Reformatorische Impulse für Gegenwart und Zukunft
Kirche von unten

Von: Ralf Kötter
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In der zeitgenössischen Theologie wird gerne auf den historischen Graben zwischen Reformation und Gegenwart hingewiesen. Luthers Denken bewege sich ausschließlich auf einer theologischen Ebene, die mit den heutigen Kontexten inkompatibel sei. Der Mensch stehe als verzweifelter Sünder vor Gott, dessen Rechtfertigung allein aus Gnade die Angst vor dem endzeitlichen Strafgericht überwinde. Deshalb könne heute nur eine klare Absage an Versuche gemacht werden, moderne Herausforderungen als Thema reformatorischer Theologie und Kirche anzuerkennen. Ralf Kötter formuliert sechs Thesen als Denkanstöße, den historischen Graben nicht gar zu »garstig« werden zu lassen.*


1. Die grundsätzliche Haltung reformatorischer Ekklesiologie

Protestantisches Kirchenverständnis ist in den Bekenntnisschriften definiert. Nach Artikel VII der Confessio Augustana hat die Kirche zwei Aufgaben: 1. das Evangelium recht zu predigen und 2. die Sakramente recht zu verwalten. Damit scheint sich protestantische Kirche auf einen sakralen Raum zu begrenzen – eine Transformation theologischen Denkens in gesellschaftliche Gegenwartsprozesse wäre dann tatsächlich eine unzulässige Grenzüberschreitung. Religion wäre ein separater Sonderfall des Lebens, in dem es um das »Eigentliche« geht.

Bei einem genauen Blick in die Confessio Augustana wird jedoch der kontroverstheologische Kontext deutlich, in dem sich der 7. Artikel bewegt. Den exklusiven Monopolanspruch römisch-katholischer Sakralität begrenzt die Reformation durch die Beschränkung auf Wort und Sakrament. Dieser Degradierung kirchlicher Ansprüche korrespondiert gleichzeitig aber die Würdigung des Alltagslebens als eines neuen Gottesdienstes – das Priestertum aller Gläubigen hat in diesem Perspektivwechsel seine Grundlegung. Die Öffnung zum Alltag hin wird im 7. Artikel durch eine entscheidende Ergänzung präzisiert: »Zur wahren Einigkeit der christlichen Kirche ist es nicht nötig, dass Riten, Zeremonien und von Menschen eingesetzte Traditionen überall ähnlich sind.« Diese wichtige Ergänzung erklärt lokal verantwortete Sozialformen also nicht grundsätzlich für überflüssig, sondern besagt lediglich, dass es nicht notwendig sei, solche Formen überall ähnlich einzurichten. Es ist ein großer Unterschied, ob Sozialformen überflüssig sind oder ob sie an jedem Ort individuell zu gestalten sind! Art. 7 der Confessio Augustana intendiert keine grundsätzliche Engführung kirchlichen Handelns auf die gottesdienstliche Sakralität, vielmehr lehnt er eine uniforme und prinzipielle Ordnungen zur Sozialgestalt »von oben« ab.

Der Umkehrschluss lautete dann: Reformatorische Theologie gestaltet Kirche »von unten«. In diesem Paradigmenwechsel wäre Kirche kein separierter Sonderfall des Lebens mehr, vielmehr wäre das Leben vor Ort der Normalfall der Kirche!1


2. Luthers sozialdiakonischer Gemeindeentwurf

Martin Luther hat nicht viele gemeindepraktische Schriften verfasst, schließlich war er Exeget an der Universität, ein biblischer Theologe, ein Spezialist, ein Akademiker und kein Praktiker.2 Und dennoch gibt es situative Äußerungen Luthers zur Sozialgestalt der Kirche, die in der Lutherforschung nicht immer gewürdigt werden. 1519 veröffentlicht er seinen Abendmahlssermon3 und beschreibt als zentrales Ereignis des Abendmahls, der Kommunion, die communio, die Gemeinschaft, die durch das Abendmahl gestiftet wird. Natürlich meint er damit zunächst die individuelle Gemeinschaft der Glaubenden mit Christus, der mit seiner Gerechtigkeit im fröhlichen Wechsel für alle Sünder einsteht. Aber dabei belässt Luther es nicht, vielmehr stiftet die Kommunion auch eine zweite communio: nämlich die soziale Gemeinschaft der Gemeinde.4

