von Michael Herbst, Peter Böhlemann13 oder auch bei Thomas Schaufelberger14 ihren Niederschlag gefunden haben, aber auch die landauf-landab begründeten Gemeindeberatungsinstitute in den Landeskirchen, dokumentieren die Teilnahme der evangelischen Kirche am neoliberalistisch-ökonomischen »Optimierungsdenken«. Man liegt voll im Trend, will gegen diesen mit marktwirtschaftlichen Methoden wachsen15 und folgt damit, ohne zu ahnen, was man tut, den Wirkungshorizonten seiner jeweiligen Gegenwart.

Das Konzept des Neoliberalismus ist jedoch ein elitärer Diskurs von oben, der auf die ideologische Vereinnahmung der Intellektuellen zielt. Die Kirchen werden schon bei F.A. von Hayek als »second hand dealers of ideas«, eingestuft. Es werden somit Lehrer*­innen, Journalisten*innen, Geistliche, Schrift­steller*­innen, Künstler*innen und Schauspieler*innen aktiv angesprochen und als Vermittler des neoliberalen Gedankengutes in die Gesellschaft hinein aktiviert. Das geschieht meist in scheinbar objektiver Informationsvermittlung. Die »Secondhand Dealer« sind begehrte Objekte der neoliberalen Strategie zur öffentlichen Meinungsbeeinflussung in den Schulklassen, auf den Kanzeln, in den Medien und in der Politik.16

Instrumente dazu sind u.a. die Medien, die mithilfe der Öffentlichkeitsarbeit und durch Lobbyisten durch zielgerichtet aufbereitete Informationen »gefüttert« werden, um die Botschaften des Neoliberalismus nach mehr freiem Markt zu verbreiten. Dadurch haben sich diese dem verstorbenen Zürcher Medienwissenschaftler Kurt Imhoff zufolge an die neoliberalistischen Marktlogiken eines entgrenzten bzw. entfesselten Kapitalismus gebunden und befeuern diesen gleichfalls durch die Anwendung der intendierten medialen Prinzipien von Aktualität und Erregungsbewirtschaftung mit gleichzeitiger segmentierender Zielgruppenausrichtung (Sparten). Damit unterziehen sich alle gesellschaftlichen Schlüsselbereiche einer Selbstverpflichtung, den intendierten Inszenierungslogiken entsprechen zu wollen, um Gehör in der Öffentlichkeit zu finden (Viktimisierung, Skandalisierungsrate, Aufmerksamkeitswettbewerb, Verlautbarungsjournalismus, Öffentlichkeitsarbeit etc.). Nach Imhof resultiere daraus sodann ein vornehmlich unterhaltungsorientiertes und an Einschaltquoten ausgerichtetes Medienangebot der nicht gebührenfinanzierten Medien (Sieg-Niederlage-Dichotomien, Populismus). Den damit verbundenen Paradigmenwechsel kennzeichnet er mithilfe der Begriffe Empörungsbewirtschaftung, Skandalisierung, Personalisierung und Eventisierung.17

Letztlich sieht Imhof in diesen gesellschaftlichen Grundtendenzen einer zunehmenden Medialisierung eine Entmachtung der legitimen demokratischen Einrichtungen des Staates und einer inhaltlichen Aufmerksamkeitsverschiebung des Fokus vom Nationalen und Regionalen auf das Lokale zu Ungunsten einer weitsichtigen überregionalen und transnationalen Sicht auf die Welt.18


4. Neoliberalistische Kennzeichen in der Kirche

Im Folgenden werden verschiedene Kennzeichen für die Anwendung von neoliberalistischen Wirkungshorizonten in kirchlichen Verlautbarungen und kirchlichen Lebensformen beispielhaft aufgeführt. Ziel dieses Abschnitts soll die Herausarbeitung der bereits erfolgten Einwirkungen einer neoliberalistischen Wirtschaftsideologie auf die theologische und kirchliche Wirklichkeit sein, wie dies über die in den Wirkungshorizonten verankert lebenden Menschen geschieht, die sich mit Theologie und Kirche befassen.


4.1 Wachstum durch verbesserte Qualität

Die Forderung nach Wachstum durch Qualität für die kirchliche Arbeit eröffnete die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« zu Beginn des 21. Jh. für den deutschen Protestantismus. Die seinerzeit in der Impulsschrift beschriebenen Maßnahmen sollen das Wachstum der evangelischen Kirche gegen den Trend fördern, was zugleich wiederum einen ökonomischen Anspruch darstellt und einem neoliberalistischen Sprachschatz entlehnt wurde. »Evangelisch in Deutschland braucht ein deutliches Profil und eine klare Qualität«19, heißt es in der Impulsschrift. Um Qualitätskriterien zu entwickeln, wird ein Aufbruch in folgenden Handlungsfeldern gewollt:

• in den kirchlichen Kernangeboten,
• bei allen kirchlichen Mitarbeitenden, beim kirchlichen Handeln in der Welt und
• bei der kirchlichen Selbstorganisation.

