Streifzüge durch die Literatur, Teil II: Heinrich Heine
Martin Luther und die Dichter

Von: Karl-Josef Kuschel
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Die Persönlichkeit Martin Luthers hat immer wieder Dichter und Schriftsteller dazu angeregt, sein Leben, sein Denken, seine historische Rolle in der Reformationszeit literarisch wiederzugeben und zu gestalten. Karl-Josef Kuschel hat aus der Fülle des Materials drei ­literarische Positionen ausgewählt, die er in einem mehrteiligen Beitrag im Deutschen Pfarrer­blatt vorstellt. In einem ersten Teil ging es um ein Gedicht von Ludwig Uhland. Der zweite Teile widmet sich nun dem Lutherbild von Heinrich Heine, während der dritte Teil Thomas Manns literarische Annäherung an Luther zum Thema hat.*

Luther im Zeichen der Französischen Revolution

»Kein anderer deutscher Dichter erwähnt Luther so häufig wie Heine« (F. Schlingensiepen, 137). Was ein Kritiker mit diesem Satz zusammenfasst, mag umso erstaunlicher sein, als Heine nicht protestantischer, sondern jüdischer Herkunft ist, 1797 in ein liberales jüdisches Elternhaus Düsseldorfs hineingeboren. Seine jüdische Herkunft aber im Deutschland zu Beginn des 19. Jh. ist Teil seines inneren Konfliktes.

Einerseits profitiert der junge Heine für seinen Bildungsaufstieg davon, dass seine Heimatstadt eine Zeit lang unter französischer Besatzung steht (1806-1815). Juden kommen dadurch in den Genuss der durch den Code Civil Napoleons gewährten Freiheitsrechte. So kann der junge Heine ab 1819/20 ein Universitätsstudium beginnen, zunächst in Bonn, dann in Göttingen und Berlin, dann wieder in Göttingen, und mit einer juristischen Promotion abschließen. Eine Laufbahn in staatlichen Diensten schwebt Doktor Heine vor, verspricht bürgerliche Sicherheit, nachdem er sich trotz Unterstützung aus der Familie (vor allem durch Onkel Salomon, den reichen Bankier in Hamburg) für eine kaufmännische Laufbahn als ungeeignet erwiesen hat.

Andererseits weiß Heine, dass die gesellschaftliche Stellung von Juden in Deutschland nach wie vor prekär ist, zumal, wenn man wie er auch noch als Schriftsteller Anerkennung sucht. So wird der mögliche Übertritt zum Christentum schon Anfang der 1820er Jahre zu einer quälenden Frage. Dass für Juden die Taufe das »Entreebillett in die europäische Kultur« ist, wie er ironisch später formulieren wird, weiß Heine von Anfang an. Dass er sich dazu trotz aller Skrupel entschließt, hat auch nicht nur mit Karrierekalkül, sondern auch mit seinem Bild von Luther und der Reformation zu tun. Wenn schon die Taufe, dann in einer Kirche, die sich der von der Reformation ausgelösten Freiheitsgeschichte verdankt. Heine tröstet sich eine Weile damit, unterdrückt die eigenen Skrupel. Um aber kein Aufsehen (bis in die eigene Familie hinein) zu erregen, lässt er sich in aller Heimlichkeit taufen: am 28. Juni 1825 in Heiligenstadt bei Göttingen durch den protestantischen Pfarrer Gottlob Christian Grimm. Doch die mit diesem Schritt verknüpften Erwartungen erfüllen sich nicht. Im Gegenteil: Heine begreift sehr bald, dass er sich dadurch »bey Christ und Jude« gleichermaßen »verhasst« gemacht hat. Bei Juden, die ihn als »Abtrünnigen« betrachten, bei Christen, welche die Ehrlichkeit seiner Glaubensüberzeugung beargwöhnen. Er bereut schon bald seinen Schritt. Seinerseits hält er sich mit scharfen Analysen schadlos und entwickelt sich zu einem der scharfsinnigsten und zugleich geistreichsten Kritiker der real existierenden Religionen vor Nietzsche.