Wer am Heil Christi teilhabe, der partizipiere auch an allen Herausforderungen der Gemeinde. Wie ein Bürger einer Stadt an deren Freiheit teilhabe, am Handel, an Hilfe und sozialer Fürsorge, genauso habe er sich auch zu beteiligen an allen Herausforderungen, Lasten und Nöten der Stadt. Wer die Vorzüge genießen will, der muss sich auch den Herausforderungen stellen.5 Wenn auch nur der kleine Zeh schmerzt, so sieht das Auge danach, die Finger greifen zu, der ganze Körper beugt sich und alle kümmern sich selbst um das kleinste Gliedmaß.6 Du hast Teil am Elend aller, von dem es so unendlich viel an allen Orten gibt – dagegen musst du dich wenden, dort musst du aktiv werden, in diesen Situationen musst du Mit-Leid zeigen; in modernen Begriffen: dort musst du empathisch sein.7

Hier blitzt das Konzept einer »Kirche von unten« auf. Luther erklärt das Abendmahl sogar für völlig nutzlos, wenn die soziale Gestaltung der Gemeinde nicht folge.8 An dem Ort, an dem die Liebe nicht täglich wachse und den Menschen zum Gemeinwohl hin verwandle, dort habe auch die Teilnahme am Abendmahl keinerlei Sinn und Bedeutung9. Unverzichtbare Aufgabe der Christen sei es, als freie Diener der christlichen Gemeinde zu dienen.10 Wo sich diese Haltung finde, da werde Gott auch passende Ordnungen hinzufügen, beispielsweise einen Gemeinen Kasten, um Bedürftige zu versorgen.11 Du sollst also der Gemeinde und den anderen Menschen dienen; suche nicht dein eigenes Heil im Sakrament, sondern suche das Gemeinwohl der anderen.12

Dieses Lob auf die kollektive, empathische Sym-pathie der Glaubenden mit Notleidenden »in allen Räumen« veranlasst mich zu meiner ersten These:


These 1:
Reformatorische Kirche gestaltet sich notwendig subsidiär, »von unten«, aus der besonderen Herausforderung des jeweiligen Raumes heraus.


Mit diesem Abendmahlsverständnis nimmt Martin Luther schon 1519 die Doppelthese seiner Freiheitsschrift aus dem Jahr 1520 vorweg. Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und zugleich ein dienstbarer Knecht aller Dinge. Wir befinden uns mit Luthers Aussagen zur Kirche im Abendmahlssermon also zugleich im Kern reformatorischer Rechtfertigungslehre. Als freier Herr aller Dinge hat ein Christenmensch teil an der Gnade, erfährt er die Befreiung aus allen menschlichen Bindungen und Verpflichtungen. Und zugleich entdeckt derselbe Christenmensch in dieser Befreiung die neue Begabung zur Sozialität, entdeckt er als dienstbarer Knecht aller Dinge die Freiheit zur Verantwortung, bis hin in die Sozialethik. Luthers Kirchenverständnis ist also angewandte Rechtfertigungslehre: Kirche entfaltet sich situativ und induktiv an den Herausforderungen des konkreten Sozialraumes.


These 2:
Eine reformatorische Kirche, deren zentrale Botschaft die Rechtfertigung sola gratia ist, kann gar nicht anders als barmherzig, leidenschaftlich und hingebungsvoll für andere einzutreten.


3. Johannes Bugenhagen als Kirchenpraktiker

Engführungen der Lutherinterpretation hätten vermieden werden können, wenn die ganze Breite reformatorischer Theologie im Blick geblieben wäre. Sie hat sich eben nicht nur an den Universitäten bewegt, sondern sie war funktional ausdifferenziert. Es ist bedauerlich, dass das Reformationsjubiläum in der öffentlichen Wahrnehmung als Luthergedenken gefeiert wurde (vielleicht sollte der Termin des 31. Oktobers doch noch einmal grundsätzlich überdacht werden?). Die Stärke der Reformation war gerade die Vielfalt unterschiedlicher Kompetenzen, wie etwa in Wittenberg die ideale Ergänzung des Visionärs Luther durch den Analytiker Melanchthon und den Praktiker Bugenhagen.13