Hierzu wollen die Verantwortlichen in der EKD und deren Landeskirchen sowie in den Kirchengemeinden vergleichbare Qualitätsstandards in den Kernkompetenzen Gottesdienst, Taufe, Trauung und Bestattung schaffen. Qualitativ oder quantitativ messbare Ziele stehen dabei ganz im Duktus neoliberaler Optimierungsargumentationen.20 Pfarrpersonen, gemeinsam mit den übrigen hauptberuflich angestellten Leitungspersonen der Kirche, werden in einer qualitativen Schlüsselrolle (»second hand dealers of ideas«) gesehen. Beiden Berufsgruppen kommt bei der Zukunftsgestaltung der Kirchengemeinden und der Kirche allgemein eine qualitativ entscheidende Bedeutung zu. Hierin sind die zeitgemäße Interpretation der biblischen Botschaft sowie der Traditionen und Bekenntnisse der Alten Kirche und des Protestantismus einbezogen.21

Als Qualitätskriterien22 werden entwickelt: Organisation verbessern, Kernkompetenzen definieren, Mission verstärken, Stärken entdecken und aktivieren, Lernen von wirtschaftlichem Denken.23

»Unter Wahrung der individuellen und regionalen Gestaltungsfreiheit gilt es, stärker als bisher vergleichbare Qualitätsstandards in den Kernvollzügen der evangelischen Kirche sicherzustellen. […] Klarheit über die Kernbestände und Kernvollzüge im geistlichen und gottesdienstlichen Leben der Kirche sowie verlässliche Standards im Blick auf Verkündigung, Liturgie und seelsorgerliche Begleitung sind deshalb unverzichtbar. […] Die ständige Fort- und Weiterbildung gerade in geistlicher Hinsicht gehört darum zu den wichtigsten Investitionen für die Zukunft der Kirche. Zugleich aber bedarf es einer ebenso transparenten wie fairen Beurteilungskultur mit Blick auf die geistliche Qualität der einzelnen Angebote. […] Solche Maßnahmen der Entwicklung und Sicherung von Qualität werden sich auf zentrale Felder konzentrieren. Der Umgang mit den uns anvertrauten Kirchenräumen und die überlieferten gottesdienstlichen Zeiten des Sonntags gehören ohne Zweifel in diesen Kernbereich.«24

Die Begriffssprache wirkt hier einerseits rezeptiv und dokumentiert die Verwurzelung der Autoren in dem hermeneutischen Versuch, in zeitgemäßen Begriffen die Adressaten der Impulsschrift und darüber hinaus angemessen anzusprechen. Andererseits jedoch wirken diese Begriffe performativ und zeichnen so eine neoliberalistische Begriffssprache in die kirchliche Alltagswelt ein, die nicht nur äußerlich der kirchlichen Arbeit anhaften soll, sondern der Kirche ihren Platz in einem neoliberalistischen Marktgeschehen zuweist. Die Kirche willigt also durch die Übernahme neoliberalistisch-performativer Fachbegriffe in das neoliberalistische Gesellschaftmodell aktiv ein.25


4.2 Wachstum durch freiwillige Selbstoptimierung

Ein Handbuch für geistliches Leiten legten im Jahre 2012 Peter Böhlemann und Michael Herbst vor. Gefüllt mit geistlich-biblischen Impulsen und einer unhinterfragt angewandten Managementmethodik, die unternehmerische Managementmodelle auf pfarramtliches Handeln überträgt, bieten die Autoren dem Leser handliche Konzepte für unterschiedliche Themengebiete kirchengemeindlicher Arbeit (Sitzungsleitung, Zeit-, Konflikt- oder Veränderungsmanagement).

Neben einer vorgängigen Situations- und Umfeldanalyse in der Kirchengemeinde werden vor allem drei auch farblich kenntlich gemachte Kernzielbereiche als Farbenlehre definiert, die durch Fragebögen zur kirchengemeindlichen Selbstkontrolle angereichert werden. Gemeindearbeit solle missionarisch das Gemeindewachstum qualitativ befördern und

• personenorientiert-partizipatorisch (gemeinschaftsstiftend)
• theologisch-kompetent (organisatorisch geordnet)
• verheißungsorientiert-visionär (richtungsweisend) sein.26

Auf der Basis dieser drei Handlungsrichtlinien stellen die Autoren ihre geistlichen Leitungsideen als missionarisch-evangelikales Managementkonzept für die Kirchengemeinde im Neoliberalismus vor. Dabei sehen sie die Kirche ausschließlich auf der Ebene der operativen Organisation (Gemeindekirche) und lassen die Rücksicht auf die Institutionenanteile gänzlich vermissen.

