Der Umbau der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland
»Erprobungsräume«

Von: Thomas Schlegel
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Wo Kirche in eine Minderheitensituation gerät oder Traditionen wegbrechen, macht die Fortführung klassischer parochialer Grundversorgung wenig Sinn. Die Evang. Kirche in Mitteldeutschland (EKM) hat unter dem Schlagwort »Erprobungsräume« ein Großprojekt für innovative christliche Sozialformen gestartet. Über Hintergründe, erste Erfolge, Probleme und Perspektiven berichtet Thomas Schlegel.


Was sind Erprobungsräume?

Ob Gina weiß, was ein Erprobungsraum ist? Sicher nicht. Muss sie auch nicht. Obwohl sie zu einem gehört, von dem sie offenbar begeistert ist: »Jedes Mal bekommt man was mit, was einem total viel bringt, was man vorher noch nicht so bedacht hat … und noch viel schöner ist es, sich mit anderen darüber auszutauschen.« Sie spricht über faithtime, den Jugendgottesdienst von Herzschlag in Nordhausen. Herzschlag ist eine Kirche von Jugendlichen für Jugendliche, die es gekonnt versteht, zentrale Angebote mit dezentraler Wirkung zu kombinieren: In kleinen Gruppen treffen sich Jugendliche verlässlich und persönlich an unterschiedlichsten Orten – und alle gemeinsam in ihrer Kirche, die sie selbst gestalten und füllen: die Altendorfer Klosterkirche St. Maria im Tale. »Herzschlag bedeutet für mich im ganz großen Sinn Gemeinschaft und Glaube … das gibt einem schon irgendwie so’n Rückhalt, dass man weiß: Die zählen auf dich, die rechnen mit dir und freuen sich auch immer, dich zu sehen. Es ist wie eine zweite Familie – fast schon so.«1

Seit 2016 ist Herzschlag ein Erprobungsraum der Evang. Kirche in Mitteldeutschland (EKM). In Erprobungsräumen sollen »andere Sozialformen von Kirche erprobt werden«2. Einige Aspekte dieser Definition werden im Folgenden näher beleuchtet.


Soziale Räume

Der Raum, von dem hier die Rede ist, ist nicht geographisch oder juristisch zu verstehen, sondern sozial. Es geht nicht um Gebäude, Gesetze oder Regionen3, sondern um eine andere Form des Miteinanders. Das kann sich beispielsweise auch virtuell realisieren – wie in dem Konzept der Online-Kirche, die 2017 Erprobungsraum wurde und nun sukzessive aufgebaut wird. Passagere und fluide Formen, die Kirche von Beziehungen und weniger von Mitgliedschaft her denken, sind ebenfalls im Blick (z.B. Markttreff Creuzburg, Engel am Zug in Erfurt).

Erprobungsräume werden inzwischen vermehrt eingefordert, gerade an den Stellen, an denen die gewohnte Praxis ins Stocken gerät. So werden in Erprobungsregionen andere Formen des pastoralen Miteinanders ausprobiert (z.B. klassisch im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin4). Oder »in definierten Gestaltungsräumen gibt es die ›Erlaubnis‹, traditionelle … Angebote nicht mehr zu machen«5. Bei der Daseinsvorsorge in entlegenen ländlichen Gebieten fordern Experten »Freiräume, um zu experimentieren«6. Sie treten z.B. für eine Lockerung der Berufsordnung für Ärzte ein, so dass diese mehr Freiheiten haben, in mobilen Praxen »umherzuziehen«7. Oft liegt die Stoßrichtung solcher Forderungen darin, in Erprobungsräumen rechtliche bzw. organisatorische Hürden exemplarisch außer Kraft zu setzen. Deswegen war beispielsweise die Strukturveränderung im Kirchenkreis Wittstock-Ruppin flankiert von einem Erprobungsgesetz der Evang. Kirche Berlin-Brandenburg/Schlesische Oberlausitz (EKBO).