Johannes Bugenhagen, Freund und Seelsorger Luthers, stammte aus Pommern und hat als Sohn eines Ratsherrn städtische Organisation und soziale Fragen sicher schon früh kennengelernt. Als er dann 1523 das erste evangelische Pfarramt an der Stadtkirche in Wittenberg übernimmt, gilt er sehr schnell als Fachmann für die Gestaltung des Gemeinwesens. Diesen Schwerpunkt verdankt er insbesondere seinem theologischen Denken. Bugenhagen kreist immer wieder um den Gedanken der Menschwerdung Gottes, um die Inkarnation. In der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus erkennt er den Schmelztiegel der Heilsgeschichte: In diesem Akt der äußersten Hingabe verschmelzen Himmel und Erde. Der trennende Vorhang zwischen der Welt und dem Allerheiligsten zerreißt von oben an. Jeder Winkel dieser Welt wird von Christus regiert.14 Der profane Alltag mit seinen Herausforderungen ist geheiligt. Die Welt ist dem Menschen zur freien Gestaltung übereignet, der Christ zum neuen Gottesdienst in der Welt berufen.15

Dieses inkarnatorische Gottesbild ermöglicht Bugenhagen sogar einen einzigartigen Zugang zur hebräischen Bibel: Schon Menschen des AT durften solche Gotteserfahrungen sammeln, erlebten doch auch sie einen Gott, der sich immer wieder zu humanitärem Verhalten erniedrigt16, in den konkreten Nöten der Zeit hilft, eben menschlich wird.17 Das sind theologische Formulierungen zur Wirklichkeit der Welt und zur Hermeneutik des AT, die dem späten Bonhoeffer sehr nah kommen! Konkret bedeutet diese Schwerpunktsetzung: Die Menschwerdung Gottes erklärt die Menschwerdung des Menschen und damit seine Partizipation im Alltag zum wesentlichen Kriterium des Christsein und des kirchlichen Handelns.

Es ist kein Wunder, dass Bugenhagen mit diesem theologischen Ansatz in Wittenberg zum herausragenden Praktischen Theologen avanciert. In seiner Praxis ahmt er die inkarnatorische, humanitäre Bewegung Gottes nach. Er wird bekannt durch seine Kirchenordnungen für den norddeutschen Raum, bei denen es sich nicht um starre evangelische Prinzipien »von oben« handelt, um Vorgaben vom Schreibtisch in Wittenberg aus, die auf jeden anderen Ort zu übertragen wären. Vielmehr macht sich Bugenhagen auf den Weg, er »entäußert« sich, reist in die Räume, die zu ordnen sind: nach Braunschweig, Hamburg, Lübeck, Rostock, Wismar, Treptow, Ueckermunde, Rendsburg, Flensburg, Kopenhagen.

An all diesen Orten lebt Bugenhagen eine ganze Weile, begegnet den Menschen und ihren Herausforderungen im jeweiligen Raum, um dann gemeinsam mit allen Akteuren passgenaue Lösungen auszuloten: mit den Ratsherren wie mit den Zünften, mit den Handwerkern wie mit den Hebammen, mit den Lehrern wie mit den Apothekern. Bildung und Erziehung18, Schulen für Jungen und Mädchen19, das Hebammenwesen, Diakonie und Armenkasten – die soziale Dimension ist der »neue Gottesdienst«, der nicht im »Séparée des Sakrosankten«20, sondern im Alltag der Welt stattfindet.21 Bugenhagen wird in dieser Interpretation des Pfarrdienstes regelrecht zum Sozialmanager, der in Zeiten des Wandels als Kommunikator des Evangeliums Bürgergemeinde und Christengemeinde zu nachhaltigen und zukunftsfähigen Strukturen verhilft.


These 3:
Reformatorische Kirche entwickelt subsidiäre Strukturen im Gespräch mit allen Kompetenzen des Raumes, sie ist eine Kirche »mit anderen«.