An die Nutzer dieses als Leitfaden konstruierten Buches werden hohe Qualitätsanforderungen gestellt. Nicht nur, dass Zeit- und Persönlichkeitsmanagement nach Ansicht der Autoren Grundbedingungen für ein effizientes geistliches Leiten sind, auch eine hohe kommunikative Fähigkeit, Sicherheit in der Ablauforganisation der kirchlichen Sitzungskultur, sich einzubringen in alle öffentlichen und kommunalen Diskurse vor Ort sowie ökumenische Impulse aufnehmen zu können, die sowohl einen interkonfessionellen als auch einen weltweiten Charakter tragen, werden als Anforderungsprofil vorausgesetzt. Dazu sei der so optimierte Pfarrer bzw. die so optimierte Pfarrerin vor allem in der klassischen Gemeindearbeit umfassend versiert und ein Virtuose in der Feier von Gottesdiensten mit einer tiefreichenden biblisch-missionarischen und rhetorisch ausgefeilten Predigt. In Fragen des Organisationsmanagements seien Pfarrpersonen sowie ehrenamtlich in der Gemeinde Mitarbeitende zwecks Optimierung fortzubilden.27

Ganz im Sinne neoliberalistischen Denkens meinen die Autoren, das Pfarramt als einen der wesentlichen Institutionalisierungsfehler seit der Urgemeinde bezeichnen zu können. »Wir haben in der Theologie den Fehler gemacht, fast alle im Neuen Testament genannten Charismen strukturell im Pfarramt zu verankern.«28 Eine Auflistung der qualitativen Fähigkeiten, die Pfarrpersonen mithilfe ihrer Aus- und Fortbildung erlernt haben und die die Güte des Pfarramtes heute ausmachen, werden als nicht vom Apostel Paulus in Röm. 12,6-8 intendiert dargestellt. Dazu gehören nach Ansicht der Autoren u.a.

• die Beherrschung elementarer theologischer Grundqualifikationen wie die alten Sprachen,
• psychotherapeutische Aspekte für die Seelsorge zu kennen und
• in Kommunikationstrainings Aspekte der Gesprächsführung erlernt zu haben.

Also elementare Kennzeichen der Ausbildung für das reformierte Pfarramt. Diese stehen offenkundig für die Autoren weit zurück hinter dem linearen Versuch, die biblisch-theologischen Geschehnisse der Urchristenheit hermeneutisch in die Gegenwart des 21. Jh. hineinzuzeichnen. Anleihen bei der neoliberalistischen Betriebswirtschaft werden von den Autoren dabei unhinterfragt auf die Kirchengemeinden unter dem Gesichtspunkt eines einzig gangbaren Weges zu einer verbesserten »Unternehmenskommunikation« in der Kirchengemeinde bezogen.29

Dem entspricht auch die Negierung der theologischen Kernkompetenz von Pfarrpersonen, die stattdessen als an Marktlogiken orientierte Manager des kirchlichen Systems auftreten sollen. Beispielhaft für die neoliberalistische Prägung des Wortschatzes stehen bei den Autoren Begriffe wie Qualität, Profil, Effizienz und Ökonomie. »Eine Kirche mit Zukunft wird Profil zeigen müssen«30, betont Böhlemann mit Blick auf seine Erfahrungen bei den »Emerging Churches«. Neben der parochial verankerten Kirche als Ortsgemeinde solle es vor allem in den Ballungszentren »Profilkirchen« geben, die im Sinne einer »Mixed Economy« inhaltlich-thematische Schwerpunkte setzen. Diese »Profilkirchen« werden regional getragen und auch finanziert.31

Die betriebswirtschaftlich geprägten Begrifflichkeiten dokumentieren bei Böhlemann/Herbst die neoliberalistische Verankerung der Autoren und wirken insofern performativ, weil sie damit eine ideologische Ausrichtung einer geistlichen Leitung von Kirchengemeinden vorweg im Sinne einer Marktlogik für optimierbar halten.