Die Erprobungsräume der EKM gehen bewusst einen anderen Weg. Denn juristische Engführungen verhindern i.d.R. nicht eine veränderte Praxis. Wichtiger als ein vorauseilendes Außer-Kraft-Setzen von Regeln ist die Motivation von Akteuren, Neues auszuprobieren. »Erlaubnis von oben« reicht dafür nicht (mehr) aus. Wenn im Einzelfall dennoch Hürden auftauchen, versucht die Landeskirche erst dann, passgenaue Lösungen zu finden.8

Damit wird die entscheidende Frage thematisiert, wer eigentlich Subjekt der Erprobung ist: Erprobt dort das Landeskirchenamt neue Ideen oder probieren Christen vor Ort, das Evangelium auf neue Weise zu kommunizieren? Versucht die Landeskirche beispielsweise, durch einen veränderten Einsatz von Pfarrerinnen und Pfarrern in Modellregionen für ihre künftige Personalpolitik zu lernen? Dies wäre im Grunde ein zentralistisches und hierarchisches Modell, weil die Fäden »oben« zusammenlaufen. Anders, wenn Christen vor Ort mit neuen Wegen experimentieren, Kirche zu sein. Dazu lädt sie die EKM mit den Erprobungsräumen ein. Christen in Städten und Dörfern sind die Subjekte der Erprobungen. Die Landeskirche versucht, die Prozesse freizugeben und tritt dabei als Ermöglicher auf.


Andere volkskirchliche Organisationsprinzipien

Ein Erprobungsraum soll anders sein, und zwar nicht unbedingt in Symbolik, Theologie oder Bekenntnis, sondern in Bezug auf volkskirchliche Organisationsprinzipien. Die basalen Merkmale Parochie, hauptamtlicher Pfarrer und Gebäude werden an einer Stelle außer Acht gelassen, wie z.B. bei der Jugendkirche: Ihre Zielgruppe sind nicht die Kirchenmitglieder des Pfarrbereichs, sondern Jugendliche in der Region. Herzschlag arbeitet nicht parochial.

Freilich zeigt sich an der Jugendkirche auch, dass anders nicht unbedingt neu heißen muss. Denn trotz der Modifikation um die dezentrale Wirkung ist das Konzept nicht »neu« im Sinne von »völlig neu«. Aber in Nordhausen bzw. dem Kirchenkreis Südharz ist es neu – und somit auch innovativ, denn »Innovation bezieht sich auf soziale Kontexte, so dass gleiche Handlungen in unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenartigen Zielbestimmungen durchaus innovativ sein können.«9 Es geht also nicht darum, »Dinge zum allerersten Mal zu denken, also zu erfinden, sondern vielmehr …, bereits Bestehendes oder Bekanntes in einem anderen Setting neu zu denken.«10


Eröffnen von Freiräumen

Erprobungsräume werden mit o.g. Definition vor allem negativ beschrieben: Die Kirchenformen sollen »anders« sein. Wie »anders« konkret aussieht, gibt die Landeskirche bewusst nicht vor. Das Logo der Erprobungsräume zeigt eine offene Klammer, die in der Mitte einen Freiraum bzw. einen Leerraum entstehen lässt. Genau darum geht es: Um das Eröffnen von Freiräumen, in denen mit anderen Kirchenformen experimentiert werden kann.


Das Logo ruft normalerweise eine doppelte Assoziation hervor: Die offene Klammer verweist auf das Weglassen. Einen Freiraum zu haben, impliziert das Ausbrechen aus manch belastender Praxis, so z.B. das Bestandsverwalten von Gebäuden und Traditionen in den großen ländlichen Pfarrbereichen. Andererseits weckt die offene Klammer kreative Energie. Der Freiraum als Spielwiese, auf der neue Ideen geboren und verwirklicht werden können. Interessant an dieser Reaktion, dass sie eine kybernetische Konjunktion andeutet: Neue Gemeindeformen können nur entstehen, wenn Bestehende sterben. Bewährtes um jeden Preis am Leben zu erhalten, behindert das Wachsen von Neuem. Insofern ist dem Sterben-Lassen und Trauern künftig besondere Aufmerksamkeit zu schenken.


Was meint »Erproben«?

Natürlich legt die Definition auch positiv fest: Erprobungsräume sind Räume, in denen »andere Sozialformen von Kirche erprobt werden«. Als spezifische Differenz solcher Räume werden neben »anders« bzw. »Kirche« markiert: das Erproben.

Da die Christen sowohl in volkskirchlichen Ecken als auch religionslosen Gebieten der EKM agieren, sehen neue Formen von Kirche ganz verschieden aus. Es kann immer nur kontextuelle, also dezentrale Antworten geben. Diese Vielfalt ist ein Indikator für ein komplexes Umfeld. Auf das Cynefin-Framework ist inzwischen vielfach rekurriert worden11, die Beschreibung verschiedener Lebensräume half bei den Strategieüberlegungen. Weder das Setzen auf best practice in einem simplen Kontext noch das Orientieren an guter Praxis unter komplizierten Bedingungen war angezeigt, sondern der Dreischritt Probieren-Wahrnehmen-Antworten. Veränderte Ansätze stellen sich im komplexen Umfeld ein (emergent) und erst im Nachhinein können Zusammenhänge verstanden werden, wenn es sie überhaupt gibt (chaotic cynefin). Sich mit Entdeckerlust voranzutasten – darauf kommt es in diesen Bereichen an.

