Brief aus der Bundeshauptstadt

Von: Siegfried Sunnus
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Beim Stöbern im Internet entdeckte ich am 15. Januar auf einer Seite des »Tagesspiegel« einen Aufsatz von Lars Spannagel (in der Printausgabe steht er nicht): »Berlin verändert das Gehirn«. Erstaunliches gab es da zu lesen. Untersuchungen haben ergeben, dass die Menschen in München Bussen und U-Bahnen deutlich seltener hinterherlaufen als in Berlin. Obwohl sie eigentlich viel mehr Grund dazu hätten, weil der Takt des öffentlichen Nahverkehrs in Berlin wesentlich dichter ist als in München. Von einer rationalen Entscheidung kann also keine Rede sein. Warum neigt der Berliner dazu, unsinnig durchs Leben zu rennen, während der Münchner die Ruhe bewahrt? Die Soziologin und Stadttheoretikerin Martina Löw hat für dieses Phänomen die Theorie der »Eigenlogik der Städte« entwickelt. Sie ist Professorin an der TU Berlin und überzeugt davon, dass Städte uns prägen, verändern, sich in unsere Köpfe und Gehirne einschreiben. Der sinnlose U-Bahn-Sprint ist für sie immer noch Ausdruck des »Tempomythos der Berlin-Alexanderplatz-Welt der 20er Jahre«, der auch knapp 100 Jahre später sein Eigenleben in den Alltagspraktiken der Berliner führt. Entziehen kann man sich der Eigenlogik Berlins nicht, so wie es auch fast unmöglich ist, erst beim Erreichen der Haltestelle aufzustehen – die meisten tun es schon, wenn der nächste Halt angekündigt wird! »Menschen verändern sich, je nach dem, in welche Stadt sie ziehen«, sagt Martina Löw. »Städte sind kleine Universen, die Spezifika entwickeln.« Diese Besonderheiten müsse man zwar nicht zwangsläufig übernehmen, »aber wir müssen uns auf sie einstellen, uns mit ihnen auseinandersetzen, uns in ihre Regeln einfügen.«

Was macht Berlin mit uns? Die Wissenschaft hat erste Antworten auf diese Frage gefunden. Berlin beeinflusst unser Denken, Handeln und Fühlen, die Großstadt verändert sogar die Funktionsweise und die Strukturen unseres Gehirns. Sie kann stressen und nerven, einsam, traurig und aggressiv machen, uns buchstäblich in den Wahnsinn treiben. Berlin kann aber auch glücklich machen und uns helfen, uns zu verwirklichen.

Schon vor mehr als 100 Jahren, vermutete Albert Eulenburg, Professor für Neurologie, dass die Berliner von ihrer Stadt verändert werden und unter ihr leiden. »Indem eine Masse von Kleinstädtern in einer Großstadt zusammenwohnt, wird aus ihnen durch Luft und Umgebung durch den ›genius loci‹, vor allem aber durch die gegenseitige Beeinflussung langsam und unmerklich etwas anderes – etwas – in gewissem Sinne wenigstens – intellektuell Überlegenes: eben die ›Großstadtbevölkerung‹, mit ganz anderen Welt- und Lebensanschauungen, mit viel weiteren Horizonten, weiter gesteckten Zwecken und Zielen und vor allem mit weiter reichenden Mitteln zu ihrer erfolgreichen Durchführung.«

Damals gab es kaum wissenschaftliche Möglichkeiten, den Zusammenhängen zwischen der Stadt, unserem Gehirn, unserer Psyche und unserem Sozialverhalten nachzugehen. Das ist heute anders. Neben Martina Löw gibt es noch den Psychiater und Psychotherapeuten Mazda Aldi, der als Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs »Affektive Störungen« der Charité täglich mit Menschen zu tun hat, die an Berlin verzweifeln. Er hat ein interdisziplinäres Forum für Neurourbanistik gegründet und erforscht mit Wissenschaftlern verschiedener Fachrichtungen, wie unsere Emotionen, Gedanken und Verhaltensweisen von der Stadt beeinflusst werden. Erste Erkenntnisse hat er in dem Buch »Stress and the city« publiziert. Schließlich hat der Psychiater und Neurowissenschaftler Andreas Meyer-Lindenberg erforscht, welche Umweltfaktoren Schizophrenie und Depression bedingen. Er ist Direktor des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und hat nachgewiesen, dass die Gehirne von Stadtbewohnern anders reagieren als die von Landbewohnern.

Für einen »Brief« mögen diese Andeutungen genügen, um ahnen zu lassen, wie Berlin wach macht, das Gehirn schrumpfen lässt, misstrauisch und unglücklich macht – dass man aber auch Berlin lernen kann!

▸ Siegfried Sunnus

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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