»Zuhause« in der europäischen Hauptstadt der Revolution

Nach Veröffentlichung eines ersten großen Gedichtbandes, des nachmals berühmten »Buchs der Lieder« (1827), und nach einer Reihe von »Reisebildern« (zwischen 1826 und 1831), die den Verfasser auch als den brillanten Vertreter deutschsprachiger Reiseliteratur ausweist, siedelt Heine 1831 nach Paris über. Noch kann er nicht wissen, dass er bis zu seinem Lebensende hier bleiben und 25 Jahre später auch sein Grab finden wird. Die Juli-Revolution von 1830 hatte ihn angelockt. Endgültig waren die Bourbonen von Thron gefegt worden, kann das Bürgertum in einem liberalen Königreich zur Macht gelangen. Paris – das ist für Heine und ungezählte Demokraten in Deutschland nach wie vor die europäische Hauptstadt der Revolution, und die jüngsten Ereignisse in Paris hatten einmal mehr politische Hoffnungen auf eine demokratische Gesellschaft und auf eine an den Menschenrechten orientierte Verfassung freigesetzt, zumal man in deutschen Landen als Jude ausgegrenzt ist und als politisch verdächtiger Autor unter Zensur steht.

Seinen Lebensunterhalt verdient Heine mit journalistischen Arbeiten. In deutschen Blättern schreibt er über Frankreich, in französischen erklärt er den Franzosen Deutschland. Als die Artikel in Buchform gedruckt werden, erscheinen sie unter Titeln wie »Französische Zustände« (1833), »Zur Geschichte von Religion und Philosophie in Deutschland« (1834) und »Romantische Schule« (1836).

Ziel dieser Schriften ist es, der französischen Leserschaft zu zeigen, dass es in Deutschland zwar nicht so wie in Frankreich eine Revolution, wohl aber, dass es Emanzipationsschübe gegeben hat. Und diese fangen mit Luther und der Reformation an. Grund genug, warum Heine das Erste Buch seiner Religionsschrift mit langen Ausführungen über »Doktor Martin Luther« beginnt. Geschrieben nicht in einem knochentrockenen Historikerdeutsch, einer lang­weilig-langatmigen Wissenschaftsprosa, sondern mit der lockeren Feder eines Essayisten, der keine Gelegenheit zu einer geistreichen Pointe auslässt. Noch heute ein intellektuelles Vergnügen, diesem brillanten ­Stilisten zu folgen.


Politische Aktualisierung Luthers

Überblickt man die Texte, so zeigen sich charakteristische Grundzüge von Heines Luther-Bild. Was kann man am Fall Luther erkennen, das bis heute relevant wäre, das Zukunft hätte, das in den heutigen Kämpfen um politische und geistige Freiheit nützlich wäre? Das ist Heines Frage. Nicht um Historisierung, sondern um politische Aktualisierung Luthers ist es ihm zu tun. Wie auch anders in einer Zeit wie der seinen, politisch zerrissen zwischen Revolution und Restauration, zwischen demokratischem Republikanismus und feudalem Monarchismus, zwischen Menschenrechten für alle und Standesprivilegien für wenige?

Dabei setzt Heine ein bestimmtes Schema im Blick auf die bisherigen geschichtlichen Wirkungen des Christentums voraus. Er benutzt dafür die Begriffe Spiritualismus und Sensualismus und meint damit (ich skizziere): Die hauptsächliche Wirkung des Christentums bestand Jahrhunderte lang in der Unterdrückung der Freude an Sinnlichkeit, an Körperlichkeit, an Triebhaftigkeit, kurz: in der Unterdrückung des »Sensualismus«. Gepredigt hat man stattdessen Vergeistigung, Askese, Tugendpflege, Körperfeindlichkeit, kurz: »Spiritualismus« nach der Devise: »es gilt, allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen, unsern Leib, das Lehen Satans, zu peinigen, damit die Seele sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende Reich Christi« (5, 518). Vor diesem Hintergrund wertet ­Heine nun das Erscheinen Luthers und die Wirkungen der Reformation.


Marin Luther – ein Mann mit einer Freiheitsbotschaft

Kernsatz aus der Religionsschrift: »Ruhm dem Luther! Ewiger Ruhm dem teuern Manne, dem wir die Rettung unserer edelsten Güter verdanken, und von dessen Wohltaten wir noch heute leben! Es ziemt uns wenig, über die Beschränktheit seiner Ansichten zu klagen. Der Zwerg, der auf den Schultern des Riesen steht, kann freilich weiter schauen als dieser selbst, besonders wenn er eine Brille aufgesetzt; aber zu der erhöhten Anschauung fehlt das hohe Gefühl, das Riesenherz, das wir uns nicht aneignen können. Es ziemt uns noch weniger über seine Fehler ein herbes Urteil zu fällen; diese Fehler haben uns mehr genutzt als die Tugenden von tausend Anderen. Die Feinheit des Erasmus und die Milde des Melanchthon hätten uns nimmer so weit gebracht wie manchmal die göttliche Brutalität des Bruder Martin.« (5, 539)