In den Erprobungsräumen zeigt sich diese Haltung u.a. daran, dass die Handelnden nicht wissen, was mittelfristig passieren wird. Sie fahren auf Sicht. Dies erfordert Vertrauen und Fehlerfreundlichkeit – und zwar vor Ort und auf landeskirchlicher Ebene. Denn wo ausprobiert wird, geht auch manches schief. Scheitern, Fehler und Sackgassen müssen zugelassen werden. Wo abrechenbarer Erfolg und ausgefeilte Projektpläne erwartet werden, entsteht eine Atmosphäre, in der man nicht experimentieren kann.


Es entsteht Kirche

So unberührt und offen der Raum des Klammerlogos auch sein mag: Darin soll Kirche entstehen. Dies ist das einzige inhaltliche Kriterium, dem ein Erprobungsraum genügen muss. Das heißt aber auch: Es muss nichts anderes als Kirche entstehen. Die geforderte Andersartigkeit bezieht sich auf das Wie, nicht auf das Was. Freilich hat man damit die Sache nicht vereinfacht, sondern verkompliziert. Denn alle ekklesiologischen Probleme liegen nun auf dem Tisch: Was ist Kirche? Um das zu beschreiben, haben wir eher vermittelnd verschiedene Traditionslinien kompiliert: die klassischen drei (bzw. vier) Grundvollzüge, die Confessio Augustana und Impulse aus der anglikanischen Gemeindeentwicklung. Sie sind eingeflossen in gewisse Merkmale, die den Erprobungsräumen zu eigen sein sollen. Diese Merkmale sind noch mit situationsbezogenen Erfordernissen angereichert worden. So weist ein Erprobungsraum folgende Kennzeichen auf:

a. In ihnen entsteht Gemeinde Jesu Christi neu.
b. Sie überschreiten die volkskirchliche Logik an mindestens einer der folgenden Stellen: Parochie, Hauptamt, Kirchengebäude.
c. Sie erreichen die Unerreichten mit dem Evangelium und laden sie zur Nachfolge ein.
d. Sie passen sich an den Kontext an und dienen ihm.
e. In ihnen sind freiwillig Mitarbeitende an verantwortlicher Stelle eingebunden.
f. Sie erschließen alternative Finanzquellen.
g. In ihnen nimmt gelebte Spiritualität einen zentralen Raum ein.


Wo stehen wir?

Erprobungsraum der EKM kann werden, wer oder was diese sieben Kriterien erfüllt (oder zu erfüllen beabsichtigt)12 und sich bewirbt. Wer nur vier Kriterien entspricht, kann einen kleinen Erprobungsraum beantragen und eine Einmalförderung erhalten.13 Bewerben können sich Initiativen, Kirchengemeinden oder Kirchenkreise. Bisher gab es zwei Antragswellen, 2016 und 2017. Mittels Ausschreibung wurde auf die Bewerbungsmodalitäten aufmerksam gemacht; zu einem festgesetzten Stichtag schließt das Zeitfenster und die Steuerungsgruppe wählt aus den Bewerbern die Erprobungsräume bzw. deren Förderung aus. Das gestufte Auswahlverfahren führt nicht nur zu der einfachen Entscheidung »angenommen/abgelehnt«, sondern legt auch fest, ob evaluiert, fachlich und juristisch beraten und/oder finanziell gefördert wird. Denn all das kann man beantragen, die Projektkosten jedoch nur zu einer Höhe von 50%.

