Das ordinationsgebundene Amt – Teil II und Schluss
»Obgleich wir alle gleichermaßen Priester sind, können wir doch nicht alle predigen«

Von: Dorothea Wendebourg
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Allgemeines Priestertum aller Getauften und ordinationsgebundenes Amt – das gilt vielen als Widerspruch oder zumindest als ungeklärtes Missverhältnis. Ein Missverständnis, wie Dorothea Wendebourg in ihrem Aufsatz zeigt, der als Vortrag beim diesjährigen Studientag des Pfarrverbandes in Kassel gehalten wurde. Um den gesamten Vortrag dokumentieren zu können, ohne den Rahmen zu sprengen, hat sich die Redaktion des »Deutschen Pfarrerblatts« für einen zweiteiligen Abdruck entschieden. Der erste Teil erschien in der Aprilausgabe, hier folgen nun Fortsetzung und Schluss.*


Amt und andere Dienste

Das ordinationsgebundene Amt ist für Luther – und die anderen Wittenberger – das Amt der öffentlichen Evangeliumsverkündigung in mündlicher und sakramentaler Form.42 D.h.: Luther verficht nur ein Amt – im Einklang mit seinen römischen Gegnern, auch wenn diese das eine Amt als gestuftes verstehen. Damit unterscheidet er sich bekanntlich von Calvin, der eine Vierämterordnung, nämlich das Ensemble der Ämter von Prediger, Lehrer, Ältestem und Diakon vorsieht. Nun war es keineswegs so, dass die Wittenberger sich nicht etwa einen Diakonat vorstellen konnten: Johannes Bugenhagen richtete einen solchen in den Kirchen, deren Ordnungen er ausarbeitete, durchaus ein.43 Der Unterschied lag in der ekklesiologischen Verbindlichkeit. Nach Calvin muss die Kirche, wenn sie der Einsetzung durch Christus gemäß gestaltet ist, jene Ämter haben, nach Luther kann sie vieles davon, auch über die Vierzahl hinausgehend, haben, sie muss aber unverzichtbar nur das Amt der öffentlichen Verkündigung haben.

Hinter dieser Differenz steht eine unterschiedliche Sicht der Einsetzung des Amtes. Luther kennt, wie gezeigt, keine eigene Einsetzung des Amtes durch Christus; dass die Kirche ein ordinationsgebundenes Amt hat und haben muss, ist für ihn Implikation jener Einsetzungen, die er im NT tatsächlich findet, der Befehle Christi, das Evangelium zu predigen, zu taufen und das Abendmahl zu halten. Calvin hingegen geht davon aus, dass das Amt nicht weniger als Predigt, Taufe und Abendmahl auf verbindliche kontingente Setzung zurückgeht, nur dass er diese nicht bei Christus, sondern bei den Aposteln findet, insbesondere in Eph. 4. Und da dort von mehreren Ämtern die Rede ist, ist auch deren Mehrzahl für die Kirche aller Zeiten verbindlich, wobei Calvin aus der bei Paulus ja noch größeren Fülle die vier genannten heraushebt. Angesichts dieser amtstheologischen Argumentation und Konkretion verwundert es nicht, dass das Thema »Amt« bei Calvin und in den von ihm geprägten reformierten Bekenntnisschriften44 sehr viel ausführlicher behandelt wird als bei Luther und in den Bekenntnisschriften der lutherischen Tradition.

Wenn die Begründung des Amtes, wie Luther sie sieht, auf das eine Amt der öffentlichen Verkündigung als das unverzichtbare Amt der Kirche hinausläuft, dann ist das in seinen Augen auch sachgemäß. Denn dieses Amt hat es mit den Vollzügen zu tun, durch die der Glaube und damit auch die Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen begründet wird. Das heißt nicht, dass die Kirche für ihr Leben nicht noch vielerlei Dienste und Funktionen gebrauchen könnte. Doch hat keiner und keine davon dieselbe im Wortsinne grundlegende Bedeutung. Deshalb können diese Dienste und Funktionen in Luthers Augen auch variieren, ja, wird die Kirche je nach Zeit und Situation solche Dienste und Funktionen auch entwickeln, während ihr nach Calvin bestimmte Dienste ein- für allemal als institutionelle Struktur eingestiftet sind. Dem unterschiedlichen Verständnis der Begründung des Amtes bzw. der Ämter bei beiden Reformatoren entspricht also auch eine unterschiedliche Sicht der Kirche in ihrem gestalterischen Handeln.