Ähnlich sieht es bei Thomas Schaufelberger in seinem Beitrag zum Kompetenzstrukturmodell für die Ausbildung von Pfarrpersonen in der Zürcher Landeskirche aus.32 Die missionarische Anpassung mit dem Ziel eines Gemeindewachstums durch die Verwendung des aktuell gebräuchlichen ökonomistisch geprägten Sprachschatzes der Menschen der Gegenwart geht dabei in der praktischen Umsetzung zu Lasten der theologischen Programmatik der reformierten Kirche, wie diese biblisch-theologisch, systematisch-theologisch beispielsweise in den kirchlichen Bekenntnissen und praktisch-theologisch grundgelegt ist.


4.3 Wachstum durch Eventisierung und Emotionalität

Blicken wir abschließend in einschlägige Stellenausschreibungen für Pfarrpersonen von Kirchengemeinden in Deutschland und der Schweiz33, so wird häufig mit Blick auf den Gottesdienst eine standardisierte Formulierung gebraucht: Die Pfarrperson soll »Freude am Gestalten von kreativen, lebensnahen Gottesdiensten« haben, »mit Freude das Evangelium lebensnah« weitergeben, »begeistert und lebensnah den christlichen Glauben, das Evangelium, in Predigt und Gespräch mit Jung und Alt« leben und weitergeben, oder das Evangelium verkündigen, und zwar »begeistert, verständlich und lebensnah«.34

Was dabei auf der Strecke zu bleiben scheint, ist die auch gesellschaftliche Relevanz der Kirchengemeinde in politischer bzw. ethischer und damit in programmatischer Hinsicht35. Es mutet an, als würde ein Entertainer gesucht, der nur dafür da ist, das gottesdienstliche Angebot als unkritisches, aber eventisiertes Unterhaltungsprogramm zu gestalten. Das lebensverändernde, weil kritisch zur Umkehr animierende, lauter gepredigte Wort Gottes scheint in den ausschreibenden Kirchgemeinden keine Bedeutung zu haben.

Aber: Welche Ziele werden eigentlich mit derartigen Ausschreibungen verfolgt? Die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus, oder vorrangig der ökonomisch relevante Erhalt eines kirchlichen Status quo, der die bisherige Finanzierung und den Mitgliederbestand der Kirchgemeinden sichern hilft? Transportieren Emotionalität und der Gottesdienst als Erlebnis bzw. Event mit einem hohen Spaßfaktor wirklich mehr kirchliches Leben vor Ort?

Diese kurzen Beispiele zeigen bereits, ein Unterhaltungsangebot ohne Bildungsauftrag steht als gottesdienstlicher Event im neoliberalistischen Sinne im Vordergrund. In allen verwendeten Begriffen wird, neben dem offenkundigen Vermeiden von Lebensferne, welches das lauter gepredigte Wort Gottes (CA VII) nach Meinung der ausschreibenden Kirchenpflegen dokumentiert, erwartet, dass eventisierte Gottesdienste eher die »Emotion« als die »Ratio« ansprechen sollten.

Ausschließlich erlebnispädagogisch konzipierte »Konficamps« im deutschsprachigen Raume komplettieren dieses kirchlich-neoliberalistische Unterhaltungsangebot, bei einem Minimum an intelligibler und religiöser Bildung.36

Dies perpetuiert jedoch die Deprofessionalisierung kirchlicher Angebote und befördert ihre beliebige Austauschbarkeit, bei gleichzeitiger Verminderung von religiöser und zudem kritisch-reflektiver Bildung unter der Bevölkerung.

Aber, was ist mit den genuinen Anforderungen an Pfarrpersonen, die sich aus der Professionsprogrammatik der Theologie ergeben? Wo bleibt die protestantische Theologie als programmatischer Handlungshintergrund für pfarramtliches Handeln in der Kirchgemeinde und auf allen anderen kirchlichen Ebenen? Wird kirchlicher Programmatik genüge getan, wenn sich kirchliches Handeln ausschließlich als Emotion oder als gottesdienstlicher Event darstellen lassen darf?


5. Kirche in den Wirkungs­horizonten ihrer Gegenwart

Über diese Beispiele hinaus ließen sich noch weitere aus der kirchlichen Praxis heranziehen, z.B. der Ersatz der althergebrachten Kameralistik zu Gunsten der Doppelten Buchführung, Doppik genannt, in einem System, dass über Jahrhunderte hinweg mit der einfachen Einnahme-Ausgabenrechnung gut gefahren ist, sodass es auch betriebswirtschaftliche Laien in den Kirchenpflegen und Presbyterien verstehen konnten.37