Wie detailliert diese Strukturen sind, zeigt ein Blick in Bugenhagens Hamburger Kirchenordnung von 1529. Dort wird selbst die Frage eines verantwortlichen Gebäudemanagements bedacht. Das Schulangebot solle sich auf ein einziges Gebäude konzentrieren, vordringlich um die hohen Bewirtschaftungskosten mehrerer Gebäude zu vermeiden. Bugenhagen widmet sich also energetischen Fragen!22 In seiner Braunschweiger Kirchenordnung empfiehlt er ein Jahr zuvor den Bau von zwei Jungen- und vier Mädchenschulen – wer das hügelige Braunschweig kennt, ahnt, warum der Pomeranus dort ein dezentrales System favorisiert. Verkehrstechnische, topographische Fragen haben ihn hier zu anderen Entscheidungen als in Hamburg bewogen.

Zurück zur Hamburger Kirchenordnung: »Ebenso ist es dringend notwendig, dass man einen Medicus oder Physicus anstelle, und zwar den besten und erfahrensten Gelehrten, den man bekommen kann.«23 Der Medicus soll »darauf achten, dass die Apotheken frische Ware … vorrätig haben, damit die Kranken nicht nachlässig versorgt werden«24. Selbst einem befürchteten Facharbeitermangel wird frühzeitig entgegengewirkt, indem Bugenhagen Stipendien für besonders begabte Studenten anregt, die an eine spätere berufliche Wirksamkeit in Hamburg gebunden sind.25 Wesentliche Faktoren heutiger Konzepte zur Daseinsvorsorge im Sozialraum sind in den evangelischen Kirchenordnungen des frühen 16. Jh. angelegt!


These 4:
Reformatorische Kirche nimmt unter Einbeziehung aller Fragen der Daseinsvorsorge den ganzen Sozialraum in den Blick.


Bugenhagens Ansatz birgt schließlich noch einen großartigen Impuls, mit dem er sich deutlich von den humanistischen Konzepten der Renaissance unterscheidet. Der Humanismus organisiert die Welt aus der Kraft der Vernunft nach klaren Vorgaben und materialen Prinzipien. Thomas Morus entwirft 1516 mit seiner Utopia eine idealtypische Abstraktion des Gemeinwesens, das mit rationalen Prinzipien an allen Orten immer gleich funktioniert. Der homo sapiens, der denkende Mensch organisiert sein Leben nach Idealen, nach vollkommenen Maßstäben.26 Alle Menschen streben einem klassischen Bildungsideal nach27, sind belesen und grundsätzlich kerngesund, weil sie auch auf ihre Körper achten. Krankheit wird zum Sonderfall, zur Ausnahme. Selbst der Sterbende begeht aus Klugheit und mit Freude Selbstmord und wird dabei ausgerechnet von den Priestern professionell unterstützt.28 Schöne neue Welt!

Die Welt ist für Thomas Morus wörtlich eine »Weltmaschine«29, in der alles nach den gleichen Regeln der Vernunft funktioniert. Menschliche Irrationalität dagegen sei eine Torheit.30 Wer vernunftwidrig handle, gegen die Gesetze der Natur, der sei ein Narr. Die Toren, die Narren – das sind für Humanisten wie Morus, Sebastian Brant (»Das Narrenschiff«) oder Erasmus von Rotterdam (»Lob der Torheit«) die Gefährder, die Sonderlinge, die mit ihrem Verhalten das Wohl der Menschheit aufs Spiel setzen. Klare Vernunft contra Torheit der Narren – das ist die maschinelle Schwarz-Weiß-Formel des neuzeitlichen Humanismus, der sich heute etwa in der neuen Gesundheits-Religion widerspiegelt.

Bugenhagen dagegen bewegt sich in einem viel komplexeren Denkschema. Für ihn ist die irrationale Torheit keine Negativformel, sondern ein theologisches Leitbild! Bugenhagen beschreibt Gott selbst als Narren, der geradezu töricht handelt, wenn er in seiner Menschwerdung von sich selbst absieht, sich selbst preisgibt, sich entäußert, sich wider jede Vernunft für den Menschen erniedrigt. Selbst aus Schaden wird Gott nicht klug. In seinem humanitären Verhalten »erlebten die Menschen Gott als einen närrischen Gott, der vor lauter Liebe zum Menschen nicht mehr wusste, was er tat, als er närrisch seine Gaben und sein Wohlwollen auf die armen Sünder warf«31. Gott gleiche einem verliebten Bräutigam, der als »Liebhaber«32 ganz vernarrt in »seine liebe Braut«33 sei. Und ein Mensch, der diese völlig unverdiente und irrationale Zuwendung erfahre, könne selbst nicht anders, als sich in dieser dienenden Liebe ganz dem anderen hinzugeben – wie ein Narr.