Der Preis der lutherschen Konzeption ist die Gefahr der Pfarrerzentrierung, der Gewinn ist die Freiheit, Dienste zu entwickeln und zu gestalten, die den Erfordernissen der Zeit entsprechen, und das weit über die von Calvin proklamierte deuteropaulinische Vierzahl hinaus. Beispiele sind der Dienst der Hebamme, der in den reformatorischen Kirchenordnungen amtsförmig gestaltet werden konnte,45 vor allem aber die Dienste des Kantors und des Organisten, die sich in den von Wittenberg geprägten Kirchen zu nachgerade unverzichtbar erscheinenden Ämtern entwickelt haben.


Pfarramt und Episkopat

Der primäre Ort, an dem geschieht, was Sache des ordinationsgebundenen Amtes ist, ist die um eine Kanzel, einen Taufstein und einen Tisch versammelte Ortsgemeinde. Primärer Träger dieses Amtes ist folglich deren Pastor. Darin, dass Luther das Amt primär auf dieser Ebene angesiedelt sah, stimmte er mit den meisten mittelalterlichen Theologen überein. Sahen sie doch überwiegend im Presbyterat (Priesteramt) die Vollgestalt des Amtes verwirklicht, nicht, wie es später das Zweite Vatikanische Konzil festlegen sollte, im Diözesanepiskopat.46 Doch so sehr Luther hier an eine traditionelle Linie anknüpfen konnte, so deutlich widersprach er mit seiner inhaltlichen Bestimmung des Amtes als Amt der Verkündigung der überlieferten Theologie, die dessen zentrale Aufgabe in der priesterlichen Darbringung des Messopfers sah.

Beide Anliegen, das richtige inhaltlich-theologische Verständnis des Amtes und die angemessene Bestimmung seines primären Ortes, verbanden sich in einer historischen Feststellung, die Luther immer wieder traf: Ursprünglich seien, wie die Pastoralbriefe und andere Zeugnisse der frühen Kirchengeschichte zeigten, Bischofsamt und Gemeindepastorat eins gewesen. So heißt es in der Adelsschrift: Ich sage, »dass nach Christi und der Apostel Festsetzung jede Stadt einen Pfarrer oder Bischof haben soll, wie Paulus klar schreibt Tit. 1, […] Denn ein Bischof und ein Pfarrer ist ein und dasselbe bei St. Paul, wie das auch St. Hieronymus bestetigt.«47 Und selbstbewusst schreibt Luther an anderer Stelle, in den ersten Jahrhunderten der Kirche habe »eine jegliche Stadt […] einen Bischof gehabt, wie sie jetzt Pfarrer haben, und Sanct Augustinus, der von seinem Pfarrer oder Bischof Valerius zum Prediger geweiht oder ordiniert und nach dessen Tod an seiner Statt Bischof wurde, hat keine größere Pfarrei gehabt als unsere Pfarrei zu Wittenberg, wenn sie überhaupt so groß gewesen ist.«48 Demgemäß redet Luther Adressaten von Briefen und Schriften, die Gemeindepastoren sind, gerne als episcopi an.49

Besonders plastisch kommt dieser Rückgriff auf Verständnis und Praxis des frühkirchlichen Bischofsamtes für Bestimmung und Gestaltung des Pfarramtes in dem Ordinationsformular zur Geltung, das 1535 in Wittenberg eingeführt wurde.50 Hier ist die Ordination des zukünftigen Pfarrers bewusst als Bischofsweihe konzipiert. So sind als Lesungen 1. Tim. 3,1-7 und Apg. 20,28-31 vorgesehen. Die darauf folgende Vermahnung spricht die Ordinanden als zukünftige Bischöfe an. Der Ordinationsritus hat sein Zentrum nicht, wie in der zeitgenössischen Priesterweihe, in der Darreichung des Messgeschirrs, sondern in der von Pastoralbriefen und altkirchlicher Bischofsweihliturgie vorgesehenen Handauflegung mit Gebet. Ja, dieses Muster prägt noch die Auswahl der Ordinatoren: Das sollen Pfarrer benachbarter Städte sein – Nachbarbischöfe, wie es can.4 des Konzils von Nizäa für die Bischofsweihe vorschreibt, auf den sich die Wittenberger ausdrücklich berufen.

