Von politischen Geisterfahrern und juristischen Eiertänzern

Von: Peter Haigis
0 Kommentare zu diesem Artikel / Artikel kommentieren

»Ein Gespenst geht um in Deutschland – das Gespenst des Islam«, so könnte man in Anlehnung an die berühmten Auftaktworte des Kommunistischen Manifests von Karl Marx und Friedrich Engels mit Blick auf den aktuellen Debattenstand formulieren. Und auch der nächste Satz jenes Dokuments bietet eine Analogie, wenn wir auf die merkwürdige »Hetzjagd« schauen, zu der – in diesem Fall – die »altdeutschen Mächte« geblasen haben. Dass diesbezüglich von Positionen rechts von der CSU wenig Konstruktives zu erwarten ist, dürfte eigentlich klar sein; doch nun bedient der neue »Heimat«-Minister Horst Seehofer die entsprechenden Klischees und sein Mappenträger Alexander Dobrindt beeilt sich, ihm beizupflichten.

Gehört der Islam denn nun zu Deutschland, oder nicht? Der damalige Bundespräsident Christian Wulff hat die Formulierung in die Debatte eingespeist, nämlich in affirmativem Sinn. Die damalige und auch heute noch amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Dictum damals wie heute bestätigt. Es steht Aussage gegen Aussage – freilich bei einem, wenn wir näher hinsehen, doch reichlich sinnleeren Satz.

In der Aussage »Der Islam gehört zu Deutschland bzw. nicht zu Deutschland« ist so ziemlich alles klärungsbedürftig: Was ist der Islam? Welche seiner Richtungen eigentlich? Seine Anhänger, also die Muslime, oder seine Institutionen? Moscheen? Der Koran? Die Scharia? Sein kulturelles Erbe? Was ist gemeint? Und von welchem Deutschland ist die Rede? Von jenem Verfassungs- und freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat, der Mitglied der Europäischen Union ist? Von der föderalen Bundesrepublik? Von der Nation der Deutschen? Vom »deutschen Volke«? Von den deutschen Fürstentümern und Territorien vergangener Jahrhunderte? Vom deutschen Kaiserreich? Oder von der deutschsprachigen Kultursphäre in Mitteleuropa? Und schließlich: Was heißt überhaupt »gehört«? Soll damit von einem essentiellen Bestandteil deutscher Kultur- und Geistesgeschichte die Rede sein? Was gehört dann wirklich dazu? Kant, Schiller, Goethe – ja! Die Lutherbibel auch. Und Johann Sebastian Bach. Das Universitätswesen eher nicht (ist eine Anleihe)! Die Medizin? Nicht ungebrochen (sie wurde uns vermittelt – ausgerechnet auch noch durch muslimische Gelehrte – wie überhaupt weite Teile des antiken Erbes)! Das Papiergeld und das Bankenwesen? Was aus den uns heute so prägend und verbindlich erscheinenden Kulturgütern kommt nicht aus dem breiten Strom europäisch-okzidentaler Tradition oder steht in eng verschlungenem Austausch damit? Ist der Satz – zumindest in seiner negativen Variante – also Ausdruck unreflektierter Weißwurst-Ideologie?

Übrigens verwundert die in diesem Zusammenhang immer wieder gern zitierte, aber auch reichlich ungebrochen daher kommende Redeweise vom jüdisch-christlichen Erbe Deutschlands doch sehr. Wie war es denn um dieses Erbe, insbesondere um die Anerkennung des jüdischen Teils, in vergangenen Jahrhunderten hierzulande bestellt?

Dies alles nährt den Verdacht, es bei einer Formulierung wie »Der Islam gehört (nicht) zu Deutschland« doch sehr mit politischen Fiktionen zu tun zu haben, seien es utopische Wunschvorstellungen, seien es Schreckgespenster. Mit einem Schuss Aufklärung der Gedanken nach ihrer Verfertigung während des Sprechens ist der zitierte Satz also bestenfalls eine politische Ansage. Als politische Ansage gemeint sollte der Ansager aber peinlich genau darauf achten, nicht zu exkludierenden und diskriminierenden Konnotationen einzuladen. Deshalb beeilen sich alle Protagonisten, die den Islam für »ungehörig« halten, ja auch hinzuzufügen, dass die Muslime selbstverständlich zu Deutschland gehörten. Ein ziemlich fauler Eiertanz!

Die Unterscheidung zwischen Muslimen und dem Islam ist politisch unsinnig – jedenfalls in einem freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat wie Deutschland. Es gilt die Religionsfreiheit, und zwar positiv. Was bedeutet, dass Muslime das Recht haben, ihren Glauben zu leben, und zwar öffentlich. Dazu gehören religiöse Institutionen. Sie sind damit hierzulande Bestandteil einer pluralen öffentlichen Gesellschaftsordnung und Kultur geworden – im Rahmen und auf dem Boden des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, versteht sich!

Herzlich grüßt Sie Ihr

Peter Haigis. 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 4/2018

0 Kommentare zu diesem Artikel


Kommentieren Sie diesen Artikel










Bitte geben Sie die angezeigte Zahl in das nachfolgende Textfeld ein



Sicherheitszahl


zurück

Wenn transidente Menschen Unterstützung im Pfarramt suchen

Artikel lesen
Die Herrschaft der Räuber und deren Ende
Wenn Natur als Schöpfung betrachtet wird
Artikel lesen
11. Sonntag nach Trinitatis
12. August 2018, Galater 2,16-21
Artikel lesen
Die Wurzel der Demokratie in der Landeskirche
Ein Gruß des Bayerischen Pfarrer- und Pfarrerinnenvereins zum 75. Deutschen Pfarrer*innentag 2018 in Augsburg
Artikel lesen
Christus für die Dunkelheit der Seele
Wie Theologie durch Psychiatrie herausgefordert wird
Artikel lesen
Selbstvergewisserung und Neubeginn
Zur christlichen Begründung des Konservativismus
Artikel lesen
Mehr als zwei
Transgender/Transidentität und Kirche
Artikel lesen

PDF

Sie können diesen Artikel als PDF-Dokument runterladen.

PDF-Dokument

Impressum

Dieser Text wurde im Deutschen Pfarrblatt veröffentlicht. Weitere Informationen finden Sie hier:

Impressum


Hinweis

Für Adressänderungen sowie Abonnementbestellungen oder –kündigungen wenden sie sich an ihren zuständigen Pfarrverein.

Nur dort können die Daten geändert werden. Vielen Dank!