Derzeit gibt es in der EKM 27 »große« und 5 »kleine« Erprobungsräume. Wenn man sie systematisieren will, fällt das schwer. Zu unterschiedlich das Setting, die Zielgruppen und der Ansatzpunkt. Immerhin, wenn man diese Kategorien zur Hilfe nimmt, zeigen sich Überschneidungen: Am auffälligsten sicher bei den sieben Stadtteilprojekten, die allesamt in den stark entkirchlichten DDR-Plattenbaugebieten verortet sind: ob in Stendal, in Sömmerda, Gera, Gotha oder Erfurt. Sie haben eine diakonische Ausrichtung und wenden sich besonders den sozial Schwachen zu, die in diesen Wohngebieten häufiger zu Hause sind. Es geht um Hausaufgabenhilfe, Tafelarbeit, Patenschaftsprogramme, Freizeitbetreuung in Sport und Spiel – bis hin zu Wiedereingliederungsmaßnahmen für straffällig Gewordene. Doch im Unterschied zu karitativen Einrichtungen, die ein ähnliches Angebot vorhalten, verstehen sich die Stadtteilprojekte als Kirche. Sie inszenieren mit den Kindern biblische Geschichten und gestalten mit Erwachsenen Glaubenskurse.

Eine weitere Besonderheit ist das Prinzip der Nähe: Die Mitarbeiter kommen nicht eingeflogen, sondern sie wohnen (meist) auch im Plattenbau. Sie sind Nachbarn und gehören so dazu. Es geht weniger um Angebote als um gelebte Beziehungen. In Gotha hat der Kirchenkreis einen Pfarrer in die DDR-Platte entsandt, um dort völlig neu Kirche zu bauen (www.kirchenkreis-gotha.de/28671.html). Im Erfurter Norden ist es ein Team von Ehrenamtlichen, die z.T. unter großem Verzicht seit 10 Jahren am Roten Berg wohnen (www.jesus-projekt-erfurt.de).

Beim Blick auf die Zielgruppen fällt auf, dass neun Erprobungsräume vornehmlich mit jungen Menschen arbeiten. Die Spanne reicht freilich von Kindern bis jungen Erwachsenen. Die evangelische Grundschule Hettstedt beispielsweise versteht sich selbst als »kirchlicher Ort«14: Hier soll es nicht nur um Werte- und Wissensvermittlung gehen, sondern um gemeinsame Spiritualität und Seelsorge. Wenn Schüler abgeholt werden, ist die Pfarrerin da, bietet schon mal einen Kaffee an und kommt mit den Eltern ungezwungen ins Gespräch. Liebevoll hergerichtete Räume stehen für Andachten und Begegnungen ausreichend zur Verfügung. Auch Infoabende über den christlichen Glauben hat die engagierte Schulleiterin dort schon stattfinden lassen – vor allem für interessierte Lehrer, die selber aus einem konfessionslosen Umfeld stammen. Als ein Netzwerk von jungen Leuten für junge Leute agiert auch die Escola Popular, eine evangelische Capoeira- und Sambaschule. Von Brasilien inspiriert »interpretieren sie Kirchenlieder neu, gestalten Schulprojekte, Konzerte, Auftritte sowie Gottesdienste und bauen lokale Gruppen auf«15. Ihre Auftritte in der Öffentlichkeit stellen eine ganz eigene Atmosphäre her, die schon manch aufgeheizte Stimmung bei Demonstrationen befriedet hat. Als Erprobungsraum will die Escola Popular Aktionsgemeinden an verschiedenen Stellen aufbauen, die sich um Gottesdienste an öffentlichen Orten herum bilden.

Möglicherweise reichen schon die kurzen Skizzen, um eines zu verdeutlichen: Meistens gab es die Initiativen schon vor dem landeskirchlichen Prozess der Erprobungsräume. 16 der 27 Projekte waren bereits gestartet, bei fünf hat sich durch die Aufnahme in das Programm eine neue Dynamik eingestellt und nur sieben sind wirklich völlig neu. Für sie bildete der landeskirchliche Prozess den Anlass, eine z.T. länger gehegte Idee umzusetzen. Das bedeutet auch, dass die Erprobungsräume bisher bereits Bestehendes einsammeln, den anderen Gemeindeformen Schutz gewähren, sie begleiten und voranzubringen suchen. Die landeskirchliche Approbation bedeutet den Akteuren vor Ort meist viel: Anerkennung und Wertschätzung. Außerdem bringt es die Pioniere unter einem Schirm zusammen und bietet Möglichkeiten der Vernetzung, Weiterbildung etc.

Ziel des Prozesses ist es freilich, dass sich Christen mit Pioniergeist und Veränderungswillen durch das landeskirchliche Programm aufmachen, neue Wege zu beschreiten. Dazu ist die Frage der Kultur entscheidend – nicht so sehr einzelne Modelle. Wie wird jemand »angesehen«, der Veränderungsideen hat? Werden neue Veranstaltungsformate mit Argwohn beäugt oder interessiert diskutiert? Verspüren Kritiker die Freiheit, ihrem Ärger Luft zu machen? Mit den Erprobungsräumen will die EKM einen Schritt in Richtung innovationsfreundliche Kirche gehen.