»Die sozialen Sicherungssysteme werden zunehmend Markt-, betriebswirtschaftlichen Leistungs- und Konkurrenzgesetzen unterworfen. Genauso wie Länder, Regionalverbände und Kommunen, die ihre Verwaltung schon vor der Jahrtausendwende mittels sog. neuer Steuerungsmodelle auf eine nur schwer messbare Qualitätssicherung orientiert haben, streben sie nach größtmöglicher kaufmännischer Effizienz, während ihr eigentlicher Zweck, Menschen in schwierigen Lebenslagen wirksam zu unterstützen, deutlich dahinter zurücktritt. Ganz im Sinne der Ökonomisierung des Sozialen verdrängt dabei ein betriebswirtschaftlich orientiertes Leitbild von Qualitätsmanagement traditionelle Orientierungen von religiös oder ethisch motivierter Nächstenliebe, von Subsidiarität und Solidarität«.38

Oder auch die Einführung von Jahresdienstgesprächen im Pfarrberuf: Der Fragenkatalog dokumentiert neben seelsorglichen und dienstrechtlichen Erörterungsgegenständen auch Fragen nach Selbstoptimierung, Effizienzsteigerung und Zielvereinbarungen für die folgenden Jahre.39

Vielleicht sind aber auch die Optimierungen von Kirchgemeinden durch Bildung größerer Einheiten ein gesellschaftliches Spiegelbild neoliberalistischen Denkens. Ökonomische Sachzwänge treten hierbei in den Konflikt mit der theologischen Programmatik. 40

Auf der anderen Seite haben sich die Landeskirchen einem Sparzwang unterworfen, der sich als Mindereinnahmen bei den Kirchensteuern als Konsequenz aus dem neoliberalistischen Umbau der ökonomischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Steuersenkungen und niedrigen Erwerbseinkommen auswirkte. Infolgedessen wurden auch bei kirchlichen Mitarbeitenden Gehaltsgrenzen eingeführt und sogar das Pfarrsalär durch Entkoppelung von den Besoldungsstufen und durch Streichung bzw. Kürzung von Sonderzuwendungen z.B. in der Westfälischen Kirche massiv geschmälert. Dieser Vorgang produziert in Folge das, was die Bochumer Praktische Theologin Isolde Karle mit der Deprofessionalisierung des Pfarrberufes als Schlüsselberuf (Grethlein) der Kirche bezeichnet hat.41 »Die entscheidende Schwachstelle des Neoliberalismus bilden zudem weder das kaum mehr übersehbare Scheitern seiner ökonomischen Konzepte noch sein Plädoyer für eine Hochleistungs-, Konkurrenz- und Ellenbogengesellschaft, in der sich nur die leistungsstärksten Mitglieder behaupten, sondern sein unermüdlicher Kampf gegen einen Wohlfahrtsstaat, der Leistungsschwächere auffängt, sie sozial integriert und überhaupt erst zu gleichberechtigten Gesellschaftsmitgliedern macht«42

Vereine, Parteien und sonstige Freizeitangebote können gleiches tun wie die Kirchen. Das charakteristische Sujet, der Verkündigungs- und Bildungscharakter, den kirchliche Angebote stets als protestantische Merkmale ausgezeichnet haben, und die zu den Identitätsmerkmalen protestantischer Kirchlichkeit mit seinem Bildungsideal gehören, gehen dabei jedoch gänzlich verloren. Die Konsequenz daraus ist ein massiver Relevanzverlust kirchlicher Themen unter der Bevölkerung und eine bis zur theologischen Unkenntlichkeit sich selbst herabmindernde neoliberalistisch geprägte Werbung um Menschen, die als Mission oder Missionierung euphemisiert wird.

Damit gehen zugleich von den Kirchen gegenüber der Gesellschaft bereitgestellte Faktoren verloren, die für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft wichtig sind. Daher ist die teils durch Eventisierung, Unterhaltungs- und Freizeitprogramm der kirchlichen Angebote selbst verursachte theologische Deprofessionalisierung zugleich ein Beitrag dazu, dass kirchliche Antworten auf die Anfragen unserer Zeit nicht mehr angemessen vernommen, ja mittlerweile durch die Bevölkerung sogar aktiv ignoriert werden.

Der Zugriff des Monetarismus auf das kirchliche Leben sowie alle ökonomischen Optimierungsbestrebungen stellen eine freiwillige Einwilligung der Kirchen auf dieses ideologische Gesellschaftsmodell dar, anstatt daran zu arbeiten, ein politisch-ökonomisches Gegenmodell zu entwickeln, beispielsweise durch die Stärkung vorhandener ordoliberaler Alternativen wie die Soziale Marktwirtschaft oder den Rheinischen Kapitalismus.