Luther – ein Riese (auch Uhland hatte zu diesem Vergleich gegriffen), entsprechend stehen wir heute als Zwerge auf seinen Schultern. Das sind die historischen Proportionen, die Heine angibt. Luther – der Mann mit einem Riesenherzen, gewiss nicht fehlerlos, aber – im Vergleich zu großen intellektuellen Zeitgenossen wie dem Humanisten Erasmus von Rotterdam und dem subtilen theologischen Weggefährten Philipp Melanchthon – von einer Kraft, ohne welche die Reformation weder auslöst worden wäre noch sich durchgesetzt hätte. Wie oft waren Person und Werk von der Vernichtung im Zusammenspiel von Kaiser und Papst bedroht: Exkommunikation, Schriften auf dem Scheiterhaufen, gewaltsame Unterdrückung der Reformation. Da wird das zwiespältige Stichwort Heines begreiflich: »göttliche ­Brutalität des Bruder Martin«. Die hat es gebraucht, um dem gewaltigen Druck stand­zuhalten.

Was aber hat Luther in Heines Augen bewirkt? Antwort: »Von dem Reichstage an, wo Luther die Autorität des Pabstes leugnet und öffentlich erklärt: ›dass man seine Lehre durch die Aussprüche der Bibel selbst oder durch vernünftige Gründe widerlegen müsse!‹ da beginnt ein neues Zeitalter in Deutschland. Die Kette, womit der heilige Bonifaz die deutsche Kirche an Rom gefesselt, wird entzwei gehauen. Diese Kirche, die vorher einen integrierenden Teil der großen Hierarchie bildete, zerfällt in religiöse Demo­krazien.« (5, 39f)


Ein Schub in Sachen Demokratisierung

Mit Luther beginnt ein Schub in Sachen Demokratisierung des Volkes in Deutschland, darauf will Heine hinaus. Angefangen hat alles im Kirchlichen, ist aber bis heute im Politischen noch nicht vollendet. Es sollte aber vollendet werden! Die Reformation? Sie ist für Heine gewissermaßen der Ur-Knall, der eine hierarchisch erstarrte Kirche aufsprengte und in der deutschen Geschichte egalitäre Impulse im Volk und für das Volk freisetzte.

Wodurch aber hat Luther seine Wirkung erzielt? »Indem Luther den Satz aussprach, daß man seine Lehre nur durch die Bibel selber, oder durch vernünftige Gründe, widerlegen müsse, war der menschlichen Vernunft das Recht eingeräumt die Bibel zu erklären und sie, die Vernunft, war als oberste Richterin in allen religiösen Streitfragen anerkannt. Dadurch entstand in Deutschland die sogenannte Geistesfreiheit, oder, wie man sie ebenfalls nennt, die Denkfreiheit. Das Denken ward ein Recht und die Befugnisse der Vernunft wurden legitim. (...) man disputierte auf öffentlichem Markt, und in der deutschen Landessprache und ohne Scheu und Furcht. Die Fürsten, welche die Reformation annahmen, haben diese Denkfreiheit legitimiert, und eine wichtige, weltwichtige Blüte derselben ist die deutsche Philosophie.« (5, 541f)

Luthers Wirkung? Heine ist sich sicher: Sie bestand in der Beförderung der Geistes- und Denkfreiheit in Deutschland. Ausgewirkt hat sich das zunächst nur im Raum der Kirche, sich dann aber von der Kirche abgelöst und im Raum der autonomen, aber nicht atheistischen deutschen Philosophie ihre Wirkung entfaltet.

Seiner französischen Leserschaft gibt Heine damit zu verstehen: Die Entwicklung in Deutschland ist durch eine innerchristlich-binnenkirchliche Reformation anders gelaufen als diesseits des Rheins, wo ungebremst durch den »Filter« einer Reformation Mitte des 18. Jh. eine materialistisch-atheistische Philosophie und Ende des 18. Jh. eine politische Revolution durchgebrochen ist. Mit all den zwiespältigen Resultaten. Doch Heine gibt ein Zweites zu bedenken.


Der »Fall Thomas Münzer«

Es gibt auch eine Schattenseite von Luthers Freiheitsbotschaft: seine Haltung in den Bauernkriegen und zum »Fall Thomas Münzer«. Bei allem Respekt denkt Heine nicht daran, sie zu verschweigen. Durch seine »Losreißung von Rom« und seine Freiheitspredigten habe Luther ja Hoffnungen auf »Gleichheit und Brüderschaft der Menschen auf Erden« geweckt. Und in der Tat waren bisher verelendete und unterdrückte Bauern gegen ihre Feudalherren aufgestanden. Dann aber habe Luther »das unrühmliche Buch gegen die unglücklichen Bauern« geschrieben und so dabei mitgeholfen, den »Absolutismus« zu stützen und »den Freiheitsenthusiasmus in Deutschland niederzudrücken«.