Historisch hat der Prozess seinen Ursprung in der Kooperation bzw. Fusion der beiden früheren Landeskirchen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. In der Verfassung der EKM aus dem Jahre 2008 sind andere Gemeindeformen ausdrücklich vorgesehen: »Gemeindliches Leben geschieht auch in verschiedenen Bereichen der Bildung, im Zusammenhang besonderer Berufs- und Lebenssituationen, in geistlichen Zentren und in Gruppen mit besonderer Prägung von Frömmigkeit und Engagement sowie in Gemeinden auf Zeit.« (Art. II, Abs. 2) Den Schwung der Vereinigung nahm die erste Landessynode mit, dachte und plante unter dem Motto »Als Gemeinde unterwegs«. Sie wollte in den ganzen Strukturdebatten einen Kontrapunkt setzen: »Fragen und Themen der inneren und geistlichen Entwicklung unserer Kirche und ihrer Gemeinden«16 waren auf der Agenda. Maßgeblich inspiriert wurde der Prozess durch programmatische Bischofsberichte, z.B. in den beiden Frühjahren 2012/2013.17 Wiederholt forderte Landesbischöfin Ilse Junkermann den Umbau. »Gemeinde neu zu denken« sei das Stichwort. Als man beim Gemeindekongress 2012 in Halle/S. merkte, wie viele Menschen in der EKM dies bereits tun, war es zu den Erprobungsräumen nur noch ein kleiner Schritt.18

So unterstützte die Landessynode im Herbst 2014 den vorgelegten Projektentwurf »Erprobungsräume« und ermutigte, »neue Gemeindeformen im säkularen Kontext zu erproben. Hierzu bedarf es einer großen Offenheit. Die Landessynode bittet das Landeskirchenamt, eine Steuerungsgruppe zur weiteren Ausgestaltung des Projektes einzusetzen und ihr über den Stand des Projektes regelmäßig zu berichten.«19 Mit diesem knappen Beschluss waren die Erprobungsräume geboren und das Projektdesign vorgegeben: Eine vom Kollegium des Landeskirchenamtes eingesetzte Steuerungsgruppe regelt das operative Geschäft. Ihr gehören zwölf Vertreter unterschiedlicher Bereiche und Regionen an. Der Fachbeirat begleitet deren Arbeit kritisch. Die Geschäftsführung der »Erprobungsräume« liegt im Dezernat Gemeinde (Referat Gemeinde und Seelsorge) des Landeskirchenamtes. An der Evaluation des Prozesses sowie einzelner Projekte sind das IEEG der Uni Greifswald sowie das SI der EKD beteiligt. Zur finanziellen Ausstattung hat die Landessynode damals 2,5 Mio. Euro bewilligt, ein Betrag, der inzwischen zweimal aufgestockt werden konnte.


Hintergründe und Motivation

Hintergrund und zugleich Motivation zum Projekt sind verschiedene Entwicklungen, die hier skizzenhaft dargestellt werden:

1) Seit einigen Jahren schon lässt sich in der EKM beobachten, dass bisherige volkskirchliche Muster, bewährte Praktiken und Sozialformen dysfunktional geworden sind. Sie passen nicht mehr in eine Minderheitensituation, sind aber weitgehend fortgeführt worden. So gehorchen kirchliche Planungen noch immer dem Paradigma einer flächendeckenden hauptamtlichen Versorgungskirche. Überdehnung, Frustration und Ermüdung sind die Folgen. »Die Entwicklung ist an einem Punkt angelangt, an dem deutlich gesagt und eingestanden werden muss: Wir sind am Ende unserer bisherigen Möglichkeiten. Für viele ist bitter: Alle Anstrengungen bisher konnten die Veränderungen nicht stoppen. Waren sie vergeblich, die Zusammenschlüsse …, die Neuzuschnitte von Dienstaufträgen, … die komplizierten Gottesdienstpläne, die vielen gefahrenen Kilometer, die vielen Arbeitsstunden? So fragen sich viele.«20

2) Abschied nehmen und Sterben lassen führt zu neuen Freiräumen. Eine konstruktive Ratlosigkeit bricht sich Bahn. »Radikal veränderte Situationen … besitzen das Potenzial, Innovationen zu stimulieren.«21 So kommt es neben den Erfahrungen mit Abbrüchen auch zu ermutigenden Aufbrüchen: Die Pfarrscheune wird zum Begegnungszentrum im Dorf, Gemeinden feiern auch ohne Pfarrer*in Gottesdienst, in Stadtteilzentren werden neue Zielgruppen mit dem Evangelium erreicht etc. Diese Aufbrüche orientieren sich weniger an gewachsenen Strukturen. Geographische Zuständigkeiten spielen eine untergeordnete Rolle. Statt auf Angebote zu festen Zeiten setzen sie auf netzwerkartige Strukturen, spontane Begegnungen und persönliche Beziehungen. Solche Aufbrüche sollen mit den Erprobungsräumen gesucht, gefördert und verstärkt werden.