Globalisierung und demografischer Wandel, wie dies auch die EKD-Impulsschrift »Kirche der Freiheit« oder andere Zukunftskonzeptionen in evangelischen Landeskirchen als Sachzwänge identifiziert haben, stellen in diesem Zusammenhang weniger eine Befolgung von Realitäten, als eher eine schleichende Umsetzung neoliberalistischer »großer Erzählungen« der Moderne (J.F. Lyotard) dar mit allen Folgen, die sich für Mitarbeitende innerhalb der Kirchen und für die Menschen ergeben haben, zu denen die Kirche gesandt ist (Mt. 28,19; Lk. 10).

Was dabei durch die freiwillige Einwilligung in die Unterwanderung der Kirche durch neoliberalistisches Begriffs- und Gedankengut zu kurz zu kommen droht, sind die protestantische Programmatik sowie der Verkündigungs- und Bildungscharakter der Kirche, um dem zunehmenden religiösen Analphabetismus unter der Bevölkerung entgegenzuwirken. Dies wäre ein Wirkungshorizont, der der kirchlich-theologischen Programmatik entspräche und dieser Wirkungshorizont würde zugleich mehr Theologie wagen.43



Anmerkungen:

1 Luther, Martin (1982): Der kleine Katechismus Doktor Martin Luthers. Gebete – Sprüche – Lieder. 21. Aufl. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus Mohn (Gütersloher Taschenbücher Siebenstern, 1000), 18.

2 Besonders evangelikal-pietistische Schriften in der Praktischen Theologie haben diese unter dem Diktum der Einführung von Optimierungsstrategien, Selbst- oder Gemeindemanagement zwar nicht wissenschaftlich aufgearbeitet, aber zumindest methodisch ein-, durch- und umgearbeitet (s.u.). Ferner: Die Zustimmung der evangelischen Kirche zur Abschaffung des Buß- und Bettages 1995, oder das sog. München-Programm waren ein erstes Signal der Anpassung von Kirchenvertretern an die neoliberalen Optimierungsbestrebungen, welche, teils politisch vermittelt, aus heutiger Sicht als typisches Charakteristikum des Neoliberalismus bezeichnet werden können.

3 Vgl. http://www.kirchenreform-zh.ch/dokumente/milieu-studie, (Letzter Aufruf, 30.03.2017).

4 Und daher auch künftig vom Neoliberalismus und adverbial dieses als neoliberalistisch bezeichnen.

5 Appel, Cornelia (Jg. 26/2003): Die 3SC Trendforschung. Ein kontinuierliches Programm zur Beobachtung des soziokulturellen Wandels von Sinus Sociovision. In: Berufsverband Deutscher Soziologinnen und Soziologen (Hg.): Sozialwissenschaften und Berufspraxis. Berlin (4), 393-400; 393.

6 Vgl. Ptak, Ralf (2017): Grundlagen des Neoliberalismus. In: Christoph Butterwegge, Bettina Lösch und Ralf Ptak (Hg.): Kritik des Neoliberalismus. Unter Mitarbeit von Tim Engartner, 3., aktualisierte Auflage. Wiesbaden: Springer VS, 13-86; 28-31.

7 Vgl. a.a.O., 11-12; Engartner, Tim (2017): Privatisierung und Liberalisierung. Strategien zur Selbstentmachtung des öffentlichen Sektors. In: Butterwegge; Lösch; Ptak (2017), 87-134; 124.

8 Vgl. Ptak, a.a.O., 33.

9 Prominente Beispiele waren zwischen 1990 und 2010 der Verkauf von kommunalen Betrieben oder Kanalisationen, beispielsweise in Bochum, Düsseldorf etc. an US-amerikanische Investoren und deren Rückmietung durch die ursprünglichen Eigentümer. Die Folge waren Knebelverträge mit langen Laufzeiten, marode Kanalisationen sowie eine zerbrechende städtische Infrastruktur, marode Schulgebäude und leere Kassen bei den Kämmerern. In Deutschland wurde beispielweise mithilfe der neoliberalistisch geprägten sog. »Agenda 2010« und der damit verbundenen »Hartz-Gesetzgebung« durch die Bundesregierungen seit 1999 die Gehaltsstruktur der Mittelschicht durchgängig gekürzt und somit die Schere zwischen Reichtum und Armut rasant vergrößert. Vgl. Engartner, a.a.O., 113; Butterwegge, Christoph (2017): Rechtfertigung, Maßnahmen und Folgen einer neoliberalen (Sozial-)Politik. In: Butterwegge; Lösch; Ptak (2017), 135-220; 197.

10 Butterwegge, a.a.O., 198. Vgl. Ptak, a.a.O., 75. Einer der wesentlichen Think-Tanks ist in Deutschland die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh, vgl. dazu: Lösch, Bettina (2017): Die neoliberale Hegemonie als Gefahr für die Demokratie. In: Butterwegge; Lösch; Ptak (2017), 221-284; 241.