Dieses Konzept der närrischen Inkarnation34 gleicht einer verletzlichen Theologie, die für eine leidenschaftliche Humanisierung einsteht. Aus dem homo sapiens des Humanismus wird ein moderner homo patiens, ein leidender Mensch, dessen Not real ist und respektiert wird, und zugleich ein mit-leidender, ein empathischer Mensch, der wie Gott ausgerechnet das Schwache, das Außenstehende ehrt. Nicht das Allgemeine zählt, sondern der Einzelfall, nicht das Reguläre, sondern das Besondere. Nicht das Gesunde ist der Normalfall, sondern das Empfindliche, Zerbrechliche, Verletzliche. Das Leben wird aus uniformen Vorgaben befreit zu Variation und Vielfalt.


These 5:
Reformatorische Theologie befreit das Leben aus Einfältigkeit und Uniformität, legitimiert dagegen Diversität, Variabilität und Vielfalt.


Auch wenn die Reformation diesem Standard selbst nicht gerecht geblieben ist, auch wenn gerade Luther tief ins Mittelalter versinkt und Türken, Juden oder Menschen mit Behinderungen in einer unerträglichen ­Weise diffamiert und aus der Gemeinschaft ausschließt – dennoch scheint mir der Gedanke der Integration das Grundparadigma reformatorischer Ekklesiologie zu sein: Kirche ist nicht durch starre Prinzipien geprägt, die zwischen Insidern und Außenstehenden differenzieren, sondern durch einen Habitus, durch eine kontextsensible, fluide, wandelbare Grundhaltung, die der Variabilität und Vielfalt des Lebens entgegenkommt. Kirche poltert nicht mit dem donnernden Wort von einem Gott daher, der völlig anders ist (totaliter aliter), sondern sie macht sich auf den Weg zum anderen, in dem ihr der ganz andere, nämlich der närrische Gott begegnet. Kirche exkludiert andere nicht, weil sie anders sind, sondern sie bemüht sich um deren Inklusion.


These 6:
Reformatorische Kirche spiegelt mit einem einfühlsamen Habitus der Integration die bedingungslose, irrationale Liebe Gottes mitten im Alltag unserer Welt.


4. Bewegungen im gesellschaftlichen Kontext

Die reformatorische Theologie ist eine Inspiration bei der Suche nach neuen kirchlichen Leitbildern für Gegenwart und Zukunft. Wesentliche Herausforderungen im Kontext gesellschaftlicher Realitäten erfahren eine visionäre Grundierung. Sieben wesentliche Cluster seien exemplarisch benannt:

Reformatorische Theologie sensibilisiert Kirchenleitung für einen Perspektivwechsel, der Wandel und Veränderung nicht mehr in scheinbar »gerechten« Kategorien (wie etwa die des Pfarrstellenschlüssels) »von oben« diktiert, sondern zu individuellen, partizipativen Lösungen »von unten«, aus den Besonderheiten und Kompetenzen des je eigenen Sozialraumes ermutigt (Thesen 1 und 3).

Qualitätsmanagement, das tendenziell dafür sorgt, kirchliche Angebote, die bisher schon nicht mehr zielführend sind, in Zukunft noch besser nicht zielführend sein zu lassen, wird ersetzt durch ein ressourcenorientiertes Denken, das individuelle und subsidiäre Begabungen wertschätzt, interprofessionelles Handeln (auch mit nichtkirchlichen ­Akteuren des Sozialraumes) unbedingt einfordert und so den Pfarrdienst aus seiner vereinskirchlichen Überforderung befreit (Thesen 1 und 3).

Kirche verabschiedet sich vom Kampf um die eigene Existenz, entwickelt sich stattdessen zu einer Kirche mit anderen für andere, die eine orthodoxe, sakrale Exklusivität um die neue Wertschätzung des profanen Alltags bereichert (Thesen 2, 3 und 4).