Zum bischöflichen Amt des Pastors gehört also auch die Vollmacht, das Amt der öffentlichen Verkündigung weiterzugeben; insofern tritt der neue Amtsträger in eine bischöfliche Sukzessionslinie ein – ein Gedanke allerdings, der bei der Gestaltung des Formulars keine Rolle spielt. Dass solche Sukzession in den Augen der Wittenberger für das Amt nicht konstitutiv ist, weder in der, für den Normalfall als angemessenen betrachteten, Abfolge von Pfarrern noch, erst recht, in diözesanbischöflicher Linie, machen sie bei Gelegenheit ohnehin klar.

Was ist der Sinn des Rekurses auf das frühkirchliche Bischofsamt bei Luther und den anderen Wittenbergern? Es geht nicht darum, eine bestimmte Kirchenstruktur, und sei sie noch so altehrwürdig, für verbindlich zu erklären. Ein solches Axiom, wie es zeitgenössische Humanisten verfochten, wie es aber auch von Calvin vertreten wurde, lag Luther fern, weshalb seine amtstheologischen und amtspraktischen Ausführungen auch mit dem Rückgriff auf die frühe Kirche nicht stehen und fallen. Wie gleich zu betrachten sein wird, lehnte er auch die spätere Entwicklung eines übergemeindlichen Bischofsamts keineswegs ab. Mit der Feststellung, das Bischofsamt sei ursprünglich das Gemeindepfarramt gewesen, sollte vielmehr herausgestellt werden, dass der Diözesanepiskopat, wie er sich mittlerweile herausgebildet hatte und von den Wittenbergern als solcher auch nicht infrage gestellt wurde, eine historische, gegenüber dem Gemeindepastorat sekundäre Größe sei, eine Institution, deren Aufgaben ursprünglich und prinzipiell im Pfarramt selbst enthalten seien.

Zugleich diente die Feststellung, das Gemeindepastorat sei das ursprünglich Bischofsamt, dazu, den Auftrag des Pfarrers, das Wesen seines Amtes als Amt der öffentlichen Verkündigung deutlich zu machen und gegen alle Verdunkelung durch die Theologie und Praxis des Priesteramtes herauszustellen: Der Inhaber des ordinationsgebundenen Amtes hat das zu tun, was Aufgabe des Bischofs der Pastoralbriefe und der frühen Kirche war. Er hat das Evangelium zu verkündigen, wie es in den Briefen an Titus und Timotheus vorgeschrieben wird; er hat zu predigen und die Sakramente zu verwalten, wie es in den Zeugnissen der ersten Jahrhunderte vom Bischofsamt entfaltet wird. Wenn er das tut, nimmt er das grundlegende, mit dem Auftrag der öffentlichen Verkündigung gesetzte apostolische Amt der Kirche wahr.51

Gleichwohl ist Luther kein Kongregationalist, der die vollständige Selbstständigkeit der Einzelgemeinde verficht. Die christliche Kirche geht ihrem Wesen nach über die Grenzen der Ortsgemeinden hinaus, und das soll sich auch in ihrer Ordnung niederschlagen: Es bedarf struktureller Elemente, die der Gemeinschaft unter den Einzelgemeinden und der Kontrolle der Einzelgemeinden dienen. Bekanntlich wurde der Anfang mit den Visitationen der späten 1520er Jahre gemacht, die noch temporärer Natur waren. Aus ihnen aber wuchsen dauerhafte, amtliche Strukturen heraus, ein Netz von übergemeindlichen Aufsichtsposten, lateinisch »Superintendenturen«, griechisch »Episkopaten«.52

Anders als Calvin, der ebensowenig die Autonomie der Einzelgemeinde vertrat und ebenfalls eine übergemeindliche Struktur forderte, für diese aber die Form von – aus Amtsträgern, d.h. Predigern und amtlichen Ältesten gebildeten – Synoden vorsah, knüpfte Luther an die im Laufe der Jahrhunderte ausgebildete Form des übergemeindlichen Bischofsamtes an. Ja, die Wittenberger hofften zunächst, dass es gelingen werde, amtierende Bischöfe für die Reformation zu gewinnen und in diesen dann evangelisch gewandelte Bischöfe zu haben, was die Reformatoren zwar nicht für notwendig, aber für nützlich gehalten hätten.

