Eine Erinnerung an Otto Kaiser (1924-2017)
Gottesfreundschaft und Menschenachtung

Von: Karl-Heinz Barthelmes
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Der Verfasser des Nachrufs kannte den am 14.12.2017 verstorbenen, international anerkannten Alttestamentler und väterlichen Freund Otto Kaiser seit 1979. Neben seinen Ehrenpromotionen in Jena und an der katholischen Paris-Lodron-Universität Salzburg erhielt Kaiser die Ehrendoktorwürde in ­Tartu/Estland.

Otto Kaiser, geboren am 30.11.1924 in Prenzlau, war 33 Jahre ein großartiger akademischer Lehrer alten Schlages und ein Mensch, der Person und Sache zu unterscheiden verstand, der trotz der Strenge in seiner Forschungsdisziplin als jahrzehntelanger Prüfer in theologischen Examina der Evang. Landeskirche von Kurhessen-Waldeck verlässliche Maximen hatte. Er schätzte preußische Tugenden und lehrte diplomatische Benimmregeln im Umgang mit allen Schichten der Gesellschaft. Seine Haltung drückte sich in Sätzen aus wie: »Als Prüfer frage ich den Prüfling nach Dingen, die er weiß, nicht nach Dingen, die er nicht weiß; eine Sprache lernt man, in dem man sie lernt; menschlich sehr nett ist das eine, aber was können Sie?«

Nun ist Kaiser wenige Tage nach seinem 93. Geburtstag und kurz vor dem Christfest 2017 – »Weihnachten im Osterlicht«, so der Titel seines sowohl in Fachkreisen als auch im Kreise interessierter Leser*innen besonders beliebten Jesusbuches – friedlich im Kreise seiner Kinder gestorben. Er fand seine Ruhe auf dem Friedhof in Marburg, auf dem er über Jahrzehnte an Grabstätten ­berühmter Persönlichkeiten zu Führungen einlud.

Wie die Nachrufe seitens der Philipps-Universität Marburg und anderer Fakultäten, hierzu zählt besonders Tartu, aber auch ausländischer Gelehrter und Institutionen deutlich anzeigen, genoss er hohen Respekt in Sachen wissenschaftlicher Gelehrsamkeit und wurde sogar von Papst Benedikt XVI. in seinem Jesusbuch als Meister seines Spezialgebiets zitiert. Kaiser fungierte als Nachfolger von Georg Fohrer als Hauptherausgeber der »Zeitschrift für alttestamentliche Wissenschaft«. Mit seinen Kommentaren zum Alten Testament regte er zahlreiche Schüler und Forscher zur Weiterarbeit an. Sein Schülerkreis erstreckt sich weit über den Ort Marburg mit der weltweit ältesten protestantischen Universität hinaus. Dabei war »Kaiser, Deutschland«, wie er sich bei internationalen Kolloquien bis ins hohe Alter gerne vorstellte, durchaus kein Bewohner des Elfenbeinturms einer exotisch-orientalischen Einzelwissenschaft, in der er mit Akkadisch, Ugaritisch und Ägyptisch neben den Grundsprachen Hebräisch, Griechisch und Latein durchaus hätte kokettieren können – das Gefühl für Rang hatte er von Friedrich Nietzsche; vielmehr blieb er württembergischer Geistlicher. Glauben und Verstehen, durchaus wie bei dem Vorbild Rudolf Bultmann, für dessen Trauerfeier Kaiser seine berühmt-berüchtigte neunminütige Begrüßung aller Honoratioren aus dem In- und Ausland hielt, gehörten für ihn zusammen.

Als brillanter Exeget, aber eben auch als ein an der jüdischen und hellenistischen Tradition geschulter Erzähler und Denker spickte er seine sorgfältig handschriftlich ausgearbeiteten Seminartexte und Vorlesungen stets mit Anekdoten; an Bultmann etwa lobte er nicht nur die philologische Präzision und das an Martin Heidegger geschulte Denken, sondern auch die Demut im Glauben, am Kirchenausgang den Kollektenteller zu halten. Als Prediger hielt Kaiser Gottesdienste in zahlreichen Gemeinden. Seine Führungen an Grabungsstätten in Griechenland und ­etwa in Palmyra bleiben unvergessen.

Neben den Großwerken seiner fünf Auflagen des Kommentars zu Jesaja – in vielen Übersetzungen in den Bibliotheken rund um den Erdkreis vertreten –, seinen Einleitungen und der »Theologie des Alten Testaments«, förderte der zu Gottesfreundschaft und Menschenachtung ermahnende strenge Vertreter seiner Disziplin vor allem den Dialog mit dem Gedankengut der jüdisch-hellenistischen Tradition. Seine Übersetzungen und Kommentare zu den sog. atl. Apokryphen und der Weisheitsliteratur wie Jesus Sirach, Weisheit Salomos und Kohelet sichern ihm einen dauerhaften Platz in der Wissenschaft. Dass er durch unermüdlichen Fleiß noch drei Jahrzehnte nach seiner Emeritierung im Jahr 1990 eine kaum überschaubare Zahl von Publikationen in Zeitschriften und Monographien, etwa zu Philo von Alexandrien, zu Wege gebracht hat, darf als ganz besonderes Geschenk betrachtet werden.

Wenn Otto Kaiser von Philia und Lysis und Freundschaft sprach oder schrieb, dachte er neben der Nikomachischen Ethik eines Aristoteles nicht nur an philologische Quisquilien und literarkritische Schichtungen der Exegese. Wenn Otto Kaiser von Freundschaft sprach, dann hat er sie nicht nur gelehrt, sondern gelebt. Das hinterlässt Spuren über ihn und seine Gelehrtenbibliothek hinaus, die er sinnigerweise als Ganzes geordnet zur Weiterverwendung an eine jüdische Ausbildungsstätte nach Berlin verfügt hat, während sein umfangreiches Werk in der Universitätsbibliothek zu Marburg eingesehen werden kann. Die Einsicht in die eigene Endlichkeit hat er stets gelehrt und etwa in »Tod und Leben« eindrücklich beschrieben. Möge er schauen, was er geglaubt hat.

Karl-Heinz Barthelmes


 

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

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