Dabei hätte die von Luther neu zum Leuchten gebrachte Botschaft Jesu ganz andere politische Konsequenzen haben müssen: »Aber ein heiligeres Zeugnis, das aus dem Evangelium hervorblutet, widerspricht der knechtischen Ausdeutung und vernichtet die irrige Autorität; Christus, der für die Gleichheit und Brüderschaft der Menschen gestorben ist, hat sein Wort nicht als Werkzeug des Absolutismus offenbart, und Luther hatte Unrecht und Münzer hatte Recht. Er wurde enthauptet zu Mödlin.« (5, 230)

Das war 1525 gewesen, ein Schlüsseljahr der frühen Reformationsgeschichte. Münzer und seine Anhänger enden auf dem Schafott, der »linke Flügel der Reformation« ist gekappt und Deutschland um eine politische Utopie ärmer. Und noch ein Drittes ist Heine wichtig.


Die Verbindung von Spiritualismus und Sensualismus

In der Person Luthers haben sich Spiritualismus und Sensualismus in einzigartige Weise verbunden. Gerade darin sei Luther »nicht bloss der größte, sondern auch der deutscheste Mann unserer Geschichte« gewesen, findet Heine (5, 538). Und da die Franzosen davon immer noch »sehr falsche Begriffe« hätten, muss er hier einiges klarstellen. ­Erstens, dass in Luthers Charakter »alle Tugenden und Fehler der Deutschen aufs Großartigste vereinigt« seien, so dass er »auch persönlich das wunderbare Deutschland« ­repräsentiere (5, 538).

Und zweitens, dass in Luther Eigenschaften vereinigt seien, die man »gewöhnlich als feindliche Gegensätze« antreffe. Heines Luther-Portrait erreicht mit dieser Skizze seinen Höhepunkt: »Er war zugleich ein träumerischer Mystiker und ein praktischer Mann der Tat. Seine Gedanken hatten nicht bloß Flügel, sondern auch Hände; er sprach und handelte. Er war nicht bloß die Zunge, sondern auch das Schwert seiner Zeit. Auch war er zugleich ein kalter scholastischer Wortklauber und ein begeisterter, gottberauschter Prophet. Wenn er des Tags über mit seinen dogmatischen Distinktionen sich mühsam abgearbeitet, dann griff er des Abends zu seiner Flöte, und betrachtete die Sterne und zerfloß in Melodie und Andacht. Derselbe Mann, der wie ein Fischweib schimpfen konnte, er konnte auch weich sein, wie eine zarte Jungfrau. Er war manchmal wild wie der Sturm, der die Eiche entwurzelt, und dann war er wieder sanft wie der Zephyr, der mit Veilchen kost. Er war voll der schauerlichsten Gottesfurcht, voll Aufopfrung zu Ehren des heiligen Geistes, er konnte sich ganz versenken ins reine Geisttum; und dennoch kannte er sehr gut die Herrlichkeiten dieser Erde, und wußte sie zu schätzen, und aus seinem Munde erblühte der famose Wahlspruch: Wer nicht liebt Wein, Weiber und Gesang, der bleibt ein Narr sein lebenlang. Er war ein kompletter Mensch, ich möchte sagen ein absoluter Mensch, in welchem Geist und Materie nicht getrennt sind. Ihn einen Spiritualisten nennen, wäre daher eben so irrig, als nennte man ihn einen Sensualisten. Wie soll ich sagen, er hatte etwas Ursprüngliches, Unbegreifliches, Mirakulöses, wie wir es bei allen providentiellen Männern finden, etwas schauerlich Naives, etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches.« (5, 538)

»Ein kompletter Mensch« – höher kann man im Lob für einen Menschen kaum greifen, wenn man Heinrich Heine heißt. So »komplett« war dieser Luther, dass Heine zumindest in seiner Person die Spaltung von Spiritualismus und Sensualismus aufgehoben sieht. Das ist das, was in Heines Augen an Luther nach vorne weist. Um dieses emanzipatorischen Zuges innerhalb des Christentums willen hat er sich mit Luther auseinandergesetzt – 300 Jahre nach der Reformation. Denn diese einzigartige Synthese von Spiritualismus und Sensualismus hat in ­Heines Augen Zukunftspotential. Und zugleich wollen wir die Ambivalenz der Diagnose nicht verschweigen. Dieser Luther hatte auch etwas »Unbegreifliches, Mirakulöses«, »etwas tölpelhaft Kluges, etwas erhaben Borniertes, etwas unbezwingbar Dämonisches.« Sätze, die ihre politische Brisanz erst entwickeln werden, 100 Jahre später, wenn die Zeiten in Deutschland gewechselt haben.