3) Mit den skizzierten Entwicklungen steht die EKM bzw. die EKD nicht allein: Ganz ähnlich ergeht es Bistümern und Landeskirchen in der europäischen Nachbarschaft bzw. manch etablierten Kirchen weltweit. Neben dem allgemeinen Niedergang und der Dysfunktionalität von Sozialstrukturen lässt sich dort das Entstehen von anderen Gemeindeformen beobachten. So gibt es in der rasant schrumpfenden Protestantischen Kirche in den Niederlanden inzwischen 84 pioniersplekken, in denen ca. 5000 Personen das erste Mal mit dem Glauben in Berührung gekommen sind.22 In Frankreich und Österreich gründet man Basisgemeinden (Poitiers, Linz) oder ruft die »nouvelle Paroisse« (Lyon) aus.23 In Großbritannien schließlich ist man schon 2004 darauf aufmerksam geworden, dass sich an der Basis neue Formen von Kirche etabliert haben (fresh expressions of church).24 Wohin diese Umbrüche jeweils führen, ist nicht klar auszumachen. Das Handeln der Kirchenleitungen erfolgt (meist) tastend, reagierend und ermöglichend. Man nimmt auf, was bereits wächst, fördert es, versucht es zu multiplizieren und experimentiert mit neuen Wegen.

4) Auch in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen werden bisherige Sozialformen porös, neue brechen sich – meist von der Basis her – Bahn. In der Soziologie untersucht man solche Sozialen Innovationen, die durch mehr Partizipation der direkt betroffenen Menschen zu einer besseren Befriedigung der Bedürfnisse führen (z.B. Carsharing).25 LEADER als Programm für ländliche Entwicklung zeigt dabei, welche Rolle leitendes Handeln innehat: das Zusammenbringen lokaler Akteure, das Aufgreifen und Ermöglichen ihrer Ideen. Solche Ansätze in Stadt- und Regionalplanung zu beobachten, ist eine weitere wichtige Inspirationsquelle für den landeskirchlichen Prozess der Erprobungsräume.


Herausforderungen und offene Fragen

Die bereits skizzierte Strategie des prozesshaften Vorantastens betrifft auch die Ebene der landeskirchlichen Steuerung. Es gibt damit bisher wenige Erfahrungen. Die Erprobungsräume stellen bislang ein singuläres Programm in der EKD dar. So gab es immer wieder Punkte, wo die Steuerungsgruppe nachjustiert hat. Und auch weiterhin sind wir mit Fragen konfrontiert, deren kurzes Skizzieren diesen Beitrag beschließen soll:

1) Wo ordnet man einen Erprobungsraum in der Landschaft der kirchlichen Körperschaften ein? Als Werk? Als Kirchengemeinde? Als Verein? Zunächst wenig beachtet, taucht dieses Thema verstärkt auf. Neulich hörten wir von dem Wunsch zweier Erprobungsraum-Besucher, getauft zu werden. Wer ist dafür zuständig? In welche Bücher werden sie eingetragen? Wer erhält die Kirchensteuer für sie? Die bisherige Regelung, dass die jeweilige Parochie einspringt, ist auf Dauer nicht befriedigend. Allerdings benötigen die Erprobungsräume auch »leichte« Strukturen. Sonst drohen sie, schwerfällig und unbeweglich zu werden.

2) Wie steuert man eigentlich Veränderungsprozesse »von oben«? Die eigentlichen Erneuerungen werden von den Menschen vor Ort getragen. Doch wie erreicht und motiviert man sie? Die landeskirchliche Steuerung der Erprobungsräume setzte bisher auf Ausschreibungen im internen Presseorgan, Veröffentlichungen im Amtsblatt und Referate in leitenden Gremien. Dies alles sind bewährte Instrumente einer Institution. Die Reichweitenproblematik wird auch nur begrenzt durch eine veränderte Öffentlichkeitsarbeit gelöst, denn zentrale und teure Kampagnen verpuffen allzu leicht. Um Veränderungswillige an der Basis zu erreichen, bedarf es einer Steuerung im Netzwerk. Gerade, weil Christen mit Pioniergeist eher Grenzgänger sind und selten in Gremien sitzen. Derzeit erproben wir alternative Instrumente bzw. Kanäle.