Diese Erwartung erfüllte sich innerhalb des Heiligen Römischen Reiches nicht, einige Anläufe, die Luther selbst unternahm, um evangelische Bischöfe zu kreieren, scheiterten an reichspolitischem Widerstand. Stattdessen kam, von Luther mit unverhohlenem Misstrauen begleitet, die dauerhafte Notlösung der landesherrlichen Kirchenregentschaft. Doch im Horizont der andersartigen Hoffnungen ließ man den mit dem bestehenden Episkopat verbundenen griechischen Terminus »Bischof« unbesetzt und wählte das – schon in der alten Kirche belegte – sinngleiche lateinische Wort, eben »Superintendent« (Superattendent). Das Amt des Gemeindedienst und übergemeindlichen Dienst verbindenden Superintendenten – in anderen Gegenden auch Inspektor, Dekan oder wie auch immer genannt – und nicht etwa das des Landesbischofs ist in Deutschland, aber auch darüber hinaus das übergemeindliche Bischofsamt der lutherischen Kirche. Freilich das Bischofsamt zweiter, abgeleiteter Ordnung, abgeleitet von dem primären Amt des Bischofs im Sinne des Gemeindepastors. Deshalb waren und blieben die Superintendenten Gemeindepfarrer, darin allen Amtsbrüdern ihrer Superintendentur oder Diözese gleich.53 So kam zum Ausdruck, dass ihre übergemeindliche Tätigkeit auf dem primär in der Gemeinde ausgeübten Amt der öffentlichen Verkündigung aufruhte. Genauer, dass ihre episkopale Tätigkeit Entfaltung dieses Amtes war, nämlich Entfaltung seines Grundzugs, der »Öffentlichkeit«, in einem weiteren, gemeindeübergreifenden Rahmen. »Sie vollzog sich in Visitation und Leitung der Ordination, in der Prüfung und Einstellung neuer Pfarrer, in der Seelsorge an den Pfarrern, darin, dass der Superintendent deren Zusammenhalt durch Konvente förderte und ihnen durch öffentliche Lehre immer wieder Grund und Inhalt ihres Wirkens vor Augen stellte«.54 Ja, Luther konnte sich vorstellen, dass die konziliare Gemeinschaft der übergemeindlichen Bischöfe, ob als Superintendenten in einem neubegründeten Dienst oder als Inhaber eines evangelisch reformierten Bischofssitzes im Rahmen älterer Strukturen, geeignet sei, die Gesamtkirche in den alle betreffenden Angelegenheiten zu leiten, wie er in den Schmalkaldischen Artikeln darlegte.55 Das war eine große Vision, die er dem zu erwartenden päpstlichen Konzil entgegenhielt, an eine Realisierung war nicht zu denken. Vorderhand stand anderes an: der kirchliche Aufbau und die Stabilisierung der kleineren Einheiten Sachsen, Nürnberg, Preußen, Hamburg, Württemberg usf. Und in diesem Rahmen bewegen wir uns mutatis mutandis noch heute.

 

Das Amt der evangelischen Pfarrer*innen Deutschlands heute
im Lichte des reformatorischen Amtsverständnisses

Ein Kommentar zum Vortrag von Prof. Dr. Dorothea Wendebourg

Der Vortrag von Dorothea Wendebourg beim diesjährigen Studientag des Pfarrverbands in Kassel (veröffentlicht im Deutschen Pfarrerblatt, 4 und 5/2018) wurde in Arbeitsgruppen engagiert diskutiert. Die Ergebnisse fassen Thomas Jakubowski und Martin Zentgraf in einem Kommentar zusammen.


1. Ordination und Beauftragung

Art. 14 der CA betont, dass in das Amt »ordnungsgemäß« eingesetzt werden muss. Im Blick auf die Gliedkirchen der EKD heute lassen sich Auflösungserscheinungen in Bezug auf eine klare Ordnung des Amtes der Pfarrer*innen beobachten. Es wird oft nicht mehr deutlich, dass die Predigt des Evangeliums und die dem Evangelium gemäß gereichten Sakramente Vorbehaltsaufgaben der Pfarrer*innen sind. Andere Berufsgruppen in der Kirche (etwa Diakone und Diakoninnen) erheben den Anspruch, durch ihr Amt die gleichen Aufgaben wahrnehmen zu können. Der Unterschied, der durch das anspruchsvolle Theologiestudium und das Vikariat einerseits und durch die Ordination andererseits gegeben ist, wird tendenziell eingeebnet und abgewertet.