Ein Luther-Portrait im Geist der Französischen Revolution

Genug der Details. Sie ließen sich mühelos ergänzen, wenn Heine sich zum Beispiel auch zu Luthers Bibelprojekt äußert oder zu dessen Streitschriften oder Liedern und Gedichten sowie zu dessen Liebe zur Musik. »Schwan von Eisleben«, kann Heine ihn nennen (5, 547). Wunderbar die Stelle in der Religionsschrift, an der Heine Luthers »Eine feste Burg ist unser Gott« zitiert und zwar in allen vier Strophen. Brillant die Formulierung, das Lied sei die »Marseiller Hymne der Reformation« gewesen und habe »bis auf unsere Tage seine begeisternde Kraft bewahrt« (5, 547), ein »Schlachtlied«, womit man in Worms damals eingezogen sei: »Der alte Dom zitterte bei diesen neuen Klängen«, schreibt Heine, als sei er dabei gewesen »und die Raben erschraken in ihren obskuren Turmnestern«. Verlegen um eine gute Pointe ist Heine nie, aber die Ironie ist nur die Tarnung des Respekts.

Ein Luther-Portrait im Geist der Französischen Revolution – das liefert uns Heinrich Heine. Will sagen: Ein Luther-Bild, das die Schattenseiten in Luthers Charakter und politischer Wirkung nicht verschweigt, vor allem aber von dem Interesse geleitet ist, Elemente der demokratischen Freiheitsgeschichte ebenso wie der Sprach- und Literaturgeschichte so bei Luther zu verorten, dass sie als uneingelöstes Vermächtnis bis in die Gegenwart ausstrahlen. In diesem von Heine rekonstruierten Luther-Bild sollen Franzosen etwas für Deutschland und Deutsche etwas über sich erkennen. Martin Luther, seine Person und sein Werk, als kritischen Spiegel für ein Deutschland, das gegenwärtig (die 1830er Jahre!) die demokratischen Freiheiten unterdrückt und für ein Christentum, das die lutherische Verbindung von Sensualismus und Spiritualismus verraten hat. Auf eine Formel gebracht: Wer über den Anfang der »Geistesfreiheit« in Deutschland, wer über den Beginn der deutschen Literatur reden will, der beginne mit Luther. Heine hat es getan.


(Fortsetzung und Schluss im nächsten Heft)


Herangezogene Literatur

I. Quellen:

Heinrich Heine, Französische Zustände (1833), in: Sämtliche Schriften in 12 Bänden, hrsg. v. K. Briegleb, Bd. 5, München/Wien 1976, 91-279

Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland (1834), in: Sämtliche Schriften, Bd. 5, 505-641

Heinrich Heine, Romantische Schule (1836), in: Sämtliche Schriften, Bd. 5, 359-504


II. Sekundärliteratur:

H. Bornkamm, Luther im Spiegel der deutschen Geistesgeschichte, Göttingen 2. Aufl. 1970

K. Aland, Martin Luther in der modernen Literatur. Ein kritischer Dokumentarbericht, Witten-Berlin 1973

Ders., Martin Luther in der modernen Literatur, in: Luthers Sendung für Katholiken und Protestanten, hrsg. v. K. Lehmann, München-Zürich 1982, 116-146

F. Schlingensiepen, Heinrich Heine als Theologe. Ein Textbuch, München 1981

K.-J. Kuschel, Gottes grausamer Spaß ? Heinrich Heines Leben mit der Katastrophe, Düsseldorf 2002 (gekürzte Neuausgabe: Der Kampf mit Gott: Heinrich Heine, Düsseldorf 2009)

H. Lehmann, Luthergedächtnis 1817 bis 2017, Göttingen 2012


Anmerkung:

* Der Beitrag gibt den Hauptvortrag am Tag der Evang. Pfarrerinnen und Pfarrer in Württemberg in Aalen am 9. Oktober 2017 wieder und erschien im Druck als Sonderbeilage zu »Pfarrverein aktuell« (3/2017).

Über den Autor

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, von 1995-2013 als Professor für Theologie der Kultur und des interreligiösen Dialogs an der Fakultät für Kath. Theologie der Universität Tübingen; Ko-Direktor des Instituts für ökumenische und interreligiöse Forschung; seit 2015 Mitglied in der Jury zur Verleihung des jährlichen Friedenspreises des Deutschen Buchhandels und Präsident der Internationalen Hermann Hesse Gesellschaft e.V.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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