3) Was kommt nach den Erprobungsräumen? Das landeskirchliche Programm ist zeitlich befristet. Nur fünf, maximal sechs Jahre kann die Förderung gewährt werden. Sie ist eher als Starthilfe zu verstehen. Nach einiger Zeit müssen die Initiativen auf eigenen Füßen stehen. Deshalb sollen sie von Beginn an »alternative Finanzquellen« erschließen und bekommen nur 50% gefördert. Allerdings wissen wir, dass neue Gemeindeformen Zeit brauchen, bis sie sich etabliert haben. Die Protestantische Kirche in den Niederlanden formuliert eine ihrer Lernerfahrungen mit dem »Pioneering« so: »More time needed than expected! … Experience teaches us that pioneering places usually need five to ten years before they can be self-reliant.«26 Dieser eminent wichtige Punkt der Nachhaltigkeit wird die Steuerungsgruppe weiter beschäftigen.


Anmerkungen:

1 Mehr darüber unter www.herzschlag.me. Die Aussagen wurden von Gina während eines Videodrehs gemacht.

2 So sagt es die »Ordnung« für das Projekt »Erprobungsräume« vom 27.10.2015. Zu finden unter www.erprobungsraeume-ekm.de.

3 So werden Erprobungsräume z.B. in der Juni 2016-Ausgabe der »Zeitschrift für Organisationsentwicklung und Gemeindeberatung« verstanden: Die Rubrik »Erprobungsräume« wird mit folgender Frage näher bestimmt: »Welche Veränderungen in der regionalen Zusammenarbeit tauchen auf?« (Heft 16, Juni 2016, 5).

4 Vgl. dazu die Evaluation der Reform des Kirchenkreises Wittstock-Ruppin, hg. v. Martin Alex, Juliane Kleemann und David Lissig, (Material des EKD-Zentrum für Mission in der Region) Dortmund 2012.

5 Eine der Möglichkeiten im Prozess »So kann es gehen … – Gemeinden erproben neue Wege«, der beim Gemeindedienst der Nordkirche angesiedelt ist (vgl. www.gemeindedienst-nordkirche.de/aktuelles/nachrichten/gemeinden-erproben-neue-wege.html).

6 So Manuel Slupina in LandInForm 2/2015, 47. Der Beitrag ist überschrieben mit: »Wir brauchen Freiräume, um zu experimentieren.«

7 Vgl. dazu die Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung (Hg.), Von Hürden und Helden. Wie sich das Leben auf dem Land neu erfinden lässt, Berlin 2015, 11-18.28-30.

8 Gespräche mit Vertretern der westfälischen Landeskirche haben uns darin bestärkt. Nach eingehender Diskussion dieser Frage hatte man sich dort entschieden, einzelfallbezogen zu reagieren.

9 Stephan Beetz, Innovationsmilieus und Innovationsdeutungen in ländlich-peripheren Regionen, in: Landliebe-Landleben. Ländlicher Raum im Spiegel von Sozialwissenschaften und Planungstheorie, hg. v. Uwe Altrock u.a. (Planungsrundschau 12/2005), 51-67, 64.

10 Thomas Schlegel/Jörg Zehelein/Claudia Heidig/Andreas Turetschek/Stefanie Schwenkenbecher und Heike Breitenstein, Landaufwärts – Innovative Beispiele missionarischer Praxis in peripheren, ländlichen Räumen. Die Greifswalder Studie, in: Freiraum und Innovationsdruck. Der Beitrag ländlicher Kirchenentwicklung in »peripheren Räumen« zur Zukunft der evangelischen Kirche, hg. v. Kirchenamt der EKD, (KiA 12) Leipzig 2016, 171-344, 333.

11 Am relevantesten in diesem Zusammenhang Isabel Hartmann/Reiner Knieling, Gemeinde neu denken. Geistliche Orientierung in wachsender Komplexität, Gütersloh 2014.

12 Freilich können Projekte, die noch nicht gestartet sind, die Einhaltung der Kriterien nur beabsichtigen.

13 Diese gestufte Variante haben wir von Beginn an mitgedacht, um die Latte für kleinere Projekte nicht zu hoch zu hängen.

