25. März 2018, Jesaja 50,4-9
Palmsonntag

Von: Thomas Mämecke
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Er weckt mich alle Morgen …

Müde

Was sind die Zeichen der Zeit? Wann ist die »rechte Zeit« mit den »Müden« zu reden?

Den »Müden« steht im Text ein Namenloser gegenüber, der mit seinem ganzen Körper Gott gehorsam ist. Die Körperlichkeit des dritten Gottesknechtsliedes beeindruckt. Der Mensch ist immer »somatisch«, eine Einsicht der ganzen Bibel. Eine wichtige Erinnerung am Beginn der Karwoche.

»Die Müden« in V. 4 ziehen zunächst meine Aufmerksamkeit auf sich. Vielfältige Erschöpfungserscheinungen »der Müden« beobachte ich in meinem Umfeld bis hinein in unsere Kirche, auch bei mir selbst. Unsere Zeit ist eine anstrengend-angestrengte und deshalb ermüdend-ermüdete Zeit. »Burn-out« scheint fast schon so etwas wie eine Zeitanalyse. Wohl niemals zuvor galt es so viele Informationen tagtäglich im Beruf und privat zu verarbeiten; so schnell verändert sich alles um einen herum. Was gestern noch feststand, wird heute in Frage gestellt. Eine Strukturreform jagt die nächste. »Schnelllebig« ist vielleicht ein etwas abgestandenes Wort, aber es trifft oder zumindest beschreibt es, wie die Gegenwart von vielen Zeitgenossen wahrgenommen wird. Ruhe ist deshalb zu einem der kostbarsten Güter unseres Säkulums geworden. Nostalgiker haben Konjunktur; die Jüngeren ziehen sich zurück, indem sie »chillen«.


Trostbild

Der Text des zweiten Jesaja malt zur Spätzeit des babylonischen Exils den unter der Last der Verbannung müde Gewordenen einen Menschen vor Augen, der all dem Bedrückenden standhält und sich so zum Trostbild einer ganzen Generation von »Müden« eignet. Das Wort, das er den Ermüdeten und Verzagten zu sagen hat, das ist er selbst. Das ist er mit allen Fasern seines Körpers. Dabei aber kein Superheld, kein »Captain America« mit übermenschlichen Kräften, sondern einer, der selber einstecken muss. Einer, der sich nicht zurückzieht, nicht zurückweicht, sich nicht wegduckt, sondern dessen Stärke gerade in seiner Verletzbarkeit liegt. Der sich darbietet (V. 6), ausliefert, angreifbar macht und verwundbar bleibt. Der sich aber in all dem Schmerz, den er auszuhalten hat, von Gott nicht verlassen glaubt, im Gegenteil: »Er ist nahe, der mich gerecht spricht« (V. 8).

Es ist ein Bild, ein kraftvolles Gegenbild zu den selbstoptimierten »Superhelden« unserer Zeit. In diesem (Selbst-)Bildnis vom leidend-widerstehenden Gottesknecht haben später die frühen Christinnen und Christen Jesus Christus abgebildet gesehen und sich selbst eingetragen. Es ist am Beginn der Karwoche ein wegweisendes Vor-Bild von Christi Tod und Auferstehung. Paulus fasst Wort und Bild in eins, wenn er schreibt (2. Kor. 12,9): »Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit.«

Jochen Klepper, der sich für sein Lied »Er weckt mich alle Morgen« (EG 452,1) an Jes. 50 orientiert hatte, war schließlich des Lebens müde geworden, eines Lebens im nationalsozialistischen Deutschland. Er hatte nach langem Kampf um das Leben seiner Liebsten mitansehen müssen, wie sich für seine Frau Hanni und die Tochter Renate die Schlinge zuzog. Es gab schließlich für Menschen, die einen jüdischen Familienhintergrund hatten, kein Entkommen mehr. Am 11. Dezember 1942 schieden Hanni, Renate und Jochen Klepper deshalb aus dem Leben. Ein letzter Tagebucheintrag: »Über uns steht in den letzten Stunden das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.«

Es sind Bilder, die uns bestimmen, von Anfang an, so oder so. Das Bild des Predigttextes ist ein kraftvolles Bild für »die Müden«, für uns, für unsere Zeit.


Thomas Mämecke

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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