Andere kirchliche Berufsgruppen (wie z.B. Diakone*innen, Kantoren*innen, Religionspädagogen*innen usw.) haben Dienste je eigenen Rechts in der Kirche – nicht aber die mit der Ordination verbundenen Rechte und Pflichten des Pfarramtes, dessen Zugangsvoraussetzung ein volles Theologiestudium bleiben muss. Schmalspurzugänge sind auf dem Hintergrund des reformatorischen Erbes abzulehnen.

Während die kirchliche Beauftragung der Pfarrer*innen unbefristet ist, weil sie durch das Theologiestudium die Kompetenz der Unterscheidung – und damit der selbständigen theologischen Urteilsbildung – erlangt haben, kann die Beauftragung der Prädikanten*innen nur befristet erfolgen. Die Prädikantenausbildung hat bei Weitem nicht den Umfang eines Theologiestudiums – und dieser Unterschied muss sich auch bei der kirchlichen Beauftragung wiederspiegeln.


2. Begrenzung der administrativen Aufgaben

Der Beruf der Pfarrer*innen muss so organisiert werden, dass sie ihrem Verkündigungsauftrag, den pastoralen und theologischen Aufgaben, nachkommen können. Administrative und Managementaufgaben müssen so organisiert werden, dass sie maximal zumutbare zeitliche Ressourcen nicht übermäßig und grundsätzlich überschreiten. Anderseits müssen Pfarrer*innen an den organisatorischen und finanziellen Entscheidungen angemessen beteiligt sein, weil nur sie als Experten der theologischen Urteilsbildung ausgebildet sind. Management, Organisation und Institution dürfen keiner angeblichen Eigengesetzlichkeit überlassen werden, sondern müssen in der Kirche theologisch verantwortet sein.


3. Eine neues Aufgabenfeld in der säkularen Gesellschaft: Mission

Der gesellschaftliche Kontext des Pfarramts hat sich heute im Vergleich zur Reformationszeit grundsätzlich verändert. Christengemeinde und Bürgergemeinde sind nicht mehr weitgehend identisch, sondern es hat sich eine breite säkulare Öffentlichkeit herausgebildet und Angehörige anderer Religionen sind in unserem Land zahlreich vertreten. Insbesondere die große Gruppe der konfessions- und religionslosen Menschen stellt eine neue Herausforderung für die evangelische Kirche dar, der nicht allein durch Maßnahmen der »Mitgliederbindung« in einer geographisch abgegrenzten Kirchengemeinde oder auf gesamtkirchlicher Ebene begegnet werden kann. Evangelische Kirche muss hier ganz neu missionarische Kirche werden, ohne sich Illusionen eines »Wachsens gegen den Trend« hinzugeben. Das Gemeindepfarramt und die weiteren bisher bestehenden Spezialpfarrämter sind für diese Aufgabe nicht ausreichend. Eine eigene Form des Pfarrdienstes mit der Zielsetzung der Mitgliedergewinnung und Mission sollte daher dringend und schnell entwickelt werden.

Thomas Jakubowski / Martin Zentgraf


Anmerkungen:

* Vortrag gehalten am 19.1.2018 vor der »Fuldaer Runde« der Vorsitzenden der Pfarrvereine und Pfarrvertretungen. Es handelt sich um eine an verschiedenen Stellen variierte und erweiterte Fassung des Beitrags von Dorothea Wendebourg: Das ordinationsgebundene Amt, in: Martin Luther als Praktischer Theologe, hrsg. von Peter Zimmerling, Wolfgang Ratzmann und Armin Kohnle, Leipzig 2017, 463-476. Die Gliederungs- und Endnotenziffern werden gegenüber vom ersten Teil her fortgesetzt.

42 Im Folgenden fasse ich zusammen: Dorothea Wendebourg, Das Amt und die Ämter (ZEvKR 45,2000, 5-37), 6-11 und dies., Schriftgebrauch (wie Anm. 23), 293-303/315-325.