Kirche befreit sich aus einem uniformen Vereinsdenken, das im Zeitgeist des 19. Jh. entstanden ist, damals eine wunderbare, ­dienende Funktion hatte, in einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft heute aber in eine dysfunktionale, weil abgrenzende Haltung der Konkurrenzen führt (Thesen 2, 3, 4 und 5).

Zugleich überwindet Kirche die theologische Abgrenzung von »der Welt«, die in der ersten Hälfte des 20. Jh. funktional war, heute aber in eine weltfremde Abständigkeit mündet, die gesellschaftliche Realitäten ignoriert. Mit der Anerkennung gleichgeschlechtlicher Ehen oder eines dritten Geschlechts etwa hat die Gesellschaft einen konsequenten Weg beschritten, dem manche Landeskirchen immer noch irritiert hinterher hinken. Die bleibende Demütigung »des Fremden« aber ist ein Skandal, wenn man um die leidenschaftliche Hinwendung der Christenmenschen zum Individuellen und Besonderen weiß, womit sich die Reformation von einem gnadenlosen, weil perfektionistischen und uniformen Denken des Humanismus unterschieden hat (Thesen 5 und 6).

Reformatorische Theologie kann einen verengten, unsymmetrischen Bildungsbegriff durch die wesentliche Kategorie der Partizipation korrigieren. Sie schärft das Bewusstsein für die Komplementarität von Wahrheiten: In Christus sind wir nicht im Besitz einfältiger Wahrheit, sondern wir bewegen uns auf den vielfältigen Wegen des »in-der-Wahrheit-Christi-Seins«. Nicht mehr Exklusion, sondern Integration und Inklusion werden zu entscheidenden Leitbildern. Der Missionsbegriff, wie differenziert er inzwischen auch diskutiert sein mag, wird in der Praxis immer problematischer und wäre im Bewusstsein bleibender Komplementarität langfristig durch einen symmetrischen Bildungsbegriff zu ersetzen (Thesen 5 und 6).

Reformatorische Theologie schafft in ihrer grundsätzlichen Offenheit neue Räume für das interreligiöse Gespräch, in dem Christologie und Trinitätslehre nicht mehr die entscheidenden Hemmnisse des Dialogs sind, sondern als inkarnatorische und kenotische Bewegung hin zur Vielfalt die DNA der Nachfolge Jesu Christi stark machen (Thesen 3, 5 und 6). So fände die Kirche wieder zu sich selbst zurück.


Anmerkungen:

* Vortrag in der Evang. Akademie Bad Boll (12. Mai 2017) anlässlich der Vernissage »Kirche ordnen – Welt gestalten«.

1 Vgl. auch Eugen Drewermann, »Luther wollte mehr.« Der Reformator und sein Glaube, im Gespräch mit Jürgen Hoeren, Freiburg 2016, 242 u.ö.

2 Ein Blick in die Leisniger Kastenordnung von 1523 ist gleichwohl sehr lohnend.

3 Eyn Sermon von dem Hochwirdigen Sacrament des Heyligen Waren Leychnams Christi Und von den Bruderschafften Doctoris Martini Luther Augustiners, 1519 (WA 2, 742-758). Vgl. auch Michael Plathow: Die Bedeutung der »Ortskirche« in der lutherischen Ekklesiologie, in: Michael Plathow: Freiheit und Verantwortung. Aufsätze zu Martin Luther im heutigen Kontext, Erlangen 1996, 189-212.

4 Ähnlich sei auch ein Staatsvolk ein gemeinschaftlicher Körper, in dem »eyn yglicher burger des andern glydmas und der gantzen statt« (WA 2, 743,12f) sei.

5 »Wie yn eyner statt eynem yglichen burger gemeyn wirt der selben statt namen, eere, freyheyt, handell brauch, sitten, hulff, beystand, schutz und der gleychen, Widderumb alle gefar, fewr, wasser, feynd, sterben, scheden, auffsetz und der gleychen. Dann wer mit geniessen will, der muß auch mit gelten und lieb mit lieb vorgleychen.« (WA 2, 743,31ff)

6 In Anlehnung an das paulinische Bild vom Leib und seinen Gliedern (1. Kor. 12) fordert Luther: »Thut yemant der fuß wee, ja das cleynist tzinleyn, ßo sicht das aug darnach, greyffen die finger, rumpffet sich das angesicht, und der ganze corper boeget sich dahyn, und habenn alle zuthun mit dem cleynen glidmaßlyn …« (WA 2, 744,2ff).