11 Vgl. Krysmanski, Hans Jürgen (2015): 0,1 Prozent – das Imperium der Milliardäre. uebuanra, Überarbeitete und aktualisierte Neuausgabe, rev. Ausg. Frankfurt/M.: Westend, 107-152.

12 Vgl. Riedel, Donata; Specht, Frank (2017): Sehnsucht nach mehr Staat. Nach Jahrzehnten des Personalabbaus fehlen fast überall Polizisten, Lehrer, Richter, Bauplaner und Bürgeramtsmitarbeiter. Es wächst der Frust der Bürger – und der Wunsch nach mehr Beamten. In: Steingart, Gabor (Hg.): Handelsblatt, 22.11.2017 (225), 8-9.

13 Vgl. dazu: Böhlemann, Peter; Herbst, Michael (2011): Geistlich leiten. Ein Handbuch. 1. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.

14 Schaufelberger, Thomas (2016): Das Kompetenzstrukturmodell mit zwölf Standards für das evangelisch-reformierte Pfarramt. In: Juliane Hartmann; Thomas Schaufelberger (Hg.): Perspektiven für das Pfarramt. Theologische Reflexionen und praktische Impulse zu Veränderungen in Berufsbild und Ausbildung. Zürich: TVZ, 17-59.

15 Vgl. Evangelische Kirche von Westfalen, Kirche mit Zukunft, Bielefeld 1999, 8.

16 Vgl. Butterwegge, a.a.O., 193/196; Engartner, a.a.O., 87-100, 101, 119.

17 Vgl. Imhof, Imhof, Kurt (2011): Die Krise der Öffentlichkeit. Kommunikation und Medien als Faktoren des sozialen Wandels. Frankfurt/M.: Campus, 108-129.

18 Vgl. zum Ganzen: Imhof, a.a.O., 137-140; Butterwegge, a.a.O., 141.

19 Evangelische Kirche in Deutschland; Huber, Wolfgang (Hg.) (2006): Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Hannover, 44.

20 Daher solle die Zahl der Gottesdienstbesucher von rund 4% (2006) auf dann 10% der Kirchenmitglieder bis 2030 erhöht werden. Es wird eine, wiederum quantitative, Taufquote von 100% aller Kinder aus Familien angestrebt, in denen mindestens ein (Ehe-)Partner evangelisch ist.

21 EKD, Kirche der Freiheit, 13/14, 36. Körtner, Ulrich H.J. (2010): Reformatorische Theologie im 21. Jahrhundert. Zürich: TVZ (Theologische Studien, N.F. 1), 23, 51, 53, 79/80, 90; Hermelink, Jan: Die Freiheit des Glaubens und die kirchliche Organisation. Praktisch-theologische Bemerkungen zum Impulspapier des Rates der EKD »Kirche der Freiheit«. In: Pastoraltheologie, 96. Jg., 2007. Göttingen, 45-55; 49. Vgl. EKD, Kirche der Freiheit, 21/22, 90; vgl. Huber, Wolfgang (1999): Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher Wandel und Erneuerung der Kirche. 2. Aufl. Gütersloh: Verl. Bertelsmann-Stiftung, 252/253; Hauschildt, Eberhard (2007): Organisation der Freiheit, evangelisch Kirche sein verändert sich. In: Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.): 6. Tagung der 10. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Dresden. 4. bis 7. November 2007. Hannover: EKD, 3; Bieger, Eckhard (2008): Pastoral im Sinus-Land: Impulse aus der Praxis/für die Praxis. 2. Aufl. Berlin: Lit, 60-62. Vgl. Huber, Zeitenwende, 228/229.

22 Vgl. EKD, Kirche der Freiheit, 23.

23 Vgl. EKD, Kirche der Freiheit, 40-45.

24 EKD, Kirche der Freiheit, 51/52.

25 Zum Ganzen: vgl. EKD, Kirche der Freiheit, 52, 63-65; Hauschildt, Eberhard; Pohl-Patalong, Uta (2013): Kirche. 1. Aufl. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus (Lehrbuch praktische Theologie, 4), 185-213.

26 Vgl. Böhlemann/Herbst, a.a.O., 90.

27 Vgl. zum Ganzen: Böhlemann/Herbst, a.a.O.

28 Böhlemann/Herbst, a.a.O., 52.

29 Dabei wird anhand der Wortwahl eine hohe Pflichtkulisse aufgebaut, die die »Rettung der Kirche« von der Anwendung von Unternehmensmanagementstilen abhängig macht. Eine »unheilige Allianz« wird hier eingegangen, wenn eine biblisch-theologische »Urchristenromantik« mit modernen Managementkonzepten in Verbindung gebracht wird, um daraus ein numerisch quantifizierbares geistliches Wachstum in den Kirchengemeinden zu eröffnen.