43 Vgl. Tim Lorenzen, Johannes Bugenhagen als Reformator der öffentlichen Fürsorge. Tübingen 2008, 267-281.

44 Anders steht es in den reformierten Bekenntnisschriften, die nicht von Genf geprägt wurden, etwa in denen der Zürcher Tradition und im Heidelberger Katechismus.

45 Vorgesehen waren geistliche Aufgaben wie die Seelsorge an Schwangeren, die Nottaufe oder, wenn sich absehen ließ, dass diese wegen vor der Geburt eintretenden Kindstodes nicht mehr möglich sein würde, das Gebet für das ungetaufte Kind im Mutterleib und für das alles eine theologische Instruktion sowie eine ausdrückliche Autorisation durch den Pfarrer (vgl. Lorenzen [wie vorige Anm.] 446f). Vgl. damit die Confessio Scotica, die im Rahmen der das Amt – und demgemäß auch den Ausschluss davon (1. Kor. 14,34) – auf konkrete Bibelstellen gründenden Theologie, wie sie die Genfer Tradition kennzeichnet, die Taufe durch Frauen nur als dem in der Schrift sprechenden Heiligen Geist zuwiderlaufenden »entsetzlichen« Irrweg kennzeichnen kann (Conf. Scot. 22, hier der römischen Praxis der Nottaufe durch Frauen vorgehalten, die nicht amtsförmig gestaltet war, in calvinistischer Sicht aber eine illegitime Durchführung eines wesenhaft amtlichen und damit für Frauen ausgeschlossenen Aktes darstellte).

46 Vgl. Wendebourg, Das Amt (wie Anm. 42), 12f.

47 6, 440,21-28.

48 38, 237,25-30.

49 Z.B. den Zwickauer Pfarrer Nicolaus Hausmann, den er in der Widmung der Formula missae als episcopus cygneae ecclesiae bezeichnet (12, 205,3f)

50 38, 423-433. S. dazu Krarup (wie Anm. 41) 247-263.

51 Vgl. Wendebourg, Das Amt (wie Anm. 42) 12-15.

52 S. zum Folgenden Dorothea Wendebourg, Die Reformation in Deutschland und das bischöfliche Amt (in: Dies., Die eine Christenheit auf Erden. Aufsätze zur Kirchen- und Ökumenegeschichte. Tübingen 2000, 195-224), 205-223.

53 Insofern ist die Ablösung der Superintendentenfunktion vom Gemeindepfarramt, wie sie vielerorts vorgenommen wird, nicht nur fragwürdig, weil sie die Erdung der Superintendenten in der Pfarramtstätigkeit aufhebt und sie aus der Gemeinschaft der Amtsbrüder und -schwestern herausnimmt, sondern auch bedenklich, weil sie die amtstheologische Rückbindung dieser Funktion an die Primärgestalt des Amtes verdunkelt. Statt die Superintendenten aus den Gemeinden herauszunehmen, sollte vielmehr umgekehrt darüber nachgedacht werden, wie eine Erdung im primären Amt der Kirche bei den mit noch weitergespannten Diensten betrauten Regional- und Landesbischöfen gewährleistet wird, deren Ablösung vom Gemeindedienst aus praktischen Gründen wohl unvermeidlich ist, aber die deutliche Gefahr der – bürokratischen – Kirchenfürstlichkeit mit sich bringt.

54 Dies., Das Amt (wie Anm. 42), 25.

55 Schmalkaldische Artikel, Teil II, Art. 4 (Papsttum): Es »kann die Kirche niemals besser regiert und erhalten werden als so, daß wir alle unter dem einem Haupt Christus leben und die Bischöfe, dem Amt nach alle gleich, […] fleißig zusammenhalten in einträchtiger Lehre, Glauben und Sakramenten, Gebeten und Werken der Liebe etc.«

 

Über den Autor

Prof. Dr. Dorothea Wendebourg, Kirchenhistorikerin in Erlangen, Göttingen, Tübingen und bis 2017 an der Humboldt-Universität Berlin, 1995-2009 Vorsitzende des Theol. Ausschusses der VELKD und Ko-Vorsitzende der Theol. Kammer der EKD, 1986-2005 Mitglied in verschiedenen internationalen bilateralen und multilateralen ökumenischen Kommissionen; letzte Buchveröffentlichung: So viele Luthers. Die Reformationsjubiläen des 19. und 20. Jahrhunderts (Leipzig 2017).

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 5/2018

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