7 »Dan hie muß dir leyd seyn … alle elend der Christenheit, alle unrecht leyden der unschuldigen, des alles zumall ubirschwencklich vill ist an allen oertern der welt: hie mustu weren, thun, bitten, und ßo du nit mehr kanst, hertzlich mit leyden haben.« (WA 2, 745,27ff)

8 Vgl. WA 2, 747,26ff: »Aber sie wollen nit widderumb auch gemeyn seyn, wollen nit dem armen helffen, die sunder dulden, fur die elenden sorgen, mit den leydenden mit leyden, fur die andern bitten …« (WA 2, 747,29ff). »Das seyn eygenutzige menschen, den diß Sacrament nichts nutz ist, Gleych als der burger untreglich ist, der von der gemeyn wollt beholffen, beschutzt und befreyet seyn, Und er doch widderumb der gemeyn nichts thun nach dienen.«

9 »Dan wo die lieb nit teglich wechst und den menschen alßo wandelt, das er gemeyn wirt yderman, da ist diß sacraments frucht und bedeutung nichts.« (WA 2, 748,3-5)

10 »… wie freye diener der gantzen gemeyn der Christenheit zu dienen« (WA 2, 757,2).

11 »Wo solch rechte meynung were, da wurd gott auch widderumb rechte ordenung gebe, … das man eyn gemeynen schatz mocht samlen, da mit auch eußerlich andernn menschen geholffen wurd …« (WA 2, 757,3ff).

12 »Dyene du der gemeyne und andern menschen damit, wie die art der liebe pflegt, … Die liebe dienet frey umbsunst, … Was aber yn der liebe geschieht, des art ist, das nit sucht das seyne, noch seynen nutz, sondern der andern und zuvor der gemeyne.« (WA 2, 757,13ff)

13 Vgl. hierzu ausführlich: Ralf Kötter, Das Land ist hell und weit. Leidenschaftliche Kirche in der Mitte der Gesellschaft, 2. Aufl. Berlin 2015, 71ff.

14 Johannes Bugenhagen, Van dem Christen louen vnde rechten guden wercken wedder den falschen louen vnde erdichtede gude wercke, Wittenberg 1526, O1b, 25ff: »… dat nicht eyne steede were yn der welt | edder vth der werlt dar Christus nicht regerede als Godt sueluest.«

15 Vgl. a.a.O. B 3,7ff: »Also wen wy in Christum loeuen | so ys Christus vnse egene myt alle syner gerechticheyt | myt hemmel vnde erden vnd allent wat dar ynne ys.«

16 Vgl. Ralf Kötter, Johannes Bugenhagens Rechtfertigungslehre und der römische Katholizismus. Studien zum Sendbrief an die Hamburger, FKDG 59, Göttingen1994, 209.

17 »… in tydtlyker notrofft«; »in zeitlicher Notdurft« – Bugenhagen, Vom Christen Glauben T1,14; vgl. dazu Kötter, Bugenhagen, 197.

18 Bugenhagen begründet die Notwendigkeit von Bildung und Erziehung unmittelbar aus der Praxis der Kindertaufe heraus, vgl. Johannes Bugenhagen, Braunschweiger Kirchenordnung, hg. v. Hans Lietzmann, Kleine Texte für Vorlesungen und Übungen 88, Bonn 1912, 23: »Id is hillich vnde Christlick recht, alse gesecht is, dat wy vnse kynderken Christo tor doepe bringen. Ouers, ach leyder, wen se vpwasse vnde de tidt kumpt dat me se leren schal, so is nemand dar heyme. Nemand vorbermet sick ouer de armen kyndere, dat me se lerede, dat se mochten by Christo bliuen, dem se in der doepe geopffert synt.«

19 Vgl. Johannes Bugenhagen, Der Ehrbaren Stadt Hamburg Christliche Ordnung 1529. De Ordeninge Pomerani, hg. v. Hans Wenn, 2. unveränderter Nachdruck der 1. Aufl. Hamburg 1991, 61: »In ­jedem Kirchspiel braucht man eine Mädchen­schule.«

20 Drewermann, Luther wollte mehr, 89.

21 Vgl. Wolf-Dieter Hauschild, Johannes Bugenhagen (1485-1558) und seine Bedeutung für die Reformation in Deutschland, in: Lutherjahrbuch 77.2010, 129-154, hier 64.