30 Böhlemann, Peter (2006): Wie die Kirche wachsen kann und was sie davon abhält. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 90.

31 Vgl. Böhlemann, a.a.O., sowie: http://www.a-m-d.de/gemeindepflanzen/download/Was%20wir%20in%20England%20gelernt%20haben.pdf.

32 Vgl. Schaufelberger, a.a.O.

33 Zum empirischen Vorgehen anhand von Stellenausschreibungen vgl auch: Keller, Sonja: »Vieles ist im Fluss. Vieles wird neu werden.« Die Organisationssemantik und das Amt des Pastors als theologisch leitendem Hermeneuten. In: Pastoraltheologie, Jg. 106, 1. Göttingen, 28-37.

34 Vgl. Stellenausschreibungen unter: http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-kerenzen-2016-10-14.pdf; http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-steffisburg-2016-05-18.pdf; http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-innertkirchen-2016-09-28.pdf; http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-pfaeffikon-2016-09-27.pdf; http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-weinfelden-2016-08-17.pdf; http://www.mediallegra.ch/pdf-inserat-bussnang_leutmerken-2016-11-02.pdf; http://www.kirche-petershagen.de/offene-stellen/; http://www.georgsgemeinde.de/fileadmin/Media/presbyterium/Stellenausschreibung_1_.pdf; http://www.ek-froendenberg.de/index.php?id=Pfarrstellen (letzte Aufrufe vom 01.12.16).

35 Vgl. Weyen, Frank: Mehr Theologie wagen – Verkündigung als angewandte Programmatik. Ein Plädoyer für die öffentliche Rede der Predigt. In: Pastoraltheologie, Jg. 103, 2014/10 Oktober. Göttingen, 456-467.

36 Vgl. http://www.konfi-camp.de (letzter Aufruf vom 20.06.2017).

37 Vgl. Weyen, Frank (2012): Kirche in der finanziellen Transformation: Fundraising für evangelische Kirchengemeinden. Leipzig: Evangelische Verlagsanstalt.

38 Butterwegge, a.a.O., 177; Udo Kelle, »Kundenorientierung« in der Altenpflege? – Potemkinsche Dörfer sozialpolitischen Qualitätsmanagements, in: PROKLA 146 (2007), 113, zitiert bei Butterwegge, a.a.O.

39 Vgl. Beese, Dieter (2012): Kulturelle Stolperfallen. Wie reagieren Pfarrerinnen und Pfarrer auf Zielvorstellungen? In: Halfar, Bernd (Hg.): Erfolgspotenziale der Kirche: ein Blick aus dem Management. 1. Aufl. Baden-Baden: Nomos, 27-57.

40 Zumal der Begriff Sachzwang ein typisch neoliberalistisch-performatives Argumentationsmuster darstellt, wie bei Milton Friedman nachzulesen ist. Vgl. Friedman, a.a.O., 35,-41; Ptak, a.a.O., 61, 70; Butterwgge, a.a.O., 136, 143, 153/154.

41 Vgl. Karle, Isolde (2014): Pfarrberuf als Profession. In: Pahl, Jörg-Peter; Herkner, Volkmar (Hg.): Handbuch Berufsforschung. Bielefeld: W. Bertelsmann Verlag, 880-888.

42 Butterwegge, a.a.O., 131.

43 Vgl. Weyen, a.a.O.


 

Über den Autor

PD Dr. theol. Frank Weyen, Jahrgang 1965, Privatdozent an der Universität Zürich und Gemeindepfarrer in Wanne-Eickel (Ruhrgebiet).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

1 Kommentar zu diesem Artikel

08.06.2018
Ein Kommentar von Friedhelm Schneider


Es hat lange gedauert. Nun konstatiert man auch in der Universitätstheologie die Einbettung der kirchlichen Reformprozesse im Gefolge von „Kirche der Freiheit“ in die neoliberalen, globalen Veränderungsprozesse. Und das ist gut und richtig! Dass hier weiterer Forschungsbedarf besteht ist offensichtlich. Denn die Kirchenleitungen werden versuchen, diesen Zusammenhang weiterhin zu negieren und/ oder zu vertuschen. Peinlich: der sich in Teilen ja immer noch (links-)liberal fühlende Protestantismus als Komplize der Neoliberalen. War man zu naiv, hat man die Zusammenhänge nicht durchschaut? Gut, wenn mehr Forschung Licht in das Dunkel der jüngsten Kirchengeschichte bringt.

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