14 So die immer noch hilfreiche Formulierung von Uta Pohl-Patalong, Von der Ortskirche zu kirchlichen Orten: ein Zukunftsmodell, 2. erw. und überarb. Aufl., Göttingen 2006.

15 Vgl. www.escola-popular.de.

16 So beschrieb Dietlind Steinhöfel den Weg in »Glaube und Heimat« (2.12.2014).

17 Ilse Junkermann, »Ihr alle seid durch die Taufe berufen …!« (Frühjahr 2012) und »… sondern die zukünftige suchen wir.« (Frühjahr 2013). Zu finden unter www.ekmd.de/kirche/landesbischoefin/berichte_synode/.

18 Der Kongress stand unter dem Motto »Lass wachsen.« Gemeinden der EKM wurden gebeten, ihre tägliche und außeralltägliche Arbeit zu präsentieren. Der Katalog gibt noch immer einen lebendigen Eindruck von der Vielzahl der Initiativen www.gemeindedienst-ekm.de/service-kontakt/archiv/gemeindekongress/.

19 So der Beschluss 6.2 der 14. Tagung der I. Landessynode vom 19.-22. November 2014 in Erfurt. Näheres unter www.ekmd.de/kirche/landessynode/tagungen/.

20 Ilse Junkermann, Gemeinde neu finden – vom Rückbau zum Umbau, in: VELKD-Informationen 145/2014, 2-6, hier 2f.

21 Eberhard Hauschildt/Michael Herbst/Thomas Schlegel, Gemeinsames Fazit und Thesen, in: Freiraum und Innovationsdruck (vgl. Anm. 10), 399-406, hier 405.

22 www.protestantsekerk.nl/pionieren.

23 Vgl. dazu das schon klassische Einführungsbuch: Reinhard Feiter/Hadwig Müller (Hg.), Was wird jetzt aus uns, Herr Bischof? Ermutigende Erfahrungen der Gemeindebildung in Poitiers, 6. Aufl., Ostfildern 2014.

24 Vgl. www.freshexpressions.org.uk/. Auch in Deutschland hat sich ein Netzwerk von Sympathisanten gegründet, die Idee und Ansatz der englischen Bewegung in Deutschland streuen und für deutsche Verhältnisse adaptieren wollen. Die EKM gehört neben fünf anderen Landeskirchen bzw. Bistümern und freien Werken zum »Fresh X - Netzwerk e.V.« (vgl. http://freshexpressions.de/).

25 Vgl. den einführenden Reader von Jürgen Howaldt/Heike Jacobsen (Hg.), Soziale Innovation. Auf dem Weg zu einem postindustriellen Innovationsparadigma, Wiesbaden 2010.

26 Protestantse Kerk (Hg.), Fingers Crossed. Developments, lessons learnt und challenges after eight years of pioneering, Utrecht 2017, 13.

 

Über die Autorin / den Autor:

Kirchenrat Dr. Thomas Schlegel, Referatsleiter Gemeinde und Seelsorge im Landeskirchenamt der Evang. Kirche in Mitteldeutschland.

Aus: Deutsches Pfarrerblatt - Heft: 2/2018

2 Kommentare zu diesem Artikel

10.03.2018
Ein Kommentar von Andreas Reinhold


@Christine Gühne: Vielleicht, weil die Parochie immer noch diejenige Form von Gemeindeleben ist, die nachweislich die Menschen langfristig bindet und Identität stiftet?!
28.02.2018
Ein Kommentar von Christine Gühne


Herzlichen Dank für diesen tollen Artikel, der mir Hoffnung gibt im Blick auf die Zukunft von Kirche! Genau so, in dieser Perspektive würde ich in Zukunft gerne arbeiten: aufbauend auf Basis-Initiativen gelebten Glaubens, die ganz verschieden gestrickt und in unterschiedlichste Kontexte hinein integriert sind bzw aus ihnen erwachsen - wo aber erfahrbar ist, das Erfahrungen mit der gemeinsamen Mitte ein freies und kreatives Experimentieren mit Formen und Strukturen ermöglichen. Die Frage, die mir bleibt: Warum gibt es diese Erprobungsräume nicht längst in allen Landeskirchen? Warum fließen so wenige Ressourcen in solche Innovationen, warum wird am herkömmlichen Modell der parochialen Betreuungsgemeinde strukturkonservativ festgehalten, bis es nicht mehr geht?

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