22 Vgl. Bugenhagen, Hamburger Kirchenordnung, 37: »Um die bei mehreren Gebäuden entstehenden großen Unkosten zu vermeiden und zur Einträchtigkeit unter den Bürgerkindern, auch damit alles zur Ehre dieser Stadt und zur Verbesserung des Unterrichts der Kinder um so schöner und fruchtbringender eingerichtet werde, damit auch die eine Schule der anderen nicht zum Schaden gereiche, hat man für gut angesehen, hier nur eine Schule zu begründen …« Vgl. auch Bugenhagen, Braunschweiger Kirchenordnung, 26: »Twe gude latinische iungen scholen synt angesehn vor genoech, vnde wo wol id ringe is in sulker Stadt, so will me doch de beyden scholen deste ehrliker holden vnde vlitiger mit gelerden Magistern vnde gesellen, dat de ioeget sere wol dar dorch vorsorget sy.« Steht bei dieser Konzentration die Qualität der Schule im Vordergrund, so konzentriert sich Bugenhagen bei den Mädchenschulen auf die Nähe zum Elternhaus: »Vehr iunckfrawen Scholen scholen geholden werden in vehr oerden der gantzen Stadt wol gelegen, darum dat de iunckfrawen nicht verne van oeren elderen scholen gaen.« Bugenhagen, Braunschweiger Kirchenordnung, 33.

23 Bugenhagen, Hamburger Kirchenordnung, 57.

24 A.a.O., 57.

25 Vgl. a.a.O., 63f: »Zum Bedarf und zum Besten wie zur Ehre dieser guten Stadt ist es für gut angesehen, vier Studenten aus dem allgemeinen Schatzkasten auf Universitäten zu unterhalten … Wenn man aber jene, die sich gute Kenntnisse angeeignet haben, nicht länger auf der Universität lassen will und ihrer noch nicht in unseren Diensten bedarf, so können sie zwar anderswo sich verpflichten, jedoch mit der Auflage, dass sie bei uns in den öffentlichen Dienst treten, wenn wir sie uns verschreiben.«

26 Vgl. Thomas Morus, Utopia, übersetzt von Hermann Kothe, Köln 2009, 110 u.ö.

27 Vgl. a.a.O., 108.

28 Vgl. a.a.O., 112ff.

29 A.a.O., 109.

30 Vgl. a.a.O., 86, 99 u.ö.

31 A.a.O., Q4b, 18ff: »… dar merkeden se Godt gelyck alse eynen nerrischen Got | de van leue haluen yegen den mynschen nicht wueste wat he dede | de so nerrisch syne gauen vnde gunst wuerpe vp de armen suendere … Se merkeden en alse eynen leuen vader de van leue nicht wet edder weeten wyl wat de kyndere gesuendiget hebben | suender trachtet men wo he schaffe dat de kyndere freede | ehre vnde alles genoech hebben moegen | Wen sick Godt so mit synen vorhe­tyngen hyr vnder gaff | so leten sick duencken de loeuygen (vnde was ock waer) dat Goth sick vth gnaden en gelyck hedde gemaket | gelyck efft he were eyn mynsche vnde nicht Godt | eer Christus mynsche wardt …«

32 Vgl. a.a.O., Q4b, 32.

33 Vgl. a.a.O., Q4b, 14.

34 Vgl. ausführlicher Kötter, Das Land ist hell und weit, 29ff.

Über den Autor

Pfarrer Dr. Ralf Kötter, 1980-87 Studium der Evang. Theologie in Münster, im Anschluss wiss. Mitarbeiter am Lehrstuhl für Alte Kirchengeschichte in Münster, Mitarbeit an der Edition der Werke des Reformators Johannes Bugenhagen, 1997-2016 Gemeindepfarrer in der Evang. Lukaskirchengemeinde im Eder- und Elsofftal (EKvW), seit 2016 Dozent für theologische Grundfragen am Gemeinsamen Pastoralkolleg der Westfälischen, Rheinischen, Lippischen und Reformierten Landeskirchen.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

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