1. April 2018, 1. Samuel 2,1-2(3-5)6-8a
Ostersonntag

Von: Gertraude Kühnle-Hahn
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Sprache, die aufs Ganze geht

Der Text

»In den Grundsituationen des Lebens braucht der Mensch eine Sprache, die aufs Ganze geht und die unendlich ist im Versprechen. In Grundsituationen beschränkt man sich nicht buchhalterisch auf das Sagbare, sondern die Sprache greift aus in das Land der eingelösten Versprechen und der abgewischten Tränen. Der Schmerz und die Liebe nennen ein Ganzes.«

Was Fulbert Steffensky in seiner unnachahmlichen Weise ausdrückt, kommt mir beim Lesen des Lobgesangs der Hanna in den Sinn. Hanna braucht eine Sprache, die aufs Ganze geht, denn sie hat existenzielle Situationen durchlebt: Kinderlosigkeit, ständige Kränkung durch die kinderreiche zweite Frau ihres Mannes, tiefste Traurigkeit, unendlich viele Tränen, Unmöglichkeit der Nahrungsaufnahme, Flehen zu Gott. Und dann: Schwangerschaft, Geburt ihres Sohnes Samuel, Stillzeit, Hingabe dieses großen, heiß erbetenen Geschenkes an Gott. Hanna hat keine Besitzansprüche. Der Lobgesang, die Sprache, die aufs Ganze geht, kommt aus ihrem Mund, als sie ihren Sohn Gott übergibt, nicht als sie ihn bekommt. Was aus ihr singt, greift aus in das Land der eingelösten Versprechen und der abgewischten Tränen. Sie hat es erlebt. Sie weiß, wie das ist: hungern – und satt werden, unfruchtbar sein – und Kinder haben, unten bei den Toten zu sein – und zum Leben geführt, erniedrigt sein – und erhöht.

Weil die Sprache des Lobgesangs aufs Ganze geht, empfehle ich, den ganzen ersten Teil der Predigt zugrunde zu legen (V. 1-8a) und ihn nicht, wie in der Perikopenreihe vorgeschlagen, zu zerstückeln (V. 1.2.6-8a).

Bemerkenswert ist Hannas Haltung: Was Luther mit »erhöhtem Haupt« übersetzt, heißt wörtlich »erhoben ist mein Horn«. Das erhobene Horn eines Tieres ist Symbol der Kraft und Ehre. Die erlebte Kraft lässt Hanna über sich hinauswachsen. Dabei lobt sie nicht nur wegen ihres individuellen Glücks. Ihr Dankpsalm hat die Hoffnung für die Gemeinschaft im Blick. Die Umkehrung der menschlichen Grundsituationen ist nicht nur Ausweis der Größe Gottes, sondern auch seiner Gerechtigkeit und birgt so ein deutliches sozialkritisches Moment. Die Notwendigkeit dieser Umkehrung hat in Jahrtausenden an Aktualität und Dringlichkeit nicht verloren. Gott loben und in den Lobgesang der Hanna einstimmen, bedeutet also nicht nur, dass man freudig und dankbar gestimmt ist im Blick auf das eigene Leben. Es ist verbunden mit einem Bekenntnis zu dem Gott, »der es merkt« (V. 3), ob die Armen und Bedürftigen in der Aschengrube, dem Ort der Ausgestoßenen, sitzen oder auf dem Platz der Prominenten (V. 8a). Und es birgt auch eine Frage an mich selbst: Wo bin ich? Auf welche Welt richtet sich mein Bestreben, auf die vorfindliche oder auf die von Gott gewollte?


Der Kasus

Ostern, ein christliches Hochfest und ein atl. Predigttext? Theologen älterer Schule tun sich damit nicht leicht. Doch dürfte die Erkenntnis, dass auch das AT eine Auferstehungshoffnung kennt, eine Frucht des christlich-jüdischen Dialogs sein. Es geht hier auch nicht um ein Vorher und Nachher. Es begegnet uns der eine Gott, der vom Tod ins Leben, vom Nichtsein ins Sein ruft, in der Auferstehung Jesu Christi. Er begegnet uns aber genauso in dem, was Hanna erlebt: befreit zu werden aus der gesellschaftlichen Verachtung und der seelischen Depression. Das ist eine österliche Erfahrung und zeigt uns, dass dieses große Geschehen mit unserem kleinen Leben zu tun hat. Ostern feiern bedeutet nicht, Zuschauer oder Zuhörer von einem spektakulären Ereignis zu sein und zu überlegen, ob das so gewesen sein kann oder nicht. Ostern feiern bedeutet, sich hineinnehmen zu lassen in die Bewegung und die Bilder des Lobgesangs, mit dem eigenen Leben und dem der ganzen menschlichen Gemeinschaft.


Predigt

Die Gedanken von Fulbert Steffensky können Leitlinie für die Predigt sein und Text und Kasus miteinander verknüpfen. Ostern berührt die Grundsituation schlechthin, nämlich die von Leben und Tod. Die Auferstehung Jesu Christi öffnet den Weg ins Land der eingelösten Versprechen und der abgewischten Tränen. Was dies für das Leben eines Menschen bedeuten, welche Kraft dadurch freigesetzt werden kann, das begegnet uns in der Erfahrung der Hanna, in den Worten und Bildern ihres Lobpreises.


Lieder

EG 369 »Wer nur den lieben Gott lässt walten« (bes. V. 5-7)

EG 550 (Württ.) »Die Sonne geht auf: Christ ist erstanden«


Gertraude Kühnle